Die unzüchtige Herkunft des Antichrist

Unzucht ist der Quell des antichristlichen Geistes

Der Antichrist ist kein Christus. Er ist nur ‚wie ein Christus‘, d. h. ein Fälscher seines Bildes, seiner Mission, seines Reiches. Es ist daher verwunderlich, daß er trotzdem „aus unserer Mitte“ (1. Joh. 2, 19) hervor geht. Ist das Reich Christi nicht „ein Reich der Wahrheit und des Lebens, ein Reich der Heiligkeit und der Gnade, ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“? Wie ist es also möglich, daß die Antichristen aller Jahrhunderte nicht Eindringlinge ins Reich Christi, sondern seine ständigen Bewohner, ja sogar seine Mitglieder sind? Daß es aber tatsächlich so ist, behauptet der hl. Johannes ganz eindeutig…

Wie ist aber diese sonderbare Herkunft des antichristlichen Geistes zu erklären?

Worin liegt sein eigentlicher Quell? Das Reich Christ an sich kann ja nicht die Ursache für die Entstehung der antichristlichen Mächte sein, denn diese, wenn sie auch aus unserer Mitte hervor gehen, gehören doch „nicht zu uns“ (1. Joh. 2, 19), d .h. wenn die Antichristen auch im Laufe der Geschichte stets aus der Mitte der Kirche entstehen, haben sie den Geist Christi trotzdem nicht. Sie gehören nicht zur Gemeinschaft der Heiligen, weil sie nicht vom Heiligen Geist getragen sind. Was für ein Geist erzeugt sie also? Was für ein Geist soll es sein, der ein Mitglied, ja einen Führer der Gemeinschaft des Lammes zum Ritter des Tieres schlägt? …

Die verschiedene Herkunft

Christus ist aus der keuschen Jungfrau durch das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes geboren, deswegen kann kein Mann sich der Vaterschaft rühmen. Der Antichrist ist aus der Dirne geboren und hat ebenso keinen Vater, nicht aber grundsätzlich, sondern nur deshalb, weil allzu viel Männer beanspruchen können, diese ‚Würde‘ zu tragen. Der Vater Christi ist unsichtbar, weil er im Himmel ist. Der Vater des Antichrist ist ebenfalls unsichtbar, da er unbekannt ist. Diese Parallele ist sehr tiefsinnig. Sie enthüllt uns eine große, wenn auch nur eine oberflächliche Ähnlichkeit des Tieres mit dem Lamm, eine Ähnlichkeit, die bereits bei der Geburt beginnt und sich, (…), über das ganze Leben und Wirken der antichristlichen Mächte erstreckt.

Die Unzucht ist der Quell des antichristlichen Geistes

Ihrem Wesen nach ist die Unzucht eine Lüge, nicht mit einem Wort, sondern mit dem Leib und durch ihn zugleich mit der ganzen menschlichen Persönlichkeit. Sie ist eine Lüge im höchsten Grad und im konkretesten Ausdruck. Die körperliche Vereinigung zwischen Mann und Frau ist von Natur aus bestimmt, die in ihnen keimende Liebe zu vollenden und zu objektivieren. Die körperliche Hingabe setzt nur das fort, was die seelische Hingabe bereits begonnen hat. Da die Liebe ihrem Wesen nach eine Gemeinschaft der Güter darstellt und verwirklicht (communicatio bonorum), so führt sie die Liebenden von selbst zur Gemeinsamkeit nicht nur des Raumes und der Zeit, des Glaubens und des Betens, der Lebensformen und Sitten, sondern letztlich auch zur Gemeinsamkeit der Leiber, die vom Schöpfer selbst berufen sind, unser Inneres zu tragen und sein Ausdruck zu sein.

