Pius XII und das Sonnenwunder

Die großen Feierlichkeiten zum Abschluss des heiligen Jahres 1951; die nächtliche Feier vor der Basilika von Fatima, diese ist von Scheinwerfer hell erleuchtet, auf dem Platz sind Hunderttausende von Gläubigen versammelt, für die Welt ein großes Ereignis

Porträt von Pius XII. in seiner päpstlichen Kleidung, ernst schaut er mit seiner Brille

Papst Pius XII. – Pastor Angelicus

Papst Pius XII. und das Sonnenwunder

Bericht des Kardinals Tedeschini

Bei der großen Schlußfeier des Heiligen Jahres am 13. Oktober 1951, bei der vier Kardinäle, 43 Bischöfe und eine Million Pilger aus aller Welt zugegen waren, legte Pius XII. in seiner Rundfunkansprache noch einmal der katholischen Welt die Größe der Botschaft von Fatima und deren erhabene Friedensmission ans Herz… Maria lehre uns, so fährt Pius XII. fort, daß der Friede der Welt nur in Frieden mit Gott und unter Achtung der Gerechtigkeit verwirklicht werden kann. Sie zeige den wirksamen Weg zur Eintracht, indem sie zur tätigen Menschenliebe aufruft.

Das Überraschendste aber war, daß im Anschluß der Legat des Papstes, Kardinal Tedeschini, über ein außerordentliches Erlebnis des Papstes bei der Dogma-Verkündigung im November des Vorjahres Mitteilung machte, das bisher nur ganz wenigen Vertrauten des Heiligen Vaters bekannt war und von der ungeheueren Menge mit atemloser Spannung und Ergriffenheit aufgenommen wurde. Diese Mitteilung wirft ein neues, helles Licht auf Fatima in Verbindung mit der großen marianischen Mission, die Pius XII. in seinem Leben verkörpert. Der Legat schilderte zunächst den Pilgern in Fatima noch einmal das Sonnenwunder, das sich am 13. Oktober 1917, dem letzten Tag der Erscheinungen der Muttergottes, ereignete, als eine Bestätigung der Echtheit dieser Erscheinungen. Die Sonne habe sich damals wie ein Feuerrad mit rasender Geschwindigkeit um sich selber gedreht und dabei nach allen Seiten Lichtgarben ausgeworfen, die in allen Farben wechselten. Und dann habe sie sich, plötzlich blutigrot erscheinend, vom Firmament gelöst, als wollte sie in Zickzack-Sprüngen auf die Erde stürzen, so daß die Menge in tausendstimmige Schreckens- und Flehrufe ausbrach. Die Vorgänge seien nicht nur von den 70000 Menschen, die um die drei Hirtenkinder versammelt waren, gesehen, sondern auch in stundenweiter Entfernung von Fatima von Unbeteiligten beobachtet worden. Durch ein nie gesehenes Wunder, so sagte der Kardinal, habe Gott damals der Botschaft der Himmelskönigin sein Siegel aufgedrückt. Er fuhr dann wörtlich fort (wir zitieren nach dem amtlichen Organ des Vatikans):

