Geschichte als Unterscheidungszeit

Geschichte als Unterscheidungszeit

Die Rolle Christi im geschichtlichen Dasein des Menschen

Christus ist der Mittelpunkt der Geschichte nicht im Sinne eines mechanischen Zentrums, um das sich die Jahrhunderte ruhig drehen, sondern im Sinne der tragenden Kraft, die erhält, bestimmt und fordert. Seine Rolle im geschichtlichen Dasein des Menschen hat er selbst folgendermaßen gekennzeichnet: „Glaubet nicht, daß ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Mt. 10, 34-35) „Es werden fortan fünf in ein und demselben Haus uneins sein: drei gegen zwei und zwei gegen drei; der Vater gegen seinen Sohn, der Sohn gegen seinen Vater; die Mutter gegen ihre Tochter, die Tochter gegen ihre Mutter“. (Luk. 12, 52-53)

Diese Prophezeiung Christi wird sich nicht erst in der letzten Epoche der geschichtlichen Existenz der Menschheit erfüllen. Sie erfüllt sich immer und überall, wo man nur die Entscheidungsfrage zum Gottes- und Menschensohn stellt. Wo immer nur der Name Jesus Christus ausgesprochen wird, fällt er wie ein scharfes Schwert und entzweit Familien, Sippen, Völker, schließlich auch die gesamte Menschheit. Christus ist das große Unterscheidungszeichen der geschichtlichen Mächte und Gestalten.

Die Entscheidung für oder gegen Christus

Gewiß, die Entscheidung für oder gegen Christus ist vorerst die intimste Regung des menschlichen Herzens. Doch sie bleibt nicht in der Seele verborgen: sie objektiviert sich. Die Stellung zu Christus wird zum suchtbaren Merkmal der menschlichen Existenz. Sie wird zu einem Siegel, das dem gesamten Dasein – dem persönlichen und dem geschichtlichen – aufgeprägt wird. Entscheidet sich der Mensch für Christus, so wird er mit dem Zeichen Gottes auf die Stirn bezeichnet (vgl. Offb. 7, 3; 9, 4); entscheidet er sich gegen Christus, so erhält er den Namen des Tieres oder den seiner Zahl ebenfalls auf die Stirn oder auf die rechte Hand (vgl. Offb. 13, 17).

Stirn und Hand sind hier Symbole, mit denen die Offenbarung die Sichtbarkeit der menschlichen Entscheidung ausdrückt. Durchbricht diese Entscheidung einmal die Schranken der inneren Welt, so schmiedet sie diejenigen Menschen zusammen, welche die gleiche Bezeichnung tragen, und bildet aus ihnen eine geschlossene Gemeinschaft. Die Stellung zu Christus wirkt sich auch auf das gesellschaftliche Dasein aus. Die Offenbarung erzählt uns von zwölftausend aus jedem Stamm, die mit dem Siegel des lebendigen Gottes bezeichnet waren; von einer großen Schar, „die niemand zählen konnte, aus allen Völkern und Stämmen, Ländern und Sprachen“ (Offb. 7, 2-10); von den Himmelscharen, die „auf weißen Rossen in weißen, reinen Linnenkleidern“ dem Wort Gottes folgen (Offb. 19, 14).

Alle diese Bilder wollen eines besagen: die Entscheidung für Christus ist ein gemeinschaftsbildender Faktor und somit eine geschichtliche Macht. Jeder Unterschied zwischen Rassen, Völkern, Sprachen, Berufen, Geschlechtern fällt hier weg; es bleibt nur ein einziges Zeichen: die Treue zu Christus; ein Zeichen, das diese sonst sehr verschiedenartige Menge in die Gemeinschaft eines Herzens und einer Seele verwandelt.

Das Tier als Symbol des Widersachers Christi

Doch der Gemeinschaft des Lammes steht im Weltprozess die des Tieres entgegen. Das Tier als Symbol des Widersachers Christi bekommt ebenfalls „Macht über alle Stämme und Völker, Sprachen und Länder“ und wird von allen Erdbewohnern angebetet (Offb. 13, 7-8). Es sammelt „die Könige der Erde und ihre Heere“, um Krieg zu führen „gegen den, der auf dem Rosse sitzt“ und dessen Name „das Wort Gottes“ ist (Offb. 19, 14-19). Es verführt die Völker, „die an den vier Enden der Welt wohnen“, bildet aus ihnen ein gewaltiges Heer, dessen Zahl „wie Sand am Meer“ ist, und umzingelt „das Lager der Heiligen“ (20, 8-9).

