Christus erneuert seine Menschwerdung in jeder heiligen Messe
1. Im vorigen Kapitel haben wir die Geheimnisse der heiligen Messe nur kurz angedeutet und obenhin erwogen, jetzt aber wollen wir ein Geheimnis nach dem anderen betrachten und erklären, und zwar zuerst das so hohe Geheimnis der Menschwerdung Christi. Dass in jeder heiligen Messe die Menschwerdung Christi erneuert werde, beweise ich erstens mit dem Zeugnis des berühmten und gottseligen Lehrers Marchantius, welcher in seinem Horto patorum Tract. IV. lect. 19 Candel. Mistici also spricht:
„Was ist die heilige Messe anders, als eine lebhafte und vollkommene Vorstellung, ja Erneuerung der Menschwerdung, der Geburt, des Lebens, Leidens und Sterbens Christi, und der ganzen von ihm vollbrachten Erlösung?“
O wohl ein wunderbarer und beinahe unglaublicher Ausspruch, dem mancher Mensch nicht leicht beistimmen wird! Auf dass aber niemand sich dessen weigern könne, so will ich in diesem Kapitel zeigen, auf welche Weise Christus in der heiligen Messe seine gnadenreiche Menschwerdung täglich erneuert.
2. O welch vortreffliche, welch fruchtbare und unaussprechliche Wohltat hat die göttliche Erbarmung dem menschlichen Geschlecht damals erwiesen, als der Sohn Gottes wegen der Menschen und wegen unseres Heiles vom Himmel herabgestiegen, durch den heiligen Geist in Maria der Jungfrau Fleisch geworden, und die Menschheit angenommen hat! Dies unbegreifliche Geheimnis betet der Priester an, wenn er unter dem Credo bei den Worten: Et incarnatus est, nicht allein sein Haupt beugt, sondern mit Ehrerbietung auf seine Knie niederfällt, und der göttlichen Erbarmung für diese tiefste Erniedrigung den möglichen Dank sagt.
Die Roratemessen
3. Die heilige Kirche hat auch gar heilsam angeordnet, dass die Gläubigen alljährlich die ganze Adventszeit hindurch diese hohe göttliche Wahrheit beherzigen, andächtig erwägen und der göttlichen Barmherzigkeit dafür innig danken sollen. Die heilige Kirche hat nämlich die Anordnung getroffen, dass während der Adventzeit täglich die Roratemessen oder Engelämter gehalten werden, bei denen schon das erste Wort, der Messanfang lautet: „Tauet herab, ihr Himmel, und ihr Wolken regnet ihn, den Gerechten; es öffne sich die Erde, und sprosse hervor den Heiland!“
Die ganze Messe bezieht sich auf die gnadenreiche Menschwerdung des Sohnes Gottes, und es soll durch die heiligen Engelämter einesteils die Sehnsucht nach der Geburt des Weltheilandes geweckt werden, andernteils aber die Menschen zu Dank und Freude bestimmt werden. Denn durch die gnadenreiche Menschwerdung hat Christus uns so viel Gutes erwiesen und in seinem menschlichen Leibe so viel für uns getan und gelitten, dass wir ihm nicht allein in dieser Zeit, sondern auch in der künftigen langen Ewigkeit nimmermehr genug dafür danken können.
In jeder Messe wird die gnadenvolle Menschwerdung erneuert
4. Aber, o Wunder! Der liebe Jesus hat sich nicht begnügt, nur einmal Mensch zu werden, sondern er hat in seiner unendlichen Weisheit das hohe Geheimnis der heiligen Messe erfunden und eingesetzt, auf dass er das Wohlgefallen, welches sein Vater und der göttliche Geist von Ewigkeit her an ihm, dem Mensch gewordenen Sohn hatten, täglich und unaufhörlich erneuere und vermehre, indem er in der heiligen Messe die gnadenvolle Menschwerdung so lebhaft erneuert, als ob sie wirklich wiederum geschehe; ja, sie geschieht auch, zwar nur geistlicher, aber doch wahrhafter Weise.
