Von der Berufsgnade im Allgemeinen

Die Berufsgnade im Allgemeinen 

Unter den Gnaden, welche Gott für die Auserwählten bestimmt hat, nimmt die Gnade des Berufes der Zeit nach die aller erste, dem Wert nach aber nach der Gnade der endlichen Beharrlichkeit die erste Stelle ein. Denn die Berufsgnade ist zuerst jene allgemeine Gnade, durch welche Gott den Menschen zum Glauben, durch den Glauben zur Kirche, in der Kirche zur Heiligkeit, durch die Heiligkeit zur ewigen Seligkeit führt. Von dieser allgemeinen Berufsgnade, die sich an die Gnade der Vorherbestimmung unmittelbar anschließt, und jedem Menschen notwendig ist, schreibt der heilige Apostel Paulus selbst: „Die er aber vorher bestimmt, hat er auch berufen; und die er berufen, hat er auch verherrlicht.“ (1)
Die Berufsgnade ist dann jene besondere Gnade, durch welche Gott jedem einzelnen Menschen in seiner heiligen Kirche den besondern Lebensberuf, den besondern Stand anweist, in welchem er für ihn alle jene Gnaden bereit hält, die ihm notwendig und behilflich sind, sein Heil zu wirken, und ewig selig zu werden. Diese besonders Berufsgnade bildet daher gleichsam den ersten Ring an der Gnadenkette, mit welcher Gott den Menschen auf solcher Lebensbahn, in diesem Stand in den Himmel führt. Auch diese Gnade ist dem Menschen notwendig, um auf dem Wege des Heiles nicht irre zu gehen. „Wenn er nicht ruft, nicht unterweist, nicht rettet; so kommt Niemand, wird Niemand unterwiesen, Niemand gerettet.“ (2)

(1) Röm. c. VIII. v. 30.
(2) S. Prosper Epist. Ad Rufin. c. 4.

Der Ruf Gottes

Es liegt natürlich wieder in der freien Wahl des Menschen, dieser göttlichen Berufung zu folgen, oder nicht zu folgen: „Wenn Gott uns auch ruft; so wartet er doch, daß wir freiwillig kommen, damit er uns dann seine Gnadenhilfe biete.“ (3) – „Die Berufung Gottes zwingt Keinen, und tut dem Geiste derer, welche die Tugend verachten wollen, durchaus keine Gewalt an; sondern er mahnt sie zwar, und ratet ihnen, und sucht sie auf alle Weise dazu zu bereden, daß sie gut sein wollen; wenn aber so Manche widerstreben, nötigt er sie durchaus nicht“ (4); und daher ergibt sich auch hieraus wieder für den Berufenen Verdienst oder Schuld, und zwar in einem um so größeren Maße, als sich die Folgen der Berufswahl über das ganze übrige Leben und bis in die Ewigkeit erstrecken. Daher die Mahnung des heiligen Basilius: „O Mensch! Wenn du die Hölle fürchtest, wenn du nach dem Himmelreich verlangst; so verachte die Berufung nicht.“ (5)

Gott gibt zwar auch jenen, welche sogar schuldbarer Weise den von Gott für sie bestimmten Lebensberuf verfehlen, noch die hinreichende Gnaden, um selig werden zu können; weil er eben will, daß alle Menschen, auch die Sünder, selig werden: da sie aber den Weg, welchen er für sie bestimmt, und auf welchem er seine Gnaden für sie bereit gehalten hat, nicht betreten haben; so verlieren sie mit diesem Wege auch die für ihren Beruf bestimmten besonderen Gnaden, und werden daher auch der ursprünglichen Berufung und Vorherbestimmung Gottes nicht mehr entsprechen. Sie müssen, wenn sie in den von Gott für sie bestimmten Stand nicht mehr eintreten können, durch Buße, Gebet und Treue in dem von ihnen gewählten Beruf Gott bewegen, ihnen auch die diesem Beruf entsprechenden besondern Gnaden zuzuwenden, um ihn erfüllen zu können; als wenn sie von Gott zu demselben ursprünglich berufen worden wären, und somit für sie gleichsam eine neue Heilsordnung zu schaffen; nach den Worten des heiligen Laurentius Justinianus: „Je ungewisser Jemand über seinen Beruf ist, desto eifriger soll er im Wirken sein“ (6); und des heiligen Augustinus: „Wenn du nicht berufen bist, so mache, daß du berufen werdest.“

(3) S. Chrysost. Serm. 1 de verb. Apost.
(4) Idem Homil. 81 super Matth. Oper. Imperf.
(5) S. Basil. M. Homil. 13. de Baptism.
(6) De ligno vitae Tract. XII. de humil. c. 4.