Indem wir einer von uns geliebten Person unsern Leib hingeben, verschenken wir an sie unseren letzten Wert, der von ihr am weitesten stand und sich gegen die Gemeinsamkeit am längsten wehrte. Denn nichts ist uns auf der Welt so fremd wie der fremde Leib. Dies zeigt sich bei einer Leiche mit unheimlicher Klarheit. Hat die Seele den Leib einmal verlassen, so bleibt dieser absolut inkommunikabel, daher und absolut fern und fremd. Das ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, daß die Liebe etwas Geistiges ist, daß sie nicht aus der Leidenschaft entsteht, sondern im Gegenteil die Leidenschaft entfacht und diese ihrem Gesetz unterwirft. Die Liebe entsprießt dem seelischen Mitsein des Menschen und dehnt dieses auf die Ganzheit des menschlichen Wesens aus. Sie durchbricht deshalb die Geschlossenheit des Leibes und zieht ihn auch in die Gemeinschaft des Daseins hinein. Alles soll in der Liebe gemeinsam sein: der ganze Mensch.

Die Unzüchtigen lügen mit ihrer Unzucht

Die Unzucht verdreht all das jedoch in der brutalsten Art und Weise. (siehe auch den Beitrag: Der heilige Paulus: Die Sünde der Unzucht) In der unzüchtigen Vereinigung ist der Leib nicht mehr Vollendung und Ausdruck der Liebe, sondern nur ein Werkzeug für die Befriedigung der Begierde. Hier ist er nicht mehr Symbol, sondern nur eine krasse Wirklichkeit. Der unzüchtige Mensch misst dem Leib eine Selbstständigkeit zu und sucht diese durch seinen frevelhaften Akt auszunützen. Dies vermag er zwar psychologisch, nie aber ontologisch. Auf der ontologischen Ebene, d. h. in sich und objektiv, verliert die körperlichen Vereinigung nie ihren symbolischen Charakter. Selbst die abscheulichste Unzucht ist nicht imstande, die Vereinigung zwischen Mann und Frau ihres ontologischen Sinnes zu berauben. Die körperliche Hingabe, sei sie auch verkauft, ist immer noch ein Ausdruck der Gemeinsamkeit der menschlichen Ganzheit, da der verkehrte menschliche Wille nicht fähig ist, den ontologischen Schöpfungssinn zu vertilgen. Gerade aus diesem Grund aber wird jede Unzucht zu einer großen und radikalen Lüge.

Die Unzüchtigen besitzen in Wirklichkeit nicht das, was sie durch ihren leiblichen Akt objektiv ausdrücken. Sie lieben sich nicht, sie geben nur das Zeichen der Liebe. Dieses Zeichen ist wohl sinnhaft in sich, ontologisch aber ist es durchaus sinnlos in ihrem Akt. Mehr noch: es ist nicht nur sinnlos, sondern auch betrügerisch und lügnerisch, denn es entspricht nicht der Wirklichkeit, der inneren Einstellung der Unzüchtigen, welche die Liebe symbolisieren, ohne sie selbst zu haben. Daher lügen sie mit ihrem körperlichen Akt und betrügen einander. In der leiblichen Vereinigung suchen sie nicht das Mitsein, dessen existentieller Ausdruck die Liebe ist, sondern das reine Eigensein. An Stelle der Liebe tritt in der Unzucht die radikalste Eigenliebe. Die Unzucht ist ihrem Wesen nach ein Egoismus. Deshalb ist sie auch eine Lüge, ja die Lüge, denn hier lügt der Mensch nicht nur teilweise, sondern mit der Ganzheit seines Daseins.

Der Geist der Lüge ist Brutstätte der antichristlichen Mächte

Maria empfing Jesus aus dem Heiligen Geist, d. h. aus dem Geist der Wahrheit, deswegen ist auch der Heilige, der aus ihr geboren ist, Sohn Gottes, d. h. die Wahrheit selbst. Die auf beiden Hemisphären wohl bekannte Person, die Mutter des ‚Übermenschen‘, empfing diesen aus dem Geist der Lüge, aus dem beiderseitigen Betrug, deshalb wurde ihr Sohn zum Widerpart Christi, zum Gegner und Bekämpfer alles dessen, was wahr und heilig ist. Das ist ein unermesslich tiefes Symbol zum Verständnis des antichristlichen Geistes. Der Geist der Lüge ist die Brutstätte der antichristlichen Mächte.

Was eigentlich ist denn die Lüge?

