Der Geist der Welt ist pelagianisch

Die Besonderheit der Andacht zum kostbaren Blut

Der Geist der Welt ist in hohem Grade pelagianisch 

Alle Andachten haben ihre Charakterzüge; alle haben ihre eigenen theologischen Bedeutungen. Wir müssen daher etwas von den charakteristischen Merkmalen der Andacht zum kostbaren Blut sagen.

Die Andacht zum kostbaren Blut ist der Ausdruck der hervorragenden und charakteristischen Lehre des heiligen Paulus.

Der heilige Paulus ist der Apostel der erlösenden Gnade. Ein frommes Studium seiner Briefe würde uns von den meisten Irrtümern des Tages befreien. Er ist wahrhaft der Apostel aller Zeiten. Für jede Zeit scheint er ohne Zweifel eine besondere Mission zu haben.
Gewiß ist seine Mission für die unsrige eine ganz besondere. Selbst die Luft, die wir atmen, ist pelagianisch. Unsere Irrlehren sind nur neue Formen eines alten Pelagianismus. Der Geist der Welt ist in hohem Grade pelagianisch. Daher kommt es, daß falsche Theorien unter uns sich immer um den Kern von Pelagianismus ansetzen, und der Pelagianismus ist gerade die Irrlehre, die am wenigsten in der Atmosphäre des heiligen Paulus leben kann.

Es ist das Zeitalter des Natürlichen im Gegensatz zum Übernatürlichen, des Angeeigneten im Gegensatz zu dem Eingegossenen, des Tätigen im Gegensatz zu dem Leidenden. Aber diese ausschließliche Liebe für das Natürliche ist im ganzen sehr fesselnd.
Sie nimmt die Jugend ein, weil sie das Denken erspart. Sie erklärt die Schwierigkeiten nicht, aber sie vermindert die Zahl der zu erklärenden Schwierigkeiten.
Sie nimmt die Trägen ein; denn sie überhebt sie der langsamen Forschung.
Sie nimmt die Phantasiearmen ein, weil sie gerade das Element in der Religion wegnimmt, das ihnen lästig ist.
Sie nimmt die weltlich Gesinnten ein, weil sie der Frömmigkeit die Begeisterung und dem geistlichen Leben die Aufopferung entzieht.
Sie nimmt die Polemischen ein, weil sie ein kurzer Weg ist und eine seichte Furt, über die man leicht kommen kann.

Sie bildet eine Schulde von Denkern, die zwar zugibt, daß wir an Gnade Überfluss haben, aber doch merken läßt, daß wir deshalb nicht viel besser sind. Ihr gehen die Vorrechte in den Verantwortlichkeiten unter und sie macht die Allherrschaft Gottes gehässig, indem sie sie als hinterlistig darstellt. Dieser ganze Geist mit allen seinen Verzweigungen geht in dem lieblichen Feuer der Andacht zum kostbaren Blut unter.

Die Zeit ist auch eine Zeit der Freidenkerei, und eine Zeit der Freidenkerei ist immer mit einer gewissen praktischen Logik eine Zeit der Ungläubigkeit. Alles, was die göttliche Seite in der Schöpfung hervorhebt und Gottes unablässige übernatürliche Wirksamkeit in ihr verherrlicht, ist die Kontroverse, der die Ungläubigkeit am wenigstens widerstehen kann.
Nun aber tut dies die Andacht zum kostbaren Blut auf eine ganz ausgezeichnete Weise. Sie zeigt, daß die wahre Bedeutung von allem im Plane der Erlösung zu finden ist, ohne den es unnütz ist, die Probleme der Schöpfung zu erörtern. Sie ist für uns eine Offenbarung von dem Charakter Gottes und auch von dem Werke Jesu.

Indem sie die Wunder der Kirche und die den Sakramenten inne wohnenden Kräfte hervor hebt, flößt sie unsern Herzen die Liebe zur Allherrschaft Gottes ein, zugleich mit einem Gefühl vollkommener Freiheit und Freigelassenheit.
Indem sie die innigsten menschlichen Wirklichkeiten der Menschwerdung in ein starkes Licht setzt, tritt sie der falschen, aszetischen Lehre über die heilige Menschheit entgegen, die zuweilen in eine Häresie ausläuft.

Insbesondere führt sie Krieg gegen jene gefährliche Gleichgültigkeit, die selbst Gläubige zuweilen aus Mangel an ehrerbietiger Zucht des Geistes über die physischen Geheimnisse Jesu, namentlich die seiner Passion, empfinden. Diese Gleichgültigkeit ist die tiefe Quelle eines sich weit verbreitenden Übels. Sie macht uns unlauter und unehrerbietig.

Die Ehrerbietigkeit betrachtet die göttlichen Dinge und wendet ihre Gedanken nicht von den physischen Schrecken ab, in denen wegen unserer Sünden jene göttlichen Singe sich offenbarten. Magdalena hält Jesus bei seinen Füßen, während die Gerasiner Ihn bitten, er möge sich aus ihrer Nachbarschaft entfernen. Wir verlieren viel, was wir nicht wohl entbehren können, durch alles, was unsere Andacht zum Leiden Christi weniger gläubig und weniger wirklich macht. –
aus: Frederick W. Faber, Das kostbare Blut oder Der Preis unserer Erlösung, 1920, S. 352 – S. 355

Verwandte Beiträge

Hoch erhebt meine Seele den Herrn
Pelagius und die Irrlehre des Pelagianismus
Menü