Drei Arten von Berufungen

Zu dem von Gott von Ewigkeit her bestimmten Lebensstande werden die Menschen auf verschiedene Weise berufen. Der heilige Bernardus schreibt hierüber: „Es gibt drei Arten von Berufungen: Eine durch Gott, wie für Paulus; eine durch Menschen, wie für die fünf Tausende, die sich auf die predigt der Apostel bekehrt haben; eine notgedrungene, wie für den ersten Einsiedler Paulus“ (7), der sich als Jüngling vor der ausgebrochenen Christenverfolgung in die Wüste geflüchtet, und sofort in derselben sein langes Leben als Einsiedler zugebracht hat.

Die Berufung ist eine um so größere Gnade, je unmittelbarer sie von Gott selbst an den Menschen herantritt. Groß war daher in dieser Beziehung die Berufsgnade dieses heiligen Einsiedlers, welchen die Umstände zu seinem Stande gleichsam genötigt haben; größer war die Berufsgnade jener ersten Christen, welche von den Aposteln zum Christentum berufen worden sind; aber noch größer war die Berufungsgnade der Apostel, welche von Christus, dem Herrn, selbst den Ruf vernommen haben: „Folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen“ (8); und mit einer solchen Berufsgnade ist von Gott auch der heilige Apostel Paulus ausgezeichnet worden.

(7) In sentent. Verbo: Vocationes.
(8) Matth. c. IV. v. 19.

Die Auserwählung des Apostels Paulus

Die Berufsgnade ist um so erhabener, je höher der Stand ist, zu welchem Gott einen Menschen beruft: „Wirklich großartig ist die Berufung, wenn sie auf großartige Dinge abzielt.“ (9). Erhaben ist der Beruf zum einfachen christlichen Leben; denn es ist ein übernatürliches Leben der Kinder Gottes. Erhabener ist der Beruf zum Ordensleben; denn es ist ein Elben der zu erstrebenden christlichen Vollkommenheit; noch erhabener ist der Beruf zum Priestertum; denn es ist ein Leben der Teilnahme am Priestertum Christi selbst. Der erhabenste Beruf aber, den Gott einem Menschen auf Erden verleihen kann, ist der Beruf zum Apostolat im strengsten Sinne des Wortes, welches die Fülle des Priestertums in sich schließt, mit Christi Vollgewalt ausgerüstet, mit allen Gaben des heiligen Geistes geschmückt, in vollendeter Vollkommenheit strahlend, das ganze Erlösungswerk des Sohnes Gottes unter die Völker des Erdkreises verbreitet, in denselben erhält und fortpflanzt: „Die Apostel waren die Herolde Christi, die Vorkämpfer der Wahrheit, die Helden Gottes, die Organe des heiligen Geistes, die Hüter der Religion, die Fürsten der Kirche, die Meister der Heiligkeit.“ (10) Auch diese erhabenste Berufsgnade hat der heilige Paulus von Gott empfangen, und zwar in dem Grade, daß er, obwohl nicht in dem Primat, so doch in dem Apostolat dem Fürsten der Apostel gleich gestellt wurde, und selbst mit Recht Apostelfürst genannt wird, wie der heilige Papst Leo von Petrus und Paulus schreibt: „In Bezug auf diese Spitzen, ja Augen der Kirche, welche keine Macht der Beredsamkeit erreicht, müssen wir an keinen Unterschied, an keine Ungleichheit denken; denn ihre Auserwählung hat sie einander ebenbürtig, ihr Wirken ähnlich, ihr Ende gleich gemacht.“ (11)

(9) S. Chrysost. Homil. 23. super Epist. Ad Hebr.
(10) Cornel. A Lap. Comment. In Act. Ap. Et Epist. Canon. Effig. S. Paul. Prooem.
(11) Serm. 1. de Petro et Paulo.