Um dies zu bestätigen, führe ich das Zeugnis der katholischen Kirche an, welche am neunten Sonntag nach Pfingsten in der Sekret also spricht: So oft das Andenken dieses Schlachtopfers gefeiert wird, so oft wird das Werk unserer Erlösung vollzogen.“ Die Kirche sagt nicht: so oft wird das Werk unserer Erlösung vorgestellt, sondern: „so oft wird das Werk unserer Erlösung vollzogen.“ Was ist nun das Werk unserer Erlösung anderes, als die Menschwerdung, die Geburt, das Leiden und Sterben Christi; das ist es aber, was in jeder heiligen Messe erneuert wird.
5. Dies bezeugt uns auch der heilige Augustinus Serm. de Sacerd. dignitat. „O hohe Würde der Priester, in deren Händen Christus wiederum Mensch wird! O himmlisches Geheimnis, welches Gott der Vater, und der Sohn und der heilige Geist durch die Priester so wunderbarer Weise wirkt.“ Der heilige Johannes Damscenus Lib. 4. cap. 14. schreibt. „Wenn einer fragt, wie das Brot in den Leib Christi verwandelt werde, so sage ich: Der heilige Geist überschattet den Priester und wirkt dasselbe, was er im Leibe Mariens gewirkt hat.“
Der heilige Bonaventura bezeugt dies auch mit klaren Worten, indem er Tom. IV. de Inst. Novit. p. 1. c. 11. spricht: „Gott scheint nichts Geringeres zu tun, indem er sich würdigt, täglich vom Himmel auf den Altar herabsteigend, die menschliche Natur angenommen hat.“ Sind das nicht klare und merkwürdige Worte, indem dieser seraphische Doktor sich zu sagen betraut, dass Christus jetzt in allen heiligen Messen nichts Geringeres zu tun scheint, als er vor achtzehnhundert Jahren in seiner gnadenreichen Menschwerdung getan hat!
6. Ich beweise dies ferner auch mit dem Zeugnis Christi selber, welcher zum seligen Alanus de Rupe (in lib. Ejusdem part. 4 c. 27.) folgende Worte gesprochen hat: „Gleichwie ich durch das Ave Maria einmal Mensch geworden bin in der hl. Jungfrau Maria, so fange ich in jeder heiligen Messe sakramentalischer Weise gleichsam wiederum an, Gottmensch zu werden.“ Wie dies geschehe, erklärt Christus folgendermaßen: „Denn wie das göttliche Wort durch den englischen Gruß ist Fleisch geworden, so wird dasselbe göttliche Wort durch die Wandlungsworte in den Händen des Priesters Gottmensch, zwar auf eine verschiedene Weise, jedoch gleichfalls durch Überschattung desselben Geistes.“
Siehe, das ist ein klares Zeugnis Christi selbst, welches uns belehrt, dass, gleichwie er durch Überschattung des heiligen Geistes im Mutterleib Mensch geworden ist, er in gleicher Weise durch die Überschattung desselben heiligen Geistes in jeder heiligen Messe in den Händen des Priesters sakramentalischer Weise wiederum Gott und Mensch wird.
In jeder Messe wird Christus geistlicherweise von Neuem Mensch
7. Hier muss ich mit dem heiligen Augustinus ausrufen: „O große Würde der Priester, in deren Händen Gott wiederum Mensch wird!“ O hohe Würde der Katholiken, zu deren Heil Christus Jesus täglich in allen heiligen Messen wiederum geistlicher Weise Mensch wird. Hier muss ich auch ausrufen mit Christus bei Joh. 3: O wohl eine große Liebe Gottes zu uns armen Sündern; „denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahin gab.“
O was ist das für ein süßer Trost, für uns armselige Menschen, die wir von unserem Gott so herzlich geliebt werden, dass er täglich wiederum vom Himmel herabsteigt, und seine gnadenreiche Menschwerdung zu unserem Heile erneuert! Sollte uns das nicht ein wahrer Trost sein? Sollen wir uns dessen nicht herzlich erfreuen?
8. Der liebenswürdige Thomas von Kempen spricht im 4. Buch der Nachfolge Christi am 2. Kapitel hiervon also: „Wenn du Messe liest oder Messe hörst, so soll es dir ebenso groß, ebenso neu und ebenso lieblich vorkommen, als ob Christus an demselben Tage vom Himmel in den jungfräulichen Leib gestiegen und Mensch geworden wäre.“ Sind das nicht liebliche Worte! Ist dies nicht ein tröstlicher Spruch. Welch unaussprechlicher Trost würde es für uns sein, wenn Christus jetzt erst in der Mutter Gottes Mensch würde und uns dies zu wissen machte. Wer wollte sich nicht erfreuen? Wer wollte nicht hingehen, Christum in dem jungfräulichen Leibe anzubeten und um Gnade und Barmherzigkeit zu bitten?
