Die seltene Tugend der Redlichkeit

Über die seltene Tugend der Redlichkeit

Du hast jetzt von vielen und schönen Tugenden gelesen, durch welche sich der heilige Bischof ausgezeichnet hat; aber besonders liebenswürdig wirst du doch die Redlichkeit des Heiligen als Golfschmied gefunden haben: Eligius konnte, ohne Verdacht zu erregen, den Überschuss an edlen Metallen und Juwelen für sich behalten, aber nicht ohne Verletzung der Redlichkeit. O Redlichkeit, du schöne Tugend, wie selten bist du! Betrachte und bewundere die Äußerungen und die Wurzel dieser Tugend:

1. Redlich ist der Mensch, welcher so gegen seinen Nebenmenschen gesinnt ist und handelt, daß er ihm und nicht nur ihm, sondern auch Gott und dem eigenen Gewissen jederzeit über seine Handlungsweise Rede und Antwort geben kann. Redlich ist, wer Jedem das Seine gibt, läßt und gönnt: Ehre, wem Ehre, Geld, wem Geld, Zoll, wem Zoll, Dank, wem Dank gebührt. Redlich ist, wer sein Wort, sein Versprechen hält, Niemanden schmeichelt, Niemanden anlügt, Niemanden betrügt, Niemanden übervorteilt. Redlich ist, wer Niemanden aus Zuneigung oder Dienstfertigkeit die Hand reicht, um einen Dritten zu beeinträchtigen, zu betrügen, zu schädigen. Redlich ist, wer den Nächsten nicht anhört, sondern sondern zurecht weist, so oft derselbe über einen Abwesenden schimpft, spottet, freventlich urteilt, ehrverletzende Reden führt. Redlich ist, wer in allen Fällen, wo es sich um eine Schädigung des Nächsten handelt, sich desselben annimmt, als handelte es sich um sein Eigentum, nachdem Grundsatz des hl. Paulus: „Jeder sehe nicht auf das Seinige, sondern auf das, was der Andern ist.“ (Phil. 2)

2. Die so liebliche Tugend der Redlichkeit wurzelt in der Wahrhaftigkeit Gottes. „Gott ist wahrhaft“ heißt: Er offenbart nur die Wahrheit, Er kann nicht irren, Er kann nicht lügen, sein unendlicher Verstand ist im Besitz aller Wahrheit und deshalb keines Irrtums fähig; sein Wille ist unendlich heilig und muss deshalb jede Täuschung und Lüge verabscheuen. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, d. h. er hat den menschlichen Verstand befähigt und bestimmt, die Wahrheit zu erkennen und den Irrtum zu vermeiden, Er hat den menschlichen Willen befähigt und bestimmt, die Wahrheit zu lieben und aufrichtig zu bekennen. Wie nun dein ganzes Wesen, deine ganze Würde sich gründet auf deine Ebenbildlichkeit mit Gott, so ist es auch deine erste und höchste Pflicht, wahrhaft zu sein wie Gott, immer die Wahrheit zu lieben und die Wahrheit zu sagen; und die Erfüllung dieser Pflicht adelt dich vor Gott den Menschen. Denn so spricht der Psalmist: „Glückselig der Mann, der nach dem Rat der Bösen nicht geht und auf dem Stuhl der Pestilenz nicht sitzt, sondern im Gesetz des Herrn seine Lust hat und sein Gesetz betrachtet Tag und Nacht. Er wird gleichen dem Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der Frucht bringt zu seiner Zeit; sein Laub wird nicht abfallen und Alles, was er tut, wird gelingen.“ (Ps. 1)

Redlich sei in Glück und Not,
Redlich blicke auf zu Gott,
Redlich sei dein Wort gemeint
Gegen Freund und gegen Feind!
Redlich währt, magst du empfinden
Nahrungssorgen, Schmerz und Ängsten,
Währt, wenn Glück und Ruhm dir schwinden,
Redlich währt am längsten.

aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 900 – S. 901

Category: Christenlehre
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