Die Sünde Übertretung des Gesetzes Gottes

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

Das Wesen der Sünde

Die Sünde ist Übertretung des Gesetzes Gottes

Eine genaue Kenntnis ist notwendig

Es ist ein Gegenstand, dessen genaue Kenntnis für unser ganzes Seelenheil unerläßlich ist, weil er gleichsam die Wurzel und die Grundlage aller übrigen Wahrheiten bildet: ich meine die Sünde, ihr Wesen, ihre Wirkungen und ihre Folgen. Ich wählte diesen Gegenstand, weil es einerseits keinen anderen gibt, der uns näher anginge und weil andererseits das Gebot der Kirche, welches uns zum Empfange des hl. Bußsakramentes und der hl. Osterkommunion verpflichtet, noch eindringlicher seine warnende Stimme an sämtliche Kinder der katholischen Kirche richtet. Ich wende mich dieserhalb an euch Alle; ich wende mich an euer Gewissen, auf daß ein Jeder von euch diese Pflicht der Seelenrettung für sich vollziehe, aber nicht für sich allein. Väter und Mütter! Warnt eure Familienglieder und Hausgenossen, warnt eure Freunde und Nachbarn, warnt in Demut und Liebe Alle, welche die Erfüllung ihrer Pflichten gegen Gott vielleicht außer Acht lassen würden.

„Er wird die Welt von der Sünde überführen.“ Diese Worte unsers göttlichen Heilandes offenbaren das Werk und die Amtstätigkeit des hl. Geistes. Sowohl in der alten, als in der neuen Schöpfung, sowohl vor der Menschwerdung des Gottessohnes, als auch nach seiner Himmelfahrt hat des hl. Geistes Tätigkeit stets darin bestanden und wird dieselbe bis ans Ende der Welt darin bestehen, die Welt von der Sünde zu überführen: das heißt, den Verstand zu erhellen, die Vernunft zur Erkenntnis und zum Verständnis der Sünde zu befähigen, das Gewissen der Menschen von ihrer Sündhaftigkeit zu überzeugen und sie daran zu erinnern, daß sie vor Gott schuldig sind.

Sehet da das Wirken des göttlichen Geistes. Vom Anfang der Welt an hat derselbe zu jeder Zeit den Verstand und das Gewissen der Menschen erleuchtet, daß sie Gott, sowie sich selbst zu erkennen und so einiger Maßen das Wesen der Sünde zu verstehen befähigt würden. Ich sage „einiger Maßen“; denn die Fülle jenes Lichtes und jener Erleuchtung war dem Pfingstfest vorbehalten, an welchem der hl. Geist persönlich erschien, um in dem mystischen Leib Christi seine Wohnung. aufzuschlagen.

Erschaffung der ersten Menschen und Sündenfall

Als Gott im Anfange den Menschen erschuf, erschuf Er ihn sündenlos und verlieh ihm das Licht des hl. Geistes, so daß der Mensch nicht nur Gott, Seine Heiligkeit und Seine Vollkommenheiten erkannte, sondern auch sich selbst und das Wesen, mit welchem Gott ihn erschaffen hatte. „Er erkannte das Gesetz Gottes; aber die Kenntnis der Sünde blieb ihm noch verborgen, weil das Gesetz noch nicht übertreten war. Es entzog sich ihm die Kenntnis der Sünde, weil er die Bitterkeit der Gesetzesverletzung und deren traurige Folgen noch nicht verkostet hatte. Kaum aber ist die Auflehnung gegen Gott geschehen, kaum die Sünde vollbracht, als auch sofort ein völliger Wechsel eintritt. Jetzt erkannte er seine Schuld, jetzt suchte er vor dem Antlitz seines Erschaffers sich zu verbergen, aber er verbarg nur Gott vor seinem eigenen Gewissen. Weder der Gegenwart, noch dem Auge Gottes konnte er entfliehen: er vermag nur das Licht der Gegenwart Gottes vor sich zu verbergen, und dieses tut er.
Vom Beginne der Zeit also ließ Gott in Seiner Barmherzigkeit durch das Wirken und das Licht Seines Geistes die Menschen wenigstens in gewissem Grade Seine persönlichen Vollkommenheiten und ihre eigene Sündhaftigkeit erkennen, aber diese Erkenntnis glich nur dem Zwielicht, welches dem hellen Mittag voran geht. Wir leben am hellen Mittag und wenn wir trotz des klaren Lichtes die Vollkommenheiten Gottes und unsere eigene Sündhaftigkeit nicht sehen wollen, wehe uns dann am Schreckenstage des Gerichtes!

Was versteht man unter Sünde?

