Schisma der griechischen Kirche 1054

Schisma der griechischen Kirche 1054: Reichsverteilung 395

Schisma der griechischen Kirche von 1054

Trotz des Übermutes, womit man sich in Konstantinopel bei verschiedenen Gelegenheiten dem römischen Stuhl gegenüber benahm, war es doch zwischen der morgen- und abendländischen Kirche noch nicht zu einem förmlichen Bruch gekommen. Endlich aber sollten diese so oft und so mühevoll geknüpften Bande gänzlich zerreißen; es sollte neuerdings die Wahrheit des Bruches sich bewähren: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich.“ Dieser Bruch, das griechische Schisma genannt, stellt uns augenfällig das Los jener Kirche dar, welche ihres heiligen Rechtes auf Selbständigkeit sich feige begibt und einer tyrannischen Staatsgewalt sich willig beugt. –

Nachdem Ignatius, der rechtmäßige Patriarch von Konstantinopel, durch die Ränke des lasterhaften kaiserlichen Oheims Bardas auf die unwürdigste Art verdrängt worden war (857), gelangte der gelehrte, aber nichtsnutzige Photius auf den Patriarchenstuhl. Von einem exkommunizierten Bischof ließ er sich innerhalb acht Tage alle Weihen erteilen. Diejenigen Bischöfe, welche den feilen Aufdringling nicht anerkennen wollten, wurden abgesetzt, eingekerkert oder verbannt. Durch die grausamsten Misshandlungen suchte Photius den greisen Ignatius zur Abdankung zu bewegen, und ein künstlich angelegtes Lügennetz sollte ihm die Bekräftigung des Papstes Nikolaus I. (858 – 867) erschleichen.

Als jedoch der Papst durch Briefe des eingekerkerten Ignatius den wahren Tatbestand erfuhr, hielt er 864 eine Synode zu Rom, auf welcher Photius und alle von ihm geweihten Bischöfe abgesetzt wurden. Daraufhin warf der Ehrgeizige seine Maske ab, berief die ihm ergebenen Bischöfe zusammen, beschuldigte die römische Kirche verschiedener Verbrechen und selbst der Ketzerei, indem dieselbe lehre, dass der Hl. Geist vom Vater und vom Sohn ausgehe, und schleuderte endlich in unsinniger Wut selbst den Bannstrahl gegen den Hl. Vater.

In einem Schreiben voll erschütternder Kraft ermahnte Nikolaus den Kaiser Michael III., dem Unwesen des Photius ein Ziel zu setzen; ein furchtbares Gericht erwarte ihn, wenn so viele Gläubige irre gemacht und vom rechten Wege abgeführt würden. Doch erst dessen Nachfolger Basilius der Macedonier verwies den Photius in ein Kloster und ließ dem hartgeprüften Ignatius Gerechtigkeit widerfahren.

Um dem Unheil, das Photius bereits angerichtet, kräftig zu steuern, wurde auf Verlangen des Kaisers und des Patriarchen die achte allgemeine Kirchenversammlung zu Konstantinopel (869) gehalten unter dem Vorsitz der Legaten des Papstes Hadrian. Da Photius, zur Verantwortung vorgeführt, zu seiner Rechtfertigung nichts vorzubringen wusste, so beschönigte er sein Stillschweigen mit dem Beispiel des Erlösers, der auch geschwiegen habe, als man ihn verurteilte. Entrüstung erfüllte die ehrwürdigen Väter beim Anhören dieser gotteslästerlichen Rede, und nachdem seine Schuld offen an den Tag gelegt worden, sprachen sie einstimmig über Photius und seine Anhänger den Bannfluch aus.

In der nächsten Sitzung wurden sämtliche von Photius unterschobenen und gefälschten Schriftstücke, die mit Lügen und Schmähungen angefüllten, mit falschen Unterschriften bedeckten Akten seiner gegen den Papst Nikolaus gehaltenen Synode öffentlich in der Kirche verbrannt. –

Kaum war indessen 869 Ignatius aus diesem Leben geschieden, so schwang sich der schlaue Photius, der sich in die Gunst des Kaisers einzuschmeicheln gewusst, wiederum auf den verhängnisvollen Patriarchenstuhl, und nun begann von neuem das alte Spiel. Nicht lange währte aber die neue Herrlichkeit. Der Ränkevolle wurde abermals abgesetzt und in ein Kloster verwiesen, wo er um das Jahr 891 starb. –