„Ich werde Euch, meinen gegenwärtigen und meinen alten portugiesischen Freunden und Pilgern eine ebenso wunderbare Tatsache mitteilen…, aber unter meiner persönlichen Verantwortung. Ich werde euch sagen, daß eine andere Person dieses Wunder gesehen hat: sie hat es außerhalb Fatimas gesehen, sie hat es viele Jahre später gesehen, sie hat es in Rom gesehen. Der Papst, unser Pontifex selbst, Pius XII., hat es gesehen! War dies ein Zeichen eine Genugtuung Gottes, der an der Definition des Dogmas der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel Wohlgefallen hatte? War dies ein himmlisches Zeugnis, das die Verbindung des Wunders von Fatima mit dem Mittelpunkt, dem Haupt der Wahrheit und des katholischen Lehramtes, authentisch bestätigte? Es waren alle drei Momente zusammen! Es waren die vier Nachmittage vom 30. Oktober, 31. Oktober und vom 1. November des vergangenen Jahres 1950, es waren dieselben Stunden des Oktavtages des 1. November, d.h. Des Tages der Glaubens-Verkündigung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (d.h. also am 8. November), als der Heilige Vater von den Vatikanischen Gärten den Blick zur Sonne wandte und sich vor seinen Augen das Wunder dieses Tales und Tages erneuerte. Die Sonnenscheibe, umgeben von ihrem Strahlenhof, wer könnte die Augen fest auf sie heften? Aber Er konnte es; an allen vier Tagen konnte er diese Bewegungen der Sonne unter dem Beistand Mariens beobachten. Der Sonne, die bewegt und ganz im Wanken begriffen, die verwandelt war in ein Bild des Lebens, in ein Schauspiel himmlischer Bewegungen, vermittelnd stumme aber dennoch beredte Botschaften an den Stellvertreter Christi. Ist dieses Fatima nicht in den Vatikan versetzt und ist dieser Vatikan nicht in ein Fatima verwandelt worden?“ („Osservatore Romano“, Sonntag, den 14. Oktober 1951, Seite 1, Spalte 2-4) Das vatikanische Organ fährt in der letzten Nummer fort: „Es ist nicht unsere Sache, Schlüsse aus diesen in einzigartiger Weise dem 13. Oktober 1917 ähnlichen Ereignissen zu ziehen. Aber das Eingreifen der allerseligsten Jungfrau ist häufig an den ernstesten Tagen der Kirchengeschichte geschehen, auch mit persönlich gerichteten Botschaften an den Nachfolger Petri.“ –
aus: Johannes Maria Höcht, Fatima und Pius XII., 1952, S. 85 – S. 87

Bericht der italienischen Wochenschrift L´Europeo

Über die Vorgänge in Rom berichtet ferner eine hochinteressante Mitteilung der italienischen Wochenschrift „L´Europeo“, aus der wir die folgenden Einzelheiten entnehmen:

„Pius XII. hat von dem außergewöhnlichen Ereignis nur drei oder vier hohen kirchlichen Würdenträgern gegenüber Erwähnung getan, sie aber zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Nur Tedeschini damit beauftragt, ihn bei den marianischen Festlichkeiten in Fatima zu vertreten, gestattete er, das Ereignis zu berühren.

Die hohen Prälaten, die in täglichem Umgang mit Pius XII. leben, verbinden die Nachricht, die von Tedeschini bekannt gegeben worden ist, mit einige Eindrücken, die sie vor einem Jahr wahrnehmen konnten. Im Oktober 1950 befand sich der Papst im Zustand einer außerordentlichen geistigen Spannung, da er sich auf einen besonderen feierlichen Akt, die Proklamation des Dogmas von Mariä Himmelfahrt, vorbereitete. Ost, auch außerhalb der für das Gebet gewöhnlich vorgesehenen Stunden, betrat Pius XII. seine Privatkapelle, um sich nieder zu knien. Während der Stunde des täglichen Spaziergangs, zwischen 15.30 Uhr und 16.30 Uhr, hatte er es aufgegeben, Papiere oder Dokumente des Staatssekretariates mit sich zu führen, die er gern in der Stille der vatikanischen Gärten studiert. Er hatte nur Gebetbücher bei sich. Nachdem mit dem Auto die weite Terrasse des vatikanischen Hügels erreicht war, schritt er allein über die Wege, auf denen er gewöhnlich etwa fünf Kilometer in elastischem Schritt zurücklegt. Zur gewohnten Stunde stieg er in den Wagen wieder ein. Am Nachmittag des 30. Oktober bemerkte sein Wagenlenker und Diener Mario Stoppa, wie es später auch die Prälaten des Staatssekretariats taten, daß der Papst leuchtende Augen und ein ausgehöhltes Gesicht hatte, als ob er eine Anstrengung unternommen habe, die über seine Kräfte ging. Dieser 30. Oktober war der Tag seiner ersten Vision.

