Das Wunder des heiligen Abendmahles

Jesus hält in der Eucharistie die Hostie hoch, der Kelch steht vor ihm auf dem Tisch, das Bild ist umrankt mit Girlanden aus Weinblättern, Trauben und Ähren

Diamant oder Glas – Allen Christen zum Betrachten vorgelegt (1851)

7. Das Wunder des heiligen Abendmahles ist nicht unmöglich

Wer ein einfacher Christ ist, glaubt ruhig und fest, sobald er nur weiß, daß es der Herr gesagt hat. Wer aber schwach im Glauben ist, der meint oft ein starker Geist zu sein, wenn er an allem zweifelt, was das Maulwurfsaug`. Seines Verstandes nicht erfassen kann. Die Worte des Herrn sind so deutlich in der Schrift, daß sie nicht deutlicher sein könnten; solche Leute wollen sie aber nicht gelten lassen weil die Verwandlung des Brotes in den Leib Christi unmöglich und widersinnig sei. Der Menschenverstand will zu Gericht sitzen über Gottes Ausspruch.

Ich will nun zeigen, daß keineswegs unmöglich oder unvernünftig ist, was der Glaube lehrt.

Der Heiland hat, bevor er vom heiligen Abendmahl sprach, die wunderbare Brotvermehrung vorgenommen; das sollte eine sichtbare Lehre sein, durch welche die Wandlung im Abendmahl erklärt wurde. Nun überlege mit Bedacht folgendes:
In der gewöhnlichen Ordnung der Natur vermehrt sich das Brot dadurch, daß das Samenkorn in die Erde legt wird. Hier wird es erweckt durch Wärme und Feuchtigkeit, so daß es keimt. Dann saugt es aus dem feuchten schwarzen Erdboden und aus Aderluft und Sonnenschein seine Nahrung und entfaltet und erhebt sich zum Blatt und Stengel und zur Ähre, in welcher sechzig- und hundertfach das Korn enthalten ist, welches in die Erde gelegt worden war. Sodann wird es durch die Zermalmen des Mühlsteines und durch die Glut des Feuers erst zu Brot zubereitet. Das, was nun langsam in der gewöhnlichen Ordnung der Natur geschieht, hat der Herr der Natur, Jesus Christus, auf einmal geschehen lassen: das Brot war auf einmal in so großer Menge vorhanden, daß etwa zehntausend Menschen satt bekamen. Solches ist für ihn, durch welchen aller erschaffen worden ist, ebenso leicht, als es für den Uhrmacher leicht ist, den Zeiger vorzurichten, statt abzuwarten, bis derselbe erst allmählich durch die Mechanik des Werkes sich dreht. Wären wir gewöhnt, daß das Brot vom Himmel fällt wie das Wasser, so würden wir es für ein großes Wunder ansehen, wenn zum ersten Mal aus der Erde Frucht hervor wüchse.

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Ein neugeborenes Kind wiegt ungefähr acht Pfund, ein ausgewachsener Mann im Durchschnitt hundertfünfzig Pfund. Da nun der Heiland vollständig Menschennatur angenommen hat, so ist es auch bei ihm so gewesen. Ich frage nun: Wenn er bei seinem Tod einen viel größeren und schwereren Körper gehabt hat als bei seiner Geburt: woher ist der Zusatz an Größe und Schwere gekommen? Unzweifelhaft wie bei andern Menschen aus der Nahrung, welche er zu sich genommen hat. Ein beträchtlicher Teil seines Körpers ist somit auch einmal Brot gewesen, welches durch den Genuss in Blut und Fleisch übergegangen und sich verwandelt hat. Das, was nun an dem Heiland auf natürliche Weise geschehen ist und an jedem Menschen geschieht, daß sich nämlich Brot in seinen lebendigen Leib verwandelt: das geschieht im heiligen Abendmahl auf eine plötzliche und übernatürliche Weise, wie bei der Brotvermehrung auf einmal geschehen ist, was sonst in der Natur auf dem Feld langsam geschieht.

Ein Wunder ist diese Wandlung allerdings; allein wie das Christentum gar nicht ohne sichtbare Wunder beginnen konnte, so kann es ohne unsichtbare Wunder nicht bestehen. Das, was die Taufe in der Seele wirkt, ist auch ein wunder, jede Einwirkung des heiligen Geistes auf die Menschenseele ist auch ein Wunder, jede übernatürliche Gnade, jede Bekehrung und Heiligung ist ein Wunder, die Auferstehung des Fleisches ist ein Wunder, und das allergrößte Wunder ist Gott selbst.

In der Welt gibt es zwar nichts, was mit dem Wunder des heiligen Abendmahls verglichen werden kann, wie es auch nichts ein der ganzen Weltgeschichte gibt, was mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes verglichen werden könnte. Aber es gibt Dinge in der Natur, welche in einzelnen Beziehungen Ähnlichkeit haben.

