Heilige Märtyrer Gervasius und Protasius

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

Der römische Richter sitzt auf seinem steinernen Richterstuhl, Gervasius liegt bereits mit dem Schwert getötet vor ihm auf dem Boden, Protasius steht vor dem Richter und hält seine Verteidigungsrede; im Hintergrund sind römische Bauten zu sehen; neben dem Richter sieht man Soldaten

Die heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius

Als der heilige Ambrosius im Jahre 386 zu Mailand die neue Kirche, welche jetzt noch seinen glorreichen Namen trägt, einweihen wollte, ihm aber die nötigen Reliquien für die Altäre fehlten, hatte er ein lebhaftes Traumgesicht. Er sah zwei junge Männer in langen, blendend-weißen Gewändern, welche ihm die Stelle zeigten, wo er ihre Leiber und zugleich Auskunft über ihre Namen, Heimat und Todesart finden werde. Ambrosius berief mehrere Bischöfe und viele Geistliche, ließ an der ihm bezeichneten Stelle nachgraben und fand richtig zwei Leiber so schön und frisch, als ob sie erst vor einer Stunde hinein gelegt worden. Ihre Häupter waren abgeschnitten, das Grab mit Blut bedeckt, ein lieblicher Wohlgeruch stieg aus demselben auf. Im Sarg lag folgenden Schrift:

„Ich, Philippus, Diener Jesu Christi, habe mit Hilfe meines Sohnes die Leiber dieser glorreichen Märtyrer hier begraben. Der Eine heißt Gervasius, der Andere Protasius. Sie waren Zwillingssöhne des hl. Vitalis, der zu Ravenna, und der hl. Valeria, die zu Mailand um Jesu Christi willen gemartert wurde, verkauften ihre reiche Erbschaft, verteilten den Erlös unter die Armen und ihre frei gelassenen Sklaven und behielten für sich nur ein Zimmer, wi sie zehn Jahre in beständigen Übungen der Gottseligkeit, in Betrachtung der heiligen Schrift, in Gebet und christlicher Abtötung zubrachten; im elften Jahre erlitten sie den Martertod. Denn als der Feldherr Anastasius durch Mailand zog in den Krieg wider die Markomannen, kamen ihm die Götzenpriester entgegen mit der Kunde: „Herr, wenn du die Feinde besiegen willst, mußt du zuvor den Gervasius und Protasius, zwei Brüder in dieser Stadt, zwingen, daß sie unsern heiligen Göttern opfern. Denn unsere Götter sind über die von denselben erlittene Verachtung so erzürnt, daß sie weder Orakelsprüche erteilen, noch auf gestellte Fragen Antwort geben.“

Auf diesen Bericht ließ Anastasius sich die Brüder vorführen und herrschte sie an: „Ich höre, daß ihr Feinde unserer Götter seid und ihnen die schuldige Anbetung verweigert, weshalb sie uns zürnen und dem Wohle des Staates nicht mehr günstig sein wollen; ihr müßt ihnen opfern, damit wir die Barbaren besiegen und unsere Provinzen von ihren Grausamkeiten befreien können.“
Gervasius entgegnete, daß man nur von Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erde, den Sieg erwarten könne und nicht von toten Götzen, welche Augen haben und doch nicht sehen, Ohren und doch nicht hören, eine Nase und doch nicht riechen, einen Mund und doch nicht sprechen, einen Leib ohne Eingeweide.

