Das Geheimnis des Mutterschmerzes

Über das Geheimnis des Mutterschmerzes

Du darfst nicht das Buch schließen oder von der hl. Monika wegeilen, um weiter zu lesen und die Schönheit eines andern Heiligen zu bewundern, ohne vorher noch einen ernsten Blick in die Tiefe ihres Mutterherzens zu tun und über das Geheimnis des Mutterschmerzes nachzudenken; denn auch du bist von einer Mutter mit schmerzen geboren worden und sprichst es aus mit frommer Zuversicht das süße Wort: „Unsere Mutter, die heilige Kirche!“ Aber der Mutterschmerz! Was ist er?

1. Der Mutterschmerz ist unbestritten der größte und bitterste, den es hienieden, in diesem Jammertal gibt, vielleicht deshalb, weil die Mutterliebe auch die größte, süßeste und edelmütigste ist, deren Stärke Stärke, Zärtlichkeit und Macht keine Worte zu schildern vermögen. Aber es ist gewiß, daß die Mutter die große Bestimmung hat, gerade die peinlichsten Schmerzen auf Erden zu erdulden, an allen Übeln, welche über den Menschen hereinbrechen können, den fürchterlichsten Anteil zu tragen. Die Mutter ist es, welche zuerst von den Ängsten um das Teuerste, um das Leben, und von den Schrecknissen des Bittersten – des Todes – getroffen wird: ihr Herz wird von den grausamsten Sorgen zuerst gemartert: „Sie gebärt ihre Kinder mit schmerzen“ (1. Mos. 3): das Aufziehen der Kinder, deren Geburt ihr schon so teuer zu stehen kam, welche Summen von Schmerzen kostet es wieder! Welcher Sohn, welche Tochter hat auch nur eine Ahnung von all` dem Kummer, von all` den Sorgen, welche die Mutter während der ersten zwei Jahre ihres Lebens Tag und Nacht für sie gelitten und geopfert hat? Und wenn dann die empfindsame Mutter das aufblühende Kind vor ihren Augen hinsiechen, vor der Zeit sterben, ach, in schwere Sünden fallen sieht, so ist dies der Schmerz aller Schmerzen: dann stößt sie jenen Schrei unsäglicher Pein aus: „Ein Schrei wurde zu Rama gehört, viel des Jammers und des Klagens; Rachel schluchzt um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen – denn sie sind nicht mehr“ (Matth. 2): dann ruft sie, wie einst eine Mutter zu den Füßen ihres sterbenden Sohnes. „O ihr Alle, die ihr des Weges kommt, bleibt stehen, betrachtet und seht, ob es einen Schmerz gebe, der dem meinigen gleicht!“ (Klagel. 1) Denke an deine Mutter.

2. Der Mutterschmerz ist der ehrwürdigste; er ergreift den Beobachter mit frommer Rührung und reißt ihn zur Bewunderung hin, weil er eben der Schmerz einer Mutter ist; eine Mutter aber ist ja das Ehrwürdigste, Großmütigste und Lieblichste, was es auf Erden gibt, sie ist in ihrer Schwäche geadelt mit dem wunderbarsten aller Vorrechte und dadurch innigst mit dem Herrn des Himmels verbunden, um seine Lieblinge unter ihrem Herzen zu tragen, welche bestimmt sind, eines Tages Gott selbst in seiner Herrlichkeit zu besitzen. Der Mutterschmerz ist so ehrwürdig, daß Gott der Herr denselben gleichsam mit Eifersucht betrachtet und zu wiederholten Malen erklärt, Er sei doch noch mitleidiger als eine Mutter. Höre den Erguss seines Herzens, die Worte seines Mundes. „ Ich werde mehr als eine Mutter Mitleid mit dir haben!“ (Ekkli. 4,11) Du findest auch keine Mutter, welche ihren Schmerz um irdische Schätze oder um eine Königskrone vertauschen möchte: sie liebt dieses schmerzhafte Geschmeide ihrer Würde, weil es ihr wohl ansteht, sie läutert, sie mit den heiligen Rechten umgibt, die sie auf die Ehrfurcht ihrer Kinder, auf die Achtung ihres Mannes, auf die Hilfe Gottes hat. Deshalb spricht auch Gott so eindringlich, so rührend an das Kinderherz: „Mein Sohn, ehre deinen Vater und vergiß nicht die Schmerzen deiner Mutter!“ (Ekkli. 7): „Höre, mein Sohn, die Worte meines Mundes und lege sie wie eine Grundfeste in dein herz: halte deine Mutter in Ehren alle Tage deines Lebens; denn du sollst gedenken, was und wie große Gefahren sie ausgestanden um deinetwillen in ihrem Leibe!“ (Tob. 4) Wie hoch hat Augustin diesen Schmerz geehrt! –
aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 340

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