Der Beruf des Menschen von Gott voraus bestimmt

Da nun der Beruf des Menschen von Gott von Ewigkeit her voraus bestimmt ist, und von dieser Berufsgnade so Vieles und so Großes für das Heil der Menschen, nicht nur der Einzelnen für sich, sondern auch oft unzähliger Anderer, für welche sie wirken sollen, abhängt; so ist es klar, wie wichtig es sei, daß Jedermann den von Gott für ihn bestimmten Beruf erkenne, den erkannten ergreife, und in demselben tatkräftig, treu und standhaft bis an das Ende seines Lebens verharre: „Eine bestimmte Lebensweise zu wählen, ist von solcher Wichtigkeit, daß darin die Grundlage für das ganze recht oder schlecht zu vollführende Leben zu suchen ist.“ (12)

In Bezug auf diese Berufsgnade kommt es darauf an, daß man sie erkenne, das heißt, erkenne, zu welchem Stande Gott Jemanden berufen habe; dazu ist, wie der Beruf selbst von Gott kommt, die Erleuchtung des heiligen Geistes und dessen Beistand erforderlich, und darum muss man beten: „Man muss zu Gott sagen: Du hast uns gerufen, auch wir rufen zu dir; sieh! Wir haben deinen Ruf gehört, höre auch du unsern Ruf!“ (13)

Damit Gott das Gebet anhöre und erhöre, muss man einen reinen Lebenswandel führen, und, von schweren Sünden frei, in Gottes Gnade sich befinden; denn „die Weisheit geht in eine boshafte Seele nicht ein und wohnt nicht in einem Leibe, welcher der Sünde und den Lastern dient.“ (14)

Da die Berufsgnade das große, unzählige andere Mittel in sich schließende, Gesamtmittel ist, das letzte Ziel und Ende, die ewige Seligkeit zu erreichen; so muss man bei der Berufswahl eben dieses Ziel und Ende ins Auge fassen und im Auge behalten; um zu sehen, welcher Beruf, welcher Stand für den Wählenden zur Erreichung desselben der passendste sei: „Wenn das Herz nur irgendwie nach jener unaussprechlichen Herrlichkeit sich sehnte; so würden wir die Welt nicht lieben, und immerfort mit frommer Gesinnung denjenigen bestürmen, der uns gerufen hat“ (15); nur das wählen, was uns zu ihm führen kann, Alles aber sorgfältig meiden, was uns von Gott und von dem Himmel entfernt, und uns vor einem Vergehen hüten, welches der heilige Chrysostomus mit folgenden Worten bezeichnet: „Gott beruft uns für den Himmel, wir aber stürzen uns selbst in die Hölle.“ (16)

(12) S. Greg. Naz. Orat. 23.
(13) S. Aug. Tract. 40. super Joann.
(14) Sap. c. 1. v. 4.
(15) S. Aug. Tract. 40. super Joann.
(16) Homil. 23. super Epist. ad Hebr.

Wie Gott ruft

Damit aber dieses letzte Ziel und Ende bei der Wahl allein maßgebend bleibe, und den Ausschlag gebe, muss man die Augen und Ohren dem Irdischen verschließen; denn „diejenigen, welche das Äußerliche lieben, können die Stimme Gottes nicht hören.“ (17) Man muss auf die Welt, die eine Feindin Gottes und des Menschen ist, auf deren Grundsätze und Güter keine Rücksicht nehmen, und jene nicht nachahmen, von welchen der heilige Isidorus schreibt: „Viele wollen dem Zuge der Gnade Gottes folgen, aber der Ergötzlichkeit der Welt nicht entbehren; es drängt sie zwar die Liebe Christi, aber die Sehnsucht nach der Welt hält sie zurück.“ (18) Man muss auch auf weltlich gesinnte Ratgeber achten; denn „es ruft dich der Engel vom großen Rat; was erwartest du fremden Rat? Denn wer ist treuer, wer weiser als jener?“ (19) Man muss alles Vergängliche unberücksichtigt lassen, da es auf der Waagschale der Ewigkeit, für welche unser Leben bestimmt ist, nichts wiegt, und von keinem Wert ist; daher die Warnung: „Es ruft dich der Aufgang, und du merkst auf den Untergang!“ (20) Selbst Fleisch und Blut und häusliche Verhältnisse dürfen die Berufswahl nicht beeinflussen, außer in wie fern Pflichten der Gerechtigkeit oder der christlichen Liebe darauf Rücksicht zu nehmen gebieten: „Niedrigen Geistes ist derjenige, welcher an Familien-Angelegenheiten denkt, wenn er zum Himmelreich berufen wird.“ (21)

