Jesus Christus ist Gott und vier Folgerungen

Jesus Christus fällt unter dem Kreuz; Simon Cyrene hält das Ende des Kreuzes; rechts sieht man die weinenden Frauen; links sieht man die Soldaten wie auch eine heilige Frau

Jesus Christus ist Gott

II.

Wir wollen zunächst einmal von der Hypothese ausgehen, daß dieser Christus, der vor 1900 Jahren in Palästina geboren wurde, lebte, lehrte und den Kreuzestod erlitt, wirklich Gott oder der wesensgleiche Sohn Gottes gewesen ist. Was hätte eine solche Hypothese für Konsequenzen? Welche Folgerungen müssten daraus gezogen werden für den Kosmos, für die Geschichte, für die Völker, für den einzelnen?

In dem Buchstaben, mit Girlanden im Hintergrund geschmückt, ist ein Kreuz, an dem Jesus Christus angenagelt zu sehen ist; auf seiner Brust ist das heiligste Herz zu sehen

Letzte Vollendung der ganzen Schöpfung

Eine erste Folgerung, die unweigerlich aus dieser Hypothese zu ziehen wäre, ist die: Christus wäre als Gott und Mensch die letzte Vollendung des ganzen Kosmos, der ganzen Schöpfung.

Stellen wir uns in der Phantasie und mit unserer Abstraktionsfähigkeit die ganz Schöpfung wie eine Pyramide vor, bei der das Unvollkommene zum Vollkommenen stetig fortschreitet. Die unterste Stufe dieser Pyramide nehmen die leblosen Dinge ein, die ganze Welt der Mineralien und der Chemikalien. Als zweite Stufe schließt sich die Welt der Pflanzen an. Eine Kluft tut sich auch zwischen der Welt der Mineralien und der organischen Welt der Pflanzen und doch ist eine Brücke geschlagen von einem Reich zum anderen. Der Abstand der beiden Reiche offenbart sich in der Tatsache des vegetativen Lebens, dem wir nicht auf der ersten, wohl aber auf der zweiten Stufe der Pyramide begegnen. Die Brücke aber wird zwischen den beiden Reichen dadurch geschlagen, daß die lebenden Pflanze die Fähigkeit besitzt, die Mineralien aufzulösen und sie zu assimilieren, sie in sich aufzusaugen und sie einzubauen in die höhere Stufe des Kosmos.

Der Übergang von der zweiten zur dritten Stufe ist der Schritt von der Pflanzenwelt zur Tierwelt, vom vegetativen zum sensitiven Leben. Auch hier eine Kluft und eine Brücke vom einen Reich zum andern zwischen der Pflanze und dem Tier, das sieht und hört und sich bewegt. Eine Brücke geht dadurch von einem Reich zum anderen, daß die Tiere mit ihren Sinnen den Bereich der Pflanzen und der Mineralienwelt in sich aufnehmen und mehr noch als das, sie werden physisch durch die Nahrung miteinander verknüpft und das Untere geht über in die höhere Lebensform.

Eine neue Kluft tut sich auf zwischen Tier und Mensch, die Kluft zwischen dem nur vegetativ-sensitiven und dem intellektuellen Leben, eine Kluft, die unabänderlich da steht und die beiden Bereiche wie durch eine Mauer trennt. Freilich geht eine Brücke auch über diese Kluft, denn alles, was unter dem Menschen steht, das kann eingehen in seinen geistigen Besitz durch das Erkennen, und alles, was unter ihm steht, hat die Aufgabe, ihm zu dienen, seiner Seele und seinem Leib. Zur intellektuellen Welt rechnen wir auch die reinen Geister, die Engelwelt, und diese Welt des Geistes, die Engel und Menschen umfaßt, ist die oberste Stufe der Schöpfungs-Pyramide. Innerhalb dieser Geisteswelt steht der Mensch Christus Jesus, von Dem wir voraussetzen, wie die Hypothese sagt, daß Er Gott ist. Ist Er das wirklich, dann läuft die Pyramide in eine Spitze aus, in der die Schöpfung sich mit ihrem Schöpfer berührt. Ist Er das wirklich, dann tut sich zwischen Ihm und uns, zwischen Ihm und der ganzen übrigen Schöpfung eine Kluft auf, eben jene Kluft, die naturgemäß zwischen dem Schöpfer und Seinem Geschöpf, zwischen dem Sein an sich und dem analogen Sein, zwischen der Unendlichkeit und der Endlichkeit, zwischen der Allmacht und der Ohnmacht, zwischen der Ewigkeit und der Zeit besteht.

