Die Verlassenheit Jesu am Kreuz

Das Leben und Leiden und der Tod am Kreuz, das kostbarste Blut Jesu am Kreuz vergossen; Jesus hängt, halb nackt und mit einer Dornenkrone "geschmückt", mit ausgebreiteten Armen am Kreuz, geschunden durch die Marter der Geißelung und der Wunden, und verspottet

Das Leben und Leiden und der Tod Jesu

Die Verlassenheit unseres Heilandes Jesu am Kreuz

Matth. 27,46. Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lamma sabacthani?“ Das ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – 47. Etliche aber, die da standen und dies hörten, sprachen: „Dieser ruft Elias.“ – 48. Und alsbald lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn an ein Rohr und gab ihm zu trinken. – 49. Die übrigen aber sprachen: „Halt, wir wollen sehen, ob Elias komme, ihn zu erretten.“

Mark. 15,34. Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme und sprach: „Eloi, Eloi, lamma sabacthani?“ Das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – 35. Und als einige der Umstehenden es hörten, sagten sie: „Siehe, er ruft den Elias!“

Mitten in der Stille und Dunkelheit, die den Kalvarienberg umgab, gegen Ende der drei qualvollen Stunden, als die Finsternis und der Schrecken am größten waren, ließ der Herr plötzlich den lauten Ruf erschallen: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matth. 27,46; Mark. 15,34)

Was dieser Ruf des Heilandes bedeutet

Diese Worte drücken die ganze Tiefe und den Umfang der Leiden des Herrn am Kreuz aus unter dem Begriff der gänzlichen Verlassenheit von Gott, das Zurückziehen jedes Schutzes und jedes tröstenden Genusses von Seiten der Gottheit für die leidende Menschheit Jesu. Die zweite Person zog sich tatsächlich von der Menschheit nie zurück und infolgedessen auch nicht die Gottheit und die Verbindung mit den zwei anderen göttlichen Personen. Aber die Menschheit hatte von dieser Verbindung, die unmittelbare Anschauung ausgenommen, nichts mehr an erquickenden Wirkungen der Erleuchtung, des Schutzes, des Trostes und der Freude. Sie war in einen Abgrund unsäglicher und allseitiger Leiden begraben. Es war der äußerste Grad der Verlassenheit, sowohl der äußeren als der inneren.

Die Verbindung mit der Erde ist zerrissen

Da hängt der Heiland in der Luft, hinausgestoßen von der Erde und vom Himmel nicht aufgenommen. Die letzte Verbindung mit der Erde ist zerrissen. Seine Kleider sind verteilt; seine leibeigene Mutter ist vergabt (=vermacht); alles hat ihn verlassen, die Jünger sind ferne, die Anhänger sind abgefallen oder zerstreut; das ganze Volk hat ihn verworfen. Ihn umgibt nur, so weit er blickt, ein Volk von Feinden, Hassern, Peinigern, die ihm sein Elend gönnen, die ihn lästern und schmähen. Vom Kreuz herab begegnet sein Auge bloß schadenfrohen, wütenden Blicken, drohenden Fäusten und wütenden Gebärden. Alles, was er hört, ist bittere Kränkung, vom Geist des Hasses und der Rache eingegeben und beseelt. (Matth. 27,47-49); Mark. 15,35). Der kleine Kreis der treuen Seelen wird fern gehalten; sie können nichts tun als seinen Schmerz vermehren durch ihre Trauer und ihre Ratlosigkeit und Trostlosigkeit. Wie ging ihr Schmerz ihm zu Herzen! So hat er von der Erde nichts als Pein.
Auch von seinem Leib ist aller göttliche Schutz gewichen. Er hängt ausgestreckt auf hartem, rauhem Holz, auf dem grausigen Bett des Kreuzes. Schultern und Rücken sind geschunden. Vom Haupt bis zu Fußsohle ist er eine Wunde. Er hängt in lebendigen Wunden; ein schwarzer Metallnagel steckt in jedem Fuß, in jeder Hand und brennt wie Feuer; in seinen Schläfen und in seinem Schädel wühlen wie Flammenspitzen unzählige Dornen. Die unnatürliche Lage, die grausame Zerdehnung und Zerspannung der Arme und Beine bewirkt nach und nach Erstarren der Glieder und hemmt jede regelmäßige Lebenstätigkeit; die Lunge, mit Blut überfüllt, dehnt sich mühsam und angstvoll in der gepreßten Brust; schwer und sterbend geht das Herz, und seine furchtbare Beklemmung bewirkt eine Angst zum Sterben. Das Blut kann aus dem Haupt nicht zurück durch die zerdehnten Adern und erweckt in den Schläfen und in dem Nacken einen dumpfen, lähmenden und stechenden Schmerz, das Gehirn brennt von der unerträglichen Entzündung, und die unzähligen Wunden, der Luft ausgesetzt, gehen nach und nach in einen entsetzlichen Brandschmerz über. So war er wirklich nur ein Leiden und ein Schmerz, und Zuflucht und Linderung gibt es keine auf Erden. Es bleibt ihm nichts als der Himmel, der Vater!