1) Was versteht man also unter Sünde? Es gibt verschiedene Erklärungen derselben. So nennt man die Sünde eine „Übertretung des Gesetzes.“ (1. Joh. 3, 4) Gott ist Sich selbst Gesetz; Seine Vollkommenheiten bilden das Gesetz Seines eigenen Wesens und Gott prägte selbst dem Herzen des im Naturzustand befindlichen Menschen Seine eigenen Vollkommenheiten, wenn auch nur in schwachen Umrissen, ein. Gott erschuf den Menschen, damit er zwischen Recht und Unrecht unterscheiden, damit er das Wesen der Reinheit und der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Barmherzigkeit verstehen könne. Dieses sind Vollkommenheiten Gottes, und in das Gewissen des Menschen wurden die Verpflichtungen dieses Gesetzes nieder geschrieben. Ein jeder Mensch, welcher zur Welt geboren wird, trägt in seinem Herzen jenen mit unauslöschlichen Lettern eingeprägten Umriß des Gesetzes Gottes; die Sünde aber bildet die Übertretung dieses Gesetzes. Eine andere Erklärung der Sünde lautet: Jeder Gedanke, jedes Wort und jede That, so dem Willen Gottes widerstreitet, ist Sünde. Der Wille Gottes ist die Vollkommenheit Gottes Selbst: heilig, gerecht, rein, barmherzig, wahrhaftig. Alles, was diesen Vollkommenheiten in Gedanken, Worten oder Werken widerspricht, erscheint als Sünde. Die Gleichförmigkeit des Menschen mit dem Willen und den Vollkommenheiten Gottes bezeichnet die Heiligkeit oder die Vollkommenheit der menschlichen Seele und je gleichförmiger sie dem Willen Gottes ist, um so heiliger und vollkommener ist sie. Im Widerspruch mit Gott stehen, heißt also entstellt sein. Mag die Entstellung des menschlichen Körpers noch so sehr auffallen und abschrecken, sie kann in keiner Weise mit der Entstellung der Seele verglichen werden. Ist die Seele Gott unähnlich, hat sie sich mit der Vollkommenheit Gottes in Widerspruch gesetzt; herrschen an Stelle der Reinheit und der Gerechtigkeit die Unreinigkeit und die Ungerechtigkeit, an Stelle der Wahrheit und der Güte die Lüge und die Hartherzigkeit; herrscht an Stelle der Vollkommenheit Gottes der direkte Gegensatz dieser Vollkommenheiten: so gibt es keine Entstellung, keine Hässlichkeit, deren Anblick uns unangenehmer berühren und mehr abschrecken könnte.

Die Bosheit der Sünde

Die Bosheit der Sünde besteht also darin, daß ein erschaffener Wille im bewußten Widerspruch mit dem ewigen Willen Gottes sich befindet. Gott schuf uns nach Seinem Ebenbild und nach Seinem Gleichnis. Er verlieh uns Alles, was Er uns überhaupt nur verleihen konnte; Sein eigenes Wesen vermochte er uns nicht mitzuteilen, weil dieses Teil haben kann. Aber Gott konnte schenken und schenkte uns auch, Dank Seiner Allmacht und Barmherzigkeit, Sein Gleichnis und Sein Ebenbild, einen Verstand und einen freien Willen, ein Herz und ein Gewissen, wodurch wir vernünftige und sittliche Wesen wurden. Das Wesen der Bosheit der Sünde beruht nun eben darin, daß ein vernünftiges, mit Willenskraft ausgestattetes Wesen mit Bewusstsein und Überlegung gegen den Willen seines Schöpfers sich auflehnt. Die eigentliche Bosheit der Sünde vollzieht sich demnach im Innern der Seele; die äußere Handlung der Sünde fügt nur, man kann sagen: etwas Zufälliges zu der Bosheit hinzu, welche ihrem Wesen nach und in ihrem innersten Sein ihren Sitz in der Seele hat.

Die Sünde zeichnet also den bewußten Widerspruch unseres sittlichen Wesens mit dem Willen Gottes. Wir mißbrauchen unser ganzes Wesen und zwar zunächst unsern Verstand, wenn wir unvernünftig handeln und den in unser Herz eingeschriebenen Willen Gottes verletzen. Wir mißbrauchen unsern Willen, wenn wir mit Überlegung die uns von Gott verliehene Willenskraft im Gegensatz zum Willen Gottes betätigen und bedienen uns offenen Auges mit Freiheit und Überlegung, des Verstandes und des Willens zur Vollziehung von Handlungen, zur Äußerung von Worten, zur Bildung von Gedanken, welche, wie uns bekannt ist, dem Willen Gottes widersprechen. Bei jeder Sünde begegnet uns daher die Kenntnis des Verstandes bezüglich desjenigen, was wir tun müssen, die Zustimmung des Willens zur Vollziehung des Gegenteils von dem, was uns geboten ist. Dazu kommt das lebendige Bewusstsein unseres Herzens, daß die Handlung, die wir vollziehen, dem Gesetz, das wir kennen, widerspricht und uns mit dem Gesetzgeber, welches Gott Selbst ist, in Feindschaft bringt. Wir verletzen also, wenn wir sündigen, Gottes Willen mit klarer Überlegung, mit freiem Willensentschluss, wir widerstehen ihm ins Angesicht offenen Auges. Das ist die vollständige Erklärung des Wesens der Sünde. –
aus: Heinrich Eduard Kardinal Manning, Die Sünde und ihre Folgen, 1876, S. 4 – S. 8

Bildquellen

  • hattler-die-suende-und-ihre-folgen: Bildrechte beim Autor
Category: Betrachtungen, Manning
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