Charakterzug der Andacht zum kostbaren Blut

Die Besonderheit der Andacht zum kostbaren Blut

Ein Charakterzug der Andacht zum kostbaren Blut

Es ist ein anderer Charakterzug der Andacht zum kostbaren Blut, daß sie sich nicht den Platz anderer Andachten anmaßt, sondern durch ihr eigenes Wachstum ihnen mehr Raum verschafft.
Wir können nicht eine gleiche Andacht zu allen Dingen haben, denen wir fromm ergeben sein sollten. Unser Geist ist nicht weit genug dazu. Wir sind genötigt die Dinge im einzelnen zu nehmen.
Der Kalvarienberg wendet im ganzen unsere Gedanken von Bethlehem ab und Bethlehem wendet im ganzen unsere Gedanken vom Kalvarienberg ab. Ein Geheimnis kommt dem andern in den Weg. Die Andachten stehen einander im Licht. Dies schadet nichts; es ist eine untadelhafte Unvollkommenheit.
Aber es ist eine Eigentümlichkeit der Andacht zum kostbaren Blut, daß sie andern Andachten nicht in den Weg tritt; im Gegenteil sie fördert sie vielmehr; denn sie ist nicht nur eine Andacht an sich selbst, verschieden von andern Andachten und mit einem ihr eigenen Geist, sondern sie ist auch ein Teil anderer Andachten, eine besondere Form anderer Andachten, eine Gestalt, die manche andere Andachten annehmen können.

Sie vermischt sich auf die natürlichste Weise mit der Andacht zur Mutter Gottes. Sie gibt jedem ihrer Geheimnisse einen erhöhten Glanz. Sie wirft ein Licht auf sie. Sie bringt Maria in die Geheimnisse Jesu hinein. Sie hat einen besonderen Zusammenhang mit der Unbefleckten Empfängnis. Sie bildet an sich eine besondere Andacht zu unserer liebsten Mutter, als der Quelle des kostbaren Blutes, eine Andacht voll der unaussprechlichsten Zärtlichkeit, eine Andacht zu ihrem unbefleckten Herzen und sündlosen Blut.

Sie ist auch eine Verschiedenheit der Andacht zum Leiden Christi. Sie bietet einen Gesichtspunkt dar,von dem aus wir jedes besondere Geheimnis betrachten können, während sie auch eine Form ist, in der wir alle Geheimnisse der Passion in Eins verschmelzen können. Sie bildet so eine Einheit der Andacht zur Passion und auch eine Verschiedenheit von ihr, abgesehen davon, daß sie an sich eine weitere Andacht zum heiligen Leiden ist.
Wenn wir das ganze Leiden Christi mit einem Blick zu überschauen wünschen, dann finden wir, daß es zu umfassend für uns ist und undeutlich wird, wenn wir es einfach als das einzige Geheimnis des heiligen Leidens betrachten. Aber Undeutlichkeit ist gerade das, was wir bei der Andacht zum heiligen Leiden zu vermeiden suchen müssen. Ihre Kraft beruht auf ihrer Lebendigkeit. Wenn sie nicht lebendig ist, dann wird sie nicht wahr sein, und wenn sie nicht wahr ist, dann wird sie nicht ehrerbietig sein.
Wir haben deshalb verschiedene Kunstgriffe, womit wir das heilige Leiden zu einem Geheimnis machen und doch seine Einzelheiten bewahren. Wir nehmen die fünf Versuchungen unseres Herrn oder die sieben Reisen oder die sieben Worte oder die fünf Wunden. Dies sind lauter vortreffliche Erfindungen der Liebe; aber das kostbare Blut bietet uns eine mehr natürliche Einheit und auch eine mehr lebendiges Detail.

Wir können das nämliche von der Andacht zum auferstandenen Jesus sagen. Es ist eine Andacht, die wir durch besondere Betrachtungen über die schönen Erscheinungen jener vierzig Tage in uns pflegen. Es ist eine Andacht, aus der wir glänzende Gedanken über Gott schöpfen, die sonnigsten Ansichten von seiner anbetungswürdigen Allgewalt, ein himmlisches Sehnen, eine mehr ehrerbietige Andacht zur Mutter Gottes, einen vermehrtenSeeleneifer und alles was zur Heiterkeit der Heiligkeit beiträgt. Heiterkeit ist das charakteristische Merkmal dieser Andacht.
Aber wenn wir eine Einheit dieser Andacht zum auferstandenen Jesus hervor zu bringen wünschen, dann finden wir sie entweder in der Andacht zur Seele unseres Erlösers oder zu seinem kostbaren Blut.