Ist eine Brücke auch über diese Kluft geschlagen? Ist Christus Gott, dann ja, dann ist Er diese Brücke, dann ist Er die Verbindung der Unendlichkeit mit der Endlichkeit, der Ewigkeit mit der Zeit, dann faßt Er in Sich die ganze Schöpfung in ihrer ganzen Schönheit zusammen, dann konsekriert und heiligt Er die ganze Schöpfung, dann ist in Ihm, durch Seinen Leib, die ganze Welt der Materie konsekriert, dann ist in Ihm, durch Seine geschaffene menschliche Seele, die ganze Welt des Geistes konsekriert, dann ist durch Ihn ein Einbruch Gottes in die Schöpfung erfolgt, dessen Konsequenzen kaum auszudenken sind, dann ist Er die Mitte und das Herz des ganzen Kosmos und auch dessen letzte Vollendung und Krönung.

Es wird daher auch sehr wahrscheinlich sein, daß dieser Eintritt Gottes in die Schöpfung den Zweck haben wird, der Schöpfung ihren letzten Sinn zu geben, und wenn sie in Unordnung geraten sein sollte, die Ordnung und Harmonie des Geistes und der Materie wieder herzustellen.

Mittelpunkt der Weltgeschichte

Wir ziehen eine zweite Folgerung aus der Hypothese, daß Christus der persönliche Gott ist. Wird es dann nicht so sein müssen, daß Er zum Mittelpunkt der Weltgeschichte wird?

Im sechsten Jahrhundert hat Dionysius Exiguus die Zahlen der Geschichte nach Christus ausgerichtet durch seine sogenannte dionysische oder christliche Ära und so ganz allmählich hat fast die ganze Welt die Zeit vor und nach Christus berechnet. Mancher Versuch, die christliche Zeitrechnung zu verdrängen, ist mißglückt, wie z. B. zur Zeit der Französischen Revolution. Auch in unseren Tagen ist der klägliche Versuch gemacht worden, nicht mehr zu sagen: vor und nach Christus, sondern im Jahre so und so der Zeitrechnung oder vor und nach der Zeitenwende.

Eine Zeitenwende war der Eintritt Christi in die Welt in der Tat, wenn das auch um das Jahr eins in einer nach außen ganz unscheinbaren weise vor sich ging. Gesetzt den Fall, es würden sich die Menschen auf eine neue Zeitrechnung einigen, selbst dann müsste Christus der Mittelpunkt der Zeit und Geschichte bleiben, falls die Hypothese Seiner Gottheit stimmt.

Tatsächlich ist mit Christus ein ganz neuer Faktor in die Weltgeschichte eingetreten und seither ist Rom in einem ganz anderen Sinn zum Mittelpunkt der Welt geworden, als es früher der Fall gewesen ist. Seither schaltet sich Christus in alle geistigen Strömungen ein, sei es auf dem Gebiet der Philosophie, sei es auf dem Gebiet der Ethik, sei es selbst auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiet. Er ist einfach nicht mehr hinweg zu denken aus der Geschichte der letzten zweitausend Jahre und auch nicht aus der Geschichte der Zeit vor Ihm, denn auch sie heilt Ausschau nach einem Menschen, der mehr sein sollte als ein Mensch.