Die Gemeinschaft des Tieres wird ebenfalls nur durch ein einziges Merkmal zusammen gehalten, nämlich durch den Abfall von Christus. Hat einer dieses Merkmal nicht, so darf er weder kaufen noch verkaufen (vgl. Offb. 13, 17), d. h., er besitzt nicht dieselben Rechte wie die Leugner Christi. Er wird aus der Gesellschaft ausgestoßen und entrechtet, verfemt und verfolgt. Anders ausgedrückt: die Abkehr von Christus ist gleichfalls ein gemeinschaftsbildender Faktor, der auch zu einer geschichtlichen Macht wird. Die Gemeinschaft des Tieres ist eben so allumfassend wie die des Lammes. Auch sie handelt im Namen der ganzen Menschheit und betet das Bild des Tieres an (vgl. Offb. 13,1 4). Sie verwandelt sich, wie wir später sehen werden, in eine ‚Kirche‘, baut ihren Tempel, schafft sich ihren Kult und wählt sogar den Propheten des Tieres zu ihrem ‚Papst‘.

Die Unterscheidung vollzieht sich in Form des unerbittlichen Ringens

Die Geschichte ist also die Unterscheidungszeit, in der die endgültige Antwort der Menschheit auf die Erlösungstat Christi zum Vorschein kommt. Diese Unterscheidung vollzieht sich jedoch nicht auf dem Weg der ruhigen Entwicklung, sondern nimmt die Form des unerbittlichen Ringens an. Die Offenbarung ist voller Schilderungen des Kampfes zwischen Christus und seinem Widersacher, zwischen dem Drachen und dem Lamm.

Neben dem Bild der Ernte ist das Bild des Kampfes am häufigsten. Dem Tier des Meeres wurde die Macht verliehen, nicht nur wider Gott zu lästern, sondern zugleich auch „die Heiligen zu bekriegen und zu besiegen“ (Offb. 13, 7). Da der Drache das in die Wüste geflüchtete Weib (Symbol der Kirche) nicht zu erhaschen vermochte, ergrimmte er gegen dieses und „begann Krieg zu führen mit seinen übrigen Kindern, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu bewahren“ (12, 17-19). Das Tier, „das aus dem Abgrund steigt“, wird ebenso zwei Zeugen Gottes „bekriegen und töten“ (11, 7).

Anderseits schildert die Offenbarung Christus ebenfalls als einen Kämpfer, der auf dem weißen Rosse sitzt, bekleidet „mit dem Blut befleckten Gewand“ (19, 13). „Aus seinem Mund fährt ein zweischneidiges Schwert, mit dem er die Völker schlagen soll“ (19, 15). Er ergreift das Tier „samt dem falschen Propheten“ (19, 20) und wirft beide „in den Feuersee“, die übrigen werden „durch das Schwert getötet“ (19, 21).

Die Geschichte ist Kampfraum der transzendenten Mächte mittels des Menschen

Nicht unbedingt müssen wir diese symbolischen Bilder und Ausdrücke im Sinne des physischen Kampfes auslegen, doch bedeuten sie einen Kampf. Die Geschichte entfaltet sich nicht wie der Organismus, wie der Zellkern nach immanenten Gesetzen der Natur. Die Geschichte ist Kampfraum der transzendenten Mächte mittels des Menschen.

Sie ist in ihrem Wesen nichts anderes als die Fortsetzung jenes übergeschichtlichen Kampfes, den uns die Offenbarung folgendermaßen schildert: „Im Himmel gab es eine Schlacht. Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Auch der Drache mit seinen Engeln kämpfte. Sie richteten aber nichts aus, und ihr Platz im Himmel ging verloren. Und geworfen wurde der große Drache, die alte Schlange, die Teufel heißt und Satan, die alle Welt verführt; geworfen wurde er herab zur Erde, und mit ihm gestürzt wurden seine Engel“ (12, 7-10).

