Das Erscheinen des Messias im Psalm 44

Der 44. Psalm – Das Erscheinen des Messias

König David mit der Harfe singt Psalmen über den Messias

Der 44. Psalm ist nach der kirchlichen Erklärung eine Allegorie: er schildert das Erscheinen des Messias unter dem Bild eines königlichen Bräutigams, der seine prächtig geschmückte Braut einholt.

Für den messianischen Charakter dieses Psalms sprechen das NT (1) und die übereinstimmende Auslegung der Väter und Lehrer der Kirche; nicht minder die der älteren Juden, welche sich auf Grund dieser und ähnlicher Stellen, die schon im Gesetz und später bei den Propheten vorkommen, das Verhältnis Israels zu Gott und den Eintritt des Volkes Gottes und der Heidenvölker in das Reich des Messias mit Vorliebe unter dem Bild eines Brautstandes dachten (2). – Ferner werden in andern anerkannt messianischen Stellen (3) gerade so wie hier die Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit des Herrschers sowie die Allgemeinheit und ewige Dauer als Eigentümlichkeit der Herrschaft dieses (messianischen) Königs bezeichnet, der überdies hier geradezu als Gott angeredet wird. Auch von neueren protestantischen Auslegern wird zugegeben, daß die dem Psalm zugrunde liegende Symbolik an und für sich vom alttestamentlichen Standpunkt aus möglich und verständlich ist; was sie anführen, um die Unmöglichkeit der allegorischen Deutung darzutun, ist dagegen hinfällig und beruht auf einer Verkennung eben dieser Symbolik (Bildlichkeit) (4).

Über wallt mein Herz von guter Rede (5);
ich singe mein Lied dem König;
meine Zunge sei die Feder eines Schreibers, der schnell schreibt.

Schön von Gestalt bist du, mehr als die Menschenkinder,
Anmut ist ausgegossen über deine Lippen;
darum hat dich Gott gesegnet in Ewigkeit! (6)
Gürte dein Schwert um deine Hüfte, du Mächtiger!
In deiner Anmut und Schönheit zieh aus,
fahr glücklich hin und herrsche
in (deiner) Wahrheit, Milde und Gerechtigkeit,
und wunderbar wird dich geleiten deine Rechte.

Deine Pfeile, scharf sind sie, daß Völker fallen unter dir,
sie dringen in die Herzen der Feinde des Königs (7).
Dein Thron, o Gott, steht fest in alle Ewigkeit;
ein Zepter der Gerechtigkeit ist deines Reiches Zepter;
Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht;
Darum hat dich, Gott, dein Gott gesalbt
mit Freudenöl, mehr als deine Genossen (8).

Myrrhe und Aloe und Kassia duften von deinen Kleidern (9),
aus Elfenbein-Palästen (10), aus denen dich erfreuen
Königstöchter in deiner Herrlichkeit.
Es steht die Königin zu deiner Eechten in gold`ne Kleid,
in buntem Gewand (11).

Höre Tochter, und schaue, und neige dein Ohr,
und vergiss dein Volk und deines Vaters Haus (12).
So wird an deiner Schönheit der König sich erfreuen;
denn er ist der Herr, dein gott; ihn wird man anbeten.

Tyrus` Töchter suchen mit Geschenken deine Huld,
alle Reiche des Volkes (alle, selbst die reichsten Völker, beugen sich vor dir).
Alle Schönheit der Königstöchter ist von innen, –
in goldenem Saum, in bunt gesticktem Gewand (13).

Es nahen sich dem König Jungfrauen mit ihr;
ihre Freundinnen, sie werden zu dir (o König) geführt;
Sie werden hingebracht in Freud` und Jubel,
eingeführt in des Königs Haus.

Statt deiner Väter werden dir (o König) geboren Söhne;
du setzest sie zu Fürsten auf der ganzen Erde (14).
Durch alle Geschlechter gedenken sie deines Namens;
drob preisen Völker dich auf ewig und in alle Ewigkeit.

Anmerkungen:

(1) Hebr. 1, 8f.
(2) Vgl. besonders das Hohelied; Ir. 2, 2; 3, 1ff; Ez.16, 8ff; Os. 2, 5 u. 16ff; Is. 1, 21; Ps. 78, 27; 105, 39; Lv. 17, 7; 20, 5 usw.
(3) Z. B. Is. 9, 5 u 6; 11, 4-6.

