Nicht mehr von Gott wünschen als Er gibt

Von der Ergebung in die Fügungen der göttlichen Vorsehung

Der Weg zum inneren Frieden

Nicht mehr von Gott wünschen als er uns verleiht

Nicht allen ist es gegeben, zur Höhe der Vollkommenheit zu gelangen

XIII. Wir sind jetzt an dem letzten und vielleicht schwierigsten und empfindlichsten Punkt: wir sollen nämlich selbst die Tugend, die Gnade und die ewige Glorie nur in dem Maße wollen, als Gott sie uns geben will, und uns nicht mehr wünschen, als er uns verleiht. Durch unsere Treue die uns bestimmte Stufe der Vollkommenheit zu erreichen, das sei unser ganzes Bemühen. Nicht allen ist es gegeben, sich zu derselben Höhe empor zu schwingen. So ist es zum Beispiel sicher, daß wir, trotz der gewissenhaftesten Mitwirkung mit der Gnade, doch nie so rein, so demütig, so vollkommen werden können als die allerseligste Jungfrau Maria. Wer wird die Gnade und Seligkeit der Apostel erreichen? Wer wird die vollendete Heiligkeit und Tugend des hl. Joseph erlangen? Oder wer könnte dem hl. Johannes dem Täufer gleichkommen, ihm, den der göttliche Heiland selbst den größten unter den Menschenkindern nennt? In diesem Punkt wie in allen anderen müssen wir uns deshalb ganz dem Willen Gottes unterwerfen, damit sich an uns das Wort des Herrn erfülle: „Dein Name wird sein: mein Wille in ihm!“ (Is. 62,4) Wenn wir also lesen oder hören, daß Gott in kurzer Zeit gewisse Seelen zur höchsten Vollkommenheit geführt und mit außerordentlichen Gnaden beschenkt, so müssen wir über unser Herz wachen, damit nicht ein ungestümes Verlangen nach denselben Gnaden in uns rege werde und unsere vollkommene Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes dadurch keine Störung leide; ja wir sollen uns bei solchen Gelegenheiten nur noch inniger an den aller liebenswürdigsten Willen des Herrn anschließen und im Gefühle unbeschränkter Ergebung zu ihm sprechen: „O mein Gott, ich lobe und preise Dich, daß Du Dich diesen auserwählten Seelen mit so unendlicher Liebe und Freigebigkeit geoffenbart und mitgeteilt hast; die Ehre, welche Du ihnen erweisest, ist so groß, daß kein Mensch sie würdig zu schätzen vermag; allein höher noch als alle Erleuchtungen, Süßigkeiten und außerordentlichen Gnaden Deiner Heiligen schätze ich die Erfüllung Deines heiligen Willens. Er geht mir über alles, und darum flehe ich nur um eine Gnade: gib, daß ich keinen eigenen Willen mehr habe, daß mein Wille sich in dem Deinigen verliere und mit ihm ganz verschmolzen sei. Mögen andere Dich um tausend Gnaden bitten – ich kenne fortan nur ein Gebet: verleihe mir, daß ich stets Deiner Leitung folge, Deinen Absichten entspreche und Deinen Willen vollziehe, damit ich so zu einem vollkommenen Werkzeug Deiner Ehre werde. Mache mit mir, in mir und durch mich für Zeit und Ewigkeit alles, was Du willst!“

Beispiele aus der Heiligen Schrift: Dein Wille geschehe

Diese Ergebung ist Gott so wohlgefällig, daß er deswegen David einen Mann nach seinem Herzen nennt: „Ich habe“, sagte er, „einen Mann nach meinem Herzen gefunden, der meinen Willen stets tun wird.“ (1. Kön. 13, 14 u. Apg. 13, 22) Und in der Tat wird das Herz Davids in Gottes Hand wie weiches Wachs, das ohne Widerstand jede Form annimmt, die man ihm geben will: „Bereit ist mein Herz, o Gott, bereit ist mein Herz!“ (Ps. 56, 8; 107, 2)

