Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes

Nichts geschieht ohne Gottes Zulassung

Der Weg zum inneren Frieden

Die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes

Die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes macht uns glücklich

Die Unterwerfung unseres Willens ist auch in der Tat das Opfer, welches Gott am wohlgefälligsten ist und welches ihn am meisten ehrt: sie ist der vollkommenste Akt der Liebe, die erhabenste und verdienstlichste Tugend, und es unterliegt keinem Zweifel, daß wir durch diese Unterwerfung uns jeden Augenblick unvergleichliche Gnadenschätze erwerben und in kurzer Zeit unaussprechlich reiche Verdienste für die Ewigkeit…

Wir sehen, daß die Gleichförmigkeit mit Gottes Willen uns nicht nur heilig, sondern auch schon auf Erden ganz glücklich macht; sie verleiht uns den vollkommensten Frieden, den wir in diesem Leben genießen können, und macht die Erde zum Paradiese. König Alfons der Große hatte diese Wahrheit sehr richtig aufgefaßt. Als man ihn einst fragte, welchen Menschen er für den glücklichsten der Welt halte, antwortete er: „Denjenigen, welcher sich ganz der Leitung Gottes übergibt, und welcher alles, Freude und Leid, aus Gottes Hand annimmt.“ – Gott selbst sagt durch den Mund des Propheten Isaias: „ O daß du in acht genommen meine Gebote, dann wäre dein Friede ein Strom geworden!“ (Is. 48, 18) Und in demselben Sinne spricht Eliphaz zu Job: „Also ergib dich ihm, und du hast Frieden. Dann wirst du ob des Allmächtigen überfließen von Lust und zu Gott dein Antlitz erheben.“ (Job 22, 21, 26) So sangen auch die heiligen Engel bei der Geburt des Heilandes: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind!“ (Luk. 2, 14) Wer anders aber ist eines guten Willens als der, dessen Wille dem unendlich guten Willen, das heißt dem Willen Gottes, gleichförmig ist?

Der gute Wille oder die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes ist also die Bedingung jenes beseligenden innern Friedens, der, nach dem Ausspruch des hl. Paulus, „allen Begriff übersteigt“ (Phil. 4, 7) Sollen wir den Frieden genießen, so darf sich nichts unserem Willen widersetzen; alles muss uns nach Wunsch gehen. Ein solches Glück ist aber hienieden nur dem vorbehalten, dessen Wille ganz mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Alles, was ein solcher will, geht auf das genaueste in Erfüllung; denn er will ja nur, daß Gottes Wille geschehe.

„Ich glaube fest“, sagt der beredte Salvianus, „daß niemand auf der Welt glücklicher ist als die Gerechten; denn ihnen stößt nie etwas zu, das sie nicht wünschen.“ – „Aber sie werden doch verdemütigt und verachtet?“ – „Freilich, allein sie wollen es sein.“ – „Sie sind arm?“ – „Ja, aber sie sind es gerne. Folglich sind sie stets glückselig; denn sie können doch weder glücklicher noch zufriedener sein, als wenn sie so sind, wie sie sein wollen. Darum sagt auch schon Salomon: ‚Den Gerechten betrübt nichts, was ihm auch widerfährt!‘ (Spr. 12, 21); nichts stört den Frieden seiner Seele, weil nichts ihm wider seinen Willen geschieht.“

Glücklicher Zustand und Leiden

Damit ist jedoch keineswegs gesagt, daß der Mensch in einem solchen glücklichen Zustande keinen Schmerz mehr empfinde. Wir fühlen allerdings noch unsere Leiden, auch wenn wir mit dem Willen Gottes gleichförmig geworden sind; aber wir fühlen sie nur noch in dem niederen Teil unserer Seele, und sie stören nicht den höheren, edlerenTeil, in welchem der Friede Gottes wohnt. Es geht einer wahrhaft Gott ergebenen Seele gerade wie dem göttlichen Heiland, der, obwohl von Geißelhieben zerfleischt und ans schmachvolle Kreuzesholz geheftet, doch nicht aufhörte, selig zu sein. Gleichsam versenkt in das Meer aller Schmerzen, die man nur erdulden kann, strömte sein göttliches Herz dennoch von unendlicher Freude über.

Es kann freilich nicht in Abrede gestellt werden, daß für unsere Natur die Begriffe Leiden, Verdemütigung, Schmach und Armut mit dem Begriff Glück in einem, ich möchte fast sagen unvereinbaren, Gegensatz stehen, und daß es deshalb ein Wunde der Gnade ist, wenn wir uns inmitten solcher Übel dennoch glücklich fühlen; aber dieses Wunder tritt unfehlbar bei all den Seelen ein, die sich ganz und in allen Dingen der Erfüllung des göttlichen Willens hingeben. Die Ehre Gottes verlangt, daß alle, welche sich großmütig seinem Dienst weihen, sich auch darin zufrieden und glücklich fühlen.