Das Schrecklichste von allem: die Verlassenheit von Gott

Und auch der Himmel, der Vater, er, der die Zuflucht und der Trost aller Verlassenen, der alle Barmherzigkeit, alle Treue, alle Väterlichkeit im Himmel und auf Erden ist, hat ihn verlassen! Das ist das Schrecklichste von allem. Wenn die Menschen uns verlassen, bleibt uns noch Gott, und es ist leicht, allen irdischen Trost entbehren, wenn man den göttlichen hat. Aber wenn auch der flieht, welcher das höchste Gut, das innerste Leben der Seele ist, dann braucht es nichts mehr, um ganz unglücklich zu sein.; dann ist der letzte Stern ausgelöscht, dann ist es schaurige Nacht, und das Leben ist nichts als eine Art Hölle. Nun gab es aber keine Seele, die Gott mehr liebte, die in innigerem Verkehr mit ihm stand als die Seele des Herrn infolge der Vereinigung seiner menschlichen Natur mit der zweiten Person und infolge der unmittelbaren Anschauung Gottes und der daraus quellenden Liebe, Freude und Seligkeit. Diese Mitteilung des Friedens, des Genusses und des Trostes war nun ganz versiegt, und so hat es nie einen größeren Seelenschmerz gegeben als diese Verlassenheit des Herrn am Kreuz, und in seinem Leiden selbst war dieses vielleicht die entsetzlichste und qualvollste aller Peinen. Es ist dieses Leiden ein unerforschliches Geheimnis, wie die Traurigkeit im Ölgarten, hier aber viel größer und qualvoller, weil auch die äußeren Umstände sein Herz mit neuer Trauer und mit neuem Schmerz drückten. Schon daraus, daß er ruft und durch diesen Ruf die Verlassenheit ausspricht, erhellt, wie groß dieses Leiden war. Er ruft auch nicht nach seinem Vater, sondern nach Gott. Es ist der Schrei der Seele nach dem ewigen, höchsten Gut! Rührend und erschütternd sprechen die Propheten von diesem Leiden und seinen Umständen.

Erschütternd sprechen die Propheten über Jesu Verlassenheit

„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie zu dir, und du erhörest nicht … Zu dir haben die Väter gerufen, und du hast sie erlöst … Ich bin kein Mensch, sondern ein Wurm, der Spott der Menschen und des Volkes Verachtung. Alle, die mich sehen, höhnen mich und schütteln das Haupt … Er hat vertraut auf den Herrn, er rette ihn … Du bist es, der mich gezogen aus dem Schoß, du meine Hoffnung von den Brüsten meiner Mutter an … Vom Leibe meiner Mutter an mein Gott bist du … Weiche nicht von mir, denn die Trübsal ist so nahe, und keiner ist, der helfe … Umrungen haben viele Rinder mich, fette Stiere mich umlagert, sie rissen auf wider mich ihren Mund wie ein Löwe, der raubt und brüllt. Wie Wasser bin ich ausgegossen, und zerdehnt ist all mein Gebein … Vertrocknet ist all meine Kraft, wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und in den Staub des Todes legst du mich. Viele Hunde umringen mich und der Bösewichter Schar. Sie haben meine Hände durchbohrt und meine Füße; sie haben gezählt all meine Gebeine. Sie blicken und schauen auf mich; sie teilen meine Kleider unter sich, und um mein Gewand werfen sie das Los. Du aber, o Herr, halte nicht fern deine Hilfe, und auf meine Beschützung schaue!“ (Ps. 21)

Auch in folgenden Bildern findet die Kirche die Verlassenheit Jesu am Kreuz geschildert:

