Lass deinen Diener in Frieden fahren

Mariä Lichtmess Aufopferung Jesu Der hl Simeon hält das Kind in seinen Armen, hinter ihm kommt die hl. Anna, auf der linken Seite stehen die allerseligste Gottesgebärerin Maria sowie der hl. Joseph

Am Fest Maria Lichtmess

„Nun, Herr, lass deinen Diener in Frieden fahren.“ (Luk. 2.)

Im Tempel hält der heilige Greis Simeon das Jesuskind in Händen, die Mutter Jesu Maria sowie der hl. Joseph und die hl. Anna stehen ebenfalls dabei

Simeon nimmt aus den Armen Mariä das göttliche Kind, und wer sollte ihn nicht beglückwünschen, dass der Herr in solcher Weise den Sehnsuchtswunsch seines Herzens erfüllte.

Den zu kommenden Heiland sehen und dann von dieser Welt scheiden, das war ja Simeons flehentliches Gebet, von den Tagen seiner Jugend an bis in sein Greisenalter. Dieser sein stiller Herzenswunsch sollte an dem heutigen Festereignis sich erfüllen.

Maria, das Kind in ihren Armen, tritt mit Joseph, ihrem jungfräulichen Bräutigam, in den Tempel. Simeon erblickt das Kind, der heilige Geist erleuchtet seine Seele, er erkennt in demselben den verheißenen Heiland der Welt, – und nicht nur das, sondern er blickt prophetisch in die Zukunft; und Gott ließ ihn den Erfolg der Ankunft des Welterlösers schauen, und die von ihm gestiftete Kirche.

Er dankt Gott für das Glück, sich in der Zahl derjenigen zu erblicken, denen Christus ein Zeichen werden sollte zur Auferstehung und Verherrlichung im ewigen Leben.

Der Herr erfüllte sein inniges Verlangen, und zwar in einer noch vollkommeneren Weise, als er es ahnte. – Daher sein Gebet: „Nun, o Herr, lass deinen Diener in Frieden fahren!“

Sein Vorbild weist deshalb auch besonders klar und deutlich auf das hin, worauf es ankommt, damit auch wir einst getröstet im Herrn von dieser Erde scheiden.

O Maria, du Trost der Sterbenden, erbitte uns die Gnade eines seligen Sterbestündleins.

Ich rede im heiligsten Namen Jesu, zur größeren Ehre Gottes.

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Simeon sehnt sich darnach, die Welt zu verlassen. Der Tod hatte für ihn nichts Schreckliches, nichts Schauerliches. Bei den meisten Menschen ist das nicht der Fall. Warum? O, ihr Herz hängt zu sehr an zeitlichem Besitz, an den Gütern dieser Welt. Sie haben sich so lange bemüht, sich ein hinlängliches Vermögen zu verschaffen, um im Alter dasselbe in aller Bequemlichkeit zu genießen: jetzt sollen sie von all ihrem Hab und Gut fort – ihr ganzes Innere sträubt sich dagegen.

Sie lebten und leben im Kreis ihrer Familie, nehmen Anteil an dem Wohlergehen derselben, und verschwenden die Zeit im Spiel und Unterhaltungen mit ihren Freunden; doch plötzlich kommt der Tod und scheidet.

Sie sträuben sich dagegen und ihr Gebet ist nicht dies: „Nun, o Herr, lass deinen Diener in Frieden fahren!“ O nein, sie seufzen vielmehr: Nun, o Herr, lass deinen Diener genesen und noch lange hier auf Erden leben, mit meiner Familie und meinen Bekannten und Freunden, und lass mich das Leben noch ferner genießen.

Simeon sehnte sich nach dem Tode, nicht so das Weltkind.

Simeon hält das Jesuskind in seinen Armen und drückt es an sein Herz, in der Hoffnung, dasselbe bald im Reich der ewigen Liebe zu umfangen.

Dieser Umstand weist auf einen andern hin, der die Ursache ist, warum nicht jeder Christ sich nach dem Tode sehnt.

Man glaubt zwar an Christus, man betet Ihn an, man ist entschlossen, als Kind seiner Kirche zu leben; allein bei alledem gelangt man nicht zur persönlichen Erkenntnis des Herrn. Man kennt Ihn gleichsam nur dem Namen nach, daher die geringe Liebe zu Ihm, die geringe und schwache Sehnsucht nach Ihm.

Man begnügt sich damit, in seiner Gnade zu leben; aber Jesus ist nicht der Hauptgedanke, der Hauptwunsch, das Hauptverlangen unserer Seele. Man lebt in seiner Nähe, aber mehr im Geist mit anderen Menschen und Dingen beschäftigt, als mit Ihm und mit dem, was sein Reich betrifft.

Daher fühlt man nicht die Sehnsucht, diese Welt zu verlassen und zu Ihm zu eilen und bei Ihm zu bleiben im vollen Besitz seiner überströmenden, ungestörten Liebe, mit dem heiligen Paulus seufzend: „Mich verlangt, aufgelöst und mit Christus zu sein.“

Wie würde das so ganz anders sein, würden wir den Worten und der Mahnung folgen, die an uns ergeht, wenn wir Simeon im Tempel erblicken, das Jesuskind in seinen Armen.

Dieser Anblick erinnert uns an die Nähe Christi im Allerheiligsten Sakrament, an das Glück, sich Ihm nahen zu dürfen, mit Ihm in diesem Sakrament umzugehen, mit Ihm zu reden, jeden Wunsch unseres Herzens Ihm vorzutragen, ja Ihn selbst in unser Herz aufzunehmen. Ein Glück, welches Simeon nicht gehabt.