Ein Widersprechen gegen die Wahrheit. Was aber ist die Wahrheit? Diese Pilatusfrage ist nicht einfach zu beantworten. Man sagt, die Wahrheit sei die Übereinstimmung zwischen dem Wort und dem Gedanken, und mit Recht. Doch damit ist der Sinn der Wahrheit noch nicht erschöpft. Denn das Wort kann zwar mit dem Gedanken übereinstimmen, doch der Gedanke selbst kann in sich falsch sein. Moralisch können wir wohl die Wahrheit sagen; ist aber unser Gedanke unwahr, so lügen wir logisch, und diese Lüge ist bei weitem folgenschwerer als die moralische. Um als wahr zu gelten und zu sein, muss der Gedanke mit etwas Höherem verglichen und durch dieses ermessen werden. Dieses Höhere sei, so behauptet man, das Ding (res). Die Wahrheit sei die Übereinstimmung zwischen dem Ding und dem Gedanken: adaequatio rei et intellectus. Und wieder mit vollem Recht.

Kann aber ein Ding nicht einmal falsch sein? In unserem Dasein stoßen wir auf so viel falsche oder gefälschte Sachen und Dinge, daß wir kein volles Vertrauen auf die uns umgebende Wirklichkeit haben können. (*) Um uns in der Welt im Hinblick auf die Wahrheit zurecht zu finden, müssen wir wieder nach etwas Höherem suchen, was bereits über der Wirklichkeit steht und mit dem wir diese vergleichen, ermessen und damit korrigieren können, falls sie schon entstellt und deshalb unwahr ist. In unserem Dasein suchen wir stets nach dem Maßstab des Seienden.

Worin aber liegt dieser Maßstab? Darin, was über dem Seienden steht, was dieses in seinem Wesen bestimmt und ihm die ontologische Echtheit verleiht. Der Maßstab des Seienden ist das göttliche Urbild, nach dem es geschaffen ist. Ein Ding ist erst dann wahr, wenn es mit seinem göttlichen Urbild übereinstimmt. Denken wir das Ding so, wie es seinem Urbild entspricht, so ist auch unser Gedanke wahr; sprechen wir diesen Gedanken so, wie wir ihn denken, so ist unser Wort ebenso wahr. Die Wahrheit liegt also weder beim Wort, noch beim Gedanken, noch beim Ding, sondern sie wurzelt im göttlichen Urbild, im göttlichen Urgrund, im Wesen Gottes selber. Gott selbst ist die Wahrheit, denn er allein ist der höchste und einzige Maßstab des Seienden. Die Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen Schöpfung und Schöpfer. Das ist die letzte Antwort auf die Pilatusfrage, die auch der moderne Mensch öfters stellt, ohne aber, wie einst der Statthalter Roms, die endgültige Antwort darauf zu erwarten.

(*) Die Fälschung der Wirklichkeit, die in allen Bereichen des menschlichen Lebens auf Erden vorkommt, begründet die moralische Notwendigkeit der göttlichen Offenbarung, die all diesen Fälschungen die echte Urwirklichkeit mit ihren Urbildern entgegen stellt. Die Offenbarung ist daher der Maßstab der irdischen Wirklichkeit und somit das höchste Kriterium der Wahrheit. Leider ist die theologische Erkenntnislehre immer noch nicht geschrieben. In unserer Zeit aber, wo die Lüge bereits eine Lebensform und somit ein bestimmender Faktor der Geschichte geworden ist, wäre die Theologie des Erkennens besonders am Platz.

Der Lüge liegt immer die Verneinung Gottes zugrunde

Hier tut sich die Tiefe der Lüge auf. In ihrem ontologischen Sinn ist die Lüge nicht nur ein Widersprechen gegen den Gedanken durch das Wort und auch nicht nur ein Widersprechen gegen das Ding durch den Gedanken, im letzten und tiefsten Sinn ist die Lüge ein Widersprechen gegen das göttliche Urbild durch das Seiende selbst. Sie ist ein Abfall des Seienden von seinem Urbild, eine Empörung des Geschaffenen gegen den Schöpfer. Der Lüge liegt immer die Verneinung Gottes zugrunde. Lügen wir durch das Wort, so verwerfen wir den Gedanken; lügen wir durch den Gedanken, so verwerfen wir das Ding; lügen wir aber durch unsere Wirklichkeit, so verwerfen wir unser Urbild, nach dem wir geschaffen sind und das Gott selber ist. Das Lügen ist daher im innersten Wesen ein Akt der Gottlosigkeit. Das ist der Grund, warum Christus den Teufel der Lüge zeiht und ihn sogar den Vater, d. h. den Erzeuger der Lüge nennt (vgl. Joh. 8, 44).

