Göttliches Herz Jesu und der Jansenismus

Jesus steht mit ausgebreiteten Armen, auf der Brust das Herz mit Dornenkrone und einem Kreuz, links sind Geistliche und Fürsten, rechts eine Mutter mit zwei Kindern, ein Mann und ein Kranker mit Krücken, alle knien vor Jesus

Das göttliche Herz Jesu und der Jansenismus

Ein Stein, ja nicht einmal eine Flaumenfeder bleibt in der Luft hängen; ihre Schwere zieht sie immer abwärts, bis sie etwas Festes finden, was sie aufhält, sei es der Erdboden oder die Hand; aber für einen Stein dürfte es Wasser nicht sein; denn das Wasser ist nicht fest genug; es weicht von allen Seiten aus, und läßt den Stein in seiner Tiefe versinken.
Das hat seiner Zeit der Fischersmann Simon Petrus auf den See Genesareth erfahren. Er geht zwar auf Christi Befehl auf dem Wasser, aber nur so lange er sich an Christi Macht hält. Wie sein Glaube daran schwankt, schwankt auch er, fängt an zu sinken, und wäre sicher ertrunken, wenn ihn nicht die allmächtige Hand des Herrn wieder erfaßt hätte. Freilich, wen Gottes Hand trägt, der kann nicht untergehen; er hat eine sichere Unterlage als ein Schiff von Holz oder Eisen sein könnte.

Dieselbe Hand der Allmacht, welche den Apostel Petrus auf den beweglichen, vom Sturm gepeitschten Wellen aufrecht erhalten hat, hält auch seine Braut, die heilige Kirche, fest, daß sie im wilden Sturm der Zeiten, im Gewoge der Wechselfälle nicht untersinkt. „Seht! Ich bin bei euch, bis ans Ende der Welt.“ Dies Wort des Gottmenschen wird Wahrheit bleiben bis ans Ende der Zeiten, wie es Wahrheit gewesen ist von Christi Wort an bis auf unsere Zeit herauf. Wohl hat die katholische Kirche gewaltige innere und äußere Stürme schon zu bestehen gehabt; aber immer hat der Herr sie sicher und unverletzt hindurch getragen. Bei jedem neuen Sturm, der über sie herein gebrochen, hat er neue, besondere Gnadenmittel aufgeboten, welche die Kinder der Kirche im heiligen Glauben und in den christlichen Sitten bewahren sollten.

Dieses sehen wir in recht auffallender Weise in der Geschichte der Offenbarung des göttlichen Herzens Jesu am Ende des siebzehnten Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts war in Frankreich, besonders in der gebildeten Welt, eine Sekte ans Licht getreten, deren Lehren genau von jener Art waren, welche wir gewöhnlich unter dem weiten Begriff des Kalvinismus verstehen. Nach ihrem ersten Lehrer Jansen wird diese Lehre Jansenismus genannt. Diese Ketzerei beraubt in ihrer Lehre Gott all` der Langmut und des Erbarmens, womit seine Gnade bis zuletzt mit dem Sünder verfährt; sie verwandelt unsern liebevollsten Schöpfer in einen willkürlichen Tyrannen, welcher dem Menschen Gesetze auferlegt, die für dessen natürliche Schwäche zu schwer sind, ohne daß es ihm die übernatürliche Kraft gibt, sie zu erfüllen. Um dieser trostlosen Lehre Eingang zu verschaffen, hüllten sich ihre Verbreiter in das Gewand der größten Sittenstrenge, und wehrten es den Gläubigen, wie immer sie konnten, öfters die heil. Kommunion zu empfangen, unter dem gleißenden Verwand, wir Menschen seien dessen nicht würdig. Dabei waren sie von Haß und Abneigung gegen die heilige Kirche erfüllt, als deren Verbesserer sie sich aufwarfen; ja diese Sekte war eine planmäßige Verschwörung gegen Rom, aber nicht in offenem Krieg, wie ihn Luther und Calvin gewagt, sondern der Jansenismus war eine geheime Verschwörung. Und nachdem die heil. Kirche diese Irrlehre verdammt hatte, so leugneten sie die beständige Unfehlbarkeit der Kirche und behaupteten in ihrem Hochmut: um ein guter Katholik zu sein, genüge es, die Entscheidungen der Kirche mit Stillschweigen entgegen zu nehmen, ohne das innere Urteil ihren Aussprüchen zu unterwerfen. Mit andern Worten: sie behaupteten das Recht, Lehren, welche der Nachfolger des heil. Petrus verdammte, als unabhängig von der kirchlichen Lehre behaupten zu dürfen.