Vielleicht fragt sich aber jetzt manche Seele: Wenn dem so ist, wie läßt sich dann das Wort Jesu Christi erklären, da er spricht: „Wenn mit jemand nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ (Matt. 16, 24) Die Antwort ist nicht schwer.

Wenn unser göttlicher Meister verlangt, daß wir uns selbst verleugnen und ihm das Kreuz nachtragen, so macht er sich anderswo verbindlich, uns nicht nur das ewige Leben, sondern auch schon hienieden das Hundertfache von allem zu geben, dem wir aus Liebe zu ihm entsagen (Matth. 19, 29). Ja, noch mehr. Er verspricht uns, selbst das Kreuz mit uns zu tragen; denn sonst könnte er nicht sagen: „Mein Joch ist süß, und meine Bürde ist leicht.“ (Matth. 11, 30) Wenn wir also nicht empfinden, wie süß das Joch Jesu und wie leicht die Bürde seines Kreuzes ist, so kann dies nur daher kommen, daß wir sein Joch und seine Bürde noch nie recht und ganz auf uns genommen, unserer natürlichen Anschauungsweise noch nicht gänzlich entsagt und noch nicht gelernt haben, alle Dinge nur im Lichte des Glaubens zu betrachten; denn der Glaube würde uns lehren, „bei allem Dank zu sagen“, wie es nach dem Wort des großen Völkerapostels „Gottes Wille in Bezug auf uns alle ist“ (1. Thess. 5, 18). Dieser Glaube wäre für uns eine unversiegbare Quelle jener unaussprechlichen Freude, die wir nach dem Ausspruch desselben Apostels stets haben sollten: „Freuet euch allzeit im Herrn, abermals sage ich, freuet euch!“ (Phil. 4, 4)…

Trübsale sind Beweise von Gottes Liebe

„Mein liebes Kind“, spricht der Herr, „du weißt, daß ich dein Schöpfer, dein Erlöser und dein Gott bin; du weißt, daß dein Leib und deine Seele in meiner Hand ruhen; daß ich dir alles gebe, die Luft, die du einatmest, das Brot, von dem du dich nährest, und daß auf meinen Befehl die Elemente, die Gestirne und selbst die Engel dir dienen, daß ich Himmel und Erde für dich erschaffen habe. (Deut. 4) Und noch nicht genug: du weißt sogar, daß ich dich liebe und aus Liebe zu dir zum Erdenwurm wurde (Ps. 21, 7), daß ich in einem Stalle geboren werden und an einem Kreuze sterben wollte, und dieses alles deiner Sünden wegen. Wie kannst du nun denken, daß ich dir Böses will? Wie kannst du noch mehr von mir verlangen, nachdem ich dich in meinem Blute gewaschen, mit meinem Fleische gespeist und dir so meinen Leib und meine Seele, mein Leben und meine Gottheit gegeben habe? Wie hätte ich dir je einen sichereren Beweis geben können, daß ich die liebevollsten Absichten mit dir habe?

Glaube also nie, daß ich dich hasse, wenn ich dir Leiden schicke, oder daß ich dich unter der Last erdrücken will. Die Trübsale sind Beweise meiner Liebe, jener Liebe, die dir das Dasein gab; sie fließen dir aus jener Hand zu, die für dich ans Kreuz genagelt worden. Glaubst du, du könntest einen sichereren Weg finden als den der Leiden, da ich, dein Herr und Gott, auf diesem Wege in meine Herrlichkeit eingehen musste? Weißt du nicht, daß die Menschen im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten und sich tausend Gefahren aussetzen müssen, um sich zeitliche Güter zu erwerben? Siehst du nicht, wie irdische Kronen nur demjenigen zuteil werden, der mutig gekämpft und den Sieg errungen hat? Wenn du mit mir leidest, wirst du dich auch einst mit mir erfreuen, und wenn du meine Schmerzen teilest, so wirst du auch meine Herrlichkeit teilen, sonst aber nicht.