Die Andacht zum kostbaren Blut bietet uns auch eine weitere Form der Andacht zum heiligen Sakrament. Die Andacht zum kostbaren Blut im Kelch kann nicht bloß als eine weitere Form der Andacht, sondern als eine weitere Andacht zum heiligen Sakrament angesehen werden, während die besondere Anbetung des kostbaren Blutes, wenn wir vor dem Tabernakel knien, eine Form der Andacht ist, die viel Lehre für uns enthält und uns besser in den Stand setzt, die erhabenen Wirklichkeiten jenes Ehrfurcht gebietenden Sakramentes zu begreifen.

Aber die innigste Verbindung hat die Andacht zum kostbaren Blut mit der Andacht zum heiligen Herzen. Das kostbare Blut ist der Schatz des heiligen Herzens. Das heilige Herz ist das Sinnbild des kostbaren Blutes, aber nicht nur sein Sinnbild, sondern auch sein Palast, seine Heimat, seine Quelle.
Dem heiligen Herzen verdankt es die Freude seines rastlosen Wogens und die Herrlichkeit seines Ungestüms. Zum heiligen Herzen kehrt es mit der Schnelligkeit eines Augenblicks zurück und bestürmt es, wie ein Kind seine Mutter bestürmt, um frische Kräfte, um neue Stärke und um die Fortdauer seiner unermüdlichen Impulse.
Die Andacht zum kostbaren Blut ist die Andacht, die die physischen Wirklichkeiten des heiligen Herzens entschleiert. Die Andacht zum heiligen Herzen ist der bildliche Ausdruck von den Eigenschaften, Stimmungen und von dem Charakter des heiligen Blutes, nur daß das Bild selbst eine lebendige und anbetungswürdige Realität ist.
Das heilige Herz ist das Herz unseres Erlösers, aber das heilige Herz war es nicht, was uns erlöste; gerade das kostbare Blut und nichts als das kostbare Blut war das auserwählte Werkzeug unserer Erlösung. Auf dieser in seiner Art einzigen Tatsache, auf diesem besonderen Amt, auf diesem ungeteilten Vorrecht beruht die Erhabenheit des kostbaren Blutes, eine Erhabenheit, die sich auch der Andacht mitteilt.
Ohne diesen Umstand wäre die Andacht zum kostbaren Blut und die Andacht zum heiligen Herzen nur eine einzige Andacht, zwei verschiedene Seiten der nämlichen Andacht.
Die eine würde das tätige Wirken der menschlichen Natur unseres liebsten Herrn ehren, während die andere ihre inneren Stimmungen verherrlichen würde, so wie ihre verborgenen Süßigkeiten, ihre zarten Charakterzüge, ihre verschwenderische Freigebigkeit und ihre hochherzigen Neigungen. Die eine hätte mit den Tätigkeits-Äußerungen, die andere mit den Bedeutungen zu tun. Die eine wäre mit den Prozessen beschäftigt, die andere mit den Folgen. Die eine wäre die Bedeutung der andern und ein Kommentar der andern; so innig ist ihr Bündnis.
Allein der geheimnisvolle Umstand, daß das Blut und nur das Blut Jesu der auserwählte Preis für die Erlösung des Menschen war und daß es nur das Blut und das bis zum Tode vergossenen Blut war, das uns wirklich erlöste, verleiht dem kostbaren Blut eine besondere Majestät, an der der Leib unsers Herrn und seine Seele nur begleitweise (vermöge der Konkomitanz) teilnehmen.

Während wir daher gewöhnlich sehen, daß eine Andacht zum kostbaren Blut und eine Andacht zum heiligen Herzen miteinander Hand in Hand gehen, sehen wir auch manchmal (und es ist eine Ausnahme zu der oben angegebenen Regel), daß die eine der andern im Wege steht, wie wenn sie nur eine verschiedene Seite der andern wäre, die dem geistlichen Geschmack des Anbetenden mehr zusagt; allein in Wirklichkeit ist dieser scheinbare Gegensatz nur ein Beweis von ihrer innigen Verbindung. –
aus: Frederick W. Faber, Das kostbare Blut oder Der Preis unserer Erlösung, 1920, S. 358 – S. 362

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