Damit waren jedoch die Wunden, die er der morgenländischen Kirche geschlagen, keineswegs geheilt. Seine Partei lebte fort. Denn Photius hatte auf die meisten griechischen Bischofssitze Männer seines Gelichters erhoben und eine unglaubliche Anzahl von Geistlichen widerrechtlich mit Pfründen bedacht. Diese nährten stets einen tiefen Groll gegen Rom und warteten nur auf eine günstige Gelegenheit, um die Spaltung zu erneuern. Wie ein unter der Asche fortglimmender Funke erhielt sich so der durch Photius angeregte Sektengeist und griff sogar immer weiter um sich, sowohl unter der meist anrüchigen Geistlichkeit als unter der leichtsinnigen, unzufriedenen Volksmasse.

Zu all diesem kam noch das dünkelhafte Streben der Patriarchen von Konstantinopel nach völliger Unabhängigkeit vom Abendland. Verführerisch war für dieselben der Glanz der Kaiserstadt Byzanz und das Bewusstsein, in ihrem Streben von den meisten Kaisern unterstützt zu werden. Schon zur Zeit des Papstes Gregor des Großen (590 – 604) maßte der Patriarch Johannes der Faster sich den stolzen Titel „ökumenischer“, d. h. allgemeiner Bischof an, während Gregor in apostolischer Demut für sich den Titel „Knecht der Knechte Gottes“ wählte.

Um die Mitte des 11. Jahrhunderts kam es endlich zum völligen Bruch. Dem glühenden Ehrgeiz des Patriarchen Michael Cärularius wurde der stets und überall anerkannte Vorrang des Stuhles Petri unerträglich. Um das verhasste Joch abzuwerfen, setzte er ein Schreiben in Umlauf, worin er ähnlich wie Photius die abendländische Kirche mit Schmähungen und Anlagen überhäufte. So erwähnte er als Stein des Anstoßes die Ehelosigkeit der Weltpriester, den Gebrauch des ungesäuerten Brotes beim heiligen Abendmahl, das Fasten am Samstage, das Bartscheren, das Weglassen des Alleluja in der Fastenzeit.

Der hl. Papst Leo IX. (1048 – 1054) widerlegte sofort die gemachten Vorwürfe und suchte in einem herrlichen Schreiben den Verblendeten zur Einsicht zu bringen. Er wies ihm nach, wie heilig und unverletzlich die Einheit der Kirche Christi sei, welche Torheit und Anmaßung in dem Bemühen liege, den Nachfolger Petri, den Christus selbst im Glauben stärke, zurechtweisen zu wollen, und mit welch schnödem Undank er die römische Kirche, die Mutter und Beschützerin aller übrigen Kirchen handle. Zuletzt ermahnte Leo den Patriarchen noch dringend, der Zwietracht und dem Stolz doch abzusagen, damit die göttliche Barmherzigkeit in Zukunft für alle statt des Streites Frieden und Liebe herrschen lasse.

Fruchtlos verhallte aber die väterliche Stimme, und auch die päpstlichen, nach Konstantinopel gesandten Legaten vermochten den Verstockten nicht zu gewinnen; derselbe wies jeden schriftlichen und mündlichen Verkehr mit ihnen hartnäckig zurück. Nachdem sie vor Kaiser und Senat die Einwürfe aufs glänzendste widerlegt hatten, schritten sie zum Äußersten. Am 16. Juli 1054 erschienen beim Beginn des Gottesdienstes die päpstlichen Gesandten in der Sophienkirche und erklärten laut und feierlich, wie Cärularius alle ihre Bemühungen zur Wiederherstellung des Friedens vereitelt habe. Dann legten sie auf dem Hauptaltar die Bannbulle nieder und schüttelten beim Verlassen der Kirche den Staub von den Füßen, in tiefem Schmerz ausrufend: „Gott sieht es, er wird richten.“ So war der unheilvolle Riss zwischen Morgenland und Abendland geschehen.

