Gebet des Herrn und das Gebet des Täufers

Ein wunderschönes eingerahmtes Bild der Muttergottes Maria sowie ein Rosenkranz mit einem goldenen Kruzifix

Hoheit des Rosenkranzgebetes in Rücksicht auf dessen Urheber

Auszug aus einer Marienpredigt von Antonio Vieira SJ

Das Gebet des Herrn und das Gebet des Täufers

Als Christus einmal vom Gebete kam (so erzählt der Evangelist), da baten ihn die Jünger, er möge sie beten lehren: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger gelehrt hat (Luk. 11,1). Der Herr willfuhr diesem frommen Wunsche, obschon er, wie es schien, mehr aus der Eifersucht der beiderseitigen Jünger als aus dem Geiste wahrer Andacht hervorgegangen, und das Gebet, welches er ihnen lehrte, es war das Vaterunser, und er fügte bei, sie sollten es nicht bloß einmal, sondern vielmals beten.

Was aber bei der Erzählung dieses Vorfalles das Bedenken des Kirchenlehrers Tertullian erregt und mit Recht, besteht darin, daß der heilige Lukas und der heilige Matthäus das Gebet, welches Christus lehrt, ausführlich niederschrieben, und keiner von Beiden, noch ein anderer Evangelist erwähnen, welches oder von welcher Art das Gebet gewesen, das der Täufer lehrte. Wenn es aber das Gebet des Täufers gewesen, das den Jüngern Veranlassung gab, dasselbe ihrem Meister anzuführen, und ihn um ein anderes ähnliches zu bitten, und wenn die Evangelisten das Gebet, welches Christus lehrte, einmal und noch einmal so genau und mit allen seine einzelnen Sätzen berichten: – warum übergehen sie denn das Gebet des Täufers gänzlich mit Stillschweigen? – Um den Unterschied zwischen der einen und der anderen Gebietsweise kennen zu lernen, tat es ja not, beide Gebete niederzuschreiben; – warum ward also nur das Gebet Christi aufgezeichnet, und das des Täufers nicht? Der Urheber und Schöpfer des Gebetes Christi war Gott, und wo ein solches Gebet besteht, da verdient es kein anderes, aufgezeichnet zu werden, sogar wenn es ein Heiliger, so groß wie der heilige Johannes der Täufer, verfassen würde.

Wißt ihr (sagt der Kirchenlehrer sinnvoll, wie immer) wißt ihr, warum das Gebet, welches der Täufer seinen Jüngern lehrte, mit Stillschweigen übergangen wird, während das Gebet, welches Christus seinen Jüngern lehrte, aufgeschrieben wird? Der Grund ist: das Gebet Christi war göttlichen, das Gebet des Täufers menschlichen Ursprungs; das Gebet Christi war ein Werk des Himmels, das Gebet des Täufers ein Werk der Erde, und es war recht, daß das Gebet der Erde da nachstand und keinen Platz erhielt, wo das Gebet des Himmels niedergeschrieben wurde (Tertul. lib. 6 de Orat. Cap. 1).

Das ist es, was der große Kirchenlehrer antwortet und es mit einem Ausspruch des Täufers beweist: Wer von der Erde ist, ist von der Erde und redet von der Erde; wer vom Himmel kommt, ist über Alle (Joh. 3, 31,32). Die Jünger des Täufers, sie fühlten es schmerzlich, daß der Ruf Christi zunahm und der ihres Meisters abnahm, und was gab ihnen der hochsinnige Täufer zur Antwort, als sie ihm diese ihre schmerzliche Empfindung offenbarten? Nein, er wäre nicht hochsinnig gewesen, hätte er nicht unumwunden erklärt, er sei von der Erde, und spreche, wie wer von der Erde ist; Christus aber sei vom Himmel gekommen, stehe über Allen, und spreche daher vom Himmel, wie wer von dort herab gestiegen. Es ist also recht (schließt Tertullianus), daß, während das Gebet Christi, der vom Himmel ist, aufgezeichnet wird, das Gebet des Täufers, welcher von der Erde ist, ins Grab der Vergessenheit gesenkt werde.

Sieh da, wie sehr die „Vaterunser“ und „Ave Maria“ im Rosenkranz alle anderen Gebete, von wem sie auch seien, unendlich übertreffen, sie in dem Maße überragen, als der Himmel über der Erde, das Himmlische über dem Irdischen steht. Damit indes Niemand glaube, als verhehlte ich mir die Einwendung, die gegen diese Behauptung gemacht werden kann: – so will ich selbst dagegen ein Einwurf machen. Johannes war von Gott gesandt worden (Joh. 1,6); so war ja also auch das Gebet des Täufers vom Himmel, – so war ja Alles himmlisch, was er darin aussprach? Ja, Alles, was nur das Gebet des Täufers sagte (mochte dieses Gebet sein, welches es wollte), Alles war göttlich und heilig.

Und gleichwohl sagt der Täufer nicht nur, er sei von der Erde, sondern auch das sei von der Erde, was er sage: Wer von der Erde ist, der ist von der Erde, und redet von der Erde. Doch wenn Alles, was der Täufer lehrte, vom Himmel war, warum beteuert und lehrt er, Alles sei von der Erde? Er redete von sich im Vergleich zu Christo, und Alles, was die Söhne Adams sagen, es ist, so heilige und erhaben es sein mag, im Vergleich u dem, was der Sohn Gottes sagt, – von der Erde.

Da denn in dieser Rücksicht das, was der Täufer beten lehrte, ein Gebet der Erde und erdhaft war, – so taten die Evangelisten, als sie das gebet aufzeichneten, das der Sohn Gottes lehrte, recht daran, wenn sie das Gebet des Täufers begruben, um nicht zum Vorschein zu kommen und gelesen zu werden. Oder laßt uns den Täufer von der Erde empor heben und an den Himmel versetzen: da war er, gleichwie er auf der Erde der Vorläufer Christi gewesen, das Licht, welches der Sonne voraus geht. Und gleichwie dieses Licht größer ist, als jeder Stern, so ist der Täufer größer als Alle, die vom Weibe geboren werden. Doch gleichwie diese Licht verschwindet und sich verbirgt, sobald das Licht der Sonne leuchtet; – so verbargen die Evangelisten das Gebet des Täufers, und wollten nicht, daß es erscheinen möchte; denn sie traten ans Licht – mit dem Gebete Christi. –

Und wenn dem Gebete Christi gegenüber das Gebet des größten von allen Heiligen keinen Raum findet, wie werden ihn die Gebete von Anderen finden, – so heilig und fromm sie auch seien, – in Vergleich zu dem Rosenkranz-Gebet, welches durch den Sohn Gottes und den Vater und den heiligen Geist ausgesprochen wird? Ich verurteile Jene nicht, noch kann ich sie verurteilen, Jene, die ihnen einen Platz anweisen; aber ich kann nicht umhin, es für christlicher zu halten, wenn wir dem Beispiel der Evangelisten folgen. –
aus: Antonio Vieira SJ, Sämmtliche Marienpredigten, Zweiter Teil, 1860, S. 285 – S. 288

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