Textkritik und Schlussfolgerungen

Hut, bischöflicher Krummstab, Kleidungsstücke eines Papstes

Der Katechismus über den Modernismus

nach der Enzyklika Pascendi Dominici gregis des hl. Pius X.

Pius X. in weißer Papstkleidung sitzt auf dem päpstlichen Stuhl, die Arme auf den Stuhllehnen, im Gesicht ist ein leichtes Lächeln zu sehen

§ 4. Textkritik

197. Was folgt bezüglich der Heiligen Schrift daraus, daß der modernistische Historiker die Dokumente ganz beweislos nach der Forderung des Evolutionismus auf die Jahrhunderte verteilt?

„Aus dieser Verteilung und Anordnung der Dokumente auf die Zeiträume folgt ganz von selbst, daß man die Bücher der Heiligen Schrift nicht jenen Verfassern zuerteilen kann, denen sie tatsächlich zugeschrieben werden.“

198. Schrecken diese Historiker vor einer solchen Folgerung nicht zurück?

„Deshalb zögern die Modernisten nicht, durchweg zu behaupten, daß diese Bücher, besonders der Pentateuch und die ersten drei Evangelien, aus einer kurzen ursprünglichen Erzählung allmählich entstanden seien durch Zusätze, d. h. Erläuterungen theologischer und allegorischer Erklärung, oder Einstellung von Bindegliedern zwischen die verschiedenen Teile.“

199. Mit welchem Recht behaupten sie diese allmähliche Erweiterung der heiligen Schrift?

„Kurz und klar ausgedrückt heißt dies: für die Bücher der Heiligen Schrift muss man eine vitale Entwicklung annehmen, die aus der Entwicklung des Glaubens entstand und dieser entspricht.

200. Wo finden sie denn Spuren dieser vitalen Entwicklung?

„Die Spuren dieser Entwicklung, sagen sie, sind so offensichtlich, daß man fast deren Geschichte schreiben könnte. Ja tatsächlich schreiben sie dieselbe und zwar so zuversichtlich, daß man glauben möchte, die einzelnen Schreiber hätten mit ihren eigenen Augen jene gesehen, die zu verschiedenen Zeiten an der Ergänzung der heiligen Schriften gearbeitet haben.“

201. Durch welches Mittel stützen sie ihre Behauptung eines solchen Entstehens der heiligen Bücher?

„Um diese Behauptung zu stützen, rufen sie die sogenannte Textkritik zu Hilfe, sie suchen zu beweisen, dieses oder jenes Faktum oder Wort stehe nicht an seiner Stelle, und bringen andere Gründe dieser Art.“

202. Was soll man von dem Selbstbewusstsein sagen, mit welchem die Modernisten die Entstehung der Heiligen Schrift erklären?

„Man möchte schließlich sagen, daß ihnen gewisse Typen von Erzählungen und Reden festgestanden hätten, wonach sie mit aller Gewissheit beurteilten, was an seiner Stelle sei und was an falscher stehe. Wie sie auf diesem Wege geeignet sind, das zu beurteilen, möge entscheiden, wer will. Wer sie aber reden hört über ihre Bibelstudien, wodurch sie so vieles gefunden was weniger passend dort aufgezeichnet ist, der möchte fast glauben, daß vor ihnen kein Mensch diese Bücher durchstudiert habe, auch nicht jene Unzahl von gelehrten, die ihnen an Talent, Gelehrsamkeit und Heiligkeit des Lebens so weit vor sind.“

203. Wie verfahren diese alten Gelehrten mit den heiligen Schriften?

„Diese großen Gelehrten haben nicht nur die Heilige Schrift in keinem Punkt getadelt, sondern je tiefer sie dieselbe ergründeten, desto größeren Dank statteten sie dem Allerhöchsten ab, daß er sich gewürdigt, so mit dem Menschen zu reden.“

204. Wie erklären die Modernisten diese Ehrfurcht jener Gelehrten?

„Doch leider hatten unsere Gelehrten nicht jene Hilfsmittel beim Studium der Heiligen Schrift, wie sie die Modernisten haben! Sie besaßen nämlich nicht jene Philosophie als Lehrerin und Führerin, die mit der Leugnung Gottes anfängt, und sie stellten sich auch nicht selber als Norm ihrer Urteile auf.“

§ 5. Schlussfolgerungen

205. Welches ist also kurz gefaßt die historische Methode der Modernisten?

„Wir glauben nun, daß es einleuchte, welches die Methode der Modernisten in geschichtlichen Sachen sei. Voran geht der Philosoph; ihm folgt der Historiker; dann kommt der Reihe nach die innere Kritik und die Textkritik.“

206. Da eine gewisse Philosophie die Grundlage dieser historischen Methode der Modernisten ist, gleichsam die erste Ursache derselben bildet, wie dürfen wir also ihre historische Kritik beurteilen?

„Weil die erste Ursache den folgenden ihre eigene Kraft mitteilt, so ist es klar, daß diese Kritik nicht eine beliebige ist, sondern mit Recht eine agnostische, immanentistische, evolutionistische genannt wird.“

207. Kann man also diese Kritik ohne Nachteil für den Glauben anwenden?

„Wer also zu dieser Kritik sich bekennt und dieselbe anwendet, der bekennt sich auch zu den in ihr enthaltenen Irrtümern und ist der katholischen Lehre feindlich gesinnt.“

208. Wie kommt es dann, daß manche Katholiken dieser dem Glauben feindlichen Kritik soviel Lob spenden?

„Deshalb ist es sehr zu verwundern, daß eine solche Kritik heutzutage bei Katholiken so hoch geschätzt wird. Dafür liegt ein zweifacher Grund vor: zuerst das Bündnis, das die Historiker und Kritiker dieser Art, unbeachtet der Verschiedenheit der Nationalitäten und des Zwistes der Religions-Bekenntnisse, so innig miteinander verbindet; sodann die maßlose Dreistigkeit, mit der alle einstimmig preisen und als Fortschritt der Wissenschaft feilbieten, was einer ihnen ersonnen.“

209. Wie verbinden sie sich gegen jene, die sie angreifen?

„Wagt jemand eine derartige ungeheuerliche Neuerung selbstständig zu beurteilen, so treten sie in geschlossenen Reihen gegen ihn auf; leugnet er sie, so klagen sie ihn der Unwissenheit an; nimmt er sie an und verteidigt sie, so überhäufen sie ihn mit Lobsprüchen. Dadurch werden viele getäuscht, die sich bei aufmerksamer Betrachtung der Sachlage mit Entsetzen abwenden würden.“

210. Was ist die Folge dieser Handlungsweise der Modernisten?

„Aus dieser mächtigen Herrschaft der Irrenden, aus diesem unklugen Beifall oberflächlicher Geister entsteht gleichsam eine verdorbene Atmosphäre, die alles durchdringt und ansteckt. – Doch gehen wir zum Apologeten über.“ –
aus: J.B. Lemius Obl. M. J., Der Modernismus Sr. H. Papst Pius X. Pascendi dominici gregis, 1908 S. 60 – S. 63

siehe auch den Beitrag von Beßmer: Modernismus und Evolutionismus

sowie den Beitrag: Entwicklung nach katholischer Lehre

Zu diesem Thema sei an dieser Stelle der Beitrag „Modernistengeschwätz II“ empfohlen.

Bildquellen

  • Papst Pius X: Bildrechte beim Autor
  • Bitschnau Paepstliche Insignien: Bildrechte beim Autor
Category: Lemius, Pius X.
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