Betrachtung am Silvesterabend 2025

Betrachtung am Silvesterabend: Die Turmuhr des Trierer Domes mit der Aufschrift: Ihr wisset nicht, zu welcher Stunde der Herr kommt

Das Abendgebet des Jahres – Betrachtung am Silvesterabend 2025

Wenn am St. Silvesterabend die Kirchenglocken über Stadt und Land zum Dankgottesdienst läuten, wird jeder ernste Geist nachdenklich gestimmt, nicht anders als wenn ein Leichenzug vorüberginge oder das Flügelwehen der Ewigkeit uns berührte. Das alte Jahr wird wirklich zu Grabe getragen, und der Ewigkeit sind wir heute Abend ein bedeutendes Wegstück näher.

Der Schlaf ist der Bruder des Todes, sagt man, und die Zeit die Schwester der Ewigkeit. Wie der Schlaf den Tod, so weiß auch die Zeit trefflich die Ewigkeit nachzuahmen. Die Ewigkeit ist Dauer ohne Ende und Veränderung; die Zeit ist Aufeinanderfolge von Veränderung, aber sie weiß uns über die Veränderung hinwegzutäuschen, indem sie stets den entschwundenen Augenblick durch einen folgenden ersetzt, und so leise und unauffällig, dass wir stets vom selben Augenblick umfangen zu sein meinen; kaum mahnt uns die große Weltuhr mit ihrer Folge der Jahreszeiten und die Turmuhr durch die Schläge ihrer Unruhe, dass die Zeit in unaufhörlichem Rollen und Fließen ist.

Ja die Zeit hat sogar das mit der Ewigkeit gemein, dass sie denselben Wert hat. Die Zeit ist nur das gemünzte Kapital der Ewigkeit. Das ganze Glück und Unglück der Ewigkeit ist der Ausschlag einer Spanne, eines Augenblicks von Zeit.

Die Zeit ist also wichtig und von höchster Bedeutung, und sie verläuft schnell und unwiederbringlich. Das ist es, was uns am Silvesterabend, der das Grabgeläute eines Jahres bringt, ernst stimmt. Ein Jahr ist ein bedeutender Teil unserer Lebenszeit. Es ist deshalb wohl angebracht, wenn wir uns zu einem Rückblick, Einblick und zu einem Ausblick sammeln in der Art eines Abendgebetes für das ganze Jahr, so wie wir das Scheiden jedes Tages auf christliche Weise mit einem Abendgebet zu begehen pflegen.

Siehe:

1. Rückblick

Der Rückblick gilt dem abgelaufenen Jahr. Wie immer es uns ansieht im bunten Kranz seiner dunklen und goldenen Tage, ganz wie es ist, ist ein Gnadengeschenk Gottes und erinnert uns an eine große Dankesschuld beim Geber alles Guten. In der natürlichen Ordnung hat uns Gott das Dasein erhalten, vielleicht ein Dasein von beneidenswerter Wohlfahrt, voll friedlicher, glücklicher Tage, während so viele unserer Mitmenschen mit bitterer Not gerungen haben und noch bittereren Zeiten entgegensehen, während manche aus unserem Kreis bereits zu dem stillen Volk auf dem Gottesacker geschieden sind. Sind das nicht Wohltaten? Und wem verdanken wir sie? –

Die Dankesschuld in natürlicher und übernatürlicher Ordnung

Nun in der übernatürlichen Ordnung! Wie viele Gnaden und Wohltaten fasst ein Jahr, in unserer Religion, in unserer Kirche zugebracht, nicht in sich? Wir müssten das karge Brot, die Verwaisung und Heimatlosigkeit in den Zelten anderer Bekenntnisse kennen, um das würdig zu schätzen. Gott hat uns bei dem vollen Gnadenüberfluss seines Vaterhauses erhalten und hat uns vielleicht trotz unserer Gleichgültigkeit, unseres Undankes und unseres Unverstandes nichts von allem entzogen.

Im Gegenteil hat er auch bei uns das Böse in Güte überwunden. Lassen wir unser Herz selbst die Antwort geben. Gewiss, ein Jahr in der katholischen Kirche verlebt, ist eine unermessliche Wohltat Gottes. Wir selbst, wie wir an Leib und Seele da sind, sind eine große, ganze Wohltat Gottes. Und wenn wir nicht mehr sind, als wir gegenwärtig sind, so liegt die Schuld nicht bei Gott, sondern allein bei uns.

