Über die Gnade und ihr Missbrauch

Aphorismen aus dem Tagebuch des P. Rinn SJ

V. Die Gnade und ihr Missbrauch

Ich will immer meines Nichts eingedenk sein. – In Trostlosigkeit und Traurigkeit will ich sagen: „Das bist du.“ – Wenn aber der Herr mit seiner Gnade mich zu erleuchten sich würdigt, will ich sagen: „Sieh, der Bräutigam ist`s, auf, und ihm entgegen.“
Ach! ich sehe wohl ein, wie leicht das gesagt: aber wie schwer es zu tun ist.

„Freund! Wozu bist du gekommen!“ Matth. 26, 50. Jesus nennt Judas einen Freund, – auf daß er ihn noch zum Freund mache. – Bedenke, daß, wenn du auch jetzt noch immer so viel, so große Gnadenbezeugungen erhältst, – daß du dich selber darüber verwunderst, weil du dir wohl bewußt bist, daß du wegen deiner Sünden und einer auch jetzt noch dauernden Trägheit und Nachlässigkeit in Buße und Liebe vielmehr Verstoßung oder doch strenge Behandlung verdientest, so bedenke, daß dieses dir vielleicht auf ähnliche Weise geschieht, wie dem Judas. Er nennt und erklärt dich auf alle nur mögliche weise, durch natürliche Gaben, durch Gnaden, Erleuchtungen, Rührungen, besondere Fügungen, innerlich und äußerlich – seinen Freund; – ob er dich aber auch dadurch zu einem wahren Freund machen kann, – das hängt von deiner Freiheit ab. – Ruhe also nicht eher, als bis auch du dich – nicht bloß mit schalen Worten, sondern in der Tat als seinen Freund erweisest. –

Laß dich durch seine Erbarmungen und anziehenden Gnaden nicht sicher machen; wenn du sie nicht mit dankbarer Liebe, aufrichtiger Treu erwiderst, werden sie vielmehr zu deiner Verdammung beitragen. Die Verdammten sind nicht deswegen verworfen, weil sie am wenigsten Gnaden empfangen haben, sondern weil sie so viele und große missbraucht, verschwendet und fruchtlos gelassen haben. –

„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch sage.“ Joh. 15, 14.

Die Gnaden, die empfängst, – die gute Meinung, – Erleuchtungen, klaren Gedanken, frommen Rührungen, beweglichen Einsprechungen sollen dir zeigen, daß noch Zeit ist, – sollen dir Mut machen; aber wenn nicht auch du selbst dich anstrengst, und zwar recht ernsthaft und dauerhaft, werden eben diese Gnaden dich anklagen und deine Schuld vermehren. Die Hand an den Pflug und nicht mehr rückwärts sehen.

Jesu Freund und Schüler heißen, wäre dir schon recht; – aber es zu sein, kostet viel, wie auch ihm seine Liebe zu uns viel gekostet hat. – „Wenn Jemand die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht.“ – 1. Joh. 2, 15. „Miterben Christi, wenn anders wir mitleiden, auf daß wir mit verherrlicht werden.“ Röm. 8, 17. „Geduld ist euch notwendig, auf daß ihr, den Willen Gottes vollbringend, die Verheißung erlangt.“ – Hebr. 10, 36.

Und gerade dazu bist su hierher gekommen. Wenn du also nachläßt – wenn du wegen eitlem Sehnen, weltlichen Verlangens wieder weich und wehmütig wirst, wenn Trübsinn und Ungeduld sich deiner bemächtigen wollen, – wenn dir die Einsamkeit, die Übungen der innerlichen Abtötungen unerträglich erscheinen, – so gehe hin zum hochwürdigsten Gut – und denke, daß dein wahrster, einziger Freund, – der sein Blut für dich gegeben, – dir antwortend dich fragt: „Freund, wozu bist du gekommen?“ Mein Anteil, o Herr, ist, – dein Gesetz zu betrachten.

Umgestaltung des Apostels Petrus durch die Gnade

Man kann in dem Leben des hl. Petrus eigentlich vier Perioden unterscheiden.

A) Petrus während der Lehrjahre Jesu. –

1. Sein Beruf zum Apostel;

2. sein Genie zum Glauben;

3. seine Blödigkeit zum Verstehen;

4. die Heftigkeit seiner Gefühle. – Herrliche, aber noch rohe, disharmonische Anlagen.

B) Petrus während der Leidenszeit Jesu. –

1. Bei der Fußwaschung;

2. beim Abendmahl;

3. am Ölberg;

4. Verleugnung Christi;

5. Buße. Das ist die Krisis, die zum Guten ausschlägt.

C) Petrus von der Auferstehung bis zur Himmelfahrt Christi. –

1. Petrus und Johannes gehen zum Grab; noch glaubt er nicht, aber er läuft doch hin.

2. „Er ging weg, verwunderte sich über das, was geschehen.“ Luk. 24, 12.

3. „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und dem Simon erschienen.“ Luk. 24, 34.

4. „Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, gürtete er den Überwurf um, – – und warf sich ins Meer.“ Joh. 31, 7.

5. „Liebst du mich?“ – „Ja, Herr, du weißt es, ich liebe dich.“ Joh. 21, 16.

In dieser Periode ist er schon geheilt, aber noch Rekonvaleszent. – Seine rohen Talente sind schon feiner, zarter, reiner, schon harmonisch, aber gleichsam noch elegisch und wehmütig.

Welche Verwandlung in Petrus durch jenen Fall, durch den Blick Jesu und durch seine Tränen, muss hervor gebracht worden sein, geben schon gleich die ersten Worte, die uns nach der Auferstehung von ihm etwas erzählen, zu erkennen. Maria Magdalena berichtet ihm, was ihr der Engel am leeren grab gesagt; – er hält diese Nachricht für Träumerei.- eilt aber doch selbst hin zum Grab. – Beim ersten Anblick dieser Erzählung scheint Petrus, der sonst den Glauben so voll anfaßte, – denselben eigentlich verloren zu haben. Allein, daß es nicht Ungläubigkeit war, ist deutlich; – denn sonst wäre er ja mit den übrigen Aposteln zurück geblieben; er aber lief mit Johannes zum Grab. Es war also nicht Ungläubigkeit, – sondern schon jenes heilsame Misstrauen auf Alles, was nicht der Herr selbst sagt, und gibt, welches Misstrauen sich hier nur noch nicht ganz auf die rechte Weise äußert.

D) Petrus nach der Ausgießung des hl. Geistes. –

1. Seine Reden;

2. seine Wunder;

3. seine Briefe;

4. sein Tod.

Da ist volle Gesundheit und Kraft und Harmonie; seine Eigentümlichkeiten sind in der höchsten Vollendung und Heiligung. –
aus: Friedrich Rinn SJ, Die ewigen Wahrheiten der geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola, 1878, 1. Bd., S. 59 – S. 62

Category: Betrachtungen, Rinn

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