Laßt uns in die Reihe der Kreuzträger treten

Jesus Christus fällt unter dem Kreuz; Simon Cyrene hält das Ende des Kreuzes; rechts sieht man die weinenden Frauen; links sieht man die Soldaten wie auch eine heilige Frau

Laßt uns also in die Reihe der Kreuzträger treten 

Aber wohin, werden die Kreuzträger denken, wohin sollen wir dir folgen?… Gerade auf den Kalvarienberg zu will ich euch führen. Welch` feierlicher Kreuzzug, welch` herrliche Prozession von Kreuzträgern! Leugnet es, meine Zuhörer, wenn ihr könnt, daß ihr alle, wie ihr hier versammelt seid, Kreuzträger seid, und daß ihr unter die eine oder die andere Gattung von den genannten Kreuzträgern gehört. Lasset uns also in die Reihe der Kreuzträger treten, und ohne Scham und Verstellung mit unsern Kreuzen den Kalvarienberg besteigen! Wenn Jesus, unser Heiland, mit dem schweren Kreuze auf den zartesten Schultern vorausgeht; wenn Maria, seine jungfräuliche Mutter, und Magdalena, die liebende Büßerin, seinen blutigen Fußstapfen folgen: was sollen wir uns schämen und Bedenken tragen, mit unserem Kreuz ihnen zu folgen?

Gehören wir zur Zahl der Gerechten? Sehet, unser mit Dornen gekrönter Heiland, mit dem schweren Kreuzesstamm beladen, und seine reinste und unbefleckteste Mutter gehen voraus.
Gehören wir unter die Zahl der Büßer und reumütigen Sünder? Sehet, es tritt uns die liebende Magdalena mit dem in ihr Herz tiefeingeprägten Bild ihres Jesus voran.

Sind wir Sünder, so wollen wir uns zu den kreuztragenden Übeltätern gesellen, und unser Kreuz auf den Kalvarienberg schleppen. Sind wir Gerechte, so ist uns das Kreuz der Schlüssel zur Glorie. Sind wir Büßer, so ist uns das Kreuz das Unterpfand der Vergebung und das Gnadenzeichen der Liebe. Sind wir endlich Sünder und Übeltäter, so ist uns das Kreuz die Leiter zur Vergebung und Gnade, ja zur Glorie des Himmels, wenn wir nur wollen. Wir mögen also zu welch` immer einer Gattung von Kreuzträgern gehören, so haben wir Ursache, mit Freuden unser Kreuz auf unsere Schultern zu nehmen, und mit unserm Kreuz tragenden Jesus, mit seiner jungfräulichen Mutter, mit der liebenden Büßerin, und, wenn wir noch Sünder sind, mit den Kreuz tragenden Übeltätern den Kalvarienberg zu besteigen.

Aber was wird es endlich sein, wenn wir in diesem feierlichen Kreuzzug auf dem Kalvarienberg angekommen sind? Und auch dieses könnt ihr noch fragen? Alsdann müssen wir mit unserem Heiland Jesus an das Kreuz geschlagen und gekreuzigt werden. So wurde Maria, die reinste und unbefleckteste Jungfrau, so die liebende Büßerin Magdalena mit Jesus auf dem Kalvarienberg gekreuzigt, und ans Kreuz geschlagen; daß aber auch die Übeltäter mit Jesus gekreuzigt worden, wisset ihr ohnehin aus der Geschichte des Evangeliums…

Wer anders ist dieser Berg als die Welt, wo Alles von Kreuzträgern wimmelt? Wir sollen auf diesem Berg, in dieser Welt gekreuzigt werden; gekreuzigt im Geiste durch eine wahre Demut gegen Gott und die Menschen; gekreuzigt im Herzen durch die beständige Betrachtung unseres am Kreuz hängenden Jesus; und endlich gekreuzigt im Fleische durch die Kreuzigung unserer Sinne und durch die Abtötung unseres sündigen Fleisches. Hierzu ist das Kreuz erfunden; hierzu ist das Kreuz uns aufgelegt.