Was folgt daraus? Dass wir Gott danken müssen. Man kann ja wohl leider sonst des Dankes gegen Gott aus Gedankenlosigkeit vergessen, heute Abend nicht. Der Silvesterabend ist die äußerste Zahlungsfrist für jedes Herz, das auf die Pflicht der Dankbarkeit wie gegen die Menschen, so gegen Gott hält. Wir sind heute voll Dank gegen Menschen, gegen Eltern, Lehrer und Wohltäter. Warum nicht gegen Gott, der eigentlich in allen Menschen uns wohltut? Also erkennen wir es an, dass Gott in seiner unendlichen Güte über die Maßen uns wohlgetan hat, und danken wir ihm wenigstens mit Worten, doch von Herzen.

Unserem Unvermögen kommt die heilige Kirche auch heute entgegen, indem sie unsere Dankesschuld auf sich nimmt und in dem feierlichen Abendgottesdienst Gott für uns den Dank ausspricht. Legen wir unsere Dankesworte auf ihre Lippen und unsere anerkennende Gesinnung in ihr Herz. Ihre Stimme ist die Stimme des Heilandes selbst, durch den wir in allem und für alles ausreichendes Genügen haben. Seien wir in unserem Dank auch aller anderen Menschen eingedenk, namentlich derer, denen die Erkenntnis und das edle Bedürfnis abgeht, Gott zu danken. Schließen wir sie in unseren Dank ein. Wir sind ja eine Familie, und Gott verdient es schon seinetwegen vollauf.

2. Einblick

Der Gegenstand des Einblicks ist das Haushaltungsbuch unseres Gewissens, der Stand unseres geistlichen Befindens.

Ein Jahr ist vorüber. Sind wir besser, tugendhafter, glücklicher? Darauf kommt es ja an, nicht darauf, dass wir ein Jahr älter sind. Die Zeit an und für sich tut nichts in uns; sie fließt nur an uns ab; sie ist keine Kraft, nur ein Umstand, eine Bedingung und ein Mittel. Die Kraft sind wir, wir müssen in uns wirken mit der Zeit und in der Zeit. Wir gestalten uns mit der Zeit, so oder so, zum Besseren oder Schlimmeren durch Gebrauch, Nichtgebrauch oder Missbrauch der Zeit. Der Missbrauch liegt in der Sünde, der Nichtgebrauch in der Lässigkeit und Trägheit, der Gebrauch in Tugend und verdienstlichen Werken für die Ewigkeit.

Wie steht es mit dem Gebrauch und Missbrauch der Zeit?

Wie steht es nun damit?

Wie haben wir das Jahr gestaltet, und wie sieht es uns an? Was überwiegt in uns, der Missbrauch, der Nichtgebrauch oder der gute Gebrauch der Zeit? Wirft uns unserer Gewissen Verfehlungen, Untreue, Zaghaftigkeit, Unbeständigkeit im Dienste Gottes und in Erfüllung unserer Pflichten vor? Was dächten wir vom letzten Jahr und zum Befund unseres Gewissens, wenn diese letzte Stunde des Jahres auch die letzte unseres Lebens wäre und es nahte der göttliche Richter mit seiner untrüglichen Waage der Gerechtigkeit? Was würden wir tun?

Tun wir es jetzt! Bereuen, bessern wir; machen wir gut, was gut zu machen ist. Gott gibt die Jahres- und Lebensrechnung in unsere Hand. Ändern, tilgen, streichen wir nach Gutbefinden. Alles ist jetzt unserem guten aufrichtigen Willen anheimgestellt. Jetzt vermag Reue, Liebe und Vertrauen alles bei ihm. Wir haben noch Zahlungsfrist bei seiner unergründlichen Barmherzigkeit und Vatergüte. Wir haben einen zuverlässigen, mächtigen Bürgen bei Gott, unsern Herrn und Heiland, dessen Blut die Sühne nicht bloß unserer Sünden darbietet, sondern der Sünden der ganzen Welt (1. Joh. 2, 2). Seine Verdienste sind unerschöpflich und unendlich, und er stellt uns alles zu Gebote.

Legen wir also das vergangene Jahr mit all seinen Ergebnissen, mit Schuld und Verdienst, mit Leid und Freud in den Schoß des barmherzigen Gottes, in das Herz unseres Erlösers. Dort ruht es gut, ja besser als in unserem Herzen voll Kleinmut und zweifelnden Gedanken. „In Frieden zumal lege ich mich nieder und ruhe; festgestellt hast du mich, o Herr, in vollkommener Zuversicht“ (Ps. 4, 9f). Das sei der Abschied vom alten Jahr. Wir werden es einst wiedersehen, aber wenn wir diese Gesinnungen haben, ohne Leid. Gereinigt von seinen Makeln im Blute der Erlösung und unseren Tränen, geziert mit den Verdiensten Jesu Christi wird es uns nicht ein Ankläger, sondern ein Freudenbote anhebender Belohnung und Seligkeit sein.