Wie ist das zu erklären, daß ein Mensch, der doch gestorben ist, mit seinem Einfluß hinab reicht in alle Jahrhunderte? Wie ist das zu erklären, daß Christus heute noch die Geister so bewegt, als ob er noch mitten in der Welt stehen würde? Ist unsere Hypothese mehr als Hypothese, ist sie These und Wahrheit, dann kommen wir zur Feststellung, daß es gar nicht anders sein kann. Ist Christus Gott, dann ist Er allen Zeiten gleich nah und gleich gegenwärtig, dann verlangt Er von jeder Zeitperiode die Entscheidung für oder gegen Sich.

Der unsichtbare Gott ist sichtbar geworden

Eine dritte Folgerung aus der Hypothese von der Gottheit Christi wäre die Erkenntnis,

daß der unsichtbare Gott sichtbar geworden ist;
daß der hinter der Natur verborgene Gott, der metaphysische Gott, ein physischer, ein in die Natur eingetretener Gott geworden ist;
daß der unvorstellbare Gott aller Philosophen ein vorstellbarer Gott geworden ist.

Auf die Frage, was wir uns unter Gott vorstellen, könnten wir unbedenklich antworten: Ich stelle mir Gott vor wie einen Menschen, mit Händen und Füßen, mit Augen und Ohren, mit einem Herzen und mit einer menschlichen Stimme. Und das wäre nicht nur eine Phantasie-Vorstellung, sondern diese Vorstellung würde der Wirklichkeit entsprechen.

Es ist das ein Gedanke, der, wenn er wahr ist, den Menschen bis in die tiefsten Tiefen seiner Seele aufwühlen kann. Und zwar müsste das diejenigen Menschen am meisten erschüttern, die einen ganz hohen und vergeistigten Begriff von jenem höchsten Wesen haben, das Aristoteles als das Sein an sich und als das aus sich Seiende erkannt hat. Nehmen wir dazu den Begriff des „actus purus“, der reinsten Aktualität, fügen wir hinzu die Unermesslichkeit, die Allgegenwart, denken wir dazu alle Vollkommenheiten in ihrer höchsten unendlichen Potenz, dann bleibt einem wohl der Verstand stehen bei dem Gedanken, daß dieser Gott als wirklicher Mensch in Seine Schöpfung hinabsteigen könnte.

Jedes Wort aus seinem Munde ist Wahrheit

Noch eine vierte Folgerung ziehen wir aus unserer Hypothese. Wenn Christus Gott ist, dann muss jedes Wort, das aus Seinem Munde kommt, Wahrheit sein. Dann sind jene Schriften, die wir unter dem Namen Bibel zusammen fassen, wirklich die heilige Schrift. Dann sind diese Schriften wirklich das Wort Gottes, das Wort der Wahrheit, die Wahrheit selbst. Nicht nur das Neue, auch das Alte Testament. Es geht nicht an, nur das Neue anzunehmen und das Alte abzulehnen, denn das Alte ist die Voraussetzung des Neuen und das Neue die Erfüllung des Alten. Christus hat das Alte Testament als Wort Gottes angenommen und ihm die größte Ehrfurcht erwiesen. Ist Er Gott, wie unsere Hypothese annimmt, dann ist für uns ausschlaggebend, daß Er Seine Unterschrift unter das Alte Testament gesetzt hat. Und das hat Er ohne Zweifel getan. Die heiligen Schriften sind menschlichen Händen übergeben worden und haben das Los menschlicher Überlieferung geteilt und naturgemäß haben sich Fehler und Unvollkommenheiten eingeschlichen. Immer unter der Annahme der Gottheit Christi und daher der Tatsache, daß die heiligen Schriften Gottes Wort sein müssen, ist es vollkommen ausgeschlossen, daß diese Schriften einen Irrtum in wesentlichen Dingen enthalten können.