Das irdische Dasein ist also zum Schauplatz der weiteren Angriffe Satans geworden, der seine ursprüngliche Empörung gegen den Allerhöchsten fortsetzt und sich seiner Schöpfung zu bemächtigen sucht. Im Laufe der Geschichte nimmt dieser Kampf an Ausmaß und Stärke immer mehr zu, weil sowohl die Zahl der Anhänger des Tieres als auch ihr Gemeinschaftssinn wachsen und erstarken. Die zeitliche Begrenztheit der Geschichte, dieses „wenig Zeit“ der Offenbarung (12, 12), verwandelt die ganze historische Existenz der Menschheit ins Nüchtern- und Wachsein (vgl. 1. Petr. 5, 8).

Freut sich der Himmel darüber, daß „das Heil erschienen und das Reich Gottes und die Gewalt seines Gesalbten“ (Offb. 12, 10) grundsätzlich befestigt sind, so bemitleidet die Offenbarung die Erde und das Meer, zu denen der Teufel herab gefahren ist (in großem Zorn“ (12, 12). die Verwirklichung des Heiles in der irdischen Geschichte ist immer noch bedroht und gefährdet.

In der Ordnung der Natur bleibt das Böse Sieger

Die Geschichte als Unterscheidungszeit und als Kampfraum enthüllt uns einen Grundsatz, der wesentlich ist, um das irdische Dasein überhaupt zu verstehen: in der Ordnung der Natur bleibt Sieger das Böse (*), in der Ordnung der Übernatur das Gute, und diese Spannung verursacht den Zusammenbruch der natürlichen Ordnung. Das Ende der Welt ist kein einzelner Akt von außen, sondern ein ständiges Schreiten der Geschichte in die immer größere Selbstversklavung unter dem Bösen.

Es ist im Wesen keine Naturkatastrophe, sondern die universale Ausdehnung des Satanischen auf Erden. Der physische Zusammenbruch ist nur eine Folge der geistigen Verderbnis. Nicht die Naturwelt nähert sich ihrem Abschluss, sondern die Geschichte. Nicht die Naturwelt wird zur Ernte reif, sondernd er menschliche Geist. Der Engel der Offenbarung, der „in der Hand eine scharfe Sichel“ trägt und „den Weinstock der Erde“ aberntet (Offb. 14, 15-19), ist keine entfesselte Naturgewalt, sondern ein Engel der Geschichte, der die Sünden der Gesamtmenschheit so wenig verzeiht, wie auch unser persönlicher Schutzengel es nicht ungeahndet läßt, wenn wir fehlen (vgl. Ex. 23, 21).

Nicht der natürliche Ertrag der kosmischen Entwicklung wird „in die große Zornkelter Gottes“ geworfen und getreten (Offb. 14, 20), sondern unsere geschichtlichen Werke. Wir stellen uns da Ende der Welt zu stark unter der Gestalt einer kosmischen Naturkatastrophe vor und vergessen, zu oft, daß Christus nicht in den an sich unschuldigen Lauf der Sterne und Planeten eingreift, sondern eben in den Lauf der menschlichen Geschichte, weil diese die Zahl der „um des Gottes und des Zeugnisses willen“ Hingeschlachteten vollendet hat (vgl. Offb. 6, 9).

In diesem Sinne ist die Geschichte ein ständiges Verlieren im Hinblick auf das Diesseits und daher ein fortdauerndes Schreiten auf den universalen Zusammenbruch; gleichzeitig ist sie auch ein ständiges Gewinnen im Hinblick auf das Jenseits und daher ein sicheres Schreiten zum endgültigen Sieg, der zwar nicht auf der natürlichen, sondern erst auf der übernatürlichen Seinsebene erfolgt und somit dem natürlichen Lauf der Dinge das Ende setzt.

Die Geschichte erscheint pessimistisch und optimistisch zugleich

Christlich betrachtet, erscheint deshalb die Geschichte pessimistisch und optimistisch zugleich. Der christlichen Geschichtsauffassung liegt die Stimmung des Untergangs viel tiefer zugrunde als der fatalistischen Kulturphilosophie Ibn Chalduns, Giambattista Vicos oder Oswald Spenglers. Diese Denker gründen den Untergang eines Kulturtypus auf seinen organischen Zusammenhang mit der Landschaft, auf das Versiegen seiner natürlichen Kräfte. Das Gesetz des Alterns, das in der gesamten Natur waltet, regiert – nach dieser Theorie – auch die Kultur. Daher ist der Kulturprozess vom menschlichen Willen durchaus unabhängig. Er nähert sich seinem Ende, wie ein jeder Organismus sich seinem unausweichlichen, trotzdem aber natürlichen Tod nähert.