Die Empörung des Luzifer gegen Gott war die tiefste Lüge und der Quell jeder anderen Lüge. Indem der Teufel bei seiner Empörung verharrt, lügt er durch sein Dasein selbst, und es ist „in ihm keine Wahrheit“ (ebd.). Die Lüge ist ein rein geistiges Ding wie auch die Wahrheit. Beide verlangen vom Menschen eine klare und bewusste Entscheidung. Gewinnt der Geist der Lüge die Oberhand im Menschen, d. h. wird die Lüge zur menschlichen Daseinsweise, so verwandelt sie den Menschen in den Antichrist, denn die Lüge als Daseinsform bedeutet die existentielle Leugnung und Fälschung von allem, was göttlich ist. Konkret objektiviert, kommt diese Daseinsform als eine entschiedene und unerbittliche Verwerfung Christi zum Vorschein, in dem und durch den alles geschaffen ist, der also der eigentliche Träger des göttlichen Urbildes der Wirklichkeit und somit der Maßstab des Seienden ist. Der Geist der Lüge rebelliert zu allererst gegen Christus, indem er nicht nur die ganze Wirklichkeit, sondern auch sein Bild und sein Wirken in der Geschichte zu verfälschen sucht.

Die teuflische Sendung des antichristlichen Geistes ist eine Lüge

In der unzüchtigen Herkunft, d. h. in der Herkunft aus dem Geist der Lüge, liegt also der Anfang und zugleich auch der Abschluss des antichristlichen Geistes. Alle Charakterzüge des Antichrist laufen hierin zusammen und finden da ihre Erklärung. Die Eigenliebe, die den antichristlichen Menschen von Gott abwendet und den Hass gegen den Schöpfer und die Schöpfung in seinem Herzen entfacht, ist in Wirklichkeit eine Lüge, denn seinem Urbild nach ist der Mensch nicht ein allein stehendes, sondern ein mitseiendes Geschöpf. Der Versuch jeder antichristlichen Macht, Christus nur für einen Vorgänger zu halten und ihn somit als Gottessohn herab zu setzen, ist ebenfalls eine Lüge, denn Christus ist der Erste nicht nur im moralischen Sinn, wie jeder Prophet, sondern auch ontologisch als Ebenbild Gottes und als Erstgeborener aller Schöpfung.

Die Bemühung, ihn als Auferstandenen zu leugnen und seine Person in der Geschichte nur symbolisch leben zu lassen, ist folgerichtig auch eine Lüge, denn er ist „von den Toten auferstanden als Erstling der Entschlafenen“ (1. Kor. 15, 20) und regiert deshalb die Geschichte durch seine persönliche Präsenz in der Kirche. Die teuflische Sendung des antichristlichen Geistes ist ebenso eine Lüge, denn der Teufel verleiht zwar dem Antichrist eine übernatürliche Kraft, doch dient diese nicht zum Schaffen und Erzeugen, sondern zum Zerstören, was sich am Ende der antichristlichen Weltregierung sehr deutlich zeigt… Der Teufel ist, wie gesagt, der Vater der Lüge, und aus dieser Lüge zeugt er jeden antichristlichen Geist. Hier liegt der tiefste Unterschied zwischen Christus und Antichrist, zugleich aber auch der Grund für den Erfolg des Antichrist in der Weltgeschichte. In die Lüge eingehüllt und mit dem Schein der Wahrheit auf der Stirn schreitet der Antichrist durch alle Jahrhunderte und entfaltet seine Tätigkeit im irdischen Dasein der Menschheit – eine Tätigkeit, deretwegen die Offenbarung die Erde und das Meer bemitleidet (vgl. Offb. 12, 12). –
aus: Antanas Maceina, Das Geheimnis der Bosheit, 1955, S. 73 – S. 82

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