Ewiger Ratschluss der Menschwerdung Gottes

Weihnachten Jesus Christus als Kind in der Krippe von Engeln umgeben, rechts und links davon Blumengirlanden mit der Banderole Ehre sei Gott in der Höhe

Der ewige Ratschluss der Menschwerdung Gottes

Die unzähligen herrlichen Möglichkeiten zu erkennen, wem und wie die göttliche Güte sich mitteilen kann, war nur ein Teil der Beschäftigung im vorweltlichen Leben Gottes und des Wortes. Ein anderer Teil bestand in den verschiedenen Ratschlüssen und Wahlen, diese Mitteilungen an die Kreatur zu verwirklichen. Alles, was in der Zeit an solchen Mitteilungen erflossen in der Ordnung der Natur, der Gnade und Glorie, wurde in der Ewigkeit bestimmt und festgesetzt, auch die höchste und letzte aller Mitteilungen über Gnade und Glorie hinaus, nämlich die Mitteilung einer göttlichen Person an eine Kreatur. Dieser ewige Ratschluss ist der Gegenstand dieser Betrachtung.

Welches der Gegenstand dieses Ratschlusses war.

Der Ratschluss bestand darin, daß die zweite Person in der heiligsten Dreifaltigkeit in der Zeit eine wesentliche Verbindung eingehen sollte mit einer bestimmten menschlichen Natur, oder vielmehr dieselbe erheben sollte zu einer wesentlichen Vereinigung mit sich.

Wer diese Menschennatur annehmen sollte, war also die zweite Person in der heiligen Dreifaltigkeit, nicht die erste und nicht die dritte. Die Gründe, auf welche diese Wahl sich stützte, möchten wohl folgende sein: Die zweite Person ist das Wort, und zwar das innere wesentliche Wort Gottes. Die äußere Schöpfung ist auch ein Wort Gottes, aber ein endliches und zufälliges Wort. Dieses zweite Wort wurde durch das erste gesprochen, und zwar nach dessen eigenem Bild. Es war nun entsprechend, daß Ur- und Nachbild sich wesentlich vereinigten und so ein vollkommenes Ebenbild Gottes darstellten, wie es der Gottmensch ist. –

Die zweite Person ist zweitens der Sohn. Weil Gott die Kreatur geschaffen, ist seine Beziehung zu ihr ähnlich der Vaterschaft, und das höchste Ziel der Kreatur das einer gewissen Sohnschaft. Dadurch nun, daß der wahre Sohn Gottes sich mit eine Kreatur wesentlich verband, ist diese wahrer Sohn Gottes und die erste Person ihr wahrer Vater. In dem Gottmenschen erreicht die Kreatur die wahre Sohnschaft, und es war entsprechend, daß diese Sohnschaft ihr mitgeteilt wurde durch den göttlichen Sohn. So findet der Vater durch den Sohn Eintritt in die Kreatur als Vater und die Kreatur Eintritt in den Vater als Sohn. –

Die Menschwerdung des Sohnes Gottes

Die zweite Person ist endlich die Weisheit. Die Weisheit hatte die Welt geschaffen, durch sie musste die Welt wieder hergestellt und vervollkommnet werden. Ebenso hatte der erste Mensch in freventlichem Drang nach Weisheit sich mit der gottfeindlichen Weisheit des Satans verbunden, um die Geheimnisse Gottes sich zu eröffnen. Sehr angemessen war es also, daß er jetzt durch die Verbindung mit der Weisheit Gottes, der Quelle aller Weisheit, diesem herrlichen Ziel zugeführt wurde.