Wer möchte nicht hier der inhaltsschweren Worte gedenken, die der Herr einst weinend zu dem verblendeten Jerusalem sprach: „O dass du doch an diesem deinem Tage erkenntest, was dir zum Frieden gereicht!“ (Luk. 19, 42) Noch war es Zeit, das hereinbrechende Strafgericht abzuwenden durch innigen Anschluss an das christliche Abendland. Schon lange drängten die furchtbaren Schläge, mit welchen ein neuer Feind des christlichen Namens das griechische Kaiserreich erschütterte, zu dieser Vereinigung. Dies brachte aber die stolzen Griechen nicht zur Besinnung. In frevelhaftem Übermut wiesen sie die Hand der Versöhnung zurück. Nun sollten sie den Kelch des Leidens und der Schmach bis zur Neige leeren. …

Die Gebietsveränderungen des Byzantinischen Reiches

Schisma der griechischen Kirche 1054: Die Gebietsveränderungen des Byzantinischen Reiches

Gedachte Mohammed anfänglich nur seine eigenen Landsleute für die neue Lehre zu gewinnen, so kannte er in seinem Stolz keine Grenzen mehr, nachdem er sich einmal an der Spitze einer gewaltigen Heeresmacht sah; er dehnte jetzt seinen Beruf auf die Unterwerfung aller Völker aus. In hochtrabenden Schreiben forderte er den König von Persien, den griechischen Kaiser Heraklius und andere Fürsten auf, seine Religion anzunehmen. Ihn selbst ereilte zwar im Jahr 632 der Tod, als er eben verheerend in Syrien einfallen wollte.

Allein damit war dem verderblichen Strom, der von Arabien her über die Länder sich hinzuwälzen drohte, nicht Einhalt geboten. Die Kalifen, d. h. seine Stellvertreter und Nachfolger in Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, wie Abu Bekr, Omar I., Othman, Ali usw. traten in seine Fußstapfen. Mit dem Schwert war die neue Religion gegründet worden, durch das Schwert musste sie sich erhalten und ausdehnen. In kurzer Zeit erlagen, außer Arabien und Syrien mit Phönizien und Palästina, das persische Reich und Ägypten dem Andrang der blutgierigen, fanatisch begeisterten Horden. Endlich fielen auch mehrere Seestädte von Nordafrika in ihre Gewalt.

Die Christen, welche nicht niedergemacht wurden, mussten einen sehr schweren Tribut zahlen, wurden auf jede Weise von ihren neuen Herren gedrückt; und wehe ihnen, wenn sie ihre Verwandten hinderten, den Islam anzunehmen! Mit Moslemin (Muslimen) durften sie über ihre Religion nicht einmal reden; jeder Einwurf, jeder Widerspruch gegen den Islam war ein todeswürdiges Verbrechen. –

Wer könnte alle die Verheerungen beschreiben, wer all den Jammer aufzählen, den diese unwiderstehlichen Eroberer über die Länder brachten! Zahllose Klöster und Kirchen ließen sie in Rauch aufgehen; mit barbarischer Grausamkeit schlachteten sie glaubenstreue Mönche und Priester dahin; unerbittlich warfen sie jeden Widerstand darnieder; bald wurden sie aus darbenden Bettlern, die sie waren, die habsüchtigsten Räuber, denen die Schätze einer halben Welt kaum genügten. Zu ihrer Zeit angestammten Rohheit und Unwissenheit, vermöge der sie die herrliche Bibliothek der eroberten persischen Residenzstadt Ktesiphon in den Tigris warfen und die von Alexandrien den Flammen übergaben, gesellte sich bald die zügelloseste Üppigkeit und der unerträgliche Hochmut. …

aus: Joseph Deharbe, Religionsgeschichte oder Beweis für die Göttlichkeit der christlichen Religion, 1907, S. 232 – S. 234; S. 237

Weitere Schicksale der griechisch-schismatischen Kirche

Verfolgen wir die griechisch-schismatische Kirche im weiteren Verlauf ihrer Schicksale bis auf die gegenwärtige Zeit, so kann zu ihrem Lob gesagt werden, dass es dem Mohammedanismus nicht gelang, so ganz vom Erdboden zu vertilgen. Eine große Anzahl ihrer Mitglieder widerstand der Versuchung, durch Annahme des Islam sich mancherlei Plackereien zu entziehen, und blieb dem christlichen Glauben treu. Aber gleich einem vom Stamm abgerissenen Ast war sie des inneren Lebenssaftes beraubt, abgestorben und unfähig, noch fernerhin Früchte zu tragen. Von jener glühenden Begeisterung zur Verbreitung des Reiches Gottes, von jenem frischen, glaubensfreudigen und opferwilligen Leben, welches in der römischen Kirche das Walten des Heiligen Geistes so herrlich kundgibt, sehen wir bei ihr nicht die Spur.