Im heiligen Abendmahl ist der Leib Christi und erscheint in der Gestalt von Brot. So sieht man in der Natur das Wesen des Wassers in den verschiedensten Gestalten; es liegt als Eis schwer und hart am Boden; es fließt im Bach in beweglichen Wellen dahin; es glänzt im Tautropfen oder Regenbogen oder Abendrot wie farbiges Feuer; es schwebt leichter als die Luft als Wolke am blauen Himmel; es fällt als Regen, Schnee oder als Schloßen herab; es kann auch ganz unsichtbar in die Luft vergehen und ist doch vorhanden. Desgleichen sieh das dürre Holz, an, den kalten Stahl, die schwarze Gewitterwolke, du siehst ihm nicht an, daß Feuer drin drin vorhanden ist, und doch weißt du, daß Feuer daraus hervor kommen kann.

Im heiligen Abendmahl siehst du mit den Augen etwas anderes, als gegenwärtig ist; desgleichen sahen die drei Weisen aus dem Morgenland ein neugebornes Kind in armer Hütte, Maria Magdalena meinte den Gärtner zu sehen, Paulus sah einen Lichtstrahl – und jedesmal war es der Gottmensch Jesus Christus, derselbe, der sich uns in der Hostie zeigt. Und selbst im Irdischen ist zuweilen ein unermesslicher Unterschied zwischen dem, was eine Sache ist und was sie scheint. Schau den letzten, schwächsten Stern am Nachthimmel an; er scheint deinen Augen klein und unbedeutend wie ein weggeworfenes Schnittchen Papier – und doch ist er in Wahrheit ein großer Weltkörper, wohl viel größer als die ganze Erde, und mag zahllose Millionen lebendiger Wesen in sich fassen.

Im heiligen Abendmahl ist das tiefste, reichste Leben verborgen: Leben Gottes, Leben des Menschensohnes, Liebesleben, das auch unsern Leib zur seligen Auferstehung wecken wird. Du siehst auch im trockenen Weizenkorn nicht das Pflanzenleben, das jahrelang verborgen sein kann, bis es Keim treibt; du siehst auch nicht im schlafenden oder ohnmächtigen Menschen den lebendigen Menschengeist, der in dem totenähnlichen Körper schlummert; und du siehst ja überhaupt nicht das tiefste und mächtigste Leben Gottes, das doch überall zugegen ist mit ganzer Kraft und Wesenheit.

Der Gottmensch teilt sich im heiligen Abendmahl Millionen Menschen mit und gibt sich selbst doch nicht auf, sondern bleibt immer derselbe im Himmel. Wenn der Prediger auf der Kanzel steht und einen Gedanken in seiner Seele hat und den Gedanken ausspricht, so verwandelt sich der geistige Gedanke in sinnlich hörbare Worte, in welchen der geistige Gedanke gleichsam eingehüllt ist. In der einhüllen der Worte könnenden mehrere tausend Zuhörer den ausgesprochenen Gedanken in ihre Seele aufnehmen; deshalb geht aber der Gedanke in der Seele des Predigers nicht verloren. Oder die Sonne bleibt am Himmel, wenn auch Millionen Geschöpfe ihr Bild und ihre Wärme in sich aufnehmen. In ähnlicher Weise bleibt Jesus Christus ewig derselbe im Schoß des Vaters, wenn er auch mit seinem göttlichen Wesen in Millionen Menschenseelen lebendig eindringt.

Es ist aber eine geheime Gotteslästerung, wenn der Mensch mit seinem kümmerlichen Verstand Gott Schranken ziehen will, was ihm möglich sei. Wenn dein Heiland zu dir kommen will, so kannst du es nicht ertragen, daß er dir in seiner verklärten Gestalt erscheine; und doch ist es notwendig für deine Seele, daß er in dich eingehe und daß du den Augenblick wissest, wann er in dich eingehe. Ein besseres Gleichnis kann es nicht geben als die Gestalt des Brotes; und zugleich ist es dir Gelegenheit, den schönsten, kräftigsten Glauben an das Wort des Herrn zu üben.

Thomas hielt es für unmöglich, daß der gekreuzigte Herr wieder lebendig auferstanden sei, obschon dieser es voraus gesagt hatte und die übrigen Jünger den Auferstandenen schon gesehen hatten. Er sprach zu diesen, als sie es ihm erzählten: „Wenn ich meine Finger nicht in seine Wunden legen kann, glaube ich es nicht.“ Als nun später der Herr wieder einmal den Jüngern erschien, da auch Thomas zugegen war, fiel dieser vor dem Herrn nieder und rief aus: „Mein Herr und ein Gott!“ Der Herr aber sprach zu ihm: „Thomas, selig sind diejenigen, welche nicht gesehen haben und doch glauben.“ Diese Gelegenheit, selig zu werden durch den Glauben, ohne gesehen zu haben, gibt der Heiland jedem Christen im heiligen Abendmahl. Sein Wort sagt: Dieses ist mein Leib. Deine äugen sagen: Dieses ist Brot. Du hast die Wahl, wem du lieber glauben willst. Darum ist das Abendmahl nicht nur ein Liebesmahl, es ist ebenso sehr ein Mahl des Glaubens. –
aus: Alban Stolz, Gesammelte Werke, Kleinigkeiten, Erste Sammlung, 1909, S. 78-82

Fortsetzung: Christus im heiligen Abendmahl gegenwärtig

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