Weil er denn in allen heiligen Messen von Neuem geistlicher Weise Mensch wird, warum gehen wir nicht voller Freude zur heiligen Messe? Warum rufen wir nicht allda Christum um Gnade und Barmherzigkeit an? Die vornehmste Ursache ist, weil wir keinen lebendigen Glauben haben, und diese große Wohltat Gottes nicht recht erkennen.
Auf welche Weise Christus seine Menschwerdung erneuert
9. Nun wollen wir aber sehen, wie Christus seine Menschwerdung erneuere, und wie viele Wunder er dabei wirke.
Unser Glaube lehrt uns, dass, wenn der Priester vor der Wandlung die Hostie in seinen Händen hält, er nur natürliches Brot hat, sobald er aber die Worte der Wandlung darüber gesprochen, in demselben Augenblick wird die heilige Hostie durch göttliche Kraft in den wahren Leib Christi verwandelt. Diesen Leib begleitete er auch zugleich das heilige Blut, weil ein lebendiger Leib nicht ohne Blut sein kann. Alsdann hat der Priester anstatt Brot, welches er vor einem Augenblick in den Händen hielt, Christum Jesum, den wahren Sohn Gottes, in seinen priesterlichen Händen. O wohl ein überaus großes Geheimnis! Wohl ein unschätzbares Wunder, in welchem nicht ein, sondern viele große Wunderdinge begriffen sind.
10. Ist das nicht ein Wunder über alle Wunder, dass aus Brot Gott wird, und dass aus natürlichem Wein das wahre natürliche und lebendige Blut Christi entsteht? Ist das nicht ein Wunder über alle Wunder, dass kein Brot noch Wein mehr gegenwärtig ist, wiewohl die Gestalten des Brotes und Weines geblieben sind? Denn die heilige Hostie hat noch ihre Farbe und Form und ihren Geschmack wie zuvor. Auch das Blut hat noch die Farbe, den Geruch und Geschmack des Weines, wie vor der Wandlung.
Ist das nicht ein Wunder über alle Wunder, dass die äußeren Gestalten wahrhaft bleiben, ohne jedoch an etwas zu hängen oder zu kleben, sondern nur auf übernatürliche Weise erhalten werden, was ein ebenso großes Wunder ist, als wenn einer ein Haus ganz abbräche und das Dach allein in der Luft schwebend bliebe. Ist das nicht ein Wunder über alle Wunder, dass Christus, welcher einen erhabenen natürlichen Leib hat, denselben so klein und subtil macht, dass er in einer kleinen Hostie, ja auch in dem kleinsten Stücklein ganz ist, wie im zweiten Kapitel Nr. 42 erklärt wurde.