Anastasius nahm diese Rede für eine Gotteslästerung und befahl, ihn zu geißeln und zu töten, was sogleich vollzogen wurde. Dann sprach er zu Protasius: „Öffne deine Augen, Elender, und zwinge uns nicht, dich auch zu töten.“ Protasius: „Wer von uns Beiden ist der Elendere, ich, der ich nichts fürchte, oder der, der du mich fürchtest?“

Anastasius: „Wir darfst du so frech sein und sagen, daß ich dich fürchte?“

Protasius: „Ich rede die Wahrheit; denn wenn du mich nicht fürchtetest, würdest du nicht so in mich dringen, den Göttern zu opfern, um deinen Feldzug glücklich zu beenden; du würdest dir nicht einbilden, daß meine Weigerung dir schaden könne: ich, der ich keinen andern Gott kenne, als jene höchste Majestät, die im Himmel thront, ich achte deine Drohungen gar nicht und ehre deine toten Götzen so wenig als den Gassenkot, der mit Füßen getreten wird. „
Anastasius befahl, ihn mit Bleistöcken grausam zu schlagen, und schrie den Halbtoten noch an: „Du Tor, willst du noch länger in deinem Stolz und Trotz verharren? Wie? Du willst also, daß ich dich töte wie deinen Bruder?“

Der heilige Märtyrer antwortete milde und sanft: „Ich kann nicht sterben, weil ich für Jesus Christus leide; es ist ein unendliches Glück für mich, daß ich um des Bekenntnisses seines Namens willen mein Leben hinopfern kann: du hingegen verdienst Mitleiden wegen deiner Verblendung, daß du den wahren Gott nicht kennst, welcher der Urquell aller Güter ist, und ohne dessen Hilfe du nur ewige Qualen zu erwarten hast: weit entfernt, dir zu zürnen oder Übles zu wünschen, ahme ich meinen Herrn Jesus nach, der für diejenigen betete, die Ihn kreuzigten; ich bedaure dein Unglück und flehe seine Barmherzigkeit für dich an, weil du nicht weißt, was du tust.“ –

Anastasius hatte kein Herz für solche Liebe und befahl, ihm sogleich den Kopf abzuschlagen.
Und ich, Philipp, Diener Jesu Christi, als ich die heiligen Leiber öffentlich ausgesetzt sah, trug sie mit meinem Sohne des Nachts in mein Haus ohne andere Zeugen als Gott, der Alles sieht. Dann begrub ich sie in diesem Marmor-Sarg, in der Hoffnung, durch die Fürbitte der glorreichen Märtyrer die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesu Christi zu erlangen, der mit dem vater und dem heiligen geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Um die Echtheit dieser Reliquien zu prüfen, wurden sie drei Tage öffentlich ausgesetzt. Scharenweise schleppten sich die Kranken und Preßhaften herbei und erlangten wunderbar die Gesundheit, so daß der hl. Ambrosius bei der prachtvollen Feierlichkeit ihrer Beisetzung in der neuen Kirche ausrufen konnte: „Ihr habt gesehen, wie viele von den bösen Geistern befreit wurden, wie viele, nachdem sie mit ihren Händen das Kleid der Heiligen berührt hatten, von ihren Leiden geheilt waren. Die Wunder der alten Zeit haben sich wieder erneuert; ihr sehet selbst solche, die durch den bloßen Schatten der heiligen Leiber gesund geworden sind. Und wie viele Schweißtücher wurden auf sie gelegt, mit wie vielen Kleidungsstücken wurden diese heiligen Reliquien angerührt, damit sie durch die Berührung Heilkraft bekommen.“

Der hl. Augustin hielt zu Hippo am Jahrestag der Auffindung der Heiligen eine Rede an das Volk, worin er sagte: „Wir feiern heute das Andenken an die Übertragung der hl. Gervasius und Protasius, der Märtyrer von Mailand, von deren Verherrlichung ich damals selber Augenzeuge war. Ich selber war in Mailand, ich sah die dort geschehenen Wunder; ich sah das Zeugnis Gottes für den kostbaren Tod seiner Heiligen, damit durch jene Wunder ihr Tod nicht bloß im Angesicht des Herrn, sondern auch vor den Menschen kostbar erscheine…“

Die Verehrung dieser Heiligen verbreitete sich allgemein: in allen Ländern finden sich Kirchen auf ihren Namen geweiht, und von der ganzen Christenheit werden sie „in der Litanei zu allen Heiligen“ um ihre Fürbitte angerufen. –
aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 467-469

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