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Katholische Kirche – Mystici Corporis
Deharbe Katechismus Glaubenszweifel
P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung
§ 1. Begriff und Gegenstand des Glaubens
Fortsetzung: Glaubenszweifel
Glaubenszweifel bezüglich der Wunder
Manche weigern sich, die Wunder, welche im Evangelium aufgezeichnet sind, zu glauben; sie wollen mit eigenen Augen Wunder sehen. Sähen wir selbst solche Wunder, so dass wir uns bestimmt davon überzeugen könnte, sagen sie, dann würden wir keinen Augneblick zögern, zu glauben. Eitle Ausrede!
Auch die Hohenpriester riefen, als Jesus am Kreuz hing: „Ist er König von Israel, so steige er nun herab vom Kreuz, und wir wollen an ihn glauben.“ (Matth. 27, 42) Als aber die Soldaten kamen und ihnen verkündeten, wie er von den Toten auferstanden sei, diente dieses größte aller Wunder nur dazu, ihre Herzen noch mehr zu verhärten.
Auch in unserer Zeit geschehen noch zahlreiche Wunder. Viele davon sind nach der ganzen Strenge der heutigen Wissenschaft geprüft und als solche befunden worden, die jede natürliche Erklärung ausschließen (1); gleichwohl gehen die Ungläubigen ruhig ihres Weges weiter und kümmern sich nicht darum; sie wagen es nicht, an eine gewissenhafte Untersuchung derselben heranzutreten; ihr eingeschläfertes Gewissen könnte sonst aus seinem Schlumer aufgeschreckt werden. Von ihnen gilt das Wort: „Stände auch jemand von den Toten auf, sie würden dennoch nicht glauben.“ (Luk. 16, 31)
Denn glauben kann keiner, außer er will. Darum ist auch Gnade und Friede nur denjenigen verheißen, welche guten Willens sind. (Luk. 2, 14)
(1) Wir erinnern nur an die Wunder, welche in den fast jedes Jahr stattfindenden Kanonissations-Prozessen untersucht und anerkannt werden. Vergleiche auch das Buch: „Lourdes und seine Geschichte, vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet“ von Dr. Boissarie, übersetzt von Dr. Euringer, Verlag von Huttler in Augsburg. Des gleichen „Stimmen aus Maria Laach“, Bd. 58, S. 113 ff.
Warum müssen wir alles fest für wahr halten, was Gott geoffenbart hat?
Weil Gott die ewige, unfehlbare Wahrheit ist.
„Durch den Glauben“, so lehrt das Vatikanische Konzil, „halten wir das, was Gott geoffenbart hat, für wahr, nicht weil wir mit dem natürlichen Lichte der Vernunft die Wahrheit der Sache durchschauen, sondern weil Gott sie geoffenbart hat, der weder irren noch in Irrtum führen kann.“ Gottes Allwissenheit und Allwahrhaftigkeit also ist der Grund, auf dem unser Glaube ruht.
Darum sind wir in unserem Glauben so sicher, wie es sicher ist, dass der allwissende Gott sich nicht täuschen und der allwahrhaftige Gott nicht lügen kann; wir glauben ohne den mindesten Zweifel, glauben die dunkelsten und unbegreiflichsten Geheimnisse, glauben fester, als wenn wir die Wahrheit mit Augen sehen oder mit Händen greifen könnten. Denn die Sinne können uns täuschen, Gott aber kann weder täuschen noch getäuscht werden. Himmel und Erde werden vergehen, seine Worte aber werden nicht vergehen. (Matth. 24, 35)
Ist der Glaube an Geheimnisse vernunftwidrig?
Die von Gott geoffenbarten Geheimnisse zu glauben ist keineswegs vernunftwidrig, vielmehr ist es vernunftwidrig, sie nicht zu glauben; denn nichts ist törichter, als nur das glauben zu wollen, was man begreift. In der Natur gibt es eine ganze Menge von Geheimnissen, die wir mit Augen sehen und doch nicht begreifen. Sollten wir deshalb unseren Augen nicht mehr glauben?
Täglich sehen wir die spinne ihr Netz ausspannen, die Biene ihre Zelle und den Vogel sein Nest bauen. Wie ist es möglich, dass ein vernunftloses Geschöpf eine so künstliche Arbeit verfertige? Jährlich sind wir Zeugen wie aus unscheinbaren Samenkörnern Kräuter und Bäume sich entwickeln, wie sie Erde und Wasser, ja Fäulnis und Moder in lebende Zweige, duftende Blumen und köstliche Früchte umwandeln. Keiner von uns vermag dieses vollkommen zu begreifen, und doch zweifeln wir keinen Augenblick an der Wahrheit dieser Tatsachen.
