Gründe für den Ausbruch von Revolutionen

Wahre Gründe für den Ausbruch von Revolutionen

Donoso Cortés: Rede im spanischen Parlament v. 4. Januar 1849 – Über die politischen Grundsätze der Gegenwart und die Diktatur – Auszug

Ausbruch der Februarrevolution 1848

Meine Herren, die Februarrevolution (1848) kam plötzlich und unvermutet wie der Tod. (Großer Beifall.) Was war geschehen? Gott hatte über die französische Monarchie das Verdammungs-Urteil gesprochen. Diese hatte sich vergebens bemüht, den Umständen wie den Zeiten Rechnung zu tragen. Es war umsonst. Es half ihr nichts. Ihre Verurteilung war in letzter Instanz ausgesprochen. Ihr Untergang war endgültig besiegelt. Die Monarchie göttlichen Rechts endigte mit Ludwig XVI. (1774/92) auf dem Schafott, die Monarchie des Ruhmes endigte mit Napoleon auf einer Insel. Die erbliche Monarchie endigte mit Karl X. (1824/30) in der Verbannung, und soeben (1848) ist nun mit Louis Philippe (1830/48) auch die letzte Monarchie zugrunde gegangen, die überhaupt noch möglich war: die Monarchie der Klugheit. (Bravo! Bravo!) Ein trauriges Schauspiel – dieses Schauspiel einer uralten, einer ehrwürdigen, einer so ruhmvollen Institution, der nichts mehr zu helfen vermochte, – weder das göttliche Recht noch die Legitimität, weder die Klugheit, noch der Ruhm. (Lebhafter, sich wiederholender Beifall.)

Meine Herren, als die große Neuigkeit dieser Revolution zu uns nach Spanien drang, da waren wir alle bestürzt und wie vom Donner gerührt. Nichts glich unserem Schrecken, nichts unserer Bestürzung, es sei denn die Bestürzung und der Schrecken der besiegten Monarchie. Meine Herren, ich habe mich schlecht ausgedrückt: der größte Schrecken und die größte Bestürzung herrschte damals nicht bei der besiegten Monarchie, sondern bei der Republik, die den Sieg errungen hatte. (Richtig! Richtig!) Fragt sie doch einmal selbst, diese Republik! Seit ihrem Triumph sind ja schon zehn Monate dahin gegangen. Stellt ihr doch einmal die Frage, wie sie gesiegt hat, warum sie gesiegt hat und mit welchen Mitteln sie gesiegt hat, und sie wird heuten noch nicht wissen, was sie antworten soll. Und warum? Einfach deshalb, weil sie überhaupt nicht gesiegt hat. Denn, um die Wahrheit zu sagen, auch diese Republik war damals nichts anderes als das Werkzeug einer höheren Macht und ihres Sieges. (Große Bewegung.)

Alle Katastrophen sind das Werk der Vorsehung

Meine Herren, als diese höhere Macht mit ihrem Werk begann, war sie imstande, mit einem Atom „Republik“ den Sturz der Monarchie herbei zu führen. Aber an dem Tage, wo es notwendig wird, an dem Tage, der den höheren Absichten der Vorsehung entspricht, wird sie auch imstande sein, mit einem Atom „Kaiserreich“ oder einem Atom „Monarchie“ den Sturz der Republik herbei zu führen. Meine Herren, diese Revolution hat ja dann einige weitläufige, einige sehr umständliche Untersuchungen hervor gerufen. Man hat ihre Ursachen erörtert, man hat ihre Wirkungen geprüft. Sie ist auf allen Tribünen Europas behandelt worden, unter anderem auch auf der Tribüne des spanischen Parlaments. Aber ich darf Ihnen, meine Herren, mein Staunen nicht verschweigen, ich kann hier meine Verwunderung nicht unterdrücken – über die klägliche Oberflächlichkeit, mit der man da wie dort die Gründe dieser Revolution erörtert hat. In Spanien wie anderswo hat man sich damit begnügt, die Revolutionen einzig und allein den Fehlern und den Mängeln der Regierungen zuzuschreiben. Aber wie? Hat man denn wirklich schon vergessen, daß die Katastrophen, die überall und plötzlich und gleichzeitig auftreten, immer das Werk der Vorsehung sind? Oder sind das nicht die Merkmale, die echten, die charakteristischen Merkmale, die das Werk Gottes von den taten der Menschen unterscheiden? (Rauschender Beifall auf den Bänken der Mehrheit.)

Wenn die Symptome zutage treten

Seien sie sicher: wenn einmal diese Symptome zutage treten, dann kommen die Revolutionen aus der höheren Region des Himmels. Dann kommen sie deshalb, weil alle gesündigt haben, dann kommen sie, damit alle bestraft werden. Wollen Sie, meine Herren, die Wahrheit wissen, wollen Sie die volle, die ganze Wahrheit hören über die Ursachen dieser letzten französischen Revolution? Ich werde sie Ihnen nicht vorenthalten. Im Februar 1848, an einem bestimmten Tage, hatte die göttliche Vorsehung alle Klassen der menschlichen Gesellschaft zur Verantwortung gezogen und von allen eine unerbittliche Rechenschaft verlangt, und siehe, an diesem furchtbaren Tage waren alle Klassen genötigt, ihren Bankrott anzumelden. An diesem Tage waren sie vor den Richterstuhl gerufen und aufgefordert worden, ihre schulden zu bezahlen, und ich wiederhole: bei diesem Zwang zur Liquidierung waren sie samt und sonders Bankrotteure geworden. Meine Herren, ich gehe noch weiter und sage: selbst die Republik war gezwungen, sich am Tage ihres Sieges für bankrott zu erklären. Sie hatte doch den Anspruch erhoben, der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit eine Gasse zu brechen. Sie hatte sich ja die großartige Sendung zugeschrieben, unsere Erde mit diesen drei berühmten Dogmen zu beglücken, die übrigens gar nicht dieser Republik zu verdanken sind, sondern von der Höhe des Kalvarienberges stammen. (Richtig! Richtig!)