Oder wo sind in der morgenländischen Kirche die begeisterten Glaubensboten, die Männer mächtig in Wort und Tat, wie wir sie später im Abendland werden auftreten sehen, wie z. B. ein heiliger Bernhard, Dominikus, Franz von Assisi, Ignatius von Loyola, Franz Xaver? Wo die Scharen heiliger Blutzeugen? Wo Männer wie Thomas von Aquin, Karl Borromäo, Vincenz von Paul?

Solch weltberühmte Gottesgelehrte, solch heilige Bischöfe und Helden der Nächstenliebe sind in der schismatischen Kirche nicht zu finden. Überall war ein dumpfes Hinbrüten, eine kalte, eisige Erstarrung. Mit erdrückender Wucht lähmte nach ihrer Lostrennung von Rom die despotische Willkür der byzantinischen Kaiser jede Lebensäußerung; aus der freien Braut Jesu Christi wurde sie die Magd, die ohnmächtige Sklavin des Staates.

Noch schmachvoller ist ihre Knechtung unter den türkischen Herrschern geworden. Mit Recht wird der Zustand des Patriarchats von Konstantinopel der schmachvollste und verdorbendste genannt, zu dem eine altehrwürdige Kirche hinabgedrückt werden konnte. Und weit entfernt, dass sie in ihrem eigenen Schoß die Kraft besäße, sich aus ihrem Staub zu erheben und zu erneuern, ist vielmehr die ganze Hierarchie von Fäulnis durchdrungen.

In schauerlichem Grad herrscht Simonie, Käuflichkeit und Bestechlichkeit des hohen und niederen Klerus, Anwendunng aller erdenklichen Mittel, um Gaben und Steuern zu erpressen. Der Sultan wählt denjenigen zum Patriarchen, welcher ihm die meisten Goldstücke bietet, und setzt den Gewählten nach Willkür wieder ab, wenn ein anderer eine größere Summe bringt. Die Fälle, in denen ein Patriarch im Besitz seiner Würde stirbt, sind daher selten. Hat er sich dieselbe mit schwerem Geld erkauft, so bringt er diese Summe zunächst durch den Verkauf der Erzbistümer und Bistümer herein, die Käufer aber machen sich wieder durch Erpressungen von dem niederen Klerus und dem Volk bezahlt.

Zu alledem herrscht beim Klerus eine solche Unwissenheit, dass er zum großen Teil nicht schreiben, selbst nicht lesen kann. Als Höhepunkt der Schmach kann aber bezeichnet werden, dass in kirchlichen Fragen die oberste Entscheidung nicht selten von der türkischen Regierung ausgeht, wie es der Patriarch Anthimos Pius IX. gegenüber ausdrücklich eingestanden hat. (1)

(1) So geschah es, dass ein Streit über den Gebrauch, Wasser dem Abendmahlswein beizumischen, vor den türkischen Reis-Effendi gebracht wurde. Derselbe fällte das Urteil: „Der Wein ist ein unreines, vom Koran verdammtes Getränk, sie sollen also bloßes Wasser nehmen.“

Nicht besser steht es mit der griechisch-schismatischen Kirche von Russland, welche, von Konstantinopel aus vor dem Schisma des Cärularius gegründet, nach und nach vermöge ihrer Abhängigkeit vom Patriarchen von Konstantinopel in die Trennung von Rom mit hineingezogen wurde. In welchem Verfall diese Kirche schon frühzeitig geriet, ersieht man aus dem Konzil, welches 1551 zu Moskau unter dem Vorsitz des sonst noch sehr verdienten Metropoliten Makarius gehalten wurde. Es handelte sich darum, die mit unsäglichem Wust überladene russische Kirchenzucht zu verbessern.

Hier wurde von den versammelten russischen Vätern die Verordnung erlassen: „Von allen mit Kirchenbann belegten Ketzereien ist keine so strafbar wie das Bartscheren; sogar das Blut der Märtyrer lässt ein solches Vergehen ungesühnt; wer also seinen Bart abschert aus Menschengunst, der ist ein Übertreter des Gesetzes und ein Feind Gottes, der uns nach seinem Ebenbild schuf.“ –

An die Stelle des mächtigen Patriarchen zu Moskau setzte (1721) Peter der Große die völlig von ihm abhängige sogenannte „heilige Synode“ zu St. Petersburg; und als der Klerus die Wiedereinsetzung des Patriarchen verlangte, sprach er, unwillig mit der Hand auf seine Brust schlagend: „Da ist euer Patriarch.“ (2)

(2) Vgl. Döllinger, Kirche und Kirchen. S. 156 – 190; und Kirchenlexikon von Wetzer, Art. Griechische Kirche, und Russen.