„In die Finsternis hat er mich geführt und nicht in das Licht. Wider mich wendet er seine Hand den ganzen Tag. Altern macht er meine Haut und mein Fleisch, und mein Gebein zermalmt er. Rings baute er um mich und umgab mich mit Galle und Leid. In Finsternisse hat er mich geführt gleich den Toten … Und klage und rufe ich, so weist er ab mein Gebet … Ich ward zum Spott für mein ganzes Volk, ihr Spottlied den ganzen Tag … Er sättigte mich mit Bitterkeit, hat mit Wermut mich getränkt …Fremd geworden ist dem Frieden meine Seele, und vergessen habe ich des Glückes … Verloren ist mein Ziel und meine Hoffnung vor dem Herrn. Gedenke meiner Armut und Verlassenheit, des Wermutes und der Galle. Gedenken muss ich es, muss gedenken immer dar, und hinschmachtet meine Seele“ (Klagel. 3)

Schreckliches Kalvaria! Nie hat es einen gottverlasseneren Ort gegeben und eine trostlosere Stunde. Der arme Heiland war so gehaßt, daß alles ihm Leid antut; so verachtet, daß niemand ihm Gutes erweisen will; und so verlassen, daß Gott selber von ihm weicht, und dies im selben Augenblick, wo er Gott den größten Beweis seiner Liebe gibt und für seine Ehre stirbt.

Warum der Heiland diesen Ruf tat

Der Heiland tut diesen Ruf nicht aus Widerwilligkeit und Überdruss an der Größe des Leidens, sondern erstens, um zu offenbaren, daß er auch dieses Leiden der inneren Trostlosigkeit auf sich nahm und daß er litt ohne den inneren Trost. – Ferner wollte er zeigen, daß jetzt all die Prophezeiungen über die Art seines Todes in Erfüllung gehen: deshalb wählte er zum Ruf gerade die Anfangsworte des Psalms, in dem die Hauptprophezeiung nieder gelegt ist. – Endlich beabsichtigte der Heiland uns mit diesem Ruf zu trösten, wenn auch wir ohne menschlichen und göttlichen Trost leiden. Er gründete in seiner gänzlichen Verlassenheit einen kostbaren Schatz, der allen Verlassenen bis an das Ende der Zeiten zugute kommen sollte. Er hat uns da die Kraft verdient und bereitet, wenn wir einsam und ohne Licht in der Wüste stehen, nicht zu verzagen und selbst in der letzten Stunde nicht zu verzweifeln. Wir sind da nicht einsam, der Heiland ist schon da gewesen und hat uns zum Trost dort sein Kreuz aufgerichtet. Dieser Ruf ist wie die Stimme eines freundlichen Führers und mächtigen Helfers, der in der weglosen Wüste seine Gegenwart kund tut und seinen Beistand anbietet.

Wie sein Schmerzensruf aufgenommen wurde

Bei den Feinden des Heilandes erweckte dieser rührende Ruf nur neuen Spott und hohn. „Hört, er ruft Elias. Gebt acht, ob Elias kommt, ihn zu befreien“ (Matth. 27,47; Mark. 15,35). Es ist nicht gewiß, ob Juden oder Römer dieses gerufen. Wahrscheinlich Juden, vielleicht zuerst Juden, dann Römer. Man verstand wohl die Worte nicht genau und meinte, er rufe Elias, welcher als Vorläufer des Messias und als Helfer in schwerer Not und Verfolgung und als Verteidiger des Volkes Gottes galt. Jedenfalls lag in den Worten ein neuer Spott.
Wie vernahmen aber Maria und Johannes diesen Ruf der gekreuzigten Seele Jesu? Die tiefen und geheimnisvollen Abgründe dieser Verlassenheit und Todesangst Jesu lagen offen vor ihnen; ja sie waren selbst in dieselben versenkt und wandelten sie mit dem Heiland in allem Schmerz, in aller Gleichförmigkeit und Liebe gegen den himmlischen Vater und in aller edlen Liebe zu uns armen Sündern, wenn auch uns einmal diese Wüste und dieser Abgrund aufnimmt und umgibt. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes in Betrachtungen Zweiter Band, 1912, S. 405 – S. 409

 Las Siete Palabras de Cristo en la Cruz – César Franck

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Bildquellen

  • Das kostbarste Blut Jesu am Kreuz: Bildrechte beim Autor

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