Bezüglich der Natur, welche der Sohn Gottes annehmen sollte, konnte füglich wohl nur die Wahl sein innerhalb der vernunftbegabten Wesen, also die Wahl zwischen der Engel- und Menschennatur. Wie wichtig und folgenreich war für uns doch der Ausschlag dieser Wahl! Für die Engelnatur sprach ihre Vorzüglichkeit, Erhabenheit, Reinheit und ihre Annäherung an Gott. Ebenso konnte die treu gebliebenen Engel die Annahme ihrer Natur von Seiten Gottes trösten, belohnen und sie nach ihrer Niederlage glorreich ergänzen. Für die Annahme der Menschennatur sprach dagegen deren Niedrigkeit. Gott stieg so tiefer in seine Schöpfung hinab und zog und erhob sie zu sich. Zudem faßte die Menschennatur, weil sinnlich-geistig, die zwei großen Reiche der geistigen und materiellen Schöpfung in sich, und somit wurde in ihr gleichsam die ganze Schöpfung in Gott hinein getragen. Ein anderer Grund, gerade sie zu wählen, war Mitleid und Erbarmen über ihren Fall, der erfolgt war durch Verführung von Seiten des gefallenen Engels. So neigte sich denn der Sohn Gottes voll Huld unserer Natur zu, und die Wahl war für alle Ewigkeit entschieden, wie der Apostel sagt: „Die Engel hat er nicht ergriffen, sondern den Samen Abrahams“ (Hebr. 2, 16).

Der Sohn Gottes wählt Armut, Verdemütigung und Tod

Diesem Ratschluss folgten nun noch andere Wahlen. Das ewige Wort wählte sich auch eine bestimmte menschliche Seele, einen bestimmten Leib; es wählte sich seine Mutter, das Volk und den Stamm und die Familie, der es angehören wollte; es wählte sich unsere kleine und unbedeutende Erde als sein Land und seine irdische Heimat; es wählte sich seine Gläubigen, seine Apostel und Genossen der Glorie; es ließ auch die Sünde zu in ihrer schreckenden Gestalt und Macht und wählte ihretwegen den Umweg durch Armut, Verdemütigung und Tod, es wählte Bethlehem und Kalvaria. Das waren die Wahlen, welche das ewige Wort mit dem Vater und dem heiligen Geist traf in aller Vollkommenheit, Freiheit, Bestimmtheit, mit unendlicher Freude über ihre Zahl, Schönheit und Wirksamkeit und mit unendlicher Liebe zu uns. Sie waren ewige und unveränderliche Wahlen und doch auf alle Willkür und Veränderlichkeit des menschlichen Willens berechnet; sie waren wundervoll in der Übereinstimmung mit der Ehre Gottes und mit unserem Wohl; sie waren allen göttlichen Personen gemeinsam und berührten die zweite Person in eigentümlicher Weise. So durchdringt, durchwurzelt, umfaßt und trägt dieser große Ratschluss mit seinen vielen Wahlen gleich einem mächtigen Lebensbaum die ganze Schöpfung, in dem Schatten seiner Riesenkrone ist Wohnung für das ganze Volk der Auserwählten. Diese Wahlen begründeten unser Heil und werden ewig der Gegenstand unserer Freude im Himmel sein.

Welches die Beweggründe dieses Ratschlusses waren

Die Beweggründe sind vornehmlich zwei.