Es ist gut, sich einige Stellen der Heiligen Schrift einzuprägen, die man als Ausdruck dieser Tugend stets wiederholen kann. Solche Stellen sind: „Herr, was willst du, daß ich tun soll?“ (Apg. 9, 6) Siehe ich bin bereit, in allem Deinen Willen zu tun. „Dein bin ich“ (Ps. 118, 94), verfüge über mich nach Deinem göttlichen Wohlgefallen. „Ich suche nicht meinen Willen.“ (Joh. 5, 30) – „Meine Speise ist, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, damit ich seine Werke vollbringe.“ (Joh. 4, 34) – „Ja, Vater, denn so ist es vor Dir wohlgefällig gewesen.“ (Matth. 11, 26) – „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.“ (Matth. 6, 10) Der Heiland selbst empfahl einst der hl. Katharina von Genua, bei dieser Bitte des Vaterunsers besonders zu verweilen. Fällt es uns aber schwer, den Willen Gottes zu erfüllen, weil unsere ungeordneten Neigungen sich empören, so rufen wir nur mit David aus: „Soll meine Seele Gott nicht unterworfen sein?“ Von ihm habe ich alles Gute empfangen: „von ihm kommt mein Heil“. O, seinen Befehlen will ich gehorchen; „denn er selbst ist mein Gott und mein Heiland“; und wenn auch meine verdorbene Natur sich weigert, das zu tun, was er mir befiehlt. So „ist er meine Zuflucht, und ich werde nicht wanken“ (Ps. 61, 2). Oder sprechen wir mit dem Heiland ins einer Todesangst: „Vater, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ (Luk. 22, 42) Hierüber sagt der hl. Leo der Große: „Dieses Wort, das aus dem Munde Christi, unseres göttlichen Hauptes, hervor ging, ist das Heil aller Glieder; es hat alle Gläubigen unterrichtet, alleBekenner begeistert, alle Blutzeugen gekrönt. Ihr alle, Kinder der Kirche, die ihr um einen so hohen Preis erlöst und ohne alles Verdienst vor eurer Weite gerechtfertigt worden seid, vernehmt dieses Wort, und wenn der Versucher euch hart bedrängt, so diene es euch zu einer sicheren Schutzwehr, damit ihr über die verdorbene Natur siegt und mit Mut die Trübsal ertraget!“

Bringen wir Gott auch unsern Verstand zum Opfer dar

Fügen wir zum Schluss dieses Kapitels noch hinzu, daß wir in Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes auch die innern Kämpfe annehmen sollen, welche diese Gleichförmigkeit uns kostet. Oft ist der Wille fest entschlossen, sich dem Willen Gottes zu fügen, und er tut es auch; der Verstand aber beschäftigt sich mit allerlei Gedanken über das, was kommen könnte. Man sagt sich zum Beispiel: Wenn ich jetzt krank würde, wenn ich diese Stelle bekäme, wenn man mich dorthin schickte, so wäre dieses gut oder nicht gut für mich, so müsste ich diesen Plan aufgeben, so könnte ich jenes Vorhaben ausführen, so wäre es mir möglich, dieses oder jenes nach meiner Neigung zu tun usw. Wir müssen aber der Natur diese Befriedigung versagen; wir haben aus Liebe unsern Willen Gott zum Opfer gebracht, indem wir uns die Freiheit, zu widerstehen und zu wählen, untersagten; bringen wir dem Herrn in demselben Geist der Liebe auch unsern Verstand zum Opfer dar und entsagen wir großmütig allen unnützen Gedanken, Plänen und Urteilen, um uns der göttlichen Vorsehung in allen Dingen unbedingt zu überlassen.

Aber zu unserem Trost sei es gesagt: der Widerwille und das Widerstreben unserer verdorbenen Natur gegen alles, was ihr wehe tut, ist kein Hindernis unserer vollkommenen Ergebung in den göttlichen Willen. Beherzigen wir das Wort des hl. Franz von Sales: „Wenn etwas nicht nach unserem Willen geht, so müssen wir uns von ganzem Herzen darein fügen, obwohl wir natürlicherweise wünschten, daß es anders gekommen wäre“; denn hierin besteht gerade der Kampf. –
aus: P. von Lehen S.J., Der Weg zum innern Frieden 1896, Kap. 2, S. 46 – S. 50

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