Wie man das Gewissen erforscht

Nach der Erforschung des Gewissens empfängt man das Sakrament der Buße: ein langer Gang in einer barocken Kirche, in der auf der linken Seite aus Holz erbaute schöne und einladende Beichtkabinen stehen, um die Sünden zu Beichten und die Lossprechung zu erhalten

Die Reihenfolge der Gewissenserforschung

Wenn man das Sakrament der Buße empfangen will, muss man nach Anrufung des Heiligen Geistes zunächst sein Gewissen erforschen. Das heißt, man muss sein Gewissen befragen, welche Sünden man begangen hat.

1. Bei der Erforschung soll man eine bestimmte Reihenfolge beobachten.
Zuerst denke man an die letzte Beichte: wann man sie verrichtet hat und ob sie gültig gewesen ist. Ungültig wäre sie gewesen, wenn man keine Reue gehabt hätte und keinen ernstlichen Vorsatz sich zu bessern, oder wenn man sein Gewissen gar nicht ernstlich erforscht und infolgedessen schwere Sünden absichtlich verschwiegen hätte. Ist die letzte Beichte ungültig gewesen, so muss man sein Gewissen über die ganze Zeit seit der letzten gültigen Beichte erforschen. Man denke auch nach, ob man etwa in der letzten Beichte ohne Schuld Sünden vergessen oder nach der Beichte die auferlegte Buße nicht verrichtet hat.
Darnach denke man an die Gebote Gottes und der Kirche und erforsche sich der Reihe nach bei jedem Gebot, ob man dagegen gesündigt hat. Ebenso erforsche man sich der Reihe nach über die sieben Hauptsünden. ;am kann zu dieser Erforschung den Beichtspiegel in einem guten Gebetbuch benützen oder das, was in vorliegendem Buch über die Gebote und die Hauptsünden gesagt ist.
Darnach denke man an die besonderen Pflichten, die man in seinem Stand hat, als Lehrling, Gehilfe oder Meister, Bediensteter oder Dienstherr, als Schüler oder Lehrer, als Beamter, als Vater oder Mutter, Ehemann oder Ehefrau usw.
Endlich mag sich jeder erforschen, welches sein Hauptfehler ist. Der Hauptfehler ist jener Fehler, den man besonders oft begeht und der die Ursache der meisten Sünden ist. Es ist gewöhnlich eine von den sieben Hauptsünden.
Die Sünden, deren man sich bei der Gewissens-Erforschung erinnert, merkt man sich gut, und zwar in derselben Reihenfolge, in der man sich erforscht hat.

2. Am meisten muss man bei der Erforschung des Gewissens auf die schweren Sünden achten, weil man diese sämtlich zu beichten verpflichtet ist. Findet man sich schwerer Sünden schuldig, so frage man sich auch, wie oft man jede schwere Sünde begangen hat und ob etwa Umstände dabei waren, die die Sünde wesentlich verändern oder vergrößern. Ein solcher Umstand ist zum Beispiel beim Diebstahl der hohe Wert des gestohlenen Gutes, bei schweren Sünden überhaupt der Umstand, daß man sie mit andern begangen hat, weil man dadurch auch an den Sünden der andern mitschuldig geworden ist.

3. Die Erforschung des Gewissens ist eine ernste und wichtige Sache, und man muss ihr die entsprechende Zeit und Sorgfalt widmen. Man soll sein Gewissen so lange erforschen, bis man sich sagen kann, daß man seine Sünden wohl so ziemlich aufgefunden hat und daß einem schwere Sünden nicht leicht werden entgangen sein. Wenn man das Gewissen nur oberflächlich erforscht und sich damit der Gefahr aussetzt, schwere Sünden zu übersehen, kann dadurch die Beichte ungültig werden.

4. Es ist sehr zu empfehlen, daß man sein Gewissen jeden Abend kurz über den vergangenen Tag erforsche. Nur so lernt man sich selbst kennen und setzt sich in den Stand, seine Fehler abzulegen und im Guten vorwärts zu schreiten. Durch die tägliche Erforschung wird auch die Erforschung vor der Beichte sehr erleichtert.

Was heißt das Gewissen erforschen?
(155) Das Gewissen erforschen heißt ernstlich nachdenken, welche Sünden man begangen hat.

In welcher Ordnung erforscht man das Gewissen?
(156) Man erforscht das Gewissen in folgender Ordnung: letzte Beichte – Gebote Gottes – Gebote der Kirche – Hauptsünden – Standespflichten – (Hauptfehler).

Worauf muss man bei der Erforschung des Gewissens besonders achten?
(157) Bei der Erforschung des Gewissens muss man besonders achten auf die schweren Sünden sowie auf deren Zahl und wesentliche Umstände.

Besondere Gewissens-Erforschung nach dem heiligen Ignatius von Loyola.

Der heilige Ignatius rät in seinen „Geistlichen Übungen“, man solle sich täglich außer der allgemeinen Gewissens-Erforschung noch insbesondere über einen Fehler oder eine Unvollkommenheit, die man ablegen will erforschen. Auf einem für die ganze Woche bestimmten und mit sieben Linien versehenen Zettel vermerke man jeden Tag mittels einer entsprechen Anzahl Punkte, wie oft man sich in jenem Stück verfehlt hat. Durch Vergleichen der aufeinander folgenden Tageslinien und Wochenzettel kann man ersehen, welchen Fortschritt man von Tag zu Tag, von Woche zu Woche gemacht hat.
Unter den vielen, die diesen Rat des heiligen Ignatius befolgt haben, war auch Kardinal Franz Schönborn, Fürsterzbischof von Prag. Er starb, auf einer Firmungsreise begriffen, am 24. Juni 1899 in Falkenau an Lungenentzündung. Nach seinem Tod fand man bei ihm einen nach obiger Vorschrift ausgestatteten Zettel, auf dem der Kardinal noch am 21. Juni, dem Tag des Ausbruchs der Lungenentzündung, durch einen Punkt eine Eintragung gemacht hatte.
Auch König Georg von Sachsen, der Großvater Kaiser Karls I. von Österreich, machte in der oben bezeichneten Art die „besondere Gewissens-Erforschung“. Nach seinem Tod fand sich, daß er auf dem betreffenden Zettel sogar noch am Todestag selbst (15. Oktober 1904) eine Eintragung gemacht hatte. –
aus: Johann Ev. Pichler, Der Weg zum Leben, Katholisches Religionsbuch, 1919, S. 287 – S. 290

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Category: Beichte, Pichler
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