Heiliger Wendelin Einsiedler und Abt

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

20. Oktober

Der heilige Wendelin Einsiedler und Abt

Wendelin war, wie die glaubwürdige, aber nicht vollkommen erwiesene Überlieferung erzählt, ein Sohn der Königsfamilie in Schottland und wurde seiner hohen Geburt würdig mit umsichtiger Sorgfalt erzogen. Reich an religiösen und wissenschaftlichen Kenntnissen, reich an zarter Gottesfurcht und frommem Eifer trat er in das Jünglingsalter, um seine Talente im Streit mit den sittlichen Gefahren und Versuchungen zu erproben. In vollem Glanz und Reize stellte sich die Welt vor seine Augen, zeigte ihm die Ehren, welche sein Leben zieren, die Krone, welche sein Haupt zieren, die Krone, welche sein Haupt tragen, das Zepter, welches seine Hand führen, und die Vergnügen, welche sein Herz ergötzen werden; aber sein Scharfblick entdeckte sogleich die arglistige Schlange, welche hinter diesem Flitter und Schimmer lauerte. Zitternd ob der eigenen Schwäche und der drohenden Gefahr, klagte Wendelin seinen Kummer dem göttlichen Heiland. Die Gnade erleuchtete und stärkte ihn zu dem heldenmütigen Entschluß, Vater und Mutter, den königlichen Hof und die süße Heimat zu verlassen und in weiter Fremde sich die ewige Krone der Gerechtigkeit zu erwerben.

In ein ärmliches Pilgergewand gehüllt, verließ der hochherzige Jüngling heimlich seine Eltern, wanderte durch England und Frankreich und blieb aus unbekannten Gründen am Rhein nahe bei der Stadt Trier. Dort in einem großen Eichenwalde baute er sich aus Ästen und Moos eine Hütte, um als Eremit in Gebet und Selbstverleugnung Gott zu dienen. In den Kirchen der nahen Stadt kniete er Stunden um Stunden vor den Altären in Andacht und Betrachtung, sich dem himmlischen Vater aufopfernd und durch die heilige Kommunion sich mit Jesu vereinigend. Niemand wußte, wer und woher dieser Jüngling sei; aber Alle bewunderten die Glut seiner Andacht und die Strenge seiner Buße und gaben dem Bittenden gerne ein Almosen zur Fristung seines Lebens. Einst bat Wendelin einen reichen Landwirt um ein Almosen. Dieser fuhr ihn an: „Schäme dich zu betteln und nur der Faulheit zu frönen. Willst du dich ehrlich nähren, so kannst du bei mir in Dienst treten.“ Mit Dank nahm der königliche Prinz das Anerbieten an und trat ein, zuerst als Schweinehirt. Da sein Fleiß und seine Sorgfalt ihm die Zufriedenheit des Herrn erwarb, wurde er bald zum Hüter der Kühe und später der Schafe befördert. Immer zeichnete sich Wendelin unter allen Dienstleuten aus durch Pünktlichkeit, Sanftmut, Stillschweigen und Liebe zum Gebet. Oft fand man ihn draußen auf den Wald umsäumten Weideplätzen, wie er in Betrachtungen des Leidens Jesu mit nassen Augen zum Himmel hinauf blickte und das Opfer seiner eigenen Leiden mit Jesu Leiden vereinigte. Wiederholt quälte ihn bitter das Heimweh, die Erinnerung an die lieben Eltern und an deren Trauer über seine heimliche Entfernung; aber in den Wunden Jesu und in den Züchtigungen, womit er seine sinnlichen Gelüste kreuzigte, fand er wieder neuen Mut und Trost zum Ausharren.

