Der Zweck der Herz Jesu Verehrung

Jesus, der Heiland, in weißer Kleidung auf einer Wolke sitzend, breitet die Hände zum Segen aus; auf seiner Brust sieht man sein heiligstes Herz; Umgeben ist der Herr von einem verzierten Schriftband; oben an den Ecken des Bildes sieht man jeweils drei Engelköpfe

Wachstum in der Liebe zu Jesus Christus

„Bleibet in meiner Liebe!“ (Joh. 15,9) Diese rührende Bitte stellte der Heiland als letzten Wunsch am Vorabend seines Todestages an seine Jünger. Sie ist auch an einen jeden von uns gerichtet und spricht unsere höchste Lebensaufgabe aus: Wachstum in der Liebe zu Jesus Christus. Diese Liebe soll uns ganz erfüllen und so stark werden, daß sie alle widerstreitenden Neigungen besiegt. Jesu Liebe soll in uns herrschen und regieren, bis sie uns triumphieren macht in der Seligkeit des Himmels. Das ist nun das erste und Hauptziel der Herz-Jesu-Verehrung: die Liebe zu Jesus zu mehren und zu entflammen. Wiederum ist es der göttliche Erlöser selbst, der uns hierüber Gewissheit gegeben hat. Seine treue Jüngerin Margareta Maria Alacoque berichtet. „Der liebe Heiland hat mir geoffenbart, daß sein sehnlichster Wunsch, von den Menschen geliebt zu werden, ihn angetrieben habe, ihnen sein Herz zu erschließen“ … „Denn die Menschen zu seiner Liebe zu führen ist das Hauptziel, das er durch diese Andacht anstrebt.“
Es gibt nun in der Tat keine andere Andacht, die so für diesen Zweck geeignet wäre, weil keine uns den Heiland so kennen und verstehen lehrt wie die Verehrung seines Herzens.

Die Erkenntnis geht der Liebe notwendig voraus. Um Jesus recht zu lieben, muss man ihn zuerst recht erkennen. Nun führt uns gerade die Herz-Jesu-Verehrung in diese tiefere Erkenntnis ein; sie offenbart uns das innere Leben des Heilandes. Die wunderbare Schönheit seines Charakters, die entzückenden Vorzüge seiner heiligsten Seele, sein edles, tiefes Empfinden, seine barmherzigen Absichten; vor allem seine treue, todesstarke Liebe treten uns in seinem Herzen am strahlendsten entgegen. Den eifrigen Verehrern des göttlichen Herzens wird das Allerheiligste an unserm liebenswürdigen Erlöser geöffnet, und sie schauen eine neue Welt voll ungeahnter Herrlichkeiten. Die rechte Herz-Jesu-Verehrung ist eine wahre Hochschule der Erkenntnis und damit der Liebe Jesu Christi.

Wenn der Heiland so wenig wahre, treue Liebe findet, so hat dies seine Ursache größtenteils darin, daß er so wenig ganz verstanden wird. Wir nennen oft seinen Namen, sprechen viel von seinem Leben, Leiden und sterben; aber unser Geistesauge haftet nur an der Oberfläche. In die Tiefen seiner Seele steigen wir nicht hinab, und die schönsten und weihevollsten Seiten seines Lebens bleiben uns verborgen. Diese nun will die Herz-Jesu-Verehrung uns enthüllen. Kennen wir den Heiland zuerst nur von ferne, vom Hörensagen, so kommen wir ihm durch diese Andacht näher. Das Halbdunkel, das ihn für uns umgab, hellt sich immer mehr auf. Ein heiliges, freudiges Ahnen durchzieht unsere Seele, wie das Morgendämmern, das dem Sonnenaufgang vorauf geht. Wie wohl tut dieses Licht, das Jesu Herz uns zustrahlt, und das sanft zunehmend die süßen Geheimnisse seiner Innenwelt uns erkennen läßt. Und wir schauen und schauen und werden trunken und warm von den Herrlichkeiten, die wir am Heiland entdecken. Die Liebe regt sich und zieht uns machtvoll hin zu dieser Fülle von Schönheit und Güte. Nun verstehen wir es, warum der Apostel ausrufen konnte: „Ich erachte alles für Schaden um der alles übertreffenden Erkenntnis Jesu Christi willen!“ (Phil. 3,8) Ja, diese Erkenntnis macht, daß Jesus schließlich allein noch Wert für uns hat, allein aller Liebe würdig scheint. Jesus gut kennen, heißt ihn vollkommen lieben.

Jesus sagt: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und was will ich anders, als daß es brenne!“ (Lk. 12,49) Er hat dieses Feuer gebracht, da er als armes Menschenkindlein in der Krippe zitterte; er hat es gebracht, da er am Kreuz verblutete; er hat es gebracht, da er in der Broteshülle sich selbst zur Seelenspeise gab. Er bringt dieses göttliche Feuer noch einmal in unsern Tagen, und zwar in seinen stärksten Gluten, da er vor die Menschheit hintritt, seine heiligste Brust öffnet, sein liebentflammtes Herz zeigt und ausruft: „Seht dieses Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat!“ – Möchten doch die Flammen der Liebe aus seinem Herzen in unsere Herzen hinüber schlagen und zündend wirken, damit wir endlich anfangen, die Sehnsucht und den Hunger Jesu nach unserer Liebe zu stillen. Dann ist der erste Zweck der Herz-Jesu-Verehrung erfüllt.