(4) Vgl. Bäthgen, Die Psalmen (1897) 126. Dort wird zugegeben, daß Ps. 44 nach Form und Idee mit dem Hohenlied nahe verwandt, die messianische Auslegung in der alten Kirche wie in der Synagoge allgemein und unbestritten und für die auf alle mögliche Weise versuchte historische Erklärung keine sichere Datierung möglich ist. Sträubt man sich auch gegen die allegorische (u. messianische) Deutung, so muss man doch einräimen, daß dieselbe in der Form der orientalischen Hochzeitslieder Anhaltspunkte findet, daß die Idee von der Vermählung Gottes mit seinem Volk echt prophetisch (vgl. auch Eph. 5, 32) und die Aufnahme des Ps. 44 wie des Hohenliedes in den Kanon nur aus der allegorischen Auffassung erklärlich ist.

(5) Nach der hebr. Überschrift: „Ein Lied der Liebe“, handelt das Lied von der Liebe, und zwar von der Liebe Gottes, der in Vers 7 u. 8 angeredet und unter dem Bild eines stattlichen siegreichen Königs dargestellt wird, der seine Braut (mit Gefolge) heimführt. Auch das Lateinische: für den Geliebten, bezeichnet den König, den nach Vers 2 das Lied besingt. In den priesterlichen Tagzeiten wird der Psalm an den Festen der Apostel, heiliger Jungfrauen und der Königin aller Jungfrauen sowie auch bei der Ablegung der Ordensgelübde gebetet.

(6) Nicht: wegen deiner Anmut hat dich Gott gesegnet, sondern: deine Anmut macht offenbar, daß dich Gott gesegnet hat.

(7) Bildlich für die Macht des für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfenden Herrschers.

(8) Daß der königliche Bräutigam als „Gott“ (elohim) angeredet wird, läßt sich durch keine Deutungskunst beseitigen. Alle alten Übersetzungen faßten elohim in V. 7 u. 8 als Vokativ. Neuere wollen das Wort elohim in V. 7 streichen oder übersetzen: Dein Gottesthron steht immer und ewig, oder: Dein Thron ist ein Gottesthron u. dgl., was unmöglich und eine „reine Verlegenheits-Auskunft“ ist (Kautzsch). Möglich ist, daß in V. 8 ursprünglich der Gottesname Jahve gestanden hat („Darum hat dich Jahve, dein Gott, gesalbt“). Das würde aber die traditionelle Erklärung nicht umstoßen. –

Der Angeredete ist kein anderer als Gott selbst, der unter menschlichem Bild geschildert wird. Daß der als Gott Angeredete von Gott, der ihn salbt, unterschieden wird, hängt mit der Bildlichkeit der Schilderung zusammen und deutet an, daß der Messiaskönig in menschlicher Gestalt erscheinen wird. Auf die menschliche Natur bezieht sich natürlich auch allein, was von der Salbung gesagt wird. Diese ist ein Bild der Freude, aber auch der Ehrung, Auszeichnung und Würde. Mehr als alle seine Genossen, d. i. die irdischen Könige, wurde Christus gesalbt in der Menschwerdung, da seine Menschheit mit der Gottheit selbst vereinigt wurde (Is. 61, 1; Lk. 4, 18ff), und bei seiner Himmelfahrt, da er auch seiner menschlichen Natur nach mit königlicher Macht und Herrlichkeit über die ganze Welt betraut und so über alle Menschen hoch erhoben wurde. (Vgl. Phil. 2, 8-10).

(9) Die genannten wohlreichenden Stoffe sind Ingredienzien des heiligen Salböls und veranschaulichen hier die Fülle der Salbung, infolge deren der Wohlgeruch sich den Kleidern mitteilt.