Klage nicht das Schicksal an

Wenn ich ein höheres, kostbareres Gut auf Erden wüßte als Leiden, so würde ich es dir verleihen; ich hätte es selbst für mich erwählt, als ich unter den Menschen auf dieser Welt wandelte; da ich aber weiß, daß nichts sicherer und rascher zum höchsten Gipfel des Glücks führt als das Kreuz, so reiche ich es dir mit derselben Liebe, mit der ich es für mich selbst ergriffen. Ich bin es, der dir diese Schwierigkeiten in den Weg legt; darum gib niemandem sonst die Schuld, denn ich allein habe alles so gefügt. Klage nicht das Schicksal an: du würdest gegen dein Gewissen handeln, weil du wohl weißt, daß nichts bei mir von ungefähr geschieht. Klage weder feindliche Elemente noch die Gestirne des Himmels an: sie sind ohnmächtige Geschöpfe, willenlose Werkzeuge in meiner Hand, welche sie nach meinem Wohlgefallen lenkt. Klage auch nicht über die Welt und die höllischen Geister: ihr böser Wille kann dir nicht schaden; denn ihre Macht ist meiner Herrschaft unterworfen, und sie können dieselbe nur in soweit gebrauchen, als ich es ihnen erlaube. Mir allein sollst du also alles zuschreiben, was die Geschöpfe dir Übles zufügen. Deine Krankheiten, deine Bedrängnisse, deine Trübsale und Widerwärtigkeiten sind dir von dem gesandt, der dich erschuf und der dich in seinem Herzen und in seinen Händen gezeichnet trägt (Is. 94, 16). Es sind Liebkosungen meines himmlischen Vaters, wie er sie gewöhnlich seinen geliebten Kindern zuteil werden läßt; es sind Dornen aus meiner Krone, Splitter meines heiligen Kreuzes, die er unter sie als unter seine Lieblinge verteilt; es ist der Kelch, aus dem er mich mit vollen Zügen und mehr als alle andern trinken ließ, weil ich das erstgeborene und das teuerste seiner Kinder bin!“

Mir geschehe nach Deinem Wohlgefallen, o Herr

Wer wollte auf diesen göttlichen Liebesruf nicht gern bereitwilligst antworten: „O mein Vater, mein Herr und mein Gott, mir geschehe nach Deinem göttlichen Wohlgefallen! Deinen Anregungen, Deiner Leitung zu folgen, sei fortan mein einziges Bestreben! Ich will leiden, weil Du es willst; ich will so leiden, wie Du es willst, obwohl es mir anders leichter wäre; ja, o Herr, ich unterwerfe mich mit vollkommener Ergebung Deinem heiligen Willen; ja, Vater, ich lobe und preise Dich von ganzem Herzen; denn also ist es vor Dir wohlgefällig gewesen. (Matth. 9, 26) So groß ist mein Vertrauen auf Deine Güte und Deine unendliche Liebe, daß ich nichts für besser halten kann,als was Du willst. Du hast mich erschaffen, damit ich zur höchsten Glückseligkeit gelange, und ich bin fest überzeugt, daß alles, was Du mir sendest, mich diesem Ziel entgegenführt. Selbst wenn Du mich nicht zur ewigen Seligkeit berufen hättest, so würde ich doch keinem andern Willen als dem Deinen folgen; denn dieser göttliche Wille macht mein ganzes Glück aus, ohne ihn kenne ich keine Freude im Himmel und auf Erden.“

So sprechen alle Seelen, welche sich ganz der Leitung der göttlichen Vorsehung hingegeben haben. Sie sind zu der Überzeugung gelangt, daß diese Vorsehung die Grund- und Hauptursache aller Weltereignisse ist, daß sie Jahre und Jahreszeiten, Fruchtbarkeit und Dürre, Regen und Sonnenschein anordnet, daß sie mit unumschränkter Macht alle Schicksale der Menschen von Anfang bis zu Ende bis in ihre kleinsten Einzelheiten lenkt, so daß sie jede, auch die geringste Begebenheit unseres Lebens wendet und gestaltet, wie es ihr gefällt. Könnten Seelen, welche von diesen Gesinnungen durchdrungen sind, je glauben, daß etwas, was ihnen aus Gottes Hand zufließt, ihnen schädlich wäre? „Gott ist so gut“, sagt der hl Dionysius, „daß er, der allein nichts für sich selbst bedarf, doch nach außen hin ohne Unterlaß unendlich viel Gutes hervorbringt. Er ist so herrlich und wunderbar, daß er durch die unaussprechliche und unerreichbare Fülle seiner Güte alle Dinge zu ihrer Vollkommenheit führt.“ – Und Philo, der Jude, fügt noch bei: „Gott wird nie müde, Gutes zu tun; er läßt keine Gelegenheit dazu unbenützt vorübergehen.“ Was könnten wir also Schlimmes befürchten? Dürfen und sollen wir nicht vielmehr alles Gutes hoffen? –
aus: P. von Lehen S.J., Der Weg zum innern Frieden 1896, Kap. 1, S. 11 – S. 23

Category: Betrachtungen, von Lehen
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