Missbrauch der Zungen in allen Sprachen

Predigt am heiligen Pfingst-Montag: Der Missbrauch der Zungen in allen Sprachen

„Und sie fingen an zu reden.“ (Apostelg. 2)

Von dem gepredigten apostolischen Wort, durch welches die Kirche Christi auf Erden nach seiner Himmelfahrt verbreitet wurde, bezeugt der heilige Paulus, dass es bis an die Grenzen der Erde ergangen sei. Es unterliegt auch keinem Zweifel, dass die Apostel den Auftrag Christi buchstäblich erfüllten: „Gehet hin in alle Welt und predigt allen Völkern und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“

Hätte die Menschheit nicht von ihrer Seite die Predigten der Apostel zurückgewiesen, so wäre diese apostolische Sendung – verbunden mit der Wunderkraft, welche das apostolische Wort begleitete – an und für sich hinreichend gewesen, das ganze Menschengeschlecht auf immer in Dingen des Heils zu erleuchten und in die wahre Kirche Christi einzuführen. Doch leider stießen diese apostolischen Predigten vom Anbeginn an schon auf Widerstand.

Bereits am Pfingst-Sonntag sehen wir Petrus und Johannes im Kerker, und das Verbot des hohen Rates erging an sie mit der Weisung, den Namen Jesu nicht mehr zu nennen und sich nicht mehr um seinen Befehl zu kümmern.

Die Apostel allerdings ließen sich weder durch Drohungen noch Züchtigungen daran hindern, Gottes Wort über die Erde hin zu verkündigen; allein die Hölle säumte auch nicht, dem Werk des Herrn jedes mögliche Hindernis in den Weg zu stellen.

Und was war und ist wohl das verderblichste aller Mittel, deren die Hölle sich bedient, das Evangelium zu entfruchten und dafür das Reich des Bösen zu verbreiten? Ich antworte und sage: Dieses Mittel ist:

Der Missbrauch der Zunge in allen Sprachen, allerorts und bei allen Völkern über die weite Erde hin, entflammt vom Feuer des Hasses gegen Gott und sein Reich.

O Maria, Obsiegerin der Hölle, erbitte uns die Gnade, die Feinde der Kirche durch das Schwert des göttlichen Wortes stets siegreich zu bekämpfen.

Ich rede im heiligsten Namen Jesu, zur größeren Ehre Gottes.

Welch eine furchtbare Waffe die Zunge sei, durch welche Luzifer das Reich Gottes auf Erden bekämpft, darauf weist bereits der Fall Adams im Paradies hin, welcher Fall dem Reich des Bösen unter den Menschen die Türen angelweit eröffnete.

Es war ja das Wort der Verführung, das durch die Schlange an Eva erging, welches sie zum Fall gebracht. Dieses Wort sollte dem Satan nun auch als Waffe dienen, die Erlösung des Menschen zu hindern oder doch denselben die Frucht der Erlösung ganz oder zum Teil zu rauben.

Christus, das menschgewordene Wort Gottes, trat in die Welt ein, doch so wie Maria mit demselben im Tempel erschien, prophezeite Simeon von dem Kind, es werde ein Zeichen sein, dem da würde widersprochen werden.

Gleich wie nämlich von einer Seite das gepredigte Wort es ist, durch welches das Wort der Offenbarung an das Menschengeschlecht gelangen sollte, auf dass die Menschen, im Glauben erleuchtet, Kinder der Kirche würden, um als solche Gott zu dienen und selig zu werden: so sollte das Wort auch Luzifer und den Gewalten der Hölle als Mittel dienen, um die Wirkung desselben so viel als möglich zu hindern und zu vernichten und dagegen das Reich des Bösen zu befördern und zu verbreiten.

Das Evangelium, die Episteln und die Apostelgeschichte selbst legen dafür Zeugnis ab, samt der ganzen Geschichte der Kirche, bis auf den heutigen Tag. Das Symbol der geteilten, feurigen Zungen ist nicht nur das Symbol des heiligen Geistes, sondern auch das des bösen Geistes.

In dieser Beziehung sind es besonders folgende charakteristische Eigenschaften, welche die Teufelszungen bezeichnen.

Erstlich: Die Lügen-Zungen, die Zungen der Verleumdung. Gleichwie Christus den heiligen Geist als Geist der Wahrheit verkündigte und sandte, auf dass Er die Apostel und Jünger des Herrn alle Wahrheit lehre: so ist die Zunge unter dem Einfluss des Satans gegen das Reich der Wahrheit: Die Lügen-Zunge.