Welch ein großes Wunderwerk Gott auf dem Altar wirkt
11. Alle diese und dergleichen viele große Wunder, welche in Kürze halber übergehe, wirkt Christus unter der Wandlung in jeder heiligen Messe zu unserem Heil und erweist uns eine Wohltat, welche uns überaus nützlich ist. Dies erkannte die heilige Jungfrau Gertrud gar wohl, von welcher wir in ihrer Offenbarung Lib. 3. c. 6. lesen, dass, als sie einmal in der heiligen Messe war, sie unmittelbar vor der Wandlung tief gebeugt zu Christus gesprochen hat:
„O süßester Jesu! Das Werk, das du jetzt wirken wirst, ist so unschätzbar, vortrefflich und hochwürdig, dass meine Geringfügigkeit dasselbe gar nicht anschauen darf. Deswegen will ich mich in das tiefste Tal der Demut versenken, und allda meinen Anteil erwarten; denn durch diese Wandlung wird allen Auserwählten Heil zukommen.“
Da sprach Christus zu ihr: „Wenn du deinen Willen dahin richtest und wolltest mir auch unter der schwersten Mühe dienen, auf dass diese Opferung, welche allen lebendigen und verstorbenen Christen nützt, ihre volle Wirkung hervorbringen möchte, so hättest du mir gar wohl zu meinem Werk geholfen.“
12. Auf gleiche Weise solltest du vor der Wandlung auch bedenken, was für ein großes Wunderwerk dein Gott für dein Heil auf dem Altar wirkt, und ein herzliches Verlangen erwecken, dass durch deine Mitwirkung das gegenwärtige Opfer zur größeren Glorie Gottes und zum Heil der Gläubigen gereichen möge, indem du mit der heiligen Gertrud sprichst:
„O süßester Jesu! Das Werk, welches du jetzt wirken wirst, ist so überaus vortrefflich, dass meine Geringfügigkeit dasselbe gar nicht anschauen darf. Deswegen versenke ich mich in den Abgrund meiner Nichtigkeit und will allda meines unverdienten Teiles gewarten, weil durch diese Wandlung allen Auserwählten Heil zukommen wird. Wollte Gott, dass ich, o süßester Jesu, zu diesem hochwürdigen Werk mitwirken könnte, so wollte ich herzlich gerne alle meine Kräfte anwenden, und dir auch unter den schwersten Mühen zur Seite sein, damit diese Opferung, welche allen lebendigen und verstorbenen Christen nützt, ihre volle Wirkung hervorbringen möchte.
Ich bitte dich herzlich, du wollest allen Messelesenden und Messehörenden Gnade verleihen, damit sie dies hochwürdigste Opfer zu deiner größeren Ehre und zum Heil der Gläubigen aufopfern mögen. Amen.“
Christus hat den Priestern die Gewalt der Wandlung verliehen
13. Nun wollen wir auch erwägen, welche Gewalt Christus nicht etwa den Engeln, sondern den Priestern verliehen habe, indem sie mit wenigen Worten das allergrößte Wunder wirken, nämlich das Brot und den Wein in seinen allerheiligsten Leib und sein Blut verwandeln. Von dieser priesterlichen Gewalt sprach Christus zu dem seligen Alanus de Rupein ejus lib. Part. 4. c. 27.:
„Die Gewalt Gottes des Vaters ist so groß, dass er aus nichts Himmel und Erde hat erschaffen können; die Gewalt der Priester aber ist so groß, dass sie den Sohn Gottes selbst zum Sakrament und Sacrificium hervorbringen, und die erworbenen Schätze des Erlösers durch das Sakrament und Sacrificium den Menschen ausspenden.“ Und Christus setzte hinzu: „Das ist der größte Teil der Glorie Gottes; dies der größte Anteil der Freunde der Mutter Gottes; das ist die Wonne der Seligen, das die beste Hilfe der Lebendigen; und dies ist der größte Trost der Abgestorbenen.“
14. O höre Wunder und staune höchlich über die gewaltige Kraft der Wandlungsworte und über die erneuerte Menschwerdung Christi in den priesterlichen Händen, wovon Christus selbst gesprochen, dass, wenn die Priester ihn, als den Sohn Gottes, zum Sakrament und göttlichen Opfer hervorbringen und seine erworbenen Verdienste dem Volk ausspenden, „dies der größte Teil der Glorie Gottes ist“, weil der höchste Gott von dem Messopfer seine größte Ehre und Glorie empfängt.
„Das sei auch der größte Anteil der Glorie der Mutter Gottes“, weil man ihr keine größere Ehre und keinen entsprechenden Dienst erweisen kann, als wenn man ihr zu Ehren die heilige Messe hört, und ihren gleichsam von Neuem Mensch gewordenen Sohn anbetet. „Das sei auch die beste Hilfe der Lebendigen und der süßeste Trost der Abgestorbenen“, wie du unter Kap. 12 und 22 lesen kannst.
Die große Liebe, die Gott durch die Menschwerdung seines Sohnes der Welt erwies
15. Hier muss ich abermals mit Christus ausrufen und sprechen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn dahin gab, auf dass ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.“ Diese große Liebe hat Gott zuerst der Welt erwiesen, als er seinen Sohn vom Himmel schickte, dass er die menschliche Natur annehmen sollte. Diese große Liebe erzeigt er der Welt täglich von Neuem, indem er seinen Sohn wieder vom Himmel schickt, auf dass er diese seine Menschwerdung erneuern solle.