Erster Beweggrund: Erlösung des Menschengeschlechtes

Der erste Beweggrund besteht in der Aufgabe des Gottmenschen oder in dem äußeren Zweck der Menschwerdung. Es ist dieses tatsächlich und anerkanntermaßen die Erlösung des Menschengeschlechtes. Nichts ist von den heiligen Vätern, in der Heiligen Schrift und in in den Worten des göttlichen Heilandes deutlicher und öfter ausgesprochen als dieses. Er sagte es ja selbst, er sei gekommen, zu suchen, was verloren war (Luk. 19, 10), sein Leben zu geben für viele (Matth. 20, 28), überhaupt sein Volk zu retten (Matth. 1, 21), und wie unsere heilige Kirche im Glaubensbekenntnis so kräftig sagt: Für uns und unser Heil ist er vom Himmel gestiegen. Damit stimmt auch die ganze Einrichtung und Veranstaltung in der Natur und im Leben des Gottmenschen, sein Leiden und sein Tod und alle Umstände seines Lebens. Ja manche heilige Väter und große Gottesgelehrte sagen, die Menschwerdung hätte nicht stattgefunden ohne den Sündenfall. Nach ihnen ist also der tatsächliche und vollgültige Grund derselben die Erlösung gewesen oder die übergroße Barmherzigkeit Gottes, sein Wille, unserem Hauptübel, der Sünde, abzuhelfen. In der Tat leuchtet in diesem Grunde die Barmherzigkeit wunderbar auf, indem sie die Unbill mit einer so großen Wohltat vergilt, aus einem so entsetzlichen Übel so viel Gutes und Herrliches hervor gehen läßt und selbst in der Voraussetzung der Sünde sich zu dieser größten aller Wohltaten entschließt, also auf die vollkommenste Art sich offenbart.

Zweiter Beweggrund: Größe und Herrlichkeit des Gottmenschen

Ein zweiter Beweggrund lag in der Größe und der Herrlichkeit des Werkes selbst, weil das Ergebnis desselben eben der Gottmensch ist, somit die Liebe Gottes zum Gottmenschen. In der Tat schließt die Heilige Schrift diesen Beweggrund nicht aus, und große Gottesgelehrte sagen, es liege kein Widerspruch darin, daß Gott mehrere, verschiedene, vollgültige Beweggründe haben konnte, von denen jeder für sich genügte zur Vollführung des Werkes. Ja sie gehen noch weiter und sagen, es sei die Rücksicht auf die Größe und Herrlichkeit des Werkes, nämlich den Gottmenschen, der erste und vorzüglichste Beweggrund gewesen, so daß, wenn Adam auch nicht gefallen wäre, Gott doch aus Rücksicht auf diesen Grund das Werk der Menschwerdung vollbracht hätte, weil eben Christus größeren Wert hat als alle Geschöpfe zusammen, und weil Gott ihn somit mehr liebte als alles andere. Wenn der Gottmensch bloß aus Veranlassung der Sünde und zur Abhilfe gegen die Sünde gekommen wäre, verlöre er die große Bedeutung, die er in sich hat, und sänke gleichsam auf die Stufe der zufälligen Wesen herab. Das ist aber der Heiland keineswegs, und bei dieser Gelegenheit nun entwickeln die Gottesgelehrten, die dieser Ansicht folgen, ihre großartige Anschauung über die Größe und Herrlichkeit des Gottmenschen. Sie sagen, der Gottmensch sei das erste Wesen gewesen, das Gott außer sich gedacht und gewollt. Deshalb richtete er den Gottmenschen so ein, daß er in seinem Wesen alle Ordnungen und Arten von Geschöpfen und alle Herrlichkeiten der Mitteilungen Gottes an die Geschöpfe in sich faßte, und alle Schätze der Natur, der Gnade und Glorie und selbst die Mitteilung der göttlichen Natur vermittelst der Verbindung mit der zweiten Person in der Gottheit in sich begriff. Alle andern Wesen, seien es rein materielle oder rein geistige oder sinnlich-geistige, seien nicht bloß für ihn, sondern auch nach ihm geschaffen und seien bloß teilweise Abbilder seines Wesens und Träger eines Teiles seiner Herrlichkeit.

