Wunderbare Heilung von Pius IX.

Graf Johannes Maria Mastai – Papst Pius IX.

Ein gemaltes Bild von Papst Pius IX.

Die wunderbare Heilung von Pius IX. in Loreto

Als den Liebling der Mutter haben wir den kleinen Johannes bezeichnet. Das war er stets gewesen, weil er an Leib und Seele von so engelhafter Schönheit war; er wurde es in noch erhöhtem Grade, als ein schwerer Unfall ihn auch zu einem Kind der Sorge machte.

Es war an einem schönen Oktobertage des Jahres 1797. Die gräfliche Familie bewohnte einen Landsitz, und Johannes war in Begleitung eines Dieners zum Spielen ins Freie gegangen. Da sieht er in einem Weiher muntere Fische speilen, will einen davon fangen, kommt dem Rand zu nahe, gleitet aus, und ist im nächsten Augenblick unter das Wasser versunken. Der Diener hört die Wellen zusammen schlagen, springt rasch herbei und zieht den schon halb toten Knaben noch glücklich aus der Tiefe. Dominicus Guido hieß der Diener; sein Name darf von der Nachwelt nicht vergessen werden; denn er hat uns mit Gottes Hilfe Pius den Neunten vom sicheren Tode gerettet.

Im Übrigen sollte dieser Unfall, so betrübend für das Mutterherz die nächsten Folgen waren, eben durch diese Folgen von der glücklichsten und für die ganze Christenheit segensreichsten Bedeutung werden: so wunderbar sind oft die Wege der Vorsehung. Die gewaltsame Erschütterung hatte nämlich auf Geist und Körper des Knaben nachteilig eingewirkt; das Fieber ließ eine merkliche Schwäche zurück; die blühende Gesichtsfarbe machte einem blassen Aussehen Platz; hatte dem Knaben bisher nichts gefehlt,, so kränkelte er fortan beständig; und schließlich entwickelte sich daraus die schreckliche Krankheit, von der wir später noch zu reden haben. Ohne diese Krankheit aber wäre Graf Johannes Mastai nach menschlichem Ermessen niemals Priester, sondern Soldat geworden, und so verdanken wir gewissermaßen jenem glücklichen Unglück unsern großen Papst Pius den Neunten.

… So war das Kind zum Jüngling heran gereift, und seinem göttlichen Vorbild ähnlich, nahm auch er zu „wie an Alter, so an Gnade vor Gott und den Menschen.“ Leicht können wir uns die Freude seiner Mutter vorstellen, wenn der geliebte Sohn alljährlich beim Beginn der Ferien nach Hause und in ihre Arme flog, und wenn sie ihn nach langer Trennung dann wiederum an Geist gewachsen, an Charakter erstarkt, an Kenntnissen bereichert fand, und sein Gemüt so weich und reich wie immer, seine Seele so fleckenlos wie in der Kindheit sah. Und auch den Schmerz der Mutter können wir uns denken, wenn sie den Körper des geliebten Sohnes nicht in gleichem Maße gestärkt fand, wenn sie die Farbe der vollen Gesundheit noch immer nicht wieder auf den bleichen Wangen sah, wenn sie gar hören musste, daß aus dem Kränkeln eine förmliche Krankheit, die schreckliche Fallsucht, sich entwickelt habe.

Sobald der Knabe in das Jünglingsalter getreten war, hatten die ersten Spuren dieser Krankheit sich gezeigt. Im letzten Jahre, 1898, waren die Anfälle stärker und häufiger aufgetreten. Hatten sie bisher den Jüngling nur vorübergehend in seinen Studien gehemmt, so drohten sie ihm jetzt die Fortsetzung derselben völlig abzuschneiden. Ja, wenn die Ärzte Recht bekamen, die nur geringe Hoffnung auf vollständige Heilung gaben, dann war es um die Zukunft des Jünglings für das Leben überhaupt geschehen. Das war ein harter Schlag, und es braucht nicht ausgemalt zu werden, wie schwer davon ein Herz getroffen wurde, welches sich nach einem tatenreichen Leben für Gottes Ehre und der Menschen Heil so innig sehnte, wie das unseres Mastai.