Wer in Berufswahl nicht irren will, muss auch darauf acht haben, wann, wo und wie ihn Gott ruft: „Gott ruft auf sechserlei Weise: Innerlich durch Erleuchtung, äußerlich durch die heiligen Schriften, von oben durch Verheißungen, von unten durch Drohungen, von vorne durch Wohltaten, von rückwärts durch Geißelstreiche“ (22); damit der Mensch den Ruf Gottes höre und erkenne; denn „wer die Gnade des Rufenden nicht erkennt, der macht sich der Frucht der Berufung unwürdig.“ (23)

(17) Richard a S. Vict. P. II. super Psalm. XXV.
(18) Libr. III. de summo bono c. 22. sent. 1.
(19) S. Bernard. In Declamat.
(20) S. Aug. Serm. 7. de verb. Dom.
(21) S. Petr. Damian. Serm. 22.
(22) Hugo Cardin. Super Gen. c. XXVIII.
(23) S. Bonavent. In specul. Discipl. P. I.

Dem Ruf Gottes folgen

Hat man aber den Ruf Gottes einmal klar und bestimmt erkannt, so darf man demselben nicht widerstehen; denn „diejenigen, welche den Willen Gottes, der sie einladet, verachten, werden den Willen Gottes fühlen, wenn er sich rächt“ (24); und: „Wenn Jemand die Berufung Gottes verachtet, der wird zur Verdammnis verblendet.“ (25)

Man muss nicht zögern, den klar und bestimmt erkannten Beruf, sobald als möglich, auch wirklich anzutreten; damit Gott nicht aufhöre zu rufen, damit diese Gnade nicht undankbar verscherzt werde, und damit der Feind nicht Zeit und Gelegenheit finde, Hindernisse in den Weg zu legen: „Gott ruft dich jetzt, er mahnt dich jetzt, er wartet, bis du zur Besinnung kommest; und du zögerst?“ (26) – „Wenn dich die Posaune des Gewissens ruft, so tritt sogleich hervor, und gehe mit großer Freudigkeit in den Kampf.“ (27) – „Es ist nicht lobenswürdig, sondern tadelnswert, nach der innern oder äußern Berufung mündlich oder schriftlich die Tatsache noch in Verhandlung zu ziehen, und gleichsam in dem Zweifeln Rat zu suchen.“ (28) – „Wer den von dem heiligen Geist eingegebenen Beruf durch langes Verraten hinzuhalten sucht, der kennt entweder das Wirken des heiligen Geistes nicht, oder er ist bemüht, demselben zu widerstehen.“ (29) – „Wie glücklich wirst du sein, wenn du der innern Berufung Gottes ohne Zögerung mit freudigem Herzen folgest!“ (30)

Endlich muss man den einmal klar erkannten und endgültig gewählten Beruf auch fest und standhaft durchführen; denn „daraus entsteht die größte Verwirrung, wenn man nach der ersten Berufung, die von Gott und nicht von einem Menschen gekommen ist, sich um etwas Anderes bekümmert, oder besorgt ist, als um das, was uns dazu verhilflich sein kann, dieses Berufes würdig zu wandeln.“ (31) – „In dem Werk, zu welchem zu berufen worden bist, befestige die Anker und Taue, damit dein Schifflein nicht allmählich auf das stürmische Meer hinaus getrieben werde; und dann wird dich die Erfahrung lehren, welchen Frieden du im Hafen deines Berufes genießen könntest.“ (32)

(24) S. Aug. ad Artic. sibi falso impositos respons. 16.
(25) 5. Aug. super Psalm. IX.
(26) Idem super Psalm. CXLIV. v. 8.
(27) S. Chrysost. Homil. 67. ad pop. Antioch.
(28) S. Thom. Aq. Contr. Retrahentes ab ingr. In Relig. c. 9.
(29) Idem. Ibid.
(30) Thom. Kemp. De fideli dispensat c. 3.
(31) Dionys. Carth. De profess. Monast. Art. 19.
(32) S. Ephraem, Adhort. 4. –
aus: Georg Patiss SJ, Paulus in seinen apostolischen Tugenden, 1881, S. 9 – S. 16

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