Das unblutige Martyrium Mariens

Das Martyrium der schmerzhaften Mutter Jesu: Maria sitzt auf einem steinernen Stuhl mit lateinischer Inschrift, ein Schwert ins Herz gestoßen, die Hände über der Brust gekreuzt; auf ihrem Schoß liegt einen Dornenkrone, rechts steht der Lieblingsjünger Johannes mit geneigtem Kopf; rechts gebeugt und weinend eine Frau, die ein Kreuz hält; über ihr steht ein Engel, der mit beiden Händen auf das Kreuz zeigt

„Vergiß nicht die Schmerzen deiner Mutter.“

Das unblutige Martyrium der Gottesmutter Maria

Es gibt nicht nur ein blutiges, sondern auch ein unblutiges Martyrium, nicht nur ein äußeres dem Leibe nach, sondern auch ein inneres der Seele nach; das geht klar und bestimmt aus den Aussprüchen der heiligen Lehrer der Kirche hervor.

Der heilige Papst Gregorius sagt: „Der Tod, den man von Seite eines Verfolgers erleidet, ist das Martyrium in offener Tat; Unbilden ertragen, und den, von welchem man gehaßt wird, lieben, ist das Martyrium im verborgenen Gedanken. Wir können also ohne Schwert Märtyrer sein.“ (Homil. 35. super Evang.) Der heilige Bonaventura schreibt: „Wir können ohne Schwert und Flammen Märtyrer sein, wenn wir im Herzen wahrhaft die Geduld bewahren.“ (Serm. 44, ad fratres in eremo.) Der heilige Cyprian behauptet: „Märtyrer sind, under Krone der Märtyrer werden nicht entbehren – die Jungfrauen, welche wahrhaft Jungfrauen sind.“ (De dupplic. Martyrio c. 6.) Der heilige Augustinus beteuert: „Das Martyrium wird nicht nur durch die Vergießung des Blutes, sondern auch durch die Enthaltung von der Sünde und durch die Beobachtung der göttlichen Gebote vollbracht.“ (Serm. 44. ad fratres in eremo.)

Wahre Feindesliebe also, vollkommene Geduld im Leiden, keusche und reine Jungfrauschaft, ein sündenfreies Leben, die genaue Befolgung aller Gebote stellen ein wahres Martyrium her, weil dieses Alles einen wahren Heldenkampf sowohl gegen die eigene verdorbene Natur, als auch gegen alle anderen Feinde unseres Seelenheiles fordert, mit vielen und verschiedenen Leiden verbunden ist, und oft bis in den Tod fortdauert.

Wenden wir nun diese Lehre auf Maria an, so finden wir zwar nicht, daß sie unter der Hand eines Tyrannen für Gott ihr Blut vergossen habe; aber wer war von allen Sünden freier, und reiner als die Makellose? Wer hat alle Gebote vollkommener beobachtet, mehrere und größere Tugenden geübt, als die Königin aller Engel und Heiligen? Wer kann sich in der Keuschheit und Jungfräulichkeit mit der dreimal wunderbaren Jungfrau vergleichen? Wer war geduldiger, als die Mutter des Herrn, welche, während das Schwert der Schmerzen ihr Herz durchbohrte, und während sie das lebenslängliche, unbegreifliche Leiden ihres göttlichen Sohnes mit ihm litt, keinen Laut der Klage geäußert hat? Wer hat größere Unbilden erduldet, als die Mutter dessen, der „mit Schmach gesättigt worden ist?“ Wer hat seine Feinde mehr geliebt, als Maria, die ihr göttliches Kind selbst für die Mörder desselben hingeopfert hat? Nach den Worten der heiligen Lehrer hat also Maria, wenn auch nicht ein blutiges, so doch ein unblutiges Martyrium erduldet.

Wer war nun unschuldiger, geliebte Christen! als Maria, und wer hätte darum von allen Leiden bewahrt zu bleiben verdient, wenn nicht Maria? Wer war heiliger, tugendhafter, vor Gott reicher an Verdiensten, und wer hätte es darum weniger notwendig gehabt, durch Leiden gereinigt, geläutert und vervollkommnet zu werden, als Maria? Welches Menschenkind war von Gott so geliebt, und hätte deshalb, von Gott gegen jedes Leiden geschützt zu werden, Anspruch gehabt, wie Maria? Wenn also Maria dennoch leiden, und ein solches Martyrium ausstehen sollte; wie dürften wir arme Sünder uns gegen die Leiden sträuben, und über dieselben uns beklagen? Wenn der himmlische Vater seine geliebteste Tochter, wenn der heilige Geist seine geliebteste Braut, wenn der Sohn Gottes seine geliebteste Mutter einem solchen Leiden übergab; so muss das Leiden etwas Gutes, etwas Großes, etwas Kostbares, etwas Erhabenes sein, und müssen auch wir es für etwas Solches halten, es lieben und wünschen.

„Vergiß nicht die Schmerzen deiner Mutter.“

Die Grundbedingung des vor Gott verdienstlichen, des einzig wahren Martyriums ist diese, daß derjenige, der es erduldet, um des Glaubens, um der Wahrheit, um der Gerechtigkeit willen, um Gottes willen es erdulde, nicht aber, weil er im Irrtum anhängt, oder nur für seine Verbrechen büßen muss. Daher schreibt der heilige Apostelfürst Petrus: „Selig seid ihr, wenn ihr um des Namens Christi willen geschmäht werdet; denn die Ehre, die Herrlichkeit, die Kraft Gottes und sein Geist ruht auf euch. Niemand unter euch aber leide als ein Mörder oder Dieb oder Lästerer oder Lüstling nach fremdem Gut. Leidet er dagegen als Christ, so schäme er sich nicht; vielmehr preise er Gott in diesem Namen. – Darum müssen auch diejenigen, welche nach dem Willen Gottes leiden, ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit guten Werken empfehlen.“ (1. Petr. 4, 14ff) Deshalb lehrt auch der heilige Augustinus: „Wahre Märtyrer sind jene, von welchen der Herr sagt: Selig sind, welche um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden (Matth. 5, 10); nicht also diejenigen, welche wegen der Ungerechtigkeit oder wegen der gottlosen Trennung der christlichen Einheit, sondern welche wegen der Gerechtigkeit Verfolgung leiden, sind wahre Märtyrer. (Epist. 50 ad Boniface.) – In Wort und Schrift haben wir nachgewiesen, daß Ketzer nicht den Tod der Märtyrer haben können, weil sie das Leben der Christen nicht haben; da den Märtyrer nicht die Pein, sondern die Ursache macht.“ (Epist. 61 ad Dulcitium.) –
aus: Georg Patiss SJ, Über die Leiden Mariä der Königin der Märtyrer, 1884, S. 8 – S. 11

Bildquellen

  • Bitschnau Schmerzhafte Mutter Jesu Maria: Bildrechte beim Autor
Category: Marienpredigten, Patiss
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