Indes, er verzweifelte nicht. Hatte er bisher geschwankt, ob Gott ihn zum Soldaten oder zum Priester bestimmt habe, so musste er jetzt in dieser Zunahme der Krankheit, welche ihn für das Kriegshandwerk ganz untauglich machte, eine besondere Fügung des Himmels erblicken; und mit raschem Entschluss, der seines Vaters herzliche Zustimmung erhielt und seine Mutter mit inniger Freude erfüllte, ließ er sich noch in Volterra von dem dortigen Bischof Tecontie im Frühjahr 1809 die erste Tonsur erteilen.

Damit war er, wenn auch nicht unwiderruflich, in den geistlichen aufgenommen; er zählte fortan zu den „Klerikern“, den „Auserwählten des Herrn“, zu den Dienern des Altars; er hatte die unterste Stufe des Heiligtums betreten. Ob er auch die höheren ersteigen könne, ob er sie vielleicht schon bald ersteigen werde, das lag in Gottes Hand. Johannes konnte dafür vorläufig nichts Anderes tun als beten und seinen kranken Körper pflegen…

Johannes Mastai war also in Rom. Was sollte und wollte er da? Sich vorbereiten auf den Priesterstand.

Seine immer noch nicht gewichene Krankheit versperrte ihm den Eintritt in eines der Lehr- und Erziehungsinstitute, welche in der großen Priesterstadt für jenen Zweck so zahlreich vorhanden sind. Der selbe Grund verbot ihm auch, einen förmlichen Curusus an irgend einer Schule sich zu unterziehen. Dafür stand er – zur großen Beruhigung seiner Mutter – im Hause seines Oheims Paulin Mastai, welcher Canonicus an St. Peter war, die liebevollste Obhut und Pflege; und leicht erhielt er die Vergünstigung, an den vorzüglichsten Lehranstalten jene Vorlesungen zu besuchen, welche seinen Zwecken dienten. So hörte er am Collegium Romanum, der Gregorianischen Universität, die verschiedenen Zweige der Philosophie und Theologie; am Seminarium Romanum bei St. Apollinar Jurisprudenz, namentlich kanonisches Recht; an Rom`s Prälatenschule, der Academia ecclesiastica, Staatswissenschaft und kirchliche Diplomatie. Nun wurde studiert, so viel die körperliche Schwäche und der Drang, Rom`s Herrlichkeiten durchzuforschen, es erlaubten…

Monate und Jahre gingen in raschem Flusse dahin; doch in demselben Maße, wie die Leibesgesundheit sich anscheinend besserte, wuchsen auch die Zweifel des Jünglings, ob er wirklich von Gott zum geistlichen Stande berufen sei. Wir können`s nicht entscheiden, ob diese Zweifel lediglich aus der großen Demut des frommen Jünglings entsprungen, welche ihm die Priesterwürde als etwas für ihn zu Hehres und zu Schweres erscheinen ließ, oder ob irdische Versuchungen und rein menschliche Regungen vielleicht mitwirkten. Genug: Mastai glaubte sich schließlich zum Priesterstand nicht berufen, und so meldete er sich beim Fürsten Barberini für den Eintritt in die Nobelgarde, diese nur aus Söhnen edler Häuser bestehende Leibwache des Papstkönigs. Der genannte Kommandant der Garde wies den blassen Jüngling wegen seiner Schwäche ab, musste ihn indes auf besonderen Wunsch des Papstes doch in die Rolle eintragen.

Die Anmeldungen für die Nobelgarde waren aber damals, kurz nach der Wiedereinsetzung des Papstes auf seinen Fürstenthron, so zahlreich, daß Mastai lange warten durfte, bis für ihn die Möglichkeit des Eintrittes gekommen war. Er wartete noch immer, als ein Ereignis eintrat, welches mit entscheidendem Gewicht in sein inneres und äußeres Leben eingriff.