Das griechische Schisma von 1054 (Fortsetzung)

Es war alles vorbereitet zur Trennung der Lateiner und der Griechen, zu der längst die Keime gegeben waren. Die Verschiedenheit des Volkscharakters, der Sprache, des Ritus, der liturgischen und sonstigen Gebräuche, des ganzen Entwicklungsganges, die alte Nebenbuhlerschaft der neuen Roma gegen Alt-Rom, der Ehrgeiz der zu „ökumenischen Patriarchen“ emporgeschraubten Bischöfe der östlichen Kaiserstadt, die lange gepflegte Abneigung, die der Widerstand der Päpste gegen diese Erhebung und die mit ihr verbundene Titulatur erzeugt, die Politik des griechischen Hofes, die in alles Kirchliche sich einmischte, die Hofpatriarchen zu ihren Werkzeugen erniedrigte, die freimütige und apostolische Sprache des Stuhles Petri nicht mehr ertrug, hatten immer mehr eine gegenseitige Entfremdung herbeigeführt.

Die Lateiner waren misstrauisch wegen der so oft in Byzanz gepflegten Häresien, erbittert wegen der vielfachen Misshandlungen, die Italien so lange von den Kaisern und ihren Exarchen erduldet, wegen der Losreißung Süditaliens und Illyrikums vom römischen Patriarchate und der Einziehung vieler Patrimonien der römischen Kirche, während der griechische Hof den Verlust seiner Herrschaft in Mittelitalien und die Erhebung neuer abendländischer Kaiser nicht verschmerzte.

Das trullanische Konzil hatte durch den Tadel abendländischer Gebräuche, wie des Priesterzölibats, des Fastens am Sonnabend usf., den Gegensatz verschärft; auf seine Kanones wie auf die von Rom nicht angenommenen letzten 35 apostolischen stützte sich Photius, obschon er noch 681 die meisten der divergierenden Gebräuche für indifferent erklärt hatte; hochmütig sah der stolze Byzantiner herab auf den „barbarischen Westen“. Bei der Auflehnung gegen den päpstlichen Primat, den noch der Studit Theodor so glänzend anerkannt hatte, durfte er auf Zustimmung vieler Griechen rechnen, auch wenn nicht die sklavische Abhängigkeit der Bischöfe vom Patriarchen ihm gesichert gewesen wäre.

Die reiche Literatur des Abendlandes war in Byzanz mit Ausnahme sehr weniger Schriften völlig unbekannt, der Nationalstolz aber aufs heftigste erregt. Was noch fehlte, um die Entfremdung und Feindseligkeit zu einer bleibenden zu machen, das fügte Photius hinzu, indem er dem Zerwürfnis eine dogmatische Grundlage gab und die Lehre der Lateiner, der Heilige Geist gehe nicht bloß vom Vater, sondern auch vom Sohne aus, für eine abscheuliche Ketzerei erklärte. Gelang es ihm, diese Überzeugung seinen Landsleuten einzuprägen, so war für immer die religiöse Einheit zwischen Lateinern und Griechen vernichtet.

aus: Joseph Kardinal Hergenröther, Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte II, 1913, S. 249 – S. 250

Das griechische Schisma

Die durch den Gang der Ereignisse noch aufgehaltene Trennung des Orients vom Okzident drohte immerfort, da einerseits die von Photius ausgestreuten Lehren unter den Griechen fortwucherten, anderseits die byzantinischen Patriarchen ihren ehrgeizigen Bestrebungen nicht entsagten, sich fortwährend „ökumenische Patriarchen“ nannten und gegen den päpstlichen Stuhl eine kalte Zurückhaltung beobachteten, ja wo sie konnten, ihm Nachteile zufügten.

Cärularius entzündete durch die Anklage, dass der Kaiser im Einverständnis mit den Lateinern stehe und die griechische Kirche verrate, einen von Konstantin IX. nur mühsam gedämpften Aufruhr und sprach auf einer eilig versammelten kleinen Synode, die nachher manche Schismatiker für eine ökumenische ausgaben, das Anathem über die Lateiner aus. Sein Synodaledikt nahm den Eingang aus der Enzyklika des Photius, erklärte die römischen Legaten für Betrüger und Sendlinge seines Feindes, des Feldherrn Argyrous, die bloß eine Mission vom Papst vorgespiegelt hätten, und suchte dabei doch die Lateiner überhaupt als Häretiker zu brandmarken. Gleich Photius, der hier kopiert ward, suchte Cärularius die anderen Patriarchen des Orients auf seine Seite zu ziehen.

