Die religiösen Lebenswerte der Apokalypse

Die religiösen Lebenswerte der Geheimen Offenbarung

Die religiösen Lebenswerte der Apokalypse können kaum überschätzt werden. Das Buch bildet, wenn auch nicht als letztes geschrieben, den würdigen Abschluss des Neuen Testamentes. Ihm etwas zuzufügen oder von ihm etwas weg zu nehmen, zieht Gottes schwerste Strafen nach sich (22, 18f). Johannes hat die wahrhaft religiösen Menschen stets zu packen gewußt und ihnen immer wieder neue Hoffnung eingeflößt, wenn es auch schien, als sei „der Teufel los“ (20, 7). Das kommt nicht zuletzt daher, daß die meisten Menschen für religiöse Lebenswerte dann an empfänglichsten sind, wenn sie ihnen nicht in lehrhaften, trockenen Auseinandersetzungen, sondern in anschaulichen Bildern und dramatischen Szenen dargeboten werden. Wenn allerdings der Unendliche sich offenbart, wenn das Ewige ins Zeitliche einbricht, sieht sich der Mensch stets vor Geheimnisse gestellt. Und wenn Gott die Offenbarung über seine Weltregierung, über das künftige Schicksal seiner Kirche und den letzten Sinn alles irdischen Geschehens in die apokalyptische Bildersprache kleidet, müssen wir mit Hieronymus gestehen: „So viel Geheimnisse wie Worte!“ Dem gläubigen Menschen aber gilt die Versicherung des Herrn: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen2 (Matth. 13, 11). Nicht auf einmal erschließt sich der unerschöpfliche Reichtum des Buches an religiösen Lebenswerten. Aber jede Entdeckung reizt den demütig suchenden Geist zu weiterem Forschen. Je tiefer er eindringt, desto mehr erkennt er in der zunächst verwirrenden Fülle von Bildern den ordnenden Plan und die Zielstrebigkeit der göttlichen Gnadenführung.

Vertrauen auf die göttliche Vorsehung

Das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung zu wecken und gegen Anfechtungen zu sichern, das könnte man ein Hauptanliegen des Buches nennen. Dieses Vertrauen aber gehört zur Grundhaltung des Gotteskindes. Ein gesundes Vertrauen muss es sein, das selber die Hände regt und mit schafft. Bleibt dem Gläubigen auch verhüllt, was die Vorsehung über ihn und über Christi Reich beschlossen hat, kommt die furchtbarste aller Versuchungen über ihn: die dunkle Nacht, in der alle orientierenden Himmelslichter erloschen zu sein scheinen, während nur noch das Gespenst der vermeintlichen Sinnlosigkeit des Daseins und der Zwecklosigkeit eigenen Ringens grinsend vor ihm steht, dann wird er doch nicht irre an seinem Gott und verbrennt nicht, was er bislang angebetet hat. Seine Treue beruht ja nicht auf eigener Einsicht, sondern auf dem Glauben. Die siebenfache Verheißung an den Sieger, den Überwinder, kommt ihm in die Erinnerung und die Mahnung an den „Engel“ von Philadelphia: „Halte fest, was du hast, damit keiner deinen Siegeskranzweg nehme!“ (3, 11) Darum ist er bereit, auch das Letzte einzusetzen und das Blutzeugnis für Christus abzulegen. Wie hoch gerade dieser Lebenswert in der Apokalypse geschätzt wird, ist vorhin bei der Zweckbestimmung des Buches schon gesagt worden. Märtyrergeist aber ist allzeit das Merkmal echten Christenglaubens, und wir müssen wieder lernen, ihn nicht nur als hohes Gut früherer Jahrhunderte zu bewundern. Wer seine Treue zur Kirche mit der Hingabe des Lebens besiegelt, offenbart eine Gesinnung, in der wir „die eigentlichen, die letzten und entscheidenden Reserven des Christentums vor uns haben, wenn es zum Äußersten kommt. Was heißt denn eine Christenverfolgung anders, als daß sich der Opfertod Christi, welcher ein freiwilliger war, an den Gliedern seines mystischen Leibes wiederholt? In diesem Sinn stirbt kein christlicher Märtyrer gewaltsam!“ (Gertrud v. Le Fort, Die Letzte am Schafott 83f)

