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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Jansenismus

Jansenismus, von Kornelius Jansenius dem Jüngeren und seinem Freund Du Vergier begründete religiöse Reformbewegung, die sich im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts zu heftigem Widerspruch gegen Lehramt und Tradition der Kirche entwickelte. Sie sollte eine Reaktion auf die nachtridentinische Theologie und den damals in Frankreich herrschenden religiösen Humanismus sein. Jansenius wollte brechen mit der zeitgenössischen, im großen Gnadenstreit auf verschiedenen Schulen festgelegten Theologie, namentlich der der Jesuiten, und redete einer Wiederaufnahme der nach seiner Meinung von der Scholastik mißverstandenen oder vernachlässigten Ideen des hl. Augustinus über Gnade und Freiheit das Wort. Als Aufgabe Du Vergiers sah der Reformplan („Pilmot“) die Anbahnung einer strengeren Auffassung vom praktischen Christentum vor.

Das theologische Vermächtnis des Jansenius, sein „Augustinus“, erneuerte die Irrtümer des Bajus von der Natürlichkeit der Urstandsgnaden und entwickelte aus angeblich augustinischen Grundideen einen Aufsehen erregenden theologischen Pessimismus. Nach Jansenius steht der durch den Sündenfall unfrei gewordene menschliche Wille so lange unter dem unüberwindlichen Einfluß der Lust zum Bösen (Konkupiszenz), als diese nicht durch die Lust zum Guten (Gnade) überwunden wird. Die stärkere (delectatio relative victrix) entscheidet. Im Gegensatz zur katholischen Lehre von der gratia sufficiens, deren Existenz bestritten wird („gratia parva“), nimmt Jansenius die Unwiderstehlichkeit wie der Konkupiszenz, so auch der Gnade an. Durch seine Beziehungen und seine Tätigkeit als Spiritual des Klosters Port Royal gewann Du Vergier für die dogmatischen Anschauungen des Jansenius und seine eigenen rigoristischen Grundsätze in Seelenleitung und Sakramenten-Empfang einen einflußreichen Kreis von Anhängern, die sich besonders für die Verteidigung des „Augustinus“, auch gegenüber dem päpstlichen Druckverbot von 1640 und der Bulle In eminenti (1642), einsetzten, an ihrer Spitze A. Arnauld, dem später Bl. Pascal und P. Nicole zur Seite traten. So bildete sich die Partei der Jansenisten. Ihre Führer, die „Einsiedler“ von Port-Royal, der Hochburg und Akademie des Jansenismus, nahmen u.a. durch ihre Schöngeistigkeit und religiöse Salbung, einen Großteil des gebildeten Frankreich für sich ein, darunter mehrere Bischöfe und zahlreiche Sorbonnisten; auch die Universität Löwen geriet zeitweilig in den Bann des Jansenismus. Auf Betreiben des hl. Vinzenz von Paul erbaten 85 Bischöfe 1651 eine lehramtliche Entscheidung des Papstes. Nach langer Untersuchung zensurierte Innozenz X. durch die Bulle Cum occasione von 31.5.1653 als wesentliche Irrtümer des Jansenius die Sätze:

1) einige Gebote Gottes können selbst von gutwilligen Gerechten nicht gehalten werden; diesen fehlt auch die Gnade, durch die sie erfüllt werden könnten;
2) im Zustand der gefallenen Natur kann der Mensch der inneren Gnade nicht widerstehen;
3) Verdienst und Mißverdienst des Menschen erfordert gegenwärtig nicht Freiheit von innerem Zwang, sondern von äußerer Nötigung;
4) es ist ein Irrtum der Semipelagianer, daß der Mensch der inneren Gnade folgen oder widerstehen könne;
5) es ist semipelagianisch zu sagen, Christus sei für alle Menschen gestorben.