Gott segnete ihn sichtbar, seine Herde gedieh vortrefflich, und der Dienstherr behandelte ihn mit großem Wohlwollen. Dieses Glück erregte den Neid der Mitknechte wider ihn, sie benutzten jeden Anlaß, ihn zu verdächtigen und zu verleumden. Oft logen sie dem Herrn vor, daß Wendelin bald zu früh, bald zu spät die Schafe aus- und eintreibe, daß dadurch Schaden und Krankheit entstehen müsse. Dieser traf ihn wirklich mit der Herde einmal noch spät am Abend auf einer abgelegenen Weide und warf ihm zürnend seine Fahrlässigkeit vor. Wendelin erwiderte höflich: „Haben Sie gütigst Geduld, die Schafe werden gewiß noch rechtzeitig im Stalle sein.“ Der Herr fügte sich in das, was er augenblicklich nicht ändern konnte, und ritt in raschem Trabe heim. Aber siehe, kaum nahte er dem Stall, als die Schafe munter blökend schon in denselben hinein hüpften. Staunend erkannte er hierin ein höheres Walten, bat den treuen Hirten um Vergebung und bot ihm reiche Geldmittel an, damit er desto freier Gott dienen könne. Wendelin nahm nichts an, nur ließ er sich eine geringe Klause bauen nahe beim Benediktiner-Kloster Tollei. (*) Hier lebte er wieder gleich einem Engel in der Gegenwart Gottes, erhielt vom Abt des Klosters auf inständiges Bitten das Ordenskleid und zugleich die Erlaubnis, in seiner Klause bleiben zu dürfen; dort arbeitete er mit erstaunlichem Eifer an seiner Vervollkommnung. Der Ruf seiner Heiligkeit zog die Landleute in großer Menge herbei, um von ihm Trost und Belehrung für ihre Seele und Hilfe in ihren zeitlichen Anliegen, namentlich bei Vieh-Krankheiten zu finden. Auffallende Wunder vermehrten das Zutrauen zu ihm.

Inzwischen starb der Abt des Klosters, und die Mönche bezeugten ihrem Mitbruder Wendelin ihre Liebe und Verehrung dadurch, daß sie ihn einstimmig zum Abt wählten und mit großem Jubel aus der Klause heimholten. Der heilige Severinus, Bischof von Trier, erteilte ihm die heiligen Weihen. Als Priester und Abt änderte Wendelin an der Strenge seiner bußfertigen Lebensweise nichts und verdoppelte seinen Eifer, um nicht so fast durch seine Belehrungen, als vielmehr durch seine Liebe und durch sein Beispiel die Brüder zum Ringen nach der evangelischen Vollkommenheit anzuspornen. Seine seltene Klugheit und Sanftmut erzielte einen so gottseligen Frieden, daß Tollei nicht mehr von Menschen, sondern nur von Heiligen bewohnt zu sein schien. Schmerzliche Krankheiten beschleunigten die Reise dieses Pilgers zum heiß ersehnten Ziel und verzehrten den letzten Rest seiner Lebenskraft. Auf dem Sterbebett enthüllte Wendelin seinem heiligen Freund Severinus das Geheimnis seiner Abstammung und die Geschichte seines Lebens. Als dieser nach dessen Tod 1015 das Vernommene bekannt machte und dadurch den Tugendglanz des demütigen Dieners Gottes sehr verherrlichte, entstand schnell eine lebhafte Wallfahrt zu seinem Grabe, welche durch zahllose Gebets-Erhörungen gesegnet wurde: Kranke und Presthafte fanden Heilung, Leidende Trost und vorzüglich das Landvolk erfreute sich seiner besondern Hilfe gegen die Viehseuchen. In der Folge erhob sich um sein Grab herum die heutige Stadt St. Wendel. Dem Volk, besonders den Bauern und Hirten ist der hl. Wendelin stets ein hoch verehrter Schutzpatron ihrer Herden geblieben, und seiner Ehre sind sehr viele Altäre und Kapellen geweiht.  – aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 779 – S. 781

(*) Tholey

Bildquellen

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Category: Einsiedler
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