Der zweite Zweck dieser Andacht ist die Sühne. Er folgt notwendig aus dem ersten. Wenn wir Jesus wahrhaft lieben, dann wird uns erfreuen, was ihn erfreut, und wir werden trauern über das, was ihn schmerzt. Die Liebe wird uns naturgemäß dazu drängen, alles Unangenehme von ihm fern zu halten und für seine Ehre und Verherrlichung zu eifern.

Nun sehen wir aber allenthalben, daß Jesu Liebe außerordentlich viel verkannt und mit grobem Undank, ja oft mit Beleidigung vergolten wird. Das gilt von der Geringschätzung seines bittern Leidens und Sterbens und der dadurch erlösten Menschenseelen; es gilt am meisten aber von den schweren Kränkungen und absichtlichen Verunehrungen, die ihm im allerheiligsten Altarsakrament zugefügt werden.

Für diesen Abbruch an Anbetung und Dank, für diese Missachtung und gleichgültige Behandlung, für die Geringschätzung und Verachtung seiner Liebe und gnadenvolle Herablassung wollen die Herz-Jesu-Verehrer dem Heiland Ersatz, Sühne und abbitte leisten. Was die Undankbaren und Gleichgültigen ihm vorenthalten und verweigern, was die Sünder und Gottlosen ihm rauben, wollen sie durch vermehrten Eifer an Anbetung, Dank und Liebe ihm ersetzen. Er soll durch die gesteigerte, heiße Liebe seiner getreuen und dankbaren Kinder die Unbill gleichsam vergessen und nicht mehr empfinden, die ihm die mißratenen und herzlosen Kinder zufügen.

Dieses Sühneverlangen wächst aus der wahren Liebe zu Jesus notwendig heraus. Die Liebe offenbart sich als echt und stark gerade in den Leidensstunden. Dann bewährt sich der wahre Freund; er sucht den leidenden Freund zu trösten; ihm zu helfen, sein Leid zu vergessen; entstandene Verluste und Schädigungen auszugleichen; dem Schmerz und Kummer die schärfe zu nehmen; die eigene Treue und Anhänglichkeit um so lebhafter zu offenbaren, damit der trauernde Freund darin Ersatz findet für die Enttäuschungen, die andere ihm bereiten. – So wird auch der wahre Herz-Jesu-Verehrer an seinem göttlichen Freund handeln. Nicht nur Worte der Liebe wird er sprechen, sondern mit treuem Eifer Werke der Genugtuung und Sühne vollbringen und wo immer er kann, für vermehrte Anbetung und Verherrlichung, Verehrung und Liebe des göttlichen Herzens sorgen.

Man sage nicht, der Heiland könne doch jetzt in seinem verklärten Zustand nicht mehr leiden und darum bereiten die ihm zugefügten Kränkungen und Missachtungen ihm keine Trauer mehr. Wenn er auch kein Leid und Weh nach unserer Weise mehr empfinden kann, so schaut er doch immerfort den vielfachen Abbruch und Raub an der ihm gebührenden Ehre. Er versteht die ganze schwere Ungerechtigkeit, die darin liegt, und erkennt, daß er auf so manche Freude verzichten muss, die ihm bereitet würden, wenn ihm überall und von allen Menschen in der richtigen Weise und mit ganzer Treue gedient würde. Er muss in seiner Heiligkeit die ihm angetanen Beleidigungen aufs tiefste mißbilligen und in seiner Gerechtigkeit fordern, daß sie gesühnt und seiner verletzten Ehre Ersatz geleistet werde. Da nimmt er denn in seiner Güte unsere Genugtuungen, die durch seine Verdienste wertvoll geworden sind, als solchen Ersatz an und will, daß wir nach unserer Menschenart sie ihm bieten, mit menschlicher Teilnahme, menschlichem Mitgefühl und menschlichen Trostabsichten.

Daß aber dieser Sühnedienst seinem heiligen Willen entspricht und von ihm gern angenommen wird, hat er selbst unzweideutig ausgesprochen in der wichtigsten Erscheinung, die er der seligen Margareta Maria Alacoque zuteil werden ließ.

„Siehe“, so sprach er damals, „dieses Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat, daß es nichts unterlassen, ja sich erschöpft und verzehrt hat, um ihnen seine Liebe zu bekunden. Doch als Entgelt wird mir von den meisten nichts als Undank zuteil durch Unehrerbietigkeiten und Sakrilegien, durch Kälte und Verachtung, womit sie mir in diesem Sakrament der Liebe begegnen. Am tiefsten aber empfinde ich, daß ich auch von mir geweihten Personen solches erdulden muss. Ich fordere daher von dir, daß der erste Freitag nach der Fronleichnams-Oktav der Verehrung meines Herzens besonders geweiht wird, indem man an diesem Tage die heilige Kommunion empfängt und durch öffentliche Abbitte die Ehre ihm wieder erstattet, die ihm während seiner Aussetzung auf den Altären geraubt worden ist.“-
aus: Hermann Fischer SVD, Herz-Jesu-Segen, Gebet- und Kommunionbuch, 1920, S. 7 – S. 12

Bildquellen

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