Bedingungslose Kapitulation vor Jesus Christus

 V. Bedingungslose Kapitulation vor Jesus Christus

Jedem, der sich Christ nennt und es wirklich sein will, ist der Satz von der Gottheit Christi keine Hypothese, sondern eine These und zwar die These seines ganzen Lebens. Das Dogma von Christi Gottheit ist Anfang und Ende der ganzen Heiligen Schrift, ist Kern- und Mittelpunkt des ganzen Christentums, das mit ihm steht und fällt.

Natürlich kann alles, was hier gesagt worden ist, keinen Menschen dazu zwingen, die These zu bejahen, denn der Glaube ist Sache des freien Willens und – der Gnade. Erzwingen kann der Mensch diese Gnade nicht, aber er kann sich für sie bereit halten und in Demut darum bitten.
Die Situation des heutigen Menschen – und des Menschen überhaupt und zu jeder Zeit – ist mit der eines Käfers vergleichbar, der sich langsam an einem Blumenstängel bis zur Spitze hinauf gearbeitet hat und von dort die Welt rund herum betrachtet. Überall gähnende Abgründe. Es geht nichtmehr weiter. So steht der Mensch heute auf einer Nadelspitze, starrt in die Tiefe, fürchtet um seine Existenz. Was macht der Käfer? Er kann auf und davon fliegen. Wie er das macht? Es wird ihn schon eine große Anstrengung kosten, sich von der Spitze des Blumenstängels abzustoßen. Aber er bringt es zuwege und fliegt und fliegt.

Was soll und kann der Mensch in der gleichen Situation tun? Er kann sich an den Stängel klammern und wieder hinunter kriechen, bis er auf der „sicheren“ Erde landet und sich an sie klebt, fest an sie klebt, an liebenden Menschen, an sein Land, an sein Geld, an seinen Beruf. Sichere Erde? Wo ist denn unsere Sicherheit des irdischen Lebens geblieben? Wo ist denn die Sicherheit des geistigen Daseins? Alles schwankt und zittert unter unseren Füßen, wie bei einem Erdstoß, wie beim Einschlag einer Bombe. Unsicherheit ist die Signatur unserer Zeit. Wo ist der Ausweg und wo ist die Sicherheit und Geborgenheit, die ich trotz allem suche?

Jeder wird einmal auf die Spitze geführt, wo ihm die Unsicherheit des menschlichen Daseins mit aller Wucht zum Bewusstsein kommt. Statt sich am Stängel herunter zu lassen, kann der Mensch es auch machen wie der Käfer. Er kann den Versuch machen abzustoßen, und den Versuch machen zu fliegen. Mit der Hilfe von oben stellt er sich auf den gläubigen Standpunkt, daß einer unter den Menschen, Christus, Gott ist, und dann kapituliert er und wagt den Abstoß, den Sprung ins Leere, und siehe da – o Wunder – er schwebt und breitet die Schwingen seines Geistes aus und fliegt, und es geht höher und höher – mit einer Sicherheit, die unsere Welt nicht geben kann.

Bedingungslose Kapitulation! Das ist die letzte Folge aus dem Bekenntnis zur Gottheit Christi.
Aber man möchte doch seine Bedingungen stellen! Dieses oder jenes Dogma sollte halt nicht existieren, Z.B. Erbsünde, unbefleckte Empfängnis, Unfehlbarkeit des Papstes – Christus ist Gott und deshalb ein bedingungsloses Ja zu Seiner ganzen Lehre.
Wenn nur die Kirche nicht wäre mit ihrer nicht immer hellen Geschichte, mit ihren manchmal unheiligen Geistlichen, – Christus ist Gott und daher ein bedingungsloses Ja zu Seiner Kirche, so wie sie ist.
Wenn nur nicht so viele Gebote und Vorschriften und Einengungen meiner persönlichen Freiheit wären – Christus ist Gott und daher ein bedingungsloses Ja zu allem, was Er verlangt.
Wenn ich nur mehr mein eigener Herr sein könnte – wenn ja, wenn – Christus ist Gott und wir kommen an der bedingungslosen Kapitulation nicht vorbei. Nur so kann es nach oben und nach aufwärts gehen.

Wer so bedingungslos vor Christus kapituliert, der begreift jene Worte, die uns von Patrick von Irland aus dem fünften Jahrhundert überliefert worden sind:

CHRISTUS sei mit uns,
CHRISTUS sei vor uns,
CHRISTUS sei hinter uns,
CHRISTUS sei in uns,
CHRISTUS sei unter uns,
CHRISTUS sei über uns,
CHRISTUS die Versöhnung,
CHRISTUS der Friede,
CHRISTUS sei uns zur Rechten,
CHRISTUS sei uns zur Linken,
CHRISTUS sei, wo wir liegen,
CHRISTUS sei, wo wir sitzen,
CHRISTUS sei, wo wir uns erheben,
CHRISTUS sei im Herzen eines jeden, der unser gedenkt,
CHRISTUS sei im Munde eines Jeden, der von uns spricht,
CHRISTUS sei in jedem Auge, das uns sieht,
CHRISTUS sei in jedem Ohr, das uns hört.

Wohin die bedingungslose Kapitulation vor einem Menschen führen kann, das haben die vergangenen Jahre mit flammenden Lettern in die Geschichte der Welt und des deutschen Volkes hinein geschrieben.
Das deutsche Volk hatte einmal vor Christus kapituliert und war glücklich dabei – es wechselte seinen Herrn und stürzte in den Abgrund, den tiefsten seiner ganzen Geschichte, und es hat andere mit hinab gerissen. Seine Rettung und Zukunft hängt davon ab, ob es bereit ist, wieder vor Christus zu kapitulieren, und zwar bedingungslos.
Heil und Leben jedes einzelnen, Friede und Ruhe und Sicherheit seiner Seele hängt davon ab, ob er bereit ist, vor Christus zu kapitulieren – und zwar – bedingungslos. –
aus: Benedikt Reetz, Christus, die große Frage, Vortrag gehalten vor der Gemeinschaft der katholischen Akademiker in Graz am, 8. Mai 1946, S. 33 – S. 41

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