Was man unter dem Wort Übel verstehe

Römischer Katechismus nach dem Konzil von Trient

Sechszehntes Hauptstück:
Von der siebenten Bitte: „Sondern erlöse uns von dem Übel

Was man unter dem Wort „Übel“ verstehe

und was diese Bitte bedeute.

Übel bedeutet an dieser Stelle die Sünde und ihre Ursachen, und Alles, was der Seele Nichts nutzt.

1. Nun folgt die Bedeutung und der Inhalt dieser Bitte, damit die Gläubigen erkennen, daß wir hier nicht schlechthin darıım bitten, von allen Übeln erlöst zu werden; denn es gibt Manches, was man insgemein für ein Übel hält, was aber dennoch denen heilsam ist, die es erdulden, wie z. B. jener „Stachel”, der dem Apostel gegeben war, damit unter dem Beistande der Gnade Gottes „die Tugend in der Schwachheit vollendet würde“. Dies erfüllt die Frommen, wenn sie jene Wirkung erkannt haben, mit der größten Freude; so weit sind sie entfernt, Gott um Abwendung desselben zu bitten. Wir bitten daher um Erlösung von solchen Übeln, die der Seele keinen Nutzen bringen können, keineswegs von den übrigen, sobald nur daraus irgend eine heilsame Frucht zu ziehen ist. Dieses Wort hat mithin im Allgemeinen die Bedeutung, daß wir, erlöst von der Sünde, von der Gefahr der Versuchung, von den inneren und äußeren Übeln befreit werden möchten; daß wir sicher seien vor Wasser, Feuer und Blitz; daß der Hagel den Früchten nicht schade; daß wir durch Teuerung, Aufruhr und Krieg nicht heimgesucht werden; wir bitten Gott, daß er Krankheiten, Pest und Verheerung abwende; Bande, Kerker, Verbannung, Verrat, Nachstellungen und alle übrigen Unfälle fern halte, durch welche das Leben der Menschen hauptsächlich erschreckt und geplagt zu werden pflegt; endlich, daß er alle Veranlassung zu Verbrechen und Missetaten von uns abwende. Wir bitten aber nicht bloß um Abwendung des Genannten, was nach Aller Übereinstimmung ein Übel ist, sondern, wir bitten auch, daß das, was beinahe Alle als Güter preisen: Reichtum, Ehrenstellen, Gesundheit, Stärke und dieses Leben selbst, daß das, sage ich, uns nicht zum Bösen und zum Verderben unserer Seele gereichen möge.

Es bestätigt das Feuer des Reinigungs-Ortes.

2. Wir bitten auch Gott, daß wir nicht eines plötzlichen Todes sterben, Gottes Zorn nicht wider uns erregen, nicht die Strafen, welche der Gottlosen warten, zu erdulden haben, nicht im Fegefeuer gepeinigt werden, von welchem wir fromm und andächtig bitten, daß auch Andere befreit werden mögen. Diese Bitte legt die Kirche sowohl in der Messe, als auch in den Litaneien so aus, daß wir nämlich dadurch um Abwendung der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Übel bitten. Nicht auf Eine Weise aber rettet uns die Güte Gottes von den Übeln; denn er hält die bevorstehenden Drangsale ab, wie wir lesen, daß jener große Jakob von den Feinden befreit wurde, welche der Sichemiten Ermordung wider ihn erregt hatte; denn es heißt: „Es fiel Schrecken auf alle Städte rings herum, und sie wagten nicht, die da wegzogen, zu verfolgen“. Und zwar sind alle Seligen, welche mit Christus, dem Herrn, im Himmel herrschen, durch Gottes Hilfe von allen Übeln erlöst; uns aber, die wir uns noch hienieden auf der Pilgerschaft befinden, will er nicht von allen Mühseligkeiten frei sein lassen, sondern er errettet uns nur von einigen.
Indes gilt statt der Erlösung von allen Übeln jener Trost, welchen Gott zuweilen denen gewährt, die von Widerwärtigkeiten bedrängt find. Hiermit tröstete sich der Prophet, als er sprach: „Nach der Menge meiner Schmerzen in meinem Herzen erfreuten Deine Tröstungen meine Seele“. Gott erlöst überdies die Menschen von den Übeln, wenn er, nachdem sie in die äußerste Gefahr geraten sind, sie unversehrt und unverletzt bewahrt, was, wie wir lesen, sowohl jenen Knaben, die in den glühenden Ofen geworfen wurden, als auch dem Daniel widerfuhr, den die Löwen ebenso wenig verletzten, als die Flamme die Knaben versehrte.