Die Jansenisten erkannten zwar für diese Sätze einen häretischen Sinn an (quaestio juris), sprachen sie aber in dieser Form dem Jansenius ab (quaestio facti); sie erklärten sich deshalb nicht zu innerer Zustimmung zur päpstlichen Entscheidung, sondern höchstens zu „ehrerbietigem Schweigen“ bereit. Durch diese Unterscheidung in der Auseinandersetzung um die verurteilte „Quintessenz“ des Jansenismus schufen sich die Wortführer des Jansenismus eine Möglichkeit, auch gegenüber der päpstlichen Zensurierung die Orthodoxie des „Augustinus“ aufrecht zu erhalten und sich der Unterwerfung zu entziehen, während Pascal durch seine „Lettres provinciales“, eine Satire von außerordentlichem Erfolg, die Moral der Jesuiten angriff und damit den Schwerpunkt der Fragen verschob. Nach vorübergehender Beilegung des Konfliktes unter Klemens IX. („Klementinischer Friede“ v. 19.1.1669) entbrannte der Streit 1701 von neuem anläßlich des Gewissensfalles, ob ein geistlicher absolviert werden könne, der hinsichtlich der quaestio facti nur das „silentium obsequiosum“ beobachten wolle. Klemens XI. verneinte in der Bulle Vineam Domini v. 16. 7.1705 die Frage und bestätigte die dogmatischen Erlasse seiner Vorgänger. Paschasius Quesnel, seit Arnaulds Tod 1694 der Führer des Jansenismus, hatte zudem in den „Moralischen Reflexionen“ die altjansenistischen Auffassungen in pathetischer, scheinbar tief religiöser Form vertreten und in Frankreich verbreitet. Klemens XI. verwarf 8.9.1713 durch die Bulle Unigenitus 101 Thesen Quesnels. Nun organisierte sich gegen die Annahme der Bulle und ihre Verteidiger, die „Akzeptanten“, die Partei der „Appellanten“ unter Beitritt von 12 Bischöfen, 1716-1728 auch des Erzbischofs Noailles von Paris, der Sorbonne, der Universität Reims und Nantes, sowie der Parlamente, um ein allgemeines Konzil gegen den Spruch des Hl. Stuhles zu verlangen. Mit unzähligen Broschüren und der Wochenschrift Nouvelles ecclésiastiques (Paris und Utrecht 1728ff) wurde der Widerstand gegen die Bulle genährt. Die entschiedene Gegnerschaft des französischen Hofes wider die Appellanten seit 1720, das Eingreifen der Kardinäle Bissy, G. Dubois und A.H. Fleury, die Tätigkeit hervorragender Theologen, vorab des greisen H. de Tournely, verhinderte den Ausbruch einer großen Kirchenspaltung. In der Folge verflachte der Jansenismus zunehmend (Konvulsionäre), so daß er sich fortan eigentlich nur durch ein Zusammengehen mit dem Gallikanismus und durch seine Feindseligkeit gegen die Jesuiten, seine Hauptgegner, erhielt. – In Holland bildete sich durch Aufstellung des Kornelius Steenhoven als Erzbischof v. Utrecht 1723 und durch Errichtung der Bistümer Haarlem 1742 und Deventer 1758 die schismatische Kirche von Utrecht. Im 18. Jahrhundert suchten deutsche Protestanten eine Verbindung mit den Appellanten aufzunehmen; im katholischen Deutschland zeigten sich nach 1750 Sympathien für die Sache des Jansenismus (Hauptvertreter in Österreich und Franken; Tätigkeit des Agitators Graf Dupac de Bellegarde); zahlreiche jansenistische Literatur wurde übersetzt. Joseph II. setzte 1781 die Bulle „Unigenitus“ für die österreichischen Erblande von sich aus außer Kraft. – In Italien machten sich Bischof Ricci und die Synode von Pistoia jansenistische Forderungen zu eigen; der Jansenismus hatte zeitweise selbst im Kardinalskollegium Gönner.

Die jansenistische Bewegung hat bedeutende Geister in ihren Bann gezogen und mit religiösem Enthusiasmus erfüllt, durch ihre schroffe Gnadenlehre aber und ihren Rigorismus in Moral und Aszese Scharen von Gläubigen der Kirche und dem Christentum entfremdet. Die Überbietung der altchristlichen Bußstrenge durch den Jansenismus bewirkte keinen Fortschritt, sondern einen Rückgang der Religiosität, vor allem des Sakramenten-Empfanges. Erschütterung der kirchlichen Autorität und weitgehende Gewissens-Verwirrung waren unmittelbare Folgen der Streitigkeiten. Damit hat der Jansenismus faktisch der antireligiösen Aufklärung vorgearbeitet. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. V, 1933, Sp. 275 – Sp. 277

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