Erwartung einer gerechten Wiedervergeltung

Aus der gleichen Wurzel wie der Glaube an die göttliche Vorsehung wächst in der Apokalypse die zuversichtliche Erwartung einer gerechten Wiedervergeltung. Mit explosiver Wucht bricht sie in dem Schrei der Märtyrer-Seelen unter dem Himmelsaltar durch bei der Öffnung des fünften Siegels (6, 9-11). Allzu oft erweckt ja das Geschehene auf Erden den gegenteiligen Eindruck, wenn die Bösen scheinbar in allem Erfolg haben, die Guten aber aus dem Missgeschick nicht heraus kommen. Trotz ihrer gerechten Sache wissen sie oft kein Recht zu erlangen. Da antwortet die Apokalypse, namentlich in der zweiten Hälfte, nicht mit rednerischen Auseinandersetzungen wie das Buch Job,, vielmehr mit einem Anschauungs-Unterricht visionärer Bilder voll gewaltiger Überzeugungskraft, daß „der Arme nicht auf ewig vergessen bleibt und die Hoffnung der Elenden nicht für immer zunichte ist“ (Ps. 9, 19). Die Heiden, die den Vorhof des Tempels und die Heilige Stadt zertrampeln (11,2), die Bewohner der Erde, die über die ermordeten Gotteszeugen jubeln (11, 10), geraten beim zweiten Wehe in Schrecken und müssen Gott die Ehre geben (11, 13). Wie eine seelische Entspannung ob dieser Wiedervergeltung wirkt die liturgische Jubelfeier im Himmel (11, 15ff). Ähnliches wiederholt sich nach der Vernichtung Babylons (19, 1-10) und noch eindrucksvoller im Anschluss an die Klagechöre der Enttäuschten (18, 1ff). Gott hat lange gewartet. Als aber die Schuld sich bis zum Himmel aufgetürmt hatte (18, 5), kam in einer einzigen Stunde das furchtbare Strafgericht (18, 10 u. 17). Der ganze Schlussteil des Buches, die Schilderung des Sieges Christi über das Tier und den Lügenpropheten mit ihrem Anhang (19, 11-21) sowie der Sturz des Drachen und das Endgericht (20, 7ff), am meisten aber der Ausblick in die Herrlichkeit des neuen Jerusalem dienen dem gleichen Nachweis: es gibt eine gerechte Vergeltung für alles Gute und Böse, was auf Erden geschieht. Das Schicksal der Gläubigen, wie es die Apokalypse schildert, ist darum trotz alles Schweren und Leidvollen doch ein stets Zueinander-Streben zweier Liebenden, der Menschenseele und ihres Gottes. Das Leben der Bösen dagegen wird trotz aller Scheinerfolge auf Erden von unheimlichen Zentrifugal-Kräften zuinnerst auseinander gerissen, bis die Gottesfeinde wehklagend vor den Trümmern ihrer Hoffnungen stehen, wie es das 18. Kapitel ergreifend ausmalt.

Man kann ohne Übertreibung die Apokalypse neben den Evangelien als ein Hohes Lied auf Christus kennzeichnen. Vom ersten Wort: „Offenbarung Jesu Christi“, bis zum abschließenden Sehnsuchtsruf: „Komm, Herr Jesus!“ klingt durch das ganze Buch in reichsten Variationen das Christkönigs-Motiv.

Unvergänglicher Hymnus auf Christus

Der Jünger, den Jesus liebt, singt in diesem Buch einen unvergänglichen Hymnus auf seinen verklärten Meister und bezeugt den Satz, den er später im Prolog seines Evangeliums spricht: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ In mystischen Gnadenstunden hat der Geist Gottes ihn tiefer als andere „in die ganze Wahrheit eingeführt“ (Joh. 16, 13). Dabei hat er ihm besonders das Christus-Geheimnis mehr und mehr erschlossen. Dieses Geheimnis, die Erlösungstat und ihr Fortwirken durch die Jahrhunderte, steht in den Bilderfolgen der Visionen immer wieder vor uns. Das hatte der jüngere Luther noch nicht erfaßt, als er in der Vorrede von 1522 schrieb, er halte die Offenbarung Johannis weder für apostolisch noch für prophetisch. „Mir ist die Ursache genug, daß ich sein nich hoch achte, daß Christus darin weder gelehrt noch erkannt wird, welches doch zu tun vor allen Dingen ein Apostel schuldig ist.“ In der Ausgabe seiner Übersetzung von 1530 und 1546 aber muss er gestehen, daß gerade dieses Buch uns lehrt, nicht zu „zweifeln, Christus sei bei und mit uns, wenns gleich aufs Ärgste geht; wie wir hier sehn in diesem Buch, daß Christus durch und über alle Plagen, Tiere, böse Engel dennoch bei und mit seinen Heiligen ist und endlich obliegt“ (Luthers werke, Weimarer Ausgabe, Bibelband VII 404 u. 420). Wer den ganzen Christus kennen lernen will, darf sich nicht mir seinem kurzen Erdenleben zwischen Menschwerdung und Himmelfahrt begnügen. Denn „Christus ist gestern und heute derselbe und ist es in Ewigkeit“ (Hebr. 13, 8). Von dem Gestern, dem vorweltlichen Sein und Wirken des Logos, spricht Johannes im Prolog seines Evangeliums; in der Apokalypse dehnt er den Rahmen des Lebens Jesu über alle Ewigkeit der Zukunft aus.

