Schaue hin auf das Kreuz

Christus sitzt in der Mitte, beide Hände ausgebreitet, so daß die Wundmale zu sehen sind; auf Seiner Brust ist Sein heiligstes Herz zu sehen; Er ist von einer Sonne umrahmt; rechts und links von Ihm knien je drei Engel, die Ihn anbeten

Zweiter Liebesseufzer zum göttlichen Herzen Jesu

Die Gnade deines Herzens bekehre mich!

Christus, der Welterlöser, am Kreuz, der Oberkörper entblößt, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, die Seitenwunde und auf der Brust das dornenumrankte Flammenherz

Schaue hin, o Christ, auf das Kreuz!

Dort hängt dein Herr und Gott! Warum? Er hat den letzten Versuch gemacht, die Herzen der Menschen zu gewinnen und für die Gnade der Bekehrung, die er ihnen mitteilen will, empfänglich zu machen. Viertausend Jahre lang hatte er es an den mannigfachsten Versuchen, diese Absicht zu erreichen, nicht fehlen lassen. Er hatte die Menschen zu diesem Zweck mit Wohltaten überhäuft, ihnen fruchtbare Ernten, Öl und Wein und Weizen im Überfluss geschenkt. Er ließ Trauben wachsen, die so groß waren und so schwer, daß zwei Mann erfordert wurden, um eine einzelne fortzutragen. Die göttlichen Wohltaten waren nicht imstande, die Menschenherzen zur Liebe Gottes zu bewegen. Da drohte Gott und schickte schreckliche Strafgerichte, um mittelst der Furcht die Menschen von der breiten Straße des Lasters auf den Pfad der Tugend, aus dem Dienst des Satans in den Dienst Gottes zurückzuführen. Auch diese Versuche schlugen fehl. Die Wasser der Sündflut, das Feuer von Sodoma, Krankheiten, Niederlagen im Krieg, Hungersnot und Unterjochung durch grausame Feinde vermochten nicht die Menschheit für Gott zu gewinnen.

Da stieg Gottes Sohn selbst vom Himmel auf die Erde herab und ließ sich, nachdem er den Menschen nochmals zahllose Wohltaten erwiesen hatte, an ein Kreuz nageln, an welchem er unter den bittersten Schmerzen starb. Tausende von Menschen sahen ihn am Kreuz hängen, sahen, wie er unter namenlosen Schmerzen verblutete, hörten, wie er für sie um Gnade flehte, aber sie blieben ungerührt und kalt dabei, ja sie verhöhnten und lästerten ihn noch in seinen letzten Augenblicken. Als er endlich unter lautem Geschrei seinen Geist aufgegeben hatte und verschieden war, durchstach ein Soldat mit seiner Lanze die Seite des Gottessohnes und öffnete das Herz desselben, aus welchem Blut und Wasser floss. Jetzt schlugen Hunderte von Zuschauern an ihre Brust und kehrten reumütig und zerknirscht vom Kalvarienberg nach Jerusalem zurück. Nach der Meinung des Kirchenvaters und größten Schriftauslegers Hieronymus hatten diese Zuschauer sich bekehrt.

Und was hatte den Glücklichen die Bekehrung verschafft? Der Soldat mit seiner Lanze zeigt dir, lieber Leser, wer ihnen diese Gnade gewährte; die Lanze weist nämlich auf das heiligste Herz Jesu hin, als wenn sie sagen wollte: Seht hier, ihr Menschen, das Herz des Gottessohnes! Seht hier das Herz, welches Gott an die Bekehrung der Menschen gesetzt hat! Seht hier das Herz, welches der Gottessohn zur Vollendung seines Erlösungswerkes hingegeben hat! Dies ist das Herz Jesu Christi, welches mit übergroßer Liebe zu den Menschen erfüllt ist, einer Liebe, die so heftig ist, daß sie den Sohn Gottes gezwungen hat, den schrecklichen qualvollsten Tod zu erdulden, um die Menschen aus der Knechtschaft des Satans zu erlösen und ihnen die Gnade der Bekehrung zu erwirken. Diese Wahrheit, die uns von der Lanze des Soldaten gepredigt wird, findet durch eine höchst merkwürdige Tatsache, die sich ebenfalls bei der Kreuzigung Christi ereignete, ihre Bestätigung.

Mit dem Sohn Gottes wurden zugleich zwei Verbrecher gekreuzigt, der eine zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken. Der eine dieser Räuber blieb verblendet und verstockt, der andere dagegen bekehrte sich, bat den göttlichen Heiland um Verzeihung seiner Sünden und erhielt aus dem Mund Jesu die tröstliche Versicherung: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Dieser glückliche Schächer, von der frommen Überlieferung Dismas genannt, hat demnach in seinen letzten Augenblicken noch die Gnade der Bekehrung erlangt. Und wem hat er dieselbe zu verdanken? Nach der allgemeinen Annahme befand sich dieser Schächer mit seinem Kreuz zur Rechten Jesu, also an jener Seite, die von der Lanze des Soldaten geöffnet wurde, und durch welche Wasser und Blut, die Sinnbilder aller Gnaden, sich ergossen. Dieses Wasser und Blut kamen aus dem heiligsten Herzen Jesu, und aus diesem Herzen ging auch die Gnade der Bekehrung hervor, welcher der gute Schächer sein Herz geöffnet hatte.

Verlangst du aber, lieber Leser, noch einen weiteren Beweis für die Wahrheit, daß man die Gnade der Bekehrung am sichersten aus dem göttlichen herzen Jesu erhält, dann kann ich dir als solchen die ausdrückliche Versicherung anführen, die der göttliche Heiland selbst der Braut seines süßen Herzens, der seligen Jungfrau Margaretha Maria, gegeben hat. Der göttliche Heiland hat nämlich dieselbe aufgefordert, es allenthalben in der Welt zu verkündigen und verkündigen zu lassen, daß er seinen Gnadengaben kein Maß und kein Ziel setzen werde für alle, welche dieselben in seinem Herzen suchen werden. Insbesondere hat er versprochen: „Die Sünder werden in meinem Herzen die Quelle und das unermessliche Meer meiner Erbarmungen finden; die lauen Seelen werden zu ihrem früheren Eifer zurückkehren; die eifrigen Seelen werden zu großer Vollkommenheit gelangen.“

Das sind drei Gattungen von Menschen, die der göttliche Heiland mit diesen Worten erwähnt, nämlich: Sünder, laue und eifrige Christen. Zu einer von diesen drei Gattungen gehörst auch du, lieber Leser, denn du bist ohne Zweifel entweder ein Sünder, der schon lange Zeit in einer sündhaften Gewohnheit oder in der nächsten Gelegenheit der Sünde dahinlebt, oder du bist ein lauer Christ, der zu erwarten hat, daß ihn Gott, weil er weder kalt noch warm ist, aus seinem Mund ausspeien wird, oder du bist zwar eifrig, stehst aber noch schwach und armselig auf der niedersten Stufe der christlichen Vollkommenheit und fühlst selbst am besten, wie dein Eifer noch viel größer werden muss, wenn du das Himmelreich an dich reißen und zu den wenigen Auserwählten gehören willst. Du magst nun zu dieser oder jener Klasse gehören, immerhin hast du die Gnade der Bekehrung dringend nötig, und ich rate dir daher, sogleich jetzt mit mir zum göttlichen Heiland seufzend zu rufen: Die Gnade deines Herzens bekehre mich! –
aus: Friedrich Frank, Liebesseufzer zum göttlichen Herzen Jesu, 1886, S. 62 – S. 64

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