Betrachtung über das gute Gebet

Aphorismen aus dem Tagebuch des P. Rinn SJ

VI. Das Gebet ist die Lampe, bei der die Seele wacht

„Wachet und betet.“ Matth. 26, 41. Wachet! Das ist besonders auf die Seele zu beziehen, und dann heißt wachen: behutsam sein im Gebrauch der Sinne, besonders der Augen, – Zunge und Hände. – Sorgfältig Alles verrichten, was für Gott gehört und die Gefahren vermeiden, und die Gelegenheit zur Sünde; – fleißig das Gewissen erforschen, um gleich die Anfänge des Bösen und den Nachlass im Guten zu merken. – „Da die Leute schliefen, säte der Feind das Unkraut.“ – Matth. 13, 25. Unterscheidung der Geister für die eigenen Gedanken, und für das, was man hört und liest. „Der Teufel geht herum wie ein brüllender Löwe, und sucht, wen er verschlinge.“ (1. Petr. 5, 8) Wohl gerüstet sein mit dem Schild des Glaubens, sich täglich zum Tod bereit halten, „weil ihr nicht wisset, zu welcher Stunde der Herr kommt“; und überhaupt in der Gegenwart Gottes wandeln.

„Bete.“ Schon der Wandel vor Gott, „wenn die Seele zu Gott erwacht“, ist Gebet; – aber hier ist noch besonders die treue Übung des mündlichen Gebetes und der bestimmten Betrachtung zu verstehen. – Wachen ist nicht möglich ohne Gebet, – sowie auch das Gebet nichts heißt, – das man ohne Wachsamkeit, – gleichsam im immer währenden Schlaftaumel verrichtet. – Eines hilft dem Andern.

Das Gebet ist die Lampe, bei der die Seele wacht.

Mittel zum guten Gebet: sich von Unlust nicht abhalten lassen, – wegen kleiner leiblicher Übel, Kopfweh etc. nicht gleich abkürzen; von einem bevorstehenden sinnlichen Genuss, wie etwa das Frühstück usw. sich nicht zur Übereilung antreiben lassen; der Schläfrigkeit nicht gleich nachgeben, die Haltung des Leibes nicht nach Bequemlichkeit, sondern nach schuldiger Ehrfurcht einrichten. Öfters, wenn der träge Knecht sich gar trotzig zeigt, – sind wohl auch empfindliche Zurechtweisungen desselben und positive Brechung seines Willens am Platz. Geduld muss man auch hier immer haben in diesem Elend, mit den humores, wie die hl. Theresia sagt. Aber immer lieber sich demütigen wegen schlechten Gebetes, als ganz davon ablassen.

Man muss sich darauf gefaßt machen, daß es noch lange meistenteils schwer gehen werde, – aber auch überzeugt sein, – daß ja gerade in dieser anhaltenden Überwindung vor allem anderen Gottesdienst, und unser Verdienst besteht, und daß von unserer Seite vorerst nichts Anderes gefordert werde.

Die Zerstreutheit der Seele liegt entweder in der natürlichen Flüchtigkeit, – Oberflächlichkeit, – Unwillkürlichkeit, Passivität der Seelenkräfte, und in der Vorherrschaft der Phantasie, – oder in der Ungezähmtheit der Sinne, im regellosen, ungebildeten Denkvermögen, oder in der Befangenheit des Herzens von irgend einer Leidenschaft oder von fremdartigem Anliegen, – auch in der Art und Menge der Gegenstände, die uns beim Gebet umgeben. Hierbei ist die Bezähmung der Sinne der Erste.

Was die übrigen Quellen der Zerstreuungen im Gebet betrifft, so können selbe nur durch langmütige Geduld, durch täglich erneuerten Vorsatz – durch Anrufung des hl. Geistes, – durch fortgesetzte Übung nach und nach gebessert werden.

Die abirrenden Gedanken, sobald man sie bemerkt, gleich wieder ohne viel Aufhebens zu dem eigentlichen Gegenstand des Gebetes zurück führen, mag es auch noch so oft geschehen; – man kann ja diese in der Tat mühsame Arbeit indessen, bis es mit Gotteshilfe besser wird, – Gott aufopfern.

Die Befreiung des Gemütes von aller Befangenheit, – vom irdischen Anliegen und leidenschaftlichen Bewegungen ist erst eine späte Frucht der treuen Übung im Gebet selbst. Eben deswegen muss man doch auch früh anfangen, darin wenigstens, was man kann, zu tun. Nämlich: aus dem Anliegen selbst und wem, was unser Herz bewegt, – einen Gegenstand, oder besser eine Veranlassung des Gebetes machen, so daß Alles, was unser Herz trifft, gleich zum Gebet treibt. – Aber das tue man gleich beim Anfang durch vertrauensvolle Hingabe an Gott – so kurz als möglich, ab.

Am Besten ist es, – und es gelingt oft einem redlichen guten Willen, aus der Befangenheit von widrigen Gedanken und Empfindungen, in die man sich unbedachtsamer Weise verwickelt hat, – eben durch das Aufwachen zu klarerem Bewusstsein vor Gott, – frisch sich los zu winden, gleichsam plötzlich davon, wie man sagt, heraus zu springen, und all das Teufelsgarn abzuwerfen; ohne viel Rechtens und hin und wieder Denkens – eine ganz neue Reihe Gedanken von Gott aus anzufangen. –
aus: Friedrich Rinn SJ, Die ewigen Wahrheiten der geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola, 1878, 1. Bd., S. 62 – S. 64

Category: Betrachtungen, Rinn

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