Die Parabel von der kostbaren Perle

Die Parabel von der kostbaren Perle: Ein Händler begutachtet eine kostbare Perle

Die Parabel von der kostbaren Perle (Matth. 13, 45-46)

Matth. 45. Abermals ist das Himmelreich gleich einem Kaufmann, der gute Perlen sucht. – 46. Wenn er eine kostbare Perle gefunden hat, geht er hin, verkauft alles, was er hat, und kauft sie.

Die Bedeutung dieser Parabel ist ganz dieselbe wie die der vorhergehenden. Die Perle bedeutet das Evangelium und was es bietet, besonders die Gnade, die Wahrheit, die christliche Vollkommenheit, und dem gegenüber muntert der Heiland auf zum Suchen und Aneignen dieses kostbaren Besitzes. Es sind hier aber einige Züge, welche diese Parabel von der vorigen unterscheiden und welche besonders für den Ordensstand passen. Deshalb mag die Anwendung der Parabel bezüglich des Ordensstandes ausgeführt werden mit Rücksicht auf dessen Wesen, dessen Erwerbung und Verwertung.

1. Wert und Kostbarkeit der Perle

Der Wert und die Kostbarkeit einer Perle besteht erstens in der Festigkeit und Gediegenheit des Stoffes und in der Unversehrtheit der Form; zweitens in der Schönheit und in dem Glanz, der Sinn und Herz erfreut; endlich in der Leichtigkeit und Handlichkeit des Besitzes und in der Verwendung zum Schmuck und zur Zierde.

In all diesem ist die Vorzüglichkeit des Ordensstandes schön gezeichnet. Die Vorzüglichkeit des Ordensstandes besteht nämlich in der evangelischen Vollkommenheit, deren Erwerbung Zweck, Wesen und Wirkung des Ordensstandes ist, Die Vollkommenheit aber ist etwas Gediegenes und Vollendetes, dem nichts fehlt. Diese Vollkommenheit findet sich reichlich im Ordensstand, weil er alles, was im Evangelium enthalten ist, Gebot und Rat, Notwendiges und Freiwilliges, in sich fasst. Er ist das ganze Evangelium mit allen Stufen der Entwicklung. –

Die Vollkommenheit ist zweitens Glanz und Schönheit, weil sie den Sündenstand ausschließt, die Herrlichkeit der Gnade und der Tugenden, namentlich die Liebe einschließt, in welcher die Vollkommenheit besonders besteht, und zwar die vollkommene Liebe, die Liebe der Übergebühr, weil sie mehr tut, als sie muss, und sich nicht bloß mit der Befolgung der Gebote begnügt, sondern zur Beobachtung der Räte übergeht. So kennzeichnet der Ordensstand den Glanz und die Schönheit der Liebe, und die Liebe ist die vollendete christliche Weisheit. –

Endlich trägt die Vollkommenheit sich leicht und ohne Mühe, weil sie ein geistiger Besitz ist, weil sie die Liebe, den edelsten und freiesten Aufschwung des Willens, zur Voraussetzung hat, und weil sie das zeitliche Leben von allem irdischen Besitz und von der belästigenden Sorge um denselben befreit. Wie der Besitz einer kostbaren Perle oft ein ganzes Vermögen darstellt und sich dennoch leicht trägt, so besitzt der Ordensmann in seiner Armut sein ganzes Vermögen, es kleidet, nährt und versorgt ihn besser für Zeit und Ewigkeit als alle vergänglichen Reichtümer. So ist der Ordensstand wirklich eine Perle an Wert, Schönheit und Handlichkeit, ja er ist die eigentliche evangelische Perle, weil er das Schönste und Erhabenste, was das Evangelium besitzt, in sich schließt.

2. Die Erwerbung der Perle

Was der Heiland von der Erwerbung der Perle sagt, passt ebenfalls in besonderer Weise auf die Erwählung und Ergreifung des Ordensstandes. In der vorigen Parabel ist nicht gesagt, wie der Finder zur Entdeckung des Schatzes gelangt ist; hier aber bemerkt der Heiland, der Kaufmann gehe aus und „suche“ kostbare Perlen. Es ist nämlich leichter, einen Schatz von funkelnden Dukaten zu schätzen, als Perlen zu unterscheiden. So bedarf es auch mehr göttliche Erleuchtung und übernatürlichen Scharfsinn, die Perle der evangelischen Vollkommenheit im Ordensstand zu schätzen, als die Kirche überhaupt und das Evangelium zu kennen, und ebenso bedarf es mehr Selbstbestimmung und Willenskraft, sich zu den Räten zu verpflichten, als sich an die Beobachtung der Gebote zu halten, weil jene frei sind und ein höheres Maß an Tugendstreben fordern. Deshalb sagt der Heiland an einer andern Stelle: „Wenn du vollkommen sein willst“ (Matth. 19,21). Es ist das Ergreifen der Vollkommenheit namentlich Sache eines hohen Geistes, weiser Wertschätzung des Irdischen und Ewigen und eines entschlossenen und mutigen Willens.

Ferner sagt der Heiland, der Kaufmann habe, als er die gute Perle gefunden, für dieselbe alles hingegeben, um sie zu kaufen (ebd. 13,46). In einem besonderen Sinne gilt dieses von der Ergreifung des Ordenstandes. Die Bedingung ist das Drangeben all unseres Besitzes und all unserer Güter: der äußeren durch die Armut, der leiblichen Genüsse durch die Keuschheit und der inneren, geistigen durch den Gehorsam.

3. Die Verwertung der Perle

Man muss es sich viel kosten lassen, die Perle zu erwerben. Aber ihr Besitz lohnt alles durch ihre Verwertung zur Freude, zum Schmuck und zur Versorgung. Der Ordensstand bringt unendlich viel Freude und Lebensglück, er bietet die größten Vorteile zur Erwerbung von Tugenden und Verdiensten und versorgt endlich nicht bloß zeitlich, sondern auch ewig. Ihm ist der Himmel einfach zugesprochen, und zwar ein Himmel mit Vorzug an Ehren und Freuden (Matth. 19,29).

Selig also, wer im Besitz dieser Perle ist! Er bereue nicht den Kaufpreis, den er für sie erlegt. Er danke vielmehr Gott, daß er ihm den Gedanken eingegeben, sich an das Suchen der Perle zu machen. Das ist reine und große Gnade. Der Heiland hat uns die Kenntnis dieses Kleinods gebracht und den Erwerb ermöglicht. Jeder, der die Perle besitzt, erfreue sich also des Erwerbs und verwerte ihn zu seinem Nutzen und zur Ehre Gottes. So ein Perlenhandel ist ein sehr edles, einträgliches und verhältnismäßig gefahrloses Geschäft. –
aus: Meschler, Moritz SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi, Bd. 1, 1912, S. 384 – S. 387

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