Überhaupt war all das, was Christus für uns tun sollte, dem Greisen Simeon nicht so wohlbekannt, als uns, seit Christus gelebt und das Werk der Erlösung an uns vollbrachte.

Simeon hatte auch nur für wenige Augenblicke Gelegenheit, mit Christus persönlich zu verweilen; Maria und Joseph trugen das Kind wieder aus dem Tempel.

Heute verweilt Christus bleibend unter uns im Tabernakel. Dass wir sie doch so ganz zu schützen und zu benützen wüssten, diese groß, große Gnade der bleibenden Gegenwart des Herrn unter uns im Allerheiligsten Sakrament!

Erst durch die volle Benützung derselben wird es uns klar, was alle die Beziehungen Christi zu uns sagen wollen, wenn wir Ihn unsern Vater, unsern Bruder, unsern Freund und Seelenbräutigam nennen, und wir beginnen es dann zu ahnen, was unser Herz einst für Ihn empfinden werde, wenn wir Ihn ohne Schleier der Gestalten im Himmel schauen und umfangen werden!

In dem Maße, als durch den Umgang mit Christus, die persönliche Erkenntnis und Liebe zu Ihm in uns sich mehrt, wächst dann auch das Verlangen, zu Ihm zu eilen und von dieser Welt zu scheiden.

Denn was wäre der Besitz der ganzen Welt, mit ihren Gütern und Freuden, im Vergleich mit jenem Besitz, in den wir einziehen, wenn wir in seiner Gnade von dieser Welt scheiden, und aus seinem Mund die Worte der Einladung hören: „Gehe ein in die Freude, in die Glorie, in die Wonne deines Herrn.“ „Den Überwinder lasse ich mit mir sitzen auf meinem Thron.“

Was wären alle Ehren dieser Welt, gegen den Glanz der Krone, die Christus dann auf unser Haupt setzt, wenn wir im Himmel in seine Arme eilen? Und was alle Freuden der Welt gegen die, die Er den Seinen im Himmel bereitet?

Allerdings mag uns die Gemeinschaft mit Eltern, Verwandten und Bekannten auf Erden lieb sein, allein wie überschwänglich mehr ersetzt diese Trennung von denselben, die Wonne mit Christus im Himmel sich zu vereinigen, und durch Ihn auch zugleich in die Gemeinschaft und Seligkeit seiner gebenedeiten Mutter, des heiligen Joseph und aller Engel und Heiligen einzugehen.

Darum Simeon, wir seufzen mit dir und dem heiligen Paulus und wünschen aufgelöst und mit Christus zu sein.

Besonders aber erhöht ein Umstand dieses unser Verlangen: es ist dies der Trost, diese Welt zu verlassen und mit ihr alle die unzähligen Beleidigungen, mit welchen Christus täglich, stündlich, Tag und Nacht von den Menschen, und das nicht nur von den Ungläubigen und Irrgläubigen, sondern selbst von denen, die sich Kinder seiner Kirche nennen, beleidigt und gekreuzigt wird.

Und nicht nur von diesen, sondern leider von uns selbst, wenn auch nicht durch schwere Sünden, so doch durch zahllose lässliche Sünden und Unvollkommenheiten, ohne welche wir in dieser Welt unsere Seele nicht ohne einen besonderen Vorzug der Gnade rein erhalten können.

Welch ein Antrieb für die Jesu liebende Seele, aus der tiefsten Tiefe des Herzens aufzuseufzen: Mich verlangt, aufgelöst und mit Christus zu sein, wo ich in der Gnade befestigt, nicht mehr imstande bin, Jesu im mindesten zu missfallen, Ihn zu beleidigen, sondern wo ich, von jeder Sündenmakel rein, so ganz ein Gegenstand seines Wohlgefallens und seiner Liebe bin und ewig bleibe.

Simeon ist ein Prophet: Er blickt in die Zukunft der Zeiten, und die Schicksale der Kirche in dieser Welt werden ihm geoffenbart, und er schaut den Kampf, den die Kirche Christi durchzukämpfen hat, und wie verschieden zu ihrem Heil oder zu ihrem Verderben, die Menschenkinder die Gnade der Erlösung sich zuwenden oder von sich weisen werden.

Als Simeon das Jesuskind in seinen Armen hielt, da war des Himmels Pforte noch geschlossen; seine scheidende Seele musste noch hinab in die Vorhölle und warten, bis Christus eingehe in sein Reich und ihn mit allen durch Ihn geretteten Seelen in den Himmel einführe.

Wenn wir an unser Totenbett denken, so ist es anders. Christus ist schon in sein Reich eingegangen und wartet dort unser. Wenn es für uns während unseres Lebens so ganz unser Verlangen gewesen, mit Ihm zu sein, und wir dieses wirksam bewiesen mit der Vollkommenheit und Treue der Heiligen in seiner Nachfolge, dann eilen wir sogleich zu Ihm und gehen durch einen seligen Tod ohne Aufenthalt ein in seine Seligkeit und Liebe.

Gott gebe uns allen, durch die Fürbitte Mariä, des heiligen Joseph und der heiligen Anna, die Gnade eines seligen Todes, voll der Sehnsucht nach Christus. – Amen! –
aus: Franz Xaver Weninger SJ, Originelle kurzgefasste praktische Festtags-Predigten für das ganze Kirchenjahr, 1881, S. 172 – S. 177

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Bildquellen

  • meschler-simeons-weissagung: © https://katholischglauben.info
  • auer-mariae-lichtmess: © https://katholischglauben.info

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