3. Ausblick

Der Ausblick ist nichts anderes als der gute Vorsatz, der in jedem guten Abendgebet sich findet. Er bezieht sich auf das anbrechende neue Jahr.

Dank und Vorsatz für das neue Jahr

Auch hier sollte unser Erstes erneuter Dank gegen Gott sein. Ist der Beginn eines jeden Tages, den Gott uns schenkt, eine große Wohltat, um wie viel mehr das Erleben eines neuen Jahres! Dank ist überall angebracht. Er ist das Alpha und Omega unseres Lebens.

Das Zweite muss der ernstliche Vorsatz sein, das neue Jahr gut zu benutzen. Vor allem opfern wir es Gott auf. Es heißt nicht ohne Grund: „Jahr des Herrn“. Es gehört Gott, nicht bloß auf den Anspruch hin, den Gott erhebt als Ursprung und Herr aller Dinge, sondern in besonderer Weise auf Grund der gnadenreichen Ankunft unseres Herrn und der Erlösung.

Deshalb beginnt das neue Jahr entsprechend mit dem Gedächtnis der Beschneidung des Herrn, in der er die ersten Blutstropfen für und vergoss und seinen hochheiligen Namen empfing. Das Jahr ist eingeweiht, gerötet durch das Blut Jesu und trägt seinen Namen auf der Stirn. Ein Zeichen von hoher, rührender Bedeutung. Es ist nichts weniger als die Mahnung und Herzensbitte unseres Seelenbräutigams, seinen Namen als Zeichen auf unser Herz und auf unseren Arm zu schreiben (Hohel. 8, 6) und alles, Gedanken, Worte und Werke, den gesamten Inhalt des anbrechenden Jahres durch die Vereinigung mit den göttlichen Absichten, in denen er sein irdisches Leben begonnen hat, zu heiligen.

Die gute Meinung für das neue Jahr

Das ist die große gute Meinung des Jahres. Im Sinne dieser Meinung benutzen wir dann das Jahr der Absicht, die Gott hat, indem er es uns verleiht.

Wahr und bedeutungsvoll nennen wir jedes Jahr auch ein „Jahr des Heils“. Das soll es nach den Absichten Gottes ein. Wir sollen durch das Jahr unser Heil, unseren Himmel wirken. Die ganze, große einzige Bedeutung des irdischen Lebens ist Vorbereitung auf die Ewigkeit. Welch reiches Erntefeld für den Himmel ist ein Jahr, wenn wir in jedem Augenblick uns den Himmel verdienen können! Doch das wird geschehen, wenn wir nach dem Willen Gottes unsere Pflicht leben, wenn wir die Sünde meiden und übernatürliche Verdienste erwerben. Deshalb heißt das alte christliche Weistum: „Nutz deine Zeit, denk an die Ewigkeit.“ Was wir am nächsten Silvesterabend getan zu haben wünschen, tun wir jetzt. Wer weiß auch, ob uns noch ein weiteres Jahr beschieden ist?

Bitte um den Segen und Schutz für das künftige Jahr

An dritter Stelle bitten wir Gott um seinen Segen und seinen Schutz für das künftige Jahr. Ein Lebensjahr ist eine lange Reise, ein Gang durch allerhand Gefährnisse, die Gott allein zu unserem Besten wenden kann. Der väterliche Schutz Gottes ist aber vornehmlich dem kindlichen Vertrauen auf die Vorsehung Gottes verheißen. Diese Vorsehung ist nichts weniger als das Zusammenwirken der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Macht und Güte Gottes. Verdient sie also nicht unser ganzes Vertrauen? Werden wir unter diesem Stern nicht sicher und glücklich fahren?

Vertrauen und Liebe sind Gott gegenüber die rechte Gesinnung und der schönste Dienst. Wir gewinnen mit dem Vertrauen das Herz Gottes und versichern uns seiner Hilfe und allmächtigen Kraft. Nichts, nicht einmal unsere Vergehen, können uns schaden, wenn wir wahres Vertrauen haben.

Also nicht mit einem Armensünderseufzer und mit schwerem Bangen soll der Silvesterabend ausklingen, sondern mit herzlichem Dank und kindlichem Vertrauen! Glückliche Aussicht! Das Jahr kann uns am Ende nichts bringen, als was wir selbst wollen! –
aus: Moritz Meschler SJ, Aus dem katholischen Kirchenjahr, Betrachtungen, Erster Band, 1919S. 74 – S. 79

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