Indessen versteht das Christentum den geschichtlichen Verlauf wesentlich als einen Prozess des Geistes, in dessen Bereich es kein Welken und Altern gibt. Nimmt die Geschichte trotzdem ein Ende, so ist dieses nicht ein Versiegen der inneren Kräfte, d. h. nicht immanent, sondern eine Beschwörung wegen der Frevel, die der Mensch begeht und nicht durch Reue und Buße tilgt. Der historische Prozess ist im Licht des Christentums eine Gesamtakt der menschlichen Freiheit und der göttlichen Vorsehung. Bricht dieser Prozess eines Tages doch zusammen, wendet sich ein Teil der Menschen von Gott endgültig ab, so geschieht dies nur deshalb, weil der menschliche Wille sich gegen Gott entscheidet und diese Entscheidung in der Geschichte zu objektivieren versucht.

Das Drama der menschlichen Freiheit

Das Drama der Geschichte ist das Drama der menschlichen Freiheit. Die Entwirrung dieses Dramas ist zwar pessimistisch, nicht aber in dem Sinn, daß der Mensch dem kommenden Ende nicht entrinnen kann, wie Spengler meint, sondern weil der Mensch selbst dieses Ende durchs eine freie und bewußte Entscheidung beschwört. Wir können also die Geschichte nicht im Sinne des aufklärerischen Optimismus deuten und ihren Lauf als ein ständiges Fortschreiten auf den Zustand der Vollkommenheit hin begreifen.

Der endgültige Sieg des übernatürlichen Guten

Gleichzeitig aber verkündet das Christentum den endgültigen und ewigen Sieg des übernatürlichen Guten über die bösen Mächte und Gewalten der Erde. „Der Tod wird nicht mehr sein; weder Trauer noch Klage noch Schmerz wird mehr sein“ (Offb. 21, 4). „Nichts vom Fluch Getroffenes wird es mehr geben“ (22, 3). Der alte Himmel und die alte Erde werden zwar vergehen, aber alles wird umgestaltet, umgeschaffen, und daraus wird „die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, das Zelt Gottes unter den Menschen“ entstehen (21, 2-3), das weder Sonne noch Mond braucht, „denn die Herrlichkeit Gottes beleuchtet“ in ihr alles (21,23).

In diesem Sinn ist die christliche Geschichtsauffassung viel optimistischer als die Fortschrittstheorie der Aufklärung, die zwar schöne Hoffnungen zu wecken, nicht aber sie zu begründen und noch weniger zu erfüllen vermag; eine Theorie, die Berdjajew mit Recht „Vergottung der Zukunft auf Kosten der Gegenwart und der Vergangenheit“ nennt. Die ganze Geschichte fällt in dieser Theorie dem kommenden Moment der Seligkeit zum Opfer. „Alle Generationen“, sagt Berdjajew (1), „erscheinen lediglich als ein Mittel zur Verwirklichung dieses seligen Lebens, dieser glücklichen Generation Auserwählten, die in einer uns unbekannten und fremden Zukunft auftreten soll“.

Alles, was vorher geschieht, besitzt in dieser Geschichtsphilosophie keine eigene Bedeutung und keinen selbständigen Wert: es ist nur ein Mittel und Werkzeug für das Kommende. Hält man also die Fortschrittstheorie für eine Erlösung des historischen Prozesses von der Sinnlosigkeit, die sich in dem alten heidnischen Kreislauf der Zeiten so anschaulich ausdrückt, so erlöst sie nur einen Teil der Menschheit, nur jene künftige Generation und Kultur, die ganz am Ende steht. Die gesamte Vergangenheit indessen geht unrettbar verloren.