Eines Abends wurde der freundliche Lehrer und Gespiele vergebens zur Abendtafel in Tatagiovanni erwartet. Das war indes schon öfter vorgekommen, und die Hausgenossen beruhigten sich mit der Vermutung, daß ihr liebenswürdiger Freund anderweitig eingeladen sei. Da hielt die Equipage des Kardinals Fontana vor der Türe, und der Kutscher rief dem Pförtner zu, er habe soeben beim Schein der Muttergottes-Lampe einen jungen Menschen in Krämpfen auf der Straße liegen sehen; wenn man dem nicht bald zu Hilfe komme, so könne schon der nächste Wagen ihn im Dunkel überfahren. Der Pförtner nahm sofort eine Laterne, rief ein paar Diener des Kardinals dazu, und ging nun hin. Wen fand er da? Den Wohltäter, Freund und Liebling seines Hauses, den ein heftiger Anfall der Epilepsie zu Boden geworfen hatte. Rasch wurde der Bewußtlose ins Haus und zu Bette gebracht, und lange dauerte es, bis die Krämpfe aufhörten und die Besinnung zurück kehrte.

So heftig war seit Jahren kein Anfall mehr gewesen. Das war ein Donnerschlag für den Jüngling, der sich gesund und stark gewähnt hatte, um Soldat werden zu können! Von der Kandidatenliste wurde er auf Andringen des Fürsten Barberini sofort gestrichen; jede andere Laufbahn schien jetzt, wo man an eine stete Wiederkehr der Krankheit glauben musste, nicht minder abgeschnitten. Was in solcher Not beginnen?
Gott half dem Armen wunderbar. Fast will es scheinen, als habe er ihn körperlich nur fallen lassen, um seine Seele desto höher aufzurichten und seinen Geist vor falschen Schritten zu bewahren.
Ein paar Tage nach dem Unfall war Mastai plötzlich aus Rom verschwunden, und fast zwei Monate lang sah und hörte man nichts von ihm. Was war inzwischen geschehen und wo hielt er sich auf?

Pius VII. hatte den geknickten Jüngling zu sich rufen lassen und ihm Trost und Hoffnung eingeredet; er hatte ihm von den wunderbaren Führungen des Himmels gesprochen, und ihn an seine mächtige Schutzpatronin, die allerseligste Jungfrau, gewiesen. Mastai, welcher den päpstlichen Palast in halber Verzweiflung betreten hatte, war wunderbar getröstet von dannen gegangen. Dann hatte er sich unverzüglich aufgemacht zu der Gnadenmutter von Loreto, und hatte ihr versprochen, sich ganz dem Dienst ihres göttlichen Kindes zu widmen, wenn sie ihm von demselben die Gesundheit seines Leibes und die Stärkung seines Willens erbitte. (siehe den Beitrag: Übertragung des hl. Hauses von Loreto) Er hatte es gefühlt, wie die Mutter der göttlichen Gnade ihm die Gewährung seiner Bitte zusicherte; voll Trost und Hoffnung, ja voll Sicherheit der baldigen Genesung war er aufgestanden; strahlenden Antlitzes hatte er dann in Sinigallia dem Vater und der Mutter es erzählt, welche Huld ihm widerfahren und wie ein neues Leben in ihn eingezogen sei. Darauf hatte er, um auch äußerlich die Wandlung seines Innern kund zu geben und einen zweiten vorläufigen Schritt zu seinem hohen Endziel zu tun, das lange geistliche Kleid angezogen und sich am 5. Januar 1817 vom Kardinal-Bischof della Genga, dem nachmaligen Papst Leo XII., die vier niederen Weihen erteilen lassen. Und als Mastai jetzt nach ein paar Monaten wieder heim kehrte in die heilige Stadt, da fand man ihn um viele Jahre voran geschritten: der Jüngling war inzwischen zum Manne heran gereift, das schwankende, schwache Rohr war ein fester, starker Baum geworden.

Noch vierzig Jahre später, auf einer neuen feierlichen Wallfahrt zu dem berühmten Gnadenort im Jahre 1857, erzählte Pius IX. mit dankbarer Rührung, wie ihm Loreto einstmals für Leib und Seele zum Quell des Heils geworden. Die Gnadenmutter hatte gehalten, was sie dem Jüngling versprach: jener schwere Anfall war überhaupt der letzte von Bedeutung, und fortan nahm die Krankheit stetig ab, um bald völlig zu schwinden. Aber der Jüngling hielt auch seinerseits den Preis der Heilung: mit unverbrüchlicher Entschiedenheit und heiligem Ernst bereitete er sich zum Priesterstand vor. –
aus: Piusbuch, Papst Pius IX. in seinem Leben und Wirken, 1873, S. 7 – S. 22

Bildquellen

  • Stangl Pius IX: Bildrechte beim Autor
Category: Papsttum
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