Der Grund dieser Annahme ist, weil Gott nicht, wie wir, beim Denken und Schaffen vom Einzelnen zum allgemeinen steigt, sondern im allgemeinen gleich alles Einzelne erfaßt und bestimmt. Zudem ist die Würde des Gottmenschen wegen der persönlichen Vereinigung mit Gott so groß, daß man ihm billig alles einräumen kann und muss, was dem Glauben und der Vernunft nicht widerstreitet, namentlich wenn sich dazu genügender Anhalt in der Offenbarung findet. Einen solchen Anhalt aber glaubt man darin zu finden, daß der Gottmensch in der Schrift „der Erstgeborene der Kreatur“ genannt wird, für den alles geschaffen ist… damit er in allem den Vorrang habe, weil es gefallen hat, daß in ihm alle Fülle sei (Kol. 1, 15. 18. 19), er sei der Erbe von allem (Hebr. 1, 2), der Sproß des Herrn (Is. 4, 2; Jer. 23, 5), also gleichsam die Blüte des ganzen Schöpfungs-Gedankens. Es gibt gewiß nichts Großartigeres und Herrlicheres als diese Anschauung vom Gottmenschen. Er ist so gleichsam der erste Schritt Gottes nach außen, der Anfang seiner Wege, der Auf- und Grundriss des ganzen Schöpfungs-Planes, er ist das Ur- und Zentralgeschöpf, das Vorbild und Ziel aller Geschöpfe. Alles, die materielle Welt, die Engel- und Menschenwelt, gruppiert sich um den Gottmenschen wie die Planeten um die Sonne, erhält von ihm seine Herrlichkeit und Schönheit und Bedeutung; er ist Regel und Richtschnur aller Werke Gottes.

Was aus dieser Betrachtung der Menschwerdung Gottes folgt

Vor allem schickt es sich wohl, daß wir die Größe und Herrlichkeit dieses Ratschlusses bewundern. Es ist sicher die schönste aller Ideen Gottes, der herrlichste seiner Ratschlüsse, ein Abriß und Inbegriff all seiner Schöpfungsgedanken. Es gibt keinen andern schöpferischen Gedanken Gottes, in dem der Reichtum der göttlichen Weisheit, Macht und Güte sich so glorreich widerspiegelt, mag er nun vor oder nach der Vorhersehung und Zulassung der Sünde gefaßt worden sein (Ps. 39, 6; Röm. 11, 34)

Zweitens müssen wir der heiligsten Dreifaltigkeit danken sowohl ihretwegen, weil sie sich durch diesen Ratschluss so verherrlicht, als auch des Heilandes wegen, weil derselbe all seine Größe begründet, und unseretwegen, weil er auf das innigste mit uns verknüpft ist. Unser Glück, unser Heil, unsere Größe und unsere Vorherbestimmung ist in der Vorherbestimmung Jesu entschieden. –

Auch der zweiten Person in der Gottheit insbesondere müssen wir danken, weil sie sich zur Verbindung mit unserer Natur verstanden und angeboten. Es liegt darin eine eigentümliche und innige Beziehung unserer Natur zur zweiten Person in der Gottheit. Die Kirche dankt dem Sohne Gottes im Te Deum so rührend, „daß er den Schoß der Jungfrau nicht gescheut“. Und weil die göttliche Weisheit selbst von sich sagte, es sei ihre Freude gewesen, bei den Menschenkindern zu sein (Spr. 8, 31), so können wir ihn in einem besonderen Sinne den großen Freund der Menschen nennen.

Endlich ist es angemessen, recht oft an diesen ewigen Ratschluss zu denken und ihn der heiligen Dreifaltigkeit vorzuhalten. Es liegt ein großer Trost in dieser Wahrheit, eine unerschöpfliche Quelle von Mut in aller Traurigkeit und eine besondere Kraft der Erhörung für unsere Bitten, die Personen der heiligen Dreifaltigkeit an diesen großen Ratschluss ihrer Güte und Barmherzigkeit zu erinnern, der uns in allem reich gemacht hat. – Besonders in der Adventszeit ist es passend, oft mit Andacht an dieses Geheimnis zu denken und mit Johannes dem Evangelisten unser Auge zu erheben und das Wort „Im Anfang“ und im Schoße des Vaters zu betrachten, von Ewigkeit dazu bestimmt, einst das Kind von Bethlehem zu sein. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 27 -S. 32

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