Der Papst hat seine Vision dem Kardinal Tedeschini in einem Gespräch unter vier Augen enthüllt, vor der Abreise des Kardinals nach Portugal. Der Papst verlangte von dem Kardinal, daß er nicht darüber spreche.
Der Kardinal Tedeschini drang in ihn, und am Ende sagte der Papst: Brauchen Sie Ihr Urteil.“ –
aus: Johannes Maria Höcht, Fatima und Pius XII., 1952, S. 87-88

Bericht nach Glaube und Leben (Mainz)

Weitere in Rom eingezogene Erkundigungen haben dann u.a. nach „Glaube und Leben“ (Mainz) noch folgende beachtliche Einzelheiten ergeben: „Am 29. Oktober kam Papst Pius XII. zurück aus seinem Sommeraufenthalt Castel Gandolfo, um im Vatikan seine vielgestaltige Arbeit wieder aufzunehmen. Am Tage danach las er um 6 Uhr die heilige Messe in seiner Privatkapelle. 45 Minuten später nahm er sein kleines bescheidenes Frühstück ein und bestellte durch telefonischen Anruf Msgr. Montini aus dem päpstlichen Sekretariat. Um 10 Uhr begab sich der Papst zu einem halböffentlichen Konsistorium, d.h. einer Versammlung aller Kardinäle, die in Rom zu der bevorstehenden Verkündigung des Dogmas der Assumption anwesend waren, welches für den 1. November festgesetzt war. Das Konsistorium wurde geleitet durch den Kardinal Tisserand, den Doyen des heiligen Kollegiums. 30 Kardinäle wohnten dieser hohen Versammlung bei, u.a. auch Kardinal Faulhaber von München. Nach dieser feierlichen Sitzung übernahm der Papst wieder seine Arbeit im Palast. Um 3 Uhr nachmittags unternahm der Papst wieder seine Arbeit im Palast. Um 3 Uhr nachmittags unternahm er wie gewöhnlich in den Vatikanischen Gärten einen kurzen Erholungs-Spaziergang. Auf diesem wurde ihm die erste Vision zuteil.

Nachdem Pius XII. aus seinem Wagen gestiegen, seinen Begleitern den Abschiedssegen gegeben und der Schweizer Garde Anweisung erteilt hatte, von den Anlagen jedes menschliche Wesen fern zu halten, schritt der Heilige Vater mit ruhigem elastischen Schritten dahin. Plötzlich vernahm er eine Stimme, die ihn aufforderte, empor zu blicken. Die Sonnenscheibe bot seinen Augen trotz der strahlenden Leuchtkraft kein Hindernis mehr. An ihr vollzogen sich ähnliche Erscheinungen, wie sie unter dem Namen „Sonnenwunder“ bekannt sind. Die Gottesmutter jedoch selbst erschien ihm nicht.

Am 31. Oktober begann der Papst ebenfalls um 6 Uhr mit der heiligen Messe und den daran anschließenden üblichen päpstlichen Geschäften und Empfängen. U.a. empfing er die Delegierten der italienischen katholischen Aktion, welche ihm silberne Mikrophone überreichten, mit denen er die Übertragungen der Dogmen-Verkündigung am folgenden Tage vollziehen wollte. Um vier Uhr nachmittags hatte der Heilige Vater in den Vatikanischen Gärten dieselbe Vision wie am Tage vorher. Danach nahm Pius XII. teil an der großen Prozession, die vom Kapitol bis zu St. Peter die Straßen Roms durchzog.