Das Christkönigs-Motiv

In keinem Buch des Neuen Testamentes ist so viel vom thronenden Christus die Rede wie in der Apokalypse, sei es in der Gestalt des mit allen Insignien der Herrscherwürde geschmückten Menschensohnes, sei es in der zart verhüllenden Erscheinung des Lammes. Wie Paulus vor allem im Kolosserbrief den durch Irrlehren in ihre Christus-Glauben bedrohten Christen die Erhabenheit Christi über alle Engel und Mächte in tiefen dogmatischen Ausführungen dartut und den beweis führt, daß Christus der vorweltliche und überweltliche Gottessohn ist, Erstgeborener vor aller Schöpfung und Endziel des Alls, Gottes wesenhaftes Abbild und einziger Mittler des Heils für alle Menschen, daß in Christus die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt und alleSchätze der Weisheit und der Erkenntnis in ihm verborgen sind, so will nun Johannes den durch die Verfolgungen verwirrten Christen die Majestas Domini vor Augen stellen, aber nicht in dogmatisch-spekulativer Art, sondern in den kühnen Bildern seiner Visionen. Wie in einem gewaltigen Tonfilm läßt er Bild für Bild vorüber ziehen, Auge und Ohr sind dauernd gefesselt. Das Thema dieses Anschauungs-Unterrichtes aber lautet: Christus ist „König der Könige und Herr der Herren“ (19, 16). Das Lamm, das geschlachtet ward, hat mit dem Allherrscher den Himmelsthron inne. Ihm wird das Schicksalsbuch der Menschheit anvertraut. Es ist allein imstande, die sieben Siegel zu lösen und den Inhalt des Buches zu vollstrecken. Ihm huldigt der ganze himmlische Hof, und die gesamte Schöpfung stimmt den Hymnus an: „Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebührt der Lobpreis und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (5, 13). Wieder begegnen sich Paulus und Johannes in der Verherrlichung des Christkönigs: Weil Christus sich auf Erden so tief erniedrigt und zum Opferlamm für unsere Sünden gemacht hat, „darum hat auch Gott ih gar hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, auf daß im Namen Jesu sich jegliches Knie beuge derer, die im Himmel, und derer, die auf der Erde, und derer, die unter der Erde sind, und daß jegliche Zunge zur Ehre Gottes des Vaters bekenne: Jesus Christus ist der Herr“ (Phil. 2, 9-11).

Harte Prüfungszeiten für die Getreuen

Die Widerstände gegen seine Königsherrschaft sind stark, aber nur solange er die Macht der Feinde duldet. In dem Kampf zwischen seinem Gefolge und den Gewalten der Hölle kann niemand als Neutraler abseits stehen. Gewiß tobt der Kampf nicht stets mit gleicher Heftigkeit, und in den scheinbar friedsamen Pausen mag von manchen das Tragen auf zwei Schultern gepriesen werden. Sie meinen, zwei Herren dienen zu können. Die Gegensätze werden latent, die Christen „gewinnen die Welt lieb“ (1. Joh. 2, 15) und „passen sich ihr an“ (Röm. 12, 2). Dann aber kommen wieder Zeiten, die zur Entscheidung für oder gegen Christus nötigen. Die Fronten heben sich klar ab. Oft wartet der Himmelskönig lange, bis er gerechte Vergeltung an seinen Feinden übt. Das sind harte Prüfungszeiten für die Treue der Seinen, „apokalyptische Zeiten“, auf das Ende hinweisende Vorspiele. „Hier bedarf es der Ausdauer und des Glaubens der Heiligen“ (13, 10). Erst im Ausgang wird das ganze Weltgeschehen sinnvoll, wenn der Logosreiter auf weißem Roß erscheint (19, 11f) und die große Abrechnung beginnt. Darum sollen die Christen lernen, in allen Widerwärtigkeiten an das Ende der Dinge zu denken. Auf das Kommen ihres himmlischen Herrn müssen sie ihr ganzes Leben einstellen, nicht aber um vergänglicher irdischer Vorteile willen das Bild des Tieres anbeten und sein Zeichen tragen. Weil diese eschatologische Spannung um so mehr nachließ, je mehr die Christenheit in Kulturseligkeit ihr Genüge fand, brachten die späteren Jahrhunderte nicht mehr den Bekennermut der weit stärker endzeitlich eingestellten Urkirche auf. Zugleich aber trat der Christkönigs-Gedanke in den Hintergrund. Wir verstehen, warum er heute wieder so machtvoll hervor tritt. (siehe den Beitrag: Pius XI. Quas primas Das Königtum Christi) –
Herders Bibelkommentar Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI/2 Die Apokalypse, 1942, S. 18 – S. 22
weitere Herders Bibelkommentare zur Geheimen Offenbarung siehe: Herders Bibelkommentare zur Apokalypse

Verwandte Beiträge

Heiliger Dominikus Savio Bekenner
Schriften der Kirchenlehrer sind bedeutsam
Menü