Vieles ist übrigens einem Ungelehrten unbegreiflich, was ein Gelehrter sehr wohl begreift. Ist es nun unvernünftig, wenn jener auf die Aussage des Gelehrten hin glaubt? Ein Sternenkundiger versichert einem unwissenden Menschen, die Sonne sei mehr als zwanzig Millionen Meilen von der Erde entfernt. Wenn nun dieser es nicht glauben will, weil noch niemand von der Erde zur Sonne gereist sei, um ihre Entfernung zu messen, wird da der Sternkundige nicht mit Recht lächeln und sprechen: „Du Tor, meinst du denn, es gebe keine andere Art, um Himmelsräume zu messen, als dein beschränkter Kopf sie sich einbildet?
Nun aber redet Gott und offenbart uns von seinen unendlichen Vollkommenheiten Dinge, die wir nicht begreifen; wäre es da nicht ungleich törichter, ihm nicht glauben zu wollen? Sollte etwa Gott nicht mehr wissen als wir? Was er aber mehr weiß, das ist für uns ein Geheimnis.
Lege einem Blindgeborenen eine bemalte Tafel vor, und nachdem er sich durchTasten überzeugt hat, dass dieselbe ganz flach und glatte ist, sage ihm, du sehest auf dieser glatten Tafel Häuser, Bäume, Berge, Tiere und Menschen dargestellt; wird der Blinde, von der Malereien keinen Begriff hat, das verstehen? Also ein Geheimnis für den Blindgeborenen! Was fehlt ihm denn zu Verständnis? Es fehlt ihm das Gesicht.
Ebenso sind auch wir jetzt Blindgeborene in Bezug auf so manche göttliche Dinge; „denn Stückwerk ist unser Erkennen“ hienieden. Darum ist nichts vernünftiger, als dass wir sie auf Gottes Wort hin glauben, bis der Tag kommt, „wo wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden“. (1. Kor. 13, 9. 12.)
Die Geheimnisse sind zwar über unsere Vernunft, d. h. sie sind zu erhaben, als dass unsere beschränkte Vernunft imstande wäre, sie klar zu durchschauen; sie sind aber keineswegs wider die Vernunft, weil sie nichts Unmögliches oder Ungereimtes enthalten. Es wäre sogar unverständig, die Lehren der Religion alle durchschauen zu wollen; denn dazu müsste man die unsichtbare Wesenheit Gottes, den ganzen Umfang seiner Allmacht, Weisheit und unendlichen Vollkommenheit erkennen. –
Der Glaube erniedrigt auch die Vernunft nicht, wie einige vorgeben, sondern erhöht sie und schärft ihre Sehkraft. Was ein Fernglas für das Auge ist, das und noch weit mehr ist der Glaube für die Vernunft. Mit dem Fernglas sieht das schwache Auge, was es ohne dasselbe nicht zu sehen vermag. Durch den Glauben nimmt unser Verstand gleichsam Anteil am göttlichen Erkennen, und so gelangt er zur Kenntnis von Wahrheiten, welche ihm sonst ewig verborgen geblieben wären, und die nur Gott vollkommen begreift. –
Eine Religion ohne Geheimnisse wäre eine Religion ohne Gott, also gar keine; denn es gibt kein unbegreiflicheres Geheimnis als Gott selbst, jenes ewige, unendliche, allmächtige, allwissende Wesen, das höchst einfach und doch zugleich unermesslich und überall gegenwärtig ist.
Warum müssen wir uns in Bezug auf den Glauben an das halten, was die Kirche zu glauben vorstellt?
Weil Christus der Kirche seine Offenbarung übergeben und ihr befohlen hat, uns dieselbe zu lehren.
Wenn ein Fürst Befehle erteilt und einen eigenen Beamten beauftragt, sie seinen Untertanen bekannt zu machen, versteht es sich da nicht von selbst, dass diese von jenem Beamten zu vernehmen haben, welches die Befehle des Fürsten sind? So verhält es sich auch hier.
Christus hat die Lehre, welche alle Menschen glauben müssen, um selig zu werden, vom Himmel gebracht. Dieselbe übergab er seiner Kirche mit dem Auftrage, sie unverfälscht zu bewahren und alle Völker zu lehren.
An die Kirche haben wir uns also zu halten, sie haben wir zu fragen, welches die von Gott geoffenbarten Wahrheiten sind. Die Kirche ihrerseits kommt getreu dem Auftrage nach, den Christus ihr gegeben hat; durch ihr Lehramt, den Papst, die Bischöfe und die ihnen untergeordneten Priester unterrichtet sie uns über die geoffenbarten Wahrheiten und befiehlt uns dieselben zu glauben – beides nämlich ist gemeint, wenn wir sagen: sie stellt uns die geoffenbarten Wahrheiten zu glauben vor.
Sie unterrichtet und befiehlt uns demnach im Namen und Auftrage Jesu Christi. Mit Recht sagt selbst Luther, „der Kirche Mund sei Gottes Mund“. Eben deshalb müssen und wollen wir uns der Kirche demütig unterwerfen und sie ehrfurchtsvoll anhören. –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 1, 1911, S. 22 – S. 24
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