In seiner ersten Menschwerdung hat Christus den Himmel erfreut und der Welt Heil gebracht, und eben dies tut er bei der täglichen Erneuerung seiner Menschwerdung in der heiligen Messe. Durch seine erste Menschwerdung hat er überaus große Schätze der göttlichen Gnade erworben, in seiner erneuerten Menschwerdung teilt er diese himmlischen Schätze der göttlichen Gnaden den andächtig Messelesenden und Messehörenden aus. Zum Beweis dessen will ich ein merkwürdiges Beispiel anführen.
Der selige Johannes von Alverna sah statt der Hostie das Jesuskind
16. In der Chronik der mindern Brüder Pars 3. lib. 2 wird erzählt (und Pisanus schreibt dies ausführlicher), dass der selige Johannes von Fermo oder Alverna (*) gewohnt war, die heilige Messe mit größter Andacht zu lesen, wobei er oftmals so große Süßigkeit empfand, dass seine schwachen Kräfte dieselben nicht ertragen konnten.
Als er einmal am Fest der Himmelfahrt Mariä das hohe Amt singen sollte, empfand er zu Anfang der heiligen Messe eine so große innerliche Lieblichkeit, welche er nicht mit Worten aussprechen konnte, so dass er sich fürchtete, er würde wegen derselben die heilige Messe nicht vollenden können, was auch geschah.
Denn als er zur Wandlung gekommen war und die überaus große Liebe Christi erwogen hatte, welche ihn vor Zeiten angetrieben, vom Himmel zu kommen und die menschliche Natur anzunehmen, und welche ihn noch unaufhörlich antreibt, diese seine Menschheit täglich in allen heiligen Messen zu erneuern, da ward ihm sein heiliges Herz so weich und seine Kraft so schwach, dass er die Worte der Wandlung nicht aussprechen konnte. Die ersten Worte: Hoc est, hoc est enim, konnte er endlich sprechen, die übrigen zwei konnte er gar nicht hervorbringen. Als der Pater Guardian dies bemerkte, eilte er mit einem Pater zum Altar, stellte sich neben den heiligen Pater Johannes und wollte ihm die übrigen Worte aussprechen helfen.
Die weltlichen Herren und Frauen standen inmittels voller Angst und meinten, dem Pater sei ein Unglück zugestoßen. Endlich tat dieser sich eine solche Gewalt an, dass er die beiden letzten Worte: Corpus meum, mit größter Anstrengung hervorbrachte. Sobald dies geschehen, sieh, da ward die Gestalt der Hostie in die Gestalt eines Kindleins verwandelt, und der heilige Johannes sah dasselbe, in welchem er den neugeborenen Jesus erkannte, in seinen priesterlichen Händen. Dasselbe gab ihm seine tiefste Demut, welche ihn angetrieben, vor Zeiten Mensch zu werden und täglich dieselbe Menschwerdung zu erneuern, so klar zu erkennen, dass diese Erkenntnis alle Kräfte des Paters verzehrte und ihn in eine süße Ohnmacht zu Boden warf.
Der Guardian aber und der andere neben ihm stehende Priester ergriffen den fallenden Pater und die herzu gelaufenen Frauen strichen ihn mit Balsam an, wodurch er sich ein wenig an Kräften erholte. Wiewohl er so erschöpft war, dass er seine Glieder nicht bewegen noch die Hände erheben konnte, um das Kreuzzeichen zu machen, so brachte er dennoch durch Beihilfe des Guardian die heilige Messe mit größter Mühe so weit, dass er das hochwürdigste Fleisch und Blut Christi genießen konnte. Sobald dies geschehen, kam er so sehr von seinen äußerlichen Sinnen und Kräften, dass er einem Toten gleich sah und in die Sakristei getragen werden musste.
