Art und Weise den Maimonat zu begehen

In der Mitte des Bildes sitzt Maria, umrankt von Kletterpflanzen; sie hält ihren Sohn Jesus, der bei ihr auf einem Polster steht; rechts stehen und knien Mädchen, geschmückt mit Blumenkränzen im Haar; sie singen und bringen der Muttergottes Blumen; auf der linken Seite sieht man zwei Jungen, die knien und ebenfalls singen; ein Bursche kommt gerade durch das Gartentor hinzu

Der katholische Mai – Art und Weise den Maimonat zu begehen

Die erste und wohl die angemessenste und schönste Übung für den Maimonat besteht darin, das Leben der Mutter Gottes betrachtend durchzugehen. Wir können, da das Leben des Heilandes mit seinen Hauptgeheimnissen im ersten Teil des Kirchenjahres bereits an uns vorbei gegangen ist, es wieder durchnehmen und genießen in seinem schönsten und liebenswürdigsten Gegenbild, in dem Leben Marias, der Jüngerin, Magd und Mutter, die dem Herrn so treu zur Seite ging und wie niemand anders die Tiefe und Herrlichkeit seines Lebens in sich aufgenommen und widergespiegelt hat. Ja vielleicht wird uns das Leben des göttlichen Erlösers in dieser neuen und leiblichen Beleuchtung und unter dem Gnadeneinfluss der Mutter Gottes viel leichter und mächtiger anmuten und anregen. Das Leben Marias ist ja auch an und für sich der schönste Mai, viel schöner als der Mai draußen in der Natur und schöner selbst als der erste Erdenfrühling, der unsern Stammeltern in der seligen Zeit des Paradieses aufgegangen ist. Der Urheber und Begründer dieses schönen Paradiesgartens ist der himmlische Vater, der ihn zu seiner Lust und zum Frommen der Welt angelegt hat; die Sonne, die da so mächtig strahlte, nie unterging, ungesehenen Reichtum und unübertroffene Lieblichkeit hervor zauberte, ist der Heilige geist, der sich in dem Garten wohl gefiel und die herrlichen Muster des neuen Lebens in nie gesehener Pracht und Herrlichkeit darin auslegen wollte; die Blumen dieses Maigartens sind die vielfachen und köstlichen Tugenden und Heilswerke, die unter dem himmlischen Gnadentau und Sonnenweben hervor gingen; die Frühlingsfalter und trauten Vögelein, die das stille Paradies belebten, waren die heiligen Engel und Geister des Himmels, die, angezogen von dem Reiz des Maigartens, unentwegt ihm zuflogen und in seinen Blumenzelten ihre Wohnung aufschlugen; die hehre, kostbare Frucht des Paradieses ist Jesus Christus, der wahre Lebensbaum, der die ganze Welt beschattet und in seinen weiten, mächtigen Wipfeln das ganze Volk der Auserwählten beherbergt. In diesem lieblichen Maigarten nun jeden Tag eine Weile lustwandeln und sich von dem Lebensduft anhauchen lassen, ist gewiß die entsprechendste und lohnendste Übung der Maiandacht.

Die zweite Übung ist ein Einblick und eine kurze Einkehr in den Garten unseres eigenen Herzens, um es möglicher Weise auch in einen Maigarten zur Ehre und Freude der Mutter Gottes umzugestalten. Halten wir also nun ein wachsameres Auge auf unsere Untugenden und machen wir Jagd auf unsere Fehler (Hohel. 2, 15). Wenn wir jeden Tag ein Unkräutlein aus unserem Herzen ausjäten, wird es der Mutter Gottes sehr angenehm sein. Dafür pflanzen wir Tugenden, die Maria besonders lieb sind, wie Reinheit, Geduld, Sanftmut, Frömmigkeit, Nächten- und Gottesliebe. Die Tugenden pflanzen sich aber am besten und leichtesten durch gute Werke, mit denen wir der Mutter Gottes Freude machen. Das gute Werk, oft getrübt, erstarkt zur Tugend und streut den Samen neuer Gnaden, neuer Heilswerke und Tugenden in unser Herz. Tugenden und gute Werke aber sind die edle Frucht des Gebetes. Durch Selbstüberwindung, Tugendübung, Gebet wird unser Herz ein Maigarten; Unordnung, freundlose Brach- und Wildstellen werden nach und nach der Zier eines reichen, christlichen Lebens Platz machen.

Eine Erweiterung dieser Übung besteht drittens darin, daß wir in unserer Nähe und Nachbarschaft Umschau halten, ob nicht vielleicht einem unserer Mitmenschen die Übung der Maiandacht gut bekommen könnte, un daß wir ihn auf gute Weise dafür zu gewinnen suchen. Wenn wir zur Ehre der Mutter Gottes alle Christenherzen und die ganze Welt zum Maigarten umgestalten und ihr den Gnadensegen dieser schönen Andacht zuwenden könnten, wie schön und wie lohend wäre das! Tragen wir wenigstens im gebet dem lieben Gott und seiner heiligen Mutter dieses Verlangen vor, und sagen wir ihr jeden Tag, daß wir uns im Geiste an allen Ehrungen und Liebesbezeigungen, welche die katholische Welt ihr im Maimonat zu Füßen legt, beteiligen, daß wir wünschen, es möchten deren hundert- und millionenfach mehr sein, und bitten wir die seligste Jungfrau, sie möchte der katholischen Kirche und der ganzen Welt die Maifeier in hundertfachen Gnaden und Segnungen zugute kommen lassen. Die Maienkönigin soll sich nicht von uns abwenden, ohne ihren besten Segen zurück gelassen zu haben.

Das dürften die Übungen sein, die unsere Maiandacht fruchtbar für uns an Gnaden und reich an Ehre und Freude für die Mutter Gottes zu machen vermögen. Machen wir uns also ans Werk! Es gilt einer allverehrten Königin und einer geliebten Mutter! Der katholische Mai ist ein unermesslicher Ehrenkranz, gewoben aus den Gebeten der Christenheit, ihren Gesängen und guten Werken, gewoben aus der millionenfachen Zier von Ehrungen und Liebesbeweisen. Wie schön, wenn allabendlich die Engel der Himmelskönigin das Tagewerk der Liebe und Verehrung der Erde darbringen, wenn sie das Auge unserer himmlischen Mutter hinlenken auf die einzelnen Liebesspenden ihrer Schutzbefohlenen und Kinder, wenn sie auch unsere Namen nennen und für die kleinen Bemühungen unserer Andacht und Liebe uns eine Erwiderung der Huld und des Dankes aus dem Herzen der Himmelskönigin erwerben! Ist dann der Tag nicht gut zugebracht und alle Mühe reichlich belohnt? –
aus: Moritz Meschler SJ, Aus dem katholischen Kirchenjahr, Erster Band, 1919, S. 342 – S. 344

Bildquellen

  • bitschnau-maria-maienkoenigin: Bildrechte beim Autor

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