Verspricht uns das Christentum „jede Träne“ abzutrocknen (Offb. 21, 4), so kümmert sich die Fortschrittstheorie lediglich um die letzte Generation. Der universalen Erlösung des Christentums steht die Teilerlösung der Aufklärung entgegen. Aber „es gibt gar keine innere Veranlassung, das Geschick solch einer Generation, die einmal auf der Höhe zu erscheinen hätte und für die die Seligkeit und das Glück bereit wären, vor allen anderen Generationen zu begünstigen, denen nur Leiden, Qualen und Unvollkommenheit zuteil wurden. Keine einzige kommende Vollkommenheit vermag alle Qualen der vorauf gegangenen Geschlechter zu erkaufen.“

Die Theorie des Fortschritts entlarvt sich also als eine trügerische Hoffnung, die nicht imstande ist, alles Lebendige zum Zweck des ewigen Lebens wieder einzusetzen. Ohne dies jedoch bleibt jeder Optimismus inhaltsleer.

Das menschliche Dasein kann aus sich sich nicht über die Zeit erheben

Anderseits, wie auch Bredjajew feststellt, vermag die Fortschritts-Philosophie nicht, das Problem der Zeit zu lösen. Um sich von der Vergänglichkeit, die ja das Wesen der Zeit ausmacht, zu erretten, überwindet das Christentum die Zeit selbst und überführt die Menschheit in die Ewigkeit, die zwar eine Dauer (duratio), doch nicht eine Vergänglichkeit ist. Wodurch aber könnte die Fortschrittstheorie ihre ’selige Generation‘ vor der Vergänglichkeit schützen, wenn sie die Vollkommenheit als einen diesseitigen Zustand versteht?

Das menschliche Dasein auf Erden ist die Zeitlichkeit selbst. Es besitzt nicht die Kraft, sich aus sich selbst heraus über die Zeit zu erheben. Worin findet also die Fortschritts-Philosophie etwas Höheres als die Zeit, wenn sie alles lediglich hienieden zum Abschluss kommen sieht? Die Errettung des Menschen kann erst dann als wirklich betrachtet werden, wenn sie seine Errettung von der Zeitlichkeit bedeutet. Gerade das verkündet das Christentum. In dem von der Offenbarung geschilderten jenseitigen Leben findet das ewige Wesen des Menschen die ebenso ewige Auswirkung im Dasein.

Die christliche Geschichtsauffassung ist von Grund aus optimistisch

In diesem Sinne ist die christliche Geschichtsauffassung von Grund aus optimistisch und Leben bejahend. Sie bleibt zwar der Erde nicht treu, aber nur dieser unverklärten, vergänglichen, bösen Erde. Sie verkündet jedoch eine neue Erde (vgl. 2. Petr. 3, 13; Offb. 21, 1), die nicht als Endergebnis der natürlichen Entwicklung und Vervollkommnung entsteht, sondern ein Geschenk von oben, eine neue Schöpfung Gottes, eine Gnade ist.

Der Optimismus der christlichen Geschichtsphilosophie stützt sich nicht lediglich auf die schöpferische Macht des menschlichen Genius, sondern gründet sich wesentlich auf Gott, den Schöpfer, der den Menschen „in seiner Würde wunderbar erschaffen hat und noch wunderbarer erneuern“ wird. Der heidnische Prometheismus, der sich in der Fortschritts-Idee der Aufklärung wieder bemerkbar machte, wird im Christentum durch die religiöse Haltung des Menschen im Hinblick auf die Zukunft ersetzt. Somit wird die Geschichte zu einem universalen, religiösen Akt, zur Anerkennung der Kreatürlichkeit des Menschen und zugleich zum ‚Rorate‘. Zum Ruf nach der endgültigen und existentiellen Erlösung.

(1) Wir verpflichten uns allerdings nicht zur Lehre Berdjajews vom „Drama der Gottheit“ oder vom „theogonischen Prozess“, die ihre Wurzel in der Mystik J. Böhmes faßt. Doch seine Gesamtschau der Geschichte als eines einheitlichen Prozesses, der das Wesen des Seins erschließt und an dem Welt, Mensch und Gott teilnehmen, ist begründet und tief. (Antanas Maceina) –
aus: Antanas Maceina, Das Geheimnis der Bosheit, 1955, S. 30 – S. 37

(*) Siehe dazu auch den Beitrag von Donoso Cortes „Der natürliche Sieg des Bösen“

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