Losung der Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Aber nun, meine Herren, wie hat denn die neue Republik ihre neue große Botschaft in die Tat umgesetzt? Im Namen der Freiheit hat sie die Diktatur verkündet und diese zu einer anerkannten Einrichtung des französischen Staates gemacht. Im Namen der Gleichheit hat sie verschiedene Arten von Republikanern geschaffen – Republikaner aus den frühen, fernen Tagen der ersten Parteibildung. Ja, sie hat für diese Demokraten sogar eine neue Art von Aristokratie entdeckt und dazu noch einige lächerliche Wappenschilder erfunden. Im Namen der Brüderlichkeit aber, meine Herren, hat diese Republik endlich die antike Brüderlichkeit des Eteokles und des Polynikes, und dann – nun, dann sind diese republikanischen Brüder in den Straßen von Paris dazu übergegangen, sich zu bekämpfen, zu ermorden und zu erwürgen. Ja, gewiß! In wilder Leidenschaft haben sie dort gegen einander gewütet und sich eben dort die blutigste Straßenschlacht geliefert, die seit Jahrhunderten zu sehen war. Wahrlich, ich muss diese Republik, die sich die Republik der drei Wahrheiten nannte, der Unwahrhaftigkeit anklagen! Denn sie ist die Republik der drei Gotteslästerungen, sie ist die Republik der drei Lügen. (Bravo! Bravo!)

Die Ursachen der Revolutionen

Wenn ich jetzt zu den Ursachen dieser Revolution übergehen, so bin ich gezwungen, hier zunächst die Ansichten der Fortschrittspartei zu erwähnen. Wir kennen ja ihre Gewohnheit, für alle möglichen Dinge und alle möglichen Fragen immer dieselben Gründe ausfindig zu machen. Gestern noch hat uns Herr Cortina erklärt, daß es deshalb Revolutionen gebe, weil es Ungleichheiten gebe. Er hat uns erklärt, daß ein gleichmäßiger, ein spontaner Instinkt die Menschen und Völker zur Empörung gegen die Tyrannen führe. Aber vorher hatte uns Herr Ordax Avecilla die Worte zugerufen: „Wenn Sie Revolutionen vermeiden wollen, dann geben Sie den Hungrigen Brot!“ Das ist also die Theorie der Fortschrittspartei in ihrer ganzen Größe! Die Ursachen der Revolution sind also in Armut und Elend und zur anderen Hälfte in der Tyrannei zu suchen. Meine Herren, eben diese Theorie steht im schärfsten Widerspruch zu den Tatsachen der Geschichte. Ich verlange, daß man mir ein Beispiel nenne – das Beispiel einer einzigen Revolution, die tatsächlich von versklavten und ausgehungerten Völkern angestiftet und durchgeführt worden wäre. Ich erkläre: die Revolutionen sind vielmehr eine Krankheit der freien Völker. Die Revolutionen sind eine Krankheit der reichen Völker. In der antiken Welt bildeten die zahllosen Sklaven fast die Gesamtheit des menschlichen Geschlechtes. Sagen sie mir doch: Welches ist denn die Revolution, die von diesen Sklaven gemacht worden ist? (Zuruf aus den Reihen der Linken: „Die Revolution des Spartakus!“)

Diese Leute haben doch lediglich einige Sklavenkriege entfesselt, und das war auch alles, was sie schließlich zustande gebracht haben. Aber die wahren, die in die Tiefe dringenden Revolutionen sind anderen Ursprungs. Diese waren immer das Werk wohlhabender Aristokraten. Nein, nicht in der Sklaverei, nicht in Armut und Elend ist der Keim der Revolutionen zu suchen.

Die Formel der Revolution lautet: Ihr werdet sein wie die Götter

Der Keim der Revolutionen liegt vielmehr in den überhitzten Leidenschaften des Menge; er liegt in den überreizten Begierden des Volkes, eines Volkes, das die Demagogen aufgestachelt und für die eigene Tasche ausgebeutet haben. (Richtig! Richtig!)

‚Ihr werdet sein wie die Reichen!‘ so lautet die Parole der Sozialisten, wenn diese ihren Aufstand gegen die mittleren Klassen beginnen. ‚Von nun sollt Ihr dasselbe sein, was bisher der Adel war!“‘ so lautet die Parole der mittleren Klassen, wenn diese ihren Aufstand gegen den Adel beginnen. ‚Ihr werdet sein wie die Könige!‘ so lautete die Parole des Adels, wenn seine Revolutionen gegen die Könige eröffnet. Aber am Ende hören wir die Parole: ‚Ihr werdet sein wie die Götter‘, und das war ja die Parole des ersten Menschen, als er sich gegen Gott empörte. Von Adam, dem ersten Rebellen, bis zu Proudhon, dem letzten Rebellen, ist das die entscheidende Formel, die allen Revolutionen zugrunde liegt.“ (Sehr richtig! Sehr richtig!) –
aus: Albert Maier (Hrsg), Donoso Cortés, Briefe, Parlamentarische Reden und diplomatische Berichte, 1940, S. 187 – S. 191

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