Da lag er mit einem erkalteten Leib, einem Toten gleich, und die Finger seiner Hände waren so fest zusammengeschlossen, dass sie nicht bewegt noch ausgestreckt werden konnten. Auf diese Wiese blieb er einige Stunden liegen und ward von den weltlichen Herren und Frauen wie für tot betrauert und beklagt. Als er aber wieder zu sich gekommen ward, ward er von ihnen durch die Liebe Gottes gebeten, ihnen zu sagen, was ihm am Altar widerfahren sei und was er in der Verzückung gesehen habe. Auf das inständige und oft wiederholte Bitten sprach er:
„Als ich vor der Wandlung diejenige Liebe Christi, welche ihn vor Zeiten Mensch zu werden und diese Menschwerdung in allen heiligen Messen zu erneuern angetrieben hat, bei mir erwog, da ward mein Herz gleichwie warmes Wachs erweicht und mein Fleisch schien ohne Gebein zu sein, so zwar, dass ich weder auf meinen Füßen stehen noch die heiligen Worte der Wandlung aussprechen konnte.
Nachdem ich aber dieselben mit größter Mühe endlich ausgesprochen hatte, sieh, da sah ich statt der heiligen Hostie das zarteste Jesukind in meinen Händen, dessen einziger Anblick mir das Mark meines Herzens durchdrang und mir alle Kräfte des Leibes so hinwegnahm, dass ich in eine süße Ohnmacht sank, und in der brennenden Liebe dieses himmlisches Kindleins ganz entzückt wurde.“
Dies und viel mehr, was er während der Verzückung empfunden hatte, erzählte der selige Pater den andächtigen Seelen und bewies ihnen, welche unergründliche Liebe der süße Jesus uns armseligen Sündern erzeige, indem er täglich wegen unseres Heils seine gnadenreiche Menschwerdung erneuere und uns die Früchte derselben reichlich zuwende und zueigne.
Wie sehr die erneuerte Menschwerdung in der hl. Messe uns nützt
17. Aus diesem Beispiel merke, o Gott liebende Seele, welche Freuden vom Himmel herabsteigen, wenn die Quelle aller himmlischen Wonne auf den Altar sich ergießt. Diese Freuden haben viele heilige Seelen empfunden, und auch du würdest sie gewiss empfinden, nur mit größerer Andacht der heiligen Messe beiwohnen würdest.
Bedenke auch, wie viel diese erneuerte Menschwerdung uns nütze, da der süße Jesus die Verdienste seiner ersten Menschwerdung den Messehörenden zueignet und austeilt. Die Gnaden, welche er vor Zeiten vom Himmel gebracht und der Welt geschenkt hat, bringt er in allen heiligen Messen wiederum vom Himmel und schenkt sie allen Messehörenden nach ihrer Fähigkeit und Würdigkeit. Durch seine tiefe Erniedrigung versöhnt er den gerechten Zorn Gottes und hält die wohlverdienten Strafen von uns ab.
Ob dieser vieler anderer Guttaten, welcher er uns erweist, können wir ihm nicht genug danken, dass er die heilige Messe eingesetzt hat, und darin nicht allein seine Menschwerdung, sondern auch alle Geheimnisse seines heiligen Lebens und Sterbens lebhaft erneuert. Einen größeren Dank aber können wir ihm nicht erweisen, als wenn wir täglich, oder so oft wir können, die heilige Messe andächtig hören, und dieselbe der heiligsten Dreifaltigkeit zur Danksagung für alle erwiesenen Guttaten andächtig aufopfern. –
aus: Martin von Cochem, Erklärung des heiligen Messopfers, 1875, S. 76 – S. 87
Kurzdaten zu P. Johannes von Alverna
(*) Johannes v. Alvernia, sel., OFM, * ca. 1259 zu Fermo (daher J. Firmanus), trat dort 10jährig bei den Augustiner-Chorherren ein, um 1272 bei den Franziskanern, um sich bald nach 1289 auf den Berg Alverna zurück, wo er meist in einer Grotte nahe dem dortigen Konvent äußerst streng lebte. †ebd. 9.8.1322. Charismatisch, auch mit der Wundergabe, begnadigt, eifriger Seelsorger und Fastenprediger in Umbrien und Toskana, befreundet mit Jacopone da Todi. Kult 24.6.1880 bestätigt. Fest im Orden 13. August. (Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. V, Sp. 476 – Sp. 477)
Literaturangabe:
Leben des seligen Dieners Gottes Johannes von Alverna aus dem Minderbrüder-Orden des h. Franziskus
Die Überschriften sind der besseren Lesbarkeit hinzugefügt.
Bildquellen
- Heilige-Wandlung: © https://katholischglauben.info