Mancher stößt sich freilich an dem einen oder anderen Bericht des Alten Testamentes, und daraus hat man in den vergangenen Jahren Kapital zu schlagen versucht. Mit kindlicher Offenheit weiß das Alte Testament von allen menschlichen Armseligkeiten zu erzählen. Eines aber hat das Alte Testament den meisten Werken der Weltliteratur voraus: überall werden die erzählten Schandtaten gebrandmarkt, verurteilt und gestraft, während in anderen Schriften der Weltliteratur die unglaublichsten Dinge noch den Anstrich der Tugend erhalten.

Ist Christus Gott nach unserer Hypothese, dann ist Sein Wort die Wahrheit und dann hat der Christ ein Buch in seinen Händen, dem er den Ehrenplatz unter allen Büchern einräumen und das er mit heiliger Scheu und Ehrfurcht in seine Hände nehmen wird. Daher ist es auch verständlich, warum die Kirche, der ja die Gottheit Christi nicht eine Hypothese, sondern eine These und das Fundament ihres ganzen Daseins ist, das Buch der Bücher mit einer solchen Ehrfurcht umgibt. Was uns andere Bücher an Erkenntnissen vermitteln, kann meistens angezweifelt werden, hier aber, aus einem Buch, dessen Autor Gott selber ist, strahlt eine solche Ruhe und Sicherheit aus wie bei keinem menschlichen Werk. Das muss so sein, wenn Christus Gott ist.

Maxima quaestio mundi – die große Frage der Welt

Viele andere Konsequenzen wären noch zu ziehen für den Fall, daß unsere Hypothese auf Wahrheit beruhen sollte. Nur auf eine, die letzte und wichtigste, soll noch hingewiesen sein. Ist nämlich Christus tatsächlich Gott, dann bleibt dem Menschen nur eines übrig: vor Ihm bedingungslos zu kapitulieren! Das würde bedeuten:

auf Ihn allein als auf den Lehrmeister der Welt zu hören,
Ihm alles zu glauben,
Ihm restloses Vertrauen zu schenken,
das ganze Leben nach Ihm zu gestalten,
Ihn zum beherrschenden Mittelpunkt des Lebens zu machen,
sich Ihm zu verschreiben auf Tod und Leben,
sogar Ihn anzubeten,
um Seine Freundschaft zu werben,
Ihn zu suchen mit allen Kräften der Seele.

Wie viele Menschen haben in den zweitausend Jahren des Christentums diese Konsequenz gezogen und wie viele ziehen sie heute noch! Das ist sehr begreiflich, wenn die Hypothese stimmt.

Wenn die Hypothese stimmt! Und wenn sie nicht stimmt? Ja, wenn sie nicht stimmt, wenn sie eine Konstruktion ist und nicht auf Wahrheit beruht, wenn sie nur Hypothese und nicht These ist, wenn Christus ein Mensch ist wie die anderen, wenn Er nicht Gott ist,

dann ist das Christentum unter allen Täuschungen in der Welt die größte,
dann hat Christus Sich Selbst getäuscht,
dann sind auch die Größten unter den Menschen mit Ihm in die Irre gegangen,
dann haben die Christen auf eine falsche Karte gesetzt,
dann sind Päpste und Kardinäle, Bischöfe, Priester und Laien für den Irrtum eingetreten,
dann hatte schon Paulus recht mit seinem Wort an die Korinther: „Wenn wir für dieses Leben nur auf Christus hoffen dürfen, dann sind wir die beklagenswertesten unter allen Menschen (1. Kor. 15,19),

dann ist Er die „Maxima quaestio mundi“, die große Frage der Welt, auf die niemand eine Antwort geben kann. –
aus: Benedikt Reetz, Christus, die große Frage, Vortrag gehalten vor der Gemeinschaft der katholischen Akademiker in Graz am, 8. Mai 1946, S. 9 – S. 16

Bildquellen

  • Hattler Die Liebe Auf Dem Kreuz: Bildrechte beim Autor
  • Hattler Kreuzfall Jesu Christi: Bildrechte beim Autor

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