Die heilige Schrift nennt Luzifer den Lügner von Anbeginn, den Vater der Lüge.

Der Mensch als Ebenbild Gottes verlangt nach Wahrheit – Gott ist die Wahrheit.

Dieses Verlangen nach Wahrheit ist so groß, dass der Mensch nie die Lüge als Lüge, sondern nur insoweit annimmt, als sie den Schein der Wahrheit an sich trägt. Daher das Streben der Emissäre der Hölle, den Sinn des göttlichen Wortes zu entstellen und zu verdrehen.

So taten sie in Bezug auf Christus selbst: „Sie gingen aus“, lesen wir, „um Ihn in der Rede zu fangen“, und entstellten das Wort seiner Lehre, um Ihn zu verleumden.

Sei es auch, dass Christus hochfeierlich beteuerte: Er sei nicht gekommen, um das Gesetz zu lösen, sondern zu erfüllen, so behaupteten sie doch vor dem Volk, Er sei ein Feind Moises und des Gesetzes. Sei es auch, dass Er das Volk aufforderte, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, sie behaupteten dennoch, Er predige Aufruhr gegen denselben.

Das Feuer, in dem ihre Zungen erglühten, die sie gegen Christus gebrauchten, war ein Feuer des Hasses gegen Ihn und sein Reich. Christus weist ihnen seine Ankunft aus den Schriften der Propheten selbst nach, wirkt Wunder ohne Zahl, weckt Tote zum Leben, und dennoch strecken sie ihre Zungen gegen Ihn aus und schreien:

Kreuzige Ihn, kreuzige Ihn!

Drei Millionen Zungen streckten sich da gegen Christus aus, entflammt vom Neid und Hass der Hölle! Und wer könnte sie zählen, die Millionen und Myriaden von Zungen, die sich seither durch den Verlauf von 19 Jahrhunderte gegen Christus und sein Reich ausgestreckt!

Denn nicht nur in Jerusalem, sondern über die ganze Erde hin, widersprachen die in der Welt zerstreuten Juden dem Evangelium, wie die Apostelgeschichte beinahe auf jeder Seite nachweist. Die Juden zu Rom gestanden es und sagten es dem heiligen Paulus in das Gesicht: „Wir wissen von der Sekte, die man Christen nennt, nur das, dass derselben überall widersprochen wird.“

Mit diesem Widerspruch der Juden vereinigte sich nur zu bald auch jener der Heiden.

Denn wofür war der Satan auch unter diesen zumeist besorgt?

Ich antworte: Dafür, dass es ihm gelänge, durch Entstellung die Lehren des heiligen Evangeliums den Heiden verhasst zu machen.

Wie oft bis auf unsere Tage selbst, in China und Japan, musste nicht die Verdrehung der Lehre von der Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament dazu dienen, die Kirche zu verleumden, als ob wir Menschenfleisch genössen und Kinder zu diesem Zweck schlachteten.

Ferner, wenn wir das Gift aller Ketzereien betrachten, sind nicht beinahe alle Glaubenswahrheiten, welche Protestanten anfeinden, von denselben entstellt und der Kirche nur angedichtet?

Und trotzdem, dass hundert und hunderte von Gelehrten durch drei Jahrhunderte es denselben gesagt und nachgewiesen, so bleiben die Zungen der Wort-Diener der protestantischen Sekten doch bei ihrer Verleumdung gegen Christus und seine Kirche ausgestreckt.

Wahrhaftig, würden Ungläubige und Irrgläubige den Menschen die wahre Lehre der katholischen Kirche vor Augen stellen, so würden die meisten die Lehren der katholischen Kirche bekennen, und nur wenige würden dem Sirenenruf folgen, der sie von derselben wegzieht.

Das, was dieselben mit Ekel gegen die Kirche und ihre Diener erfüllt, sind die Lügenzungen, durch welche die Feinde der Kirche das Wesen, das Ziel und Ende derselben entstellen.

Gibt das vom gepredigten Wort, so nicht minder und mit noch weit verderblicherem Einfluss, von dem der Presse.

Die Presse besonders verwandelt das Wort in ebenso viele Zungen, als es Seiten und Zeilen in den Büchern gibt, welche das Gift der Lüge und Verleumdung gegen die Wahrheiten des heiligen Glaubens aussprechen.

