Die christliche Tugend des Eifers im Guten

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Die den Hauptsünden entgegen gesetzten Tugenden

Über die christliche Tugend des Eifers im Guten

7. Der Eifer in Guten ist entgegen gesetzt dem Laster der Trägheit, insbesondere der Trägheit im Dienste Gottes oder der Lauheit. Diese Tugend entspringt aus der Liebe zu Gott, gehört mit zu den schönsten Früchten derselben und besteht darin, daß wir willig und freudig Gott dienen, seine Ehre nach Kräften befördern und alle unsere Pflichten getreu erfüllen. Der Eifer im Guten gleicht einem Feuer, welches auf dem Weihaltar des Herzens brennt, dessen Flamme stets in die Höhe steigt, fort und fort um sich greift und endlich das ganze Herz erfaßt, durchglüht und von allen Schlacken irdischer Gesinnung reinigt. Der hl. Borromäus vergaß ganz und gar sich selbst, wenn es galt, etwas Gutes für den Himmel zu tun und im Dienste Gottes zu arbeiten. Zur Zeit des vierzig stündigen Gebetes beharrte er volle 40 Stunden ohne Schlaf und ohne Speise und Trank im Hause Gottes und brachte diese Zeit mit dem Lesen der heiligen Messe, mit Predigen und Gebet hin. Nach seiner Aussage fühlte er während dieser zeit nicht die geringste Anwandlung von Hunger; er konnte mit dem göttlichen Heiland sagen: „Meine Speise ist, den Willen Gottes zu tun, der mich gesandt hat, um sein Werk zu vollbringen.“

Die heilsame Wirkung dieser von der göttlichen Liebe selbst angefachten und genährten Flamme des heiligen Eifers bleibt aber nicht im Herzen verschlossen; sie teilt sich allen Fähigkeiten der Seele, dem ganzen Menschen mit. Von ihr erleuchtet, betrachtet der Verstand unermüdlich die Wahrheiten des Heils; von ihr erwärmt, gedeihen alle Tugendkeime des Willens und treiben, wie Pflanzen an der Frühlings-Sonne, unverweilt die herrlichsten Knospen und Blüten; durch sie geläutert, entsagt die Seele dem niederdrückenden Sinnenleben und erschwingt sich zur Sehnsucht nach Gott und den himmlischen Gütern. Durch diese innere Verklärung gewinnt das ganze Leben des Menschen eine wunderbare Rührigkeit und Strebsamkeit in Bezug auf alles, was Gott wohlgefällig ist. Mit nie sich verleugnender Bereitwilligkeit, mit Freude und Behendigkeit dient der eifervolle Christ seinem Herrn und Gott; mit unverbrüchlicher Treue im Kleinen wie im Großen erfüllt er dessen heiligsten Willen. Mag auch das Opfer, welches die Ehre Gottes von ihm fordert, noch so groß, mag der Widerspruch der verderbten Natur noch so laut und gebieterisch, mögen die allseitigen Beschwerden noch so erheblich sein: der eifrige Christ wird das Opfer bringen. –

Als der edle Priester Mathathias die durch syrische Machthaber veranlaßte Entweihung des Tempels zu Jerusalem und der heiligen Gefäße und die Schändung des Sabbat sah, da ergriff ihn flammender Eifer für die Ehre des Allerhöchsten. Er konnte diesen empörenden Anblick nicht länger ertragen und entschloß sich, auf die Gefahr hin, seine Güter und sein Leben zu verlieren, die Stadt zu verlassen. „Wer immer“, so rief er in der Stadt mit lauter Stimme aus, „wer immer Eifer für das Gesetz hat und den Bund aufrecht hält, der ziehe aus, mir nach!“ (1. Mach. 2, 27) Auf ähnliche Weise ist auch der eifrige Christ immerdar bereit, für die Ehre und Verherrlichung Gottes einzustehen, das reich Gottes nicht nur in seinem eigenen Herzen mehr und mehr zu begründen, sondern ihm auch in den herzen anderer Eingang zu verschaffen; keine Mühe, keine Anstrengung ist ihm zu groß, keine zu langwierig, wenn es gilt, eine Seele für Gott zu gewinnen.

Der soeben beschriebene Eifer darf jedoch nicht verwechselt werden mit der gefühlvollen Andacht und Freudigkeit, wodurch Gott zuweilen selbst Anfänger in seinem heiligen Dienst beglückt, um dieselben der weltlichen Freuden und Genüsse überdrüssig zu machen und an sich zu fesseln. Diese wonnevollen Gefühle gehen vorüber, der wahre Eifer hingegen bleibt; er bleibt selbst dann, wenn Gott zur Prüfung und Läuterung der Seele statt der Tröstungen Unlust, statt der Erleuchtungen Finsternis des Geistes, statt der wonnigen Andachtsgefühle Ekel und Überdruß zuläßt; der wahre Eifer bleibt auch in solchen Zuständen innerer Verlassenheit und Geistesdürre, weil er nicht im Gefühl, sondern im Willen seinen Sitz hat. Der eifrige Christ wird bei solchen Seelenleiden nicht verzagen, vom Gebet und von den Übungen der Frömmigkeit und der Selbstüberwindung nicht ablassen; er wird geduldig ausharren und wie Jesus bei seiner Todesangst im Ölgarten zum Himmel flehen: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Matth. 26, 39)

Durch einen solchen Eifer im Guten zeichneten sich alle Heiligen aus. Sie schöpften denselben hauptsächlich aus der häufigen Betrachtung der Majestät und Güte Gottes, der bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi, der himmlischen Belohnungen sowie aus der eingehenden Erwägung anderer Glaubens-Wahrheiten, von denen eine einzige, wenn recht erfaßt, hinreichen würde, auch in uns einen ähnlichen Eifer zu entfachen und dauernd zu unterhalten. An solchen Betrachtungen lassen wir es leider allzu sehr fehlen; darum fühlen wir uns zur Übung der Tugend so lau und träge. Fangen wir einmal an, wenn nicht täglich, so wenigstens jeden Sonntag, durch betrachtendes Gebet oder durch eine erbauliche Lesung uns in die großen Wahrheiten unseres heiligen Glaubens zu vertiefen, und wir werden bald erfahren, wie der Eifer im Guten sich mehr und mehr in uns entzündet und uns zur Übung jeglicher Tugend anspornt.

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 393-395

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