Der Teufel wird vorzugsweise der Böse genannt, und ist die erste Ursache alles Bösen. Das Übel der Strafen

3. Der Böse aber wird nach der Meinung des heiligen Basilius des Großen, der heiligen Chrysostomus und Augustinus vorzugsweise der Teufel genannt, weil er der Urheber der Schuld der Menschen, d. h. des Lasters und der Sünde war, und Gott bedient sich seiner auch als Werkzeug, um die Gottlosen und Missetäter zu bestrafen; denn Gott belegt die Menschen mit allem Übel, das sie der Sünde wegen leiden. In diesem Sinne spricht die heilige Schrift also: „Kommt wohl ein Unglück über eine Stadt, was nicht der Herr getan?“ Ferner: „Ich bin der Herr, und es ist kein anderer; der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Frieden gebe und das Übel schaffe“. Auch deswegen heißt der Teufel der Böse, weil er, obschon wir ihn durchaus nicht beleidigten, dennoch gegen uns beständig Krieg führt, und uns mit tödlichem Hasse verfolgt. Und kann er uns auch nicht schaden, wenn wir mit dem Glauben bewaffnet und durch Unschuld geschützt sind, so läßt er doch niemals nach, uns durch äußere Übel zu versuchen, und auf alle Weise, wie er kann, zu quälen. Darım bitten wir Gott, daß er uns vom Bösen befreien wolle.

Warum wir in der einfachen und nicht in der vielfachen Zahl bitten, von dem Übel erlöst zu werden.

Wir sagen aber „von dem Übel“ und nicht „von den Übeln“, weil wir die Übel, die uns von den Nebenmenschen zugefügt werden, Jenem, als dem Urheber und Anstifter, zuschreiben. Um so weniger auch dürfen wir auf den Nächsten zürnen, vielmehr müssen wir den Haß und Zorn wider den Satan selbst richten, von dem die Menschen zur Zufügung von Beleidigungen angetrieben werden. Wenn dich daher der Nächste durch irgend Etwas beleidigt hat, und du zu Gott, dem Vater, betest, so bitte, daß er Dich, nicht nur vom Übel erlöse, d. h. von den Beleidigungen, welche Dir der Nächste zufügt, sondern auch den Nächsten selbst aus des Teufels Hand entreiße, auf dessen Antrieb die Menschen irregeleitet werben.

Wie wir im Unglück gesinnt sein müssen, wenn wir auch nicht sogleich davon befreit werden.

Das muss man zuletzt wissen, daß wir, wenn wir bei unsern Gebeten und Wünschen nicht von den Übeln erlöst werden, geduldig ertragen sollen, was uns drückt, indem wir bedenken, es gefalle Gott, daß wir es geduldig leiden. Wir dürfen daher durchaus nicht unwillig oder betrübt darüber sein, daß Gott unsere Bitten nicht erhört, sondern Alles müssen wir seinem Winke und Willen anheimstellen, indem wir dafür halten, daß das nützlich, das heilsam sei, was Gott gefällt, daß es so sei, nicht aber das, was uns anders scheint. Endlich müssen die frommen Zuhörer belehrt werden, daß sie, so lange wir hier auf Erden leben, bereit sein müssen, jede Art von Ungemach und Drangsal, nicht nur mit gelassenem, sondern auch mit freudigem Mute zu ertragen. „Denn Alle“, heißt es, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden Verfolgung leiden“. Ebenso: „Durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes!“ Wiederum: „Musste nicht Christus dieses leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen“? Denn es ist nicht billig, daß der Diener größer sei, als sein Herr; wie es nach dem Ausspruch des heil. Bernhard „schändlich ist, unter einem dorngekrönten Haupte verzärtelte Glieder zu sein“. Jenes herrliche Beispiel des Urias ist uns zur Nachahmung aufgestellt, der auf Ermahnung Davids, er möge zu Hause bleiben, sagte: „Die Lade Gottes und Israel und Juda wohnen unter Zelten…, und ich sollte in mein Haus gehen?“ Wenn wir mit solchen Gründen und Betrachtungen versehen zum Gebete kommen, so werden wir erreichen, daß wir, allenthalben von Drohungen umringt, und von Übeln umlagert, eben so wie jene drei Knaben unverletzt vom Feuer, so unbeschädigt erhalten werden, gewiß aber, wie die Machabäer, die Unfälle standhaft und mutig ertragen. In Schmach und Marter werden wir die heil. Apostel nachahmen, die unter den Geißelhieben sich überaus freuten, würdig geachtet zu sein, um Christi Jesu willen Schmach zu leiden. In solcher Verfassung werden wir dann in höchster Seelenfreude singen: „Fürsten verfolgen mich ohne Ursache; aber nur vor Deinen Worten fürchtet sich mein Herz. Ich freue mich über deine Worte wie Einer, der viele Beute findet“.

aus: Der römische Katechismus nach dem Beschlusse des Concils von Trient, Bd. 2, 1867, S. 202 -205

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