Gott! Welche Myriaden von feurigen Zungen erblicken wir da, die entflammt vom Hass gegen Gott und seine heilige Kirche ausgestreckt sind. Gilt das von der Kirche im allgemeinen, so nicht minder in Hinsicht auf das Reich Gottes im Herzen der einzelnen Kinder derselben.

Wie viele Zungen bewegen sich da täglich, um die religiöse Überzeugung im Herzen der Jugend zu schwächen und das Leben nach Vorschrift des heiligen Glaubens mit Spott und Hohn zu begeifern. Nicht nur was das Leben der Kinder Gottes in ihren Pflichten gegen Gott betrifft, sondern auch unter sich selbst, auf dass das Band der Liebe unter den Menschen gelockert und zerrissen werde.

Dazu gehören die Lästerzungen der Verleumdung, der Ehrabschneidung, der üblen Nachrede, der Ohrenbläserei; die Lästerzungen der Großsprecherei und Eitelkeit, der persönlichen Ehrverletzungen, des Widerspruchs, der Grobheit und Beleidigung, des Zankes bis zur Misshandlung des göttlichen Namens. Ferner die Lasterzungen der Verführung zu allen den verschiedenen Hauptsünden, namentlich was das Laster der Unkeuschheit betrifft, was ist da wohl gewöhnlicher als anstößige Reden, derer die Verführer sich als Stricke bedienen, um damit ihre Opfer zu umgarnen.

Nebstbei die Anzahl der Sünden, begangen durch sorglose Geschwätzigkeit, bei all den unnotwendigen Besuchen und Unterhaltungen. Die Zunge ist es, die bei all diesem dem Satan zumeist dient, um das Reich der Tugend im Herzen der Kinder der Kirche anzufechten und auszurotten, dagegen aber das des Unglaubens, der Gleichgültigkeit in Dingen der Religion und des Lasters einzupflanzen.

Wer sieht es da nicht auf den ersten Blick, dass es besonders die Zunge ist, deren der Satan sich bedient, um sein Reich auf Erden zu verbreiten und das Reich Gottes anzufeinden; und müssen wir nicht staunen, wenn wir erwägen, mit welchem Erfolg die Hölle jedes Mal, besonders aber in unseren Tagen, sich des Wortes bediente, um das Reich der Wahrheit zu bekämpfen und, wo möglich, zu zerstören!

Durch Verbreitung falscher Lebensgrundsätze verpestet die Hölle den Einfluss der öffentlichen Meinung und weiß sich den Anschein zu geben, als sei sie die Freundin der Menschheit und suche nichts mehr als deren Wohlergehen. Sie nennt Unwissenheit in Dingen des Glaubens und Vernachlässigung der religiösen Pflichten Aufklärung und Kultur! Sie trachtet auf alle Weise besonders die Jugend zu gewinnen, und durch Einprägung falscher Grundsätze Hass gegen die heilige Kirche und ihre Diener und Gleichgültigkeit in Dingen des Heiles denselben einzuflößen.

Sie beherrscht die Tages-Presse, schleudert unzählige Schriften in die Welt und bemüht sich, die Menschen glauben zu machen, als sei Wissenschaft an die Stelle der Religion betreten, und beide seien im Widerspruch miteinander.

Wenn aber dieses mit so vieler Anstrengung und Mühe, mit Spendung von so großen Summen Geldes von Seiten der Emissäre der Hölle geschieht, und das nur aus Eitelkeit und Liebe zur Welt, was sollten nicht die eifrigen Kinder der Kirche für einen Antrieb in sich fühlen, sich nie und nimmer von denselben im Eifer für Gott und sein Reich übertreffen zu lassen!

Zu diesem Zweck müssen sie erstlich dafür sorgen, selbst im Glauben vollständig unterrichtet zu sein, und auch besonders sich bemühen, in ihrem Umgang mit anderen jede Gelegenheit benützen, dieselben zu belehren, die gute Presse zu unterstützen und entsprechende Bücher und Schriften zu verbreiten.

Tun wir dies, und das Reich Gottes wird sich auf Erden vermehren und damit zugleich unser Verdienst in der Nachfolge der apostolischen Christen. – Amen!

aus: F. X. Weninger, Originelle kurz-gefasste praktische Festtags-Predigten, 1881, Zweite Predigt, S. 370 – S. 376

Beiträge von P. F. X. Weninger auf dieser Website unter dem

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Tags: Sünde

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