Unbeschreiblich groß ist das Verderben, welches diese in aller Stille in Frankreich überallhin verbreitete Irrlehre über dieses Land gebracht hat. Sie hat dessen Gläubige, so viel sie vermochte, weg gezogen vom Empfang der heiligen Sakramente, und was muss geschehen, wenn fast ein ganzes Land sich vom Tisch der Engel entfernt! – sie hat das Leben göttlicher Liebe und kindlicher Frömmigkeit in den Herzen getötet und überall, wo sie nur konnte, Ungehorsam, Abneigung und Haß gegen Rom gepredigt.

Wie wird nur der göttliche Bräutigam seiner mit dem Blut seines Herzens erkauften Braut, der heiligen Kirche, rettend zu Hilfe kommen? Was sollte denn noch die Menschenherzen zur Gegenliebe gegen ihn bewegen, wenn die fortwährende Engegenhaltung seiner Liebeswunder durch die Feste der Kirche, der Gedanke an sein Leben, Leiden und Sterben, ja selbst das größte Geheimnis seiner Liebe, seine wahrhafte und wirkliche Gegenwart im heiligen Sakrament zu schwach schienen, ihre Herzenskälte zu erweichen und diese unendliche Liebe wieder zu lieben?

Er wählte in seiner Erbarmung ein ganz ausgezeichnetes Mittel. Er will seine ganze Liebe und alle seine Liebeswunder wie in einem Brennpunkt sammeln, um diese vereinte, unermeßliche Glut auf die Seelen wirken zu lassen. Er offenbarte den Menschen sein Herz und die Andacht zu demselben. Mit diesem Inbegriff aller Liebe, mit diesem von Liebe ganz und gar flammenden, brennenden und leuchtenden Herzen trat der liebe Heiland nun gleichsam hin vor die Menschen, die in Kälte gegen Gott und gegen alles Heilige, der Welt, dem Fleische und dem Satan ihre Liebe und das Trachten ihrer Herzen zugewendet hatten, als wollte er ihnen sagen: O Menschenkinder! Bedenket doch, wie sehr ich euch geliebt habe und noch liebe. Wollet ihr wirklich, statt mir eure Liebe zu schenken, die ich mir doch so verdient habe, sie meinen und euren Feinden schenken? „Mein Sohn, schenke mir dein Herz.“ (Isai 23)

So und zur Zeit einer allgemeinen Verführung der Seelen und Erkaltung der Herzen gegen Gott geschah die Offenbarung des göttlichen Herzens Jesu, und wunderbar sorgte der Herr für die schnellste Verbreitung dieses neuen rührendsten Mittels seiner allmächtigen Gnade. Und die Geschichte der Andacht zu seinem heiligsten Herzen ist zur unwiderlegbaren Zeugin geworden, daß diese Andacht für zahllose Seelen zur Rettung geworden ist im vorigen Jahrhundert, in jener Zeit der maßlosesten Angriffe gegen den heiligen Glauben von Seite des Jansenismus und einer gottlosen Aufklärung, in jener Zeit des Ungehorsams und der Empörung gegen die heil. Kirche und der Herabwürdigung und planmäßigen Unterdrückung des heil. Apostolischen Stuhles; in jener Zeit der großen Verführung der Völker und Staaten durch Verschwörung gegen Thron und Altar; in jener Zeit der schaudervollsten Gleichgültigkeit der Menschenherzen gegen Gott, gegen die heil Religion und alles Heilige.

Seitdem haben aber die Feinde des Christentums nicht geruht. Mit erneutem Ingrimm, mit verschärften Waffen, mit frecherer Bosheit haben sie der heiligen Kirche den Krieg erklärt und wüten gerade in unserer Zeit allüberall gegen sie. Aber auch diesen neuen, gewaltigen Stürmen gegenüber hat der Herr seiner Braut und ihren gläubigen Kindern sein Herz als sicheren Zufluchtsort und die Andacht zu demselben als festeste Schutzwehr angeboten.Um dieses klar einzusehen, müssen wir einerseits die Hauptfeinde der heiligen Kirche in unserer Zeit ins Auge fassen und andererseits die Eigenschaften des göttlichen Herzens betrachten. Der Hauptfeinde in der Gegenwart sind aber vier, und gegen jeden derselben bietet uns das heiligste Herze seine allmächtige Kraft und Stärke an.

1. Der Unglaube
2. Die falsche Freiheit
3. der verderbliche Zeitgeist
4. Die Selbstsucht

aus: Franz Hattler SJ, Das große Herz-Jesu-Buch für die christliche Familie, 1897, S. 229 – S. 232

Verwandte Beiträge

Heiliger Aloysius von Gonzaga
Äußere Mission der katholischen Kirche
Menü