Und was wird endlich das Ende unseres Kreuzes sein? Dies wird eure letzte Frage, und es soll auch meine letzte Antwort sein. Seid ihr Gerechte, so werdet ihr mit Jesus und seiner heiligsten, unbeflecktesten Mutter vom Kreuze zur Glorie des Vaters eingehen; denn so musste Jesus leiden; so musste er am Kreuze sterben, damit er in die Glorie seines Vaters eingehen konnte. Seid ihr Büßende, so werdet ihr mit Magdalena ins Himmelreich und in die Glorie Jesu Christi eingehen; so ist Magdalena unter dem Kreuze, so ist der büßende Paulus durch die Kreuzigung dem gekreuzigten Heiland ins Himmelreich und in seine Glorie nachgefolgt. Seid ihr Sünder – meint ihr, die Pforte des Himmels sei euch verschlossen? O wie irret ihr! Auch den Sündern und Übeltätern ist das Kreuz der Hauptschlüssel zum Himmel und die sichere Leiter ins Reich Gottes; denn der erste Tritt des büßenden Sünders vom Kreuze war ins Paradies der himmlischen Freuden.

Habt ihr den Übeltäter zur Rechten am Kreuze hangen sehen? Habt ihr seine Besserung, die das Kreuz in ihm gewirkt hat, wahrgenommen? Wir, sagte er zu seinem am Kreuze hängenden Gefährten, wir haben dieses Kreuz, diese Qual, diesen Kreuzestod durch unsere Sünden und Missetaten verdient. Habt ihr gehört, wie reumütig und flehend er am Kreuze den Heiland gebeten: Sei meiner eingedenk, wenn du in dein Reich kommen wirst? Was antwortete ihm der gekreuzigte Jesus? Heute, sagte er, heute noch wirst du mit mir in das Paradies der Freude und Glorie eingehen! Und vom Kreuze ist er ins Reich Gottes und in die Glorie eingegangen. Welcher Trost für die kreuztragenden und gekreuzigten Sünder, geradeaus vom Kreuze ins Paradies einzugehen!

Wohin kam aber der andere Sünder und Übeltäter zur Linken des Kreuzes? – Vom Kreuze stieg er in die Hölle. – Und warum dieses? Er hing ungeduldig am Kreuze und hat das Kreuz gelästert; er hat in Ungeduld und Verzweiflung Jesu Christi mit den Worten verspottet: Wenn du Christus bist, so steige vom Kreuze und erlöse auch uns vom Kreuze. Sein Unglaube, seine Lästerung, seine Ungeduld und Verzweiflung haben ihn weder vom Kreuze noch vom Tode errettet; er ist am Kreuze gestorben und vom Kreuze in die Hölle hinabgestiegen. Höret ihr es, ihr ungeduldigen, ihr ungläubigen Kreuzträger? Eure Ungeduld, eure Verzweiflung erlöst euch nicht vom Kreuze, das ihr durch eure Sünden verdient oder durch eure bösen Taten euch aufgeladen habt; nein, es reißt euch in den Abgrund. Ungeduldige, hartnäckige, ja unter dem Kreuze verzweifelnde Sünder! Hat euch das Leiden und die Kreuzigung unseres Heilandes nicht gerührt? Habt ihr nicht mit Magdalena Liebe und Mitleiden, Rührung und Teilnahme in eurem harten Herzen gefühlt?

O Sünder, werfet doch wenigstens nur noch einen Blick auf euren bluttriefenden Heiland, da ihm die grausamen Kriegsknechte die durch das Kreuz in die Wunden gedrückten, ja eingetrockneten Kleider vom Leibe rissen, und all seine Wunden wieder Blut zu vergießen anfingen, und da sie ihn so entblößt und blutend auf dem harten Kreuzesstamm niedergeworfen haben. Soll es euch schwer fallen, wenn ihr diesen neuen Blutverlust sehet, das Kleid eurer Sünden von euch zu werfen, oder von euren Herzen zu reißen, wenn es auch Blut und Wunden kosten sollte, um das Kreuz Jesu zu umarmen, an demselben mit allen euren Sinnen und Begierden gekreuzigt zu werden, damit ihr Jesu, dem Gekreuzigten, und er in euch allein lebe? Doch der alte Mensch muss erst zu Grabe getragen werden! –
aus: M. F. Jordan Simon aus dem Eremitenorden des Hl. Augustinus, Die heilige Büßerin Magdalena in neun Reden, 1851, S. 153 – S. 157

Bildquellen

  • Hattler Kreuzfall Jesu Christi: Bildrechte beim Autor

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