Von den Verbrechen, die er den Lateinern zur Last legte, war das wichtigste die angebliche Verfälschung des Symbolums durch das Filioque; die anderen waren teils ganz unwahr, wie z. B. dass die Lateiner die Bilder und Reliquien nicht verehren noch den Basilius, Gregor von Nazianz und Chrysostomus zu den Heiligen rechnen, teils kleinlich und nichtig, wie die über das Bartscheren, über das Ringetragen der Bischöfe, über das Fleischessen am Mittwoch, den Genuss von Käse und Eiern am Freitag, von unreinen Speisen überhaupt.

Ferner ward getadelt, dass bei den Lateinern zwei Brüder zwei Schwestern heiraten, dass in der Messe ein Geistlicher den anderen umarme oder küsse, das dem Täufling Salz in den Mund gegeben, die Taufe selbst nur durch einmalige Untertauchung erteilt werde, die Mönche Fleisch und Schweinefett genießen, das Fasten ganz anders als bei den Griechen sei, dass es in der lateinischen Liturgie (im Gloria) heiße: „Ein Heiliger, ein Herr Jesus Christus zur Ehre Gott des Vaters durch den Heiligen Geist“, dass die Bibel verfälscht sei (1. Kor. 5 u. 6; Gal. 5, 9, wo die Vulgata hat: Wenig Sauerteig verdirbt die ganze Masse, während im Griechischen ’säuert‘ steht.)

Nur der Vorwurf, dass die abendländischen Bischöfe in den Krieg ziehen, war nicht ganz ungerecht. Überhaupt zeigt sich Anmaßung, Unwissenheit, Kleben an Äußerlichkeiten. Höchst entrüstet war der stolze Byzantiner über die Äußerung der päpstlichen Gesandten, sie kämen nicht, um sich belehren zu lassen, sondern um zu belehren.

Der schismatische Geist blieb in den Griechen lebendig; gegen das Abendland war man jetzt sehr feindselig. Wenn auch 1071 Kaiser Michael VII. den von Papst Alexander II. gesandten frommen Bischof Petrus von Anagni freundlich aufnahm und ihn ein Jahr lang bei sich behielt, so hielten doch die Patriarchen, wie Johann VIII. Xiphilinus (1063 – 1075), mit Rom keine kirchliche Gemeinschaft mehr, und die besonnenen Orientalen, die (wie der bulgarische Erzbischof Theophylaktus) die Differenzen zwischen Griechen und Lateinern auf ein geringes Maß zurückzuführen suchten, wurden immer seltener.

Infolge des Briefwechsels zwischen Dominikus von Aquileja und Petrus von Antiochien schrieb der hl. Petrus Damiani gegen die griechische Lehre vom heiligen Geist (1), und nachher (1098) verteidigte Anselm von Canterbury auf der Synode von Bari das Dogma der Lateiner (2). Die Unterschiede in Disziplin und Kultus wurden von den Abendländern stets als sehr geringfügig angesehen, und ausdrücklich ward von ihnen anerkannt, dass die Konsekration sowohl mit gesäuertem als ungesäuertem Brot gleichmäßig gültig sei. Nur die kleinliche Tadelsucht der Griechen bewirkte, dass lateinische Polemiker nun ihrerseits auch das Tadelnswerte an deren Riten und Gewohnheiten aufzusuchen und zusammenstellen begannen.

(1) Petrus Dam., Opusc. XXXVIII c. errorem Graec. De proc. Spirit. Sanct., ed. Migne, Patr. Lat. 145, 633f; Opusc. I de fide cath. c. 10, S. 57 – 59.

(2) Anselm., De proc. Spirit. Sanct. c. Graec., ed. Migne a.a.aO. Bd. 158. Eadmer, Hist. Nov. 1. 2, c. 53; ed. Migne a.a.O. Bd. 159; Vita Anselmi, ed. Lond. 1885, Guill. Malmesbur., De gest. Pont. Angl. 1.1. Le Quien, Diss. I in Opp. Damasc. § 40, S. XXIII Werner, Gesch. der apologetischen und polemischen Literatur III 20f. –
aus: Joseph Kardinal Hergenröther, Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte II, 1913, S. 274; S. 277 – S. 278

Bildquellen

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