Am Tage der Dogmen-Verkündigung wurde der Papst auf der Sedia Gestatoria, geschmückt mit der hohen Tiara, zu den Feierlichkeiten auf den Petersplatz getragen, die vier Stunden andauerten. Alle, die das Glück hatten, in seiner Nähe weilen zu dürfen, ergriff auf tiefste das ungemein bleiche Antlitz des Papstes, das inmitten unabsehbarer Volksmassen ganz nach innen gekehrte Auge und Wesen des Statthalters Christi. Nachmittags um vier Uhr durchschritt der Papst allein eine kurze Weile wiederum den Vatikanischen Garten und erlebte hier die dritte Vision. Alsbald Alsbald zog er sich in seine Gemächer zurück, das ungeheure äußere und das geheimnisvolle eigene stille Erlebnis in seiner Seele tragend. Eine vierte Vision gleichen Charakters folgte acht Tage später, zur gleichen Zeit und an gleicher Stelle.

Der Papst hat über alles tiefstes Schweigen bewahrt. Erst in der Abschiedsstunde seines Legaten Tedeschini, der in seinem Namen und Auftrag das Jubiläumsjahr in Fatima beenden sollte, hat ein wenig den Schleier des Geheimnisses gelüstet.“ (vgl. auch: „Der christliche Pilger“ vom 25. November 1951 sowie „Kath. Lesebogen“ Nr. 21) –
aus: Johannes Maria Höcht, Fatima und Pius XII., 1952, S. 88 – S. 89

Wir können nur erahnen, was die beiden zusammenfallenden Ereignisse der Dogma-Erklärung und der Sonnenvision für eine Bedeutung für die kommende Entwicklung von Fatima und des marianischen Gedankens in der Kirche überhaupt haben.

Wir vermerken nur dieses:

Maria entstieg in der Mulde der Iria, wie neuere Aussagen der Luzia besagen – genau wie in La Salette – einem Feuerball – der Sonne. Sie zeigte sich als die apokalyptische Frau. Und sie bestätigte ihre Botschaft am Schluß der Erscheinungen durch das „Sonnenwunder“. Werden wir hier nicht mit aller Macht an die Geheime Offenbarung Johannes erinnert, wo Maria erscheint… „ein Weib, von der Sonne umkleidet, den Mond unter ihren Füßen und zwölf Sterne um ihr Haupt…“? Bei ihrer Himmelfahrt aber wird sie gleichsam als Siegeszeichen Gottes – hoch über Tod und Satan – in den Himmel erhoben. Sollte dies nicht ein ganz einziger und großer Zusammenhang sein und uns in dieser Stunde, da Christ und Antichrist zum äußersten Kampf gegenüber stehen, zu sehr ernster Besinnung führen? Was ein Grignion vor mehr als 250 Jahren in prophetischer Sicht sah, das wird heute zur Wirklichkeit: das Heilige Jahr ist durch die Dogma-Erklärung und seinen Abschluß in Fatima ein wahrhaft marianisches Jahr geworden. Das marianische Zeitalter, das der hl. Ludwig Maria ersehnt und das bereits seit Paris (1830), La Salette (1846) und Lourdes (1858) begonnen hat, es geht mit machtvollen Schritten seinem Höhepunkt entgegen. Dem Zeitalter Mariens aber wird, wie Pius X. andeutete, unfehlbar das neue Zeitalter Jesu folgen. Wird es bereits unter dem Signum der Endzeit stehen? Wir wissen es nicht. Die Folgerungen wären unabsehbar. Noch stehen wir am Anfang, aber wir wissen und finden es heute bestätigt, daß Maria in der kommenden Zeit eine außergewöhnliche Rolle spielen wird (vgl. Grignion in seinen Ausführungen in der „Vollkommenen Hingabe an Maria“). –
aus: Johannes Maria Höcht, Fatima und Pius XII., 1952, S. 89 – S. 90

Bildquellen

  • Rost Papst Pius Xii: Bildrechte beim Autor
  • Hoecht Fatima Und Papst Pius Xii: Bildrechte beim Autor

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