(10) Das durch seine glänzend weiße Farbe, Feinheit und Festigkeit sich auszeichnende Elfenbein ward im Altertum dem Gold gleich geachtet. Die Heilige Schrift gedenkt eines elfenbeinernen (d. i. mit Elfenbein verzierten und reich eingelegten) Thrones Salomons (3. Kg. 10, 18), elfenbeinerner Bettstellen vornehmer Paläste (3. Kg. 22, 39). Die elfenbeinernen Häuser sowie die aus den kostbaren Gewändern duftenden lieblichen Wohlgerüche sinnbilden die liebliche und entzückende Herrlichkeit des Messias, wie sie in der himmlischen Lehre, den zahllosen Wundern Jesu, der unvergleichlichen Heiligkeit seines Lebens und besonders seiner Glorie zur Rechten des Vaters sich offenbart.

(11) Die „Königstöchter“, d. i. die verschiedenen mächtigen heidnischen Völker, sind Gespielinnen und Dienerinnen der einen königlichen Braut, d. i. Israels und der in ihm vorgebildeten Kirche. Solche Königstöchter sind jedoch auch die einzelnen Glieder der Kirche, die edlen Seelen, die stets der Ankunft des göttlichen Bräutigams harren und seiner Liebe alles opfern. Ihnen gilt das Gleichnis des Herrn: „Das Himmelreich ist gleich zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam und der Braut entgegen gingen“ (Mt. 27, 1; vgl. 2. Kor. 11, 2), sowie die Warnung: „Wer nicht allem entsagt, was er besitzt, kann mein Jünger nicht sein.“ (Lk. 14, 33) Unter diesen Seelen, die so wahrhaft mit gott verbunden sind und ihn über alles lieben, ist die heiligste Jungfrau und Mutter des Erlösers die Königin; die Gott geweihten reinen Seelen aber sind ihre Freundinnen.

(12) In Form einer Anrede werden die Pflichten der erwählten Braut und damit ihr Verhältnis zu ihrem „Herrn“, der Gott selbst ist, dargelegt. Sie muss alle bisherigen Beziehungen, auch die heiligsten, „vergessen“, um ihm in unwandelbarer Liebe und Treue ganz anzugehören. Man kann an das Wort Christi denken: „Ich bin gekommen, zu trennen den Sohn von seinem Vater und die Tochter von ihrer Mutter. Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ (Mt. 10, 35) Die sich dem Erlöser in besonderer vollkommener Liebe weihen wollen, müssen um seinetwillen alle ihnen noch so teuren irdischen Güter verlassen, wie er selbst später in den Worten angedeutet hat: „Wer immer sein Haus, oder Brüder, oder Schwestern, oder Vater, oder Mutter, oder Weib, oder Kinder, oder Äcker um meines Namens willen verläßt, der wird Hundertfältiges dafür erhalten und das ewige Leben besitzen.“ (Mt. 19, 29)

(13) Die innere Schönheit der königlichen Braut, d.i. Der Kirche, besteht in der heiligmachenden Gnade, in dem Geist Jesu Christi, der all ihr Denken und Handeln beseelt, in mancherlei herrlichen Gnadengaben und den aus diesen hervorgehenden himmlischen Tugenden u. dgl. Die äußere Pracht der Kirche zeigt sich in der Kostbarkeit und reichen Fülle ihrer erhabenen Glaubenslehren, ihrer gnadenvollen Sakramente und Sakramentalien, ihrer sinnvollen Zeremonien, in ihrer äußeren ebenso schönen und reichen als allen Stürmen der Hölle Trotz dienenden festen Verfassung und Gliederung usw. Ähnlich besteht die innere Schönheit der Königin Maria (vgl. Hohel. 4, 7) in der reichsten Fülle in den ihr mitgeteilten Gnaden, in ihren unvergleichlichen Tugenden, ihre äußere in den ihr von den drei göttlichen Personen zuteil gewordenen wunderbaren Auszeichnungen, in den durch ihre Fürbitte gewirkten zahllosen Wundern usw.

(14) Diese „Söhne“ des Erlösers und seiner stets jungfräulichen Braut, der Kirche, überstrahlen bei weitem die Altväter Israels; es sind zunächst die Apostel und deren Nachfolger, die Bischöfe, welche als Fürsten und Hirten über die Gläubigen gesetzt sind (vgl. Mt. 9, 15; 19, 28; Apg. 20, 28), sodann die unübersehbare Reihe der Heiligen, die mit Christus herrschen. (Offb. 5, 10; 20, 4; 22, 5; Röm. 5, 17) –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 738 – S. 741

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