Der hl Joseph musste sein Kreuz tragen

Auch der heilige Joseph musste sein Kreuz tragen

Vergebt mir, meine Zuhörer, wenn meine Einbildungskraft heute geschwächt, meine Bilder und Ideen verwirrt und der Eingang meiner Rede ohne Zusammenhang und Ordnung ist. – Joseph, der reinste Gemahl der jungfräulichen Gottesmutter Maria, der treueste Nährvater Jesu Christi! – an diesen erinnert mich der heutige Tag. – Magdalena, die bekehrte Sünderin, die unter dem Kreuz stehende Büßerin! – von ihr soll im Laufe meiner Rede die Sprache sein! – Welch ungleiche Bilder! Wie werde ich sie in Ordnung bringen? Joseph, ein unzertrennlicher Gefährte seiner reinsten Braut, der liebende Nährvater Jesu. – Magdalena, eine unzertrennliche Gefährtin der trauernden Mutter Jesu unter dem Kreuze, eine liebende Blutbraut und Kreuzschwester Jesu und Maria. – Als Jesus im Stalle zu Bethlehem geboren wurde, lag er in der hölzernen Krippe zwischen Joseph und Maria; und da er auf dem Kalvarienberg starb, hing er am Holze des Kreuzes zwischen Maria und Magdalena. Wäre es nicht natürlicher gewesen, wenn er zwischen Joseph und Maria am Kreuze verschieden wäre? Zur Rechten der Mutter, zur Linken des Vaters? Dem Sterbenden hätte es zum Trost gereichen und in den Umherstehenden Mitleiden erwecken können! So aber vertritt Magdalena die Stelle Josephs unter dem Kreuz. Nichts ist ohne Ursache in der Lebens- und Leidens-Geschichte Jesu Christi; aber wer wird sie uns erklären?

Der hl. Joseph konnte nicht unter dem Kreuz stehen

Die Ausleger der heiligen Schrift sind der einstimmigen Meinung, daß Joseph schon gestorben war, als Jesus Christus, sein göttlicher Sohn, das Heil der Welt durch sein bitteres Leiden und Sterben gewirkt hat; und es war eine zärtliche Liebe des himmlischen Vaters, meint der heilige Bernhard, daß er den treuesten Nährvater seines geliebten Sohnes von der Erde hinweg nahm, damit er seinen geliebtesten Sohn nicht so erbarmungswürdig leiden, nicht auf so grausame Weise am Kreuz sterben sehe. Also deshalb musste Magdalena die Stelle Josephs unter dem Kreuze vertreten; die Ehre ist groß, die Würde glänzend! Aber was ist die Ursache hiervon? Jesus bat für die Sünder, er starb für den gefallenen Menschen; es war also billig, daß eine Sünderin unter dem Kreuze stand, und als eine büßende Sünderin die Stelle des ganzen menschlichen Geschlechts vertrat, weil das Leiden, das Blut und der Tod Jesu Christi nur dem Büßenden und, deutlicher zu reden, nur dem mit Jesu gekreuzigten Sünder zu Gute kommt.

Joseph war ein Heiliger, ein Gerechter; er konnte also nicht unter dem Kreuze den sündigen Menschen vorstellen; hierzu diente die gefallene und wieder aufgestandene Magdalena. Maria, die unbefleckt empfangene Jungfrau, stellte die gerechten, Magdalena die gefallenen Menschen unter dem Kreuze vor; denn für beide hat Jesus gelitten, und für beide war er gestorben.

Ich sagte aber, daß nur dem gekreuzigten Menschen der Wert des Blutes und Todes Jesu zu Gute komme. Habe ich etwas anders gesprochen, als was unser göttlicher Lehrmeister selbst gesagt und gelehrt hat? Wer mir nachfolgen will, d. h. in das Himmelreich, in die Glorie meines Vaters, der nehme sein Kreuz auf die Schultern, und folge mir nach (Luk. 9, 23). Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt, und mir nachfolgt, sagt er zu wiederholten Malen, der ist meiner, d. h. meines Leidens, meines Todes, des Himmelreiches und der Glorie des Vaters, nicht wert (Matth. 10, 28). Er sagt dies nicht nur den Sündern und Büßern, sondern auch den Gerechten und Heiligen. Denn auch für die Gerechten und Heiligen ist kein anderer Weg zum Himmel und zur Glorie, als der Weg des Kreuzes.

Der hl. Joseph und sein Kreuz

Wer war heiliger und reiner, als der keusche Joseph, den Gott zum Gemahl seiner jungfräulichen Mutter bestimmt hatte? Wer war heiliger und gerechter, als Joseph, den der himmlische Vater zum Nährvater seines göttlichen Sohnes auf Erden bestellt hatte? Und dennoch musste auch er sein Kreuz auf die Schultern nehmen und seinem geliebtesten Sohne von seiner Empfängnis an auf dem Weg des Kreuzes folgen.

Oder war es dem keuschen Joseph ein leichtes Kreuz, als er sich mit der unschuldigsten und reinsten Jungfrau Maria aus dem königlichen Hause Davids vermählt hatte, und sie nach der Vermählung in einem andern Zustand fand? Er war zu gerecht, etwas Arges von ihr zu denken, und das Gesetz verbot ihm unter der Strafe der Steinigung der Schuldigen, sie zur Gemahlin zu nehmen. Er war schon entschlossen, sie zu verlassen; da erschien ihm der Engel des Herrn, und offenbarte ihm das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes. War es ein kleines Kreuz für den zärtlichen Ehegemahl, als er mit seiner gesegneten jungfräulichen Gemahlin nach Bethlehem kam und keine Herberge fand, um Mitternacht in einem Stall einkehren, und Mutter und Kind, den neugebornen Sohn Gottes, ohne menschliche Hilfe und Beistand in eine Krippe legen und allen Unbilden der Witterung ausgesetzt sehen musste? War es ein leichtes Kreuz, als er von dem Engel vernahm, daß Herodes seine blutdürstigen Hände gegen seinen göttlichen Sohn ausstrecke, und er mit einer zärtlichen Gemahlin und einem neugebornen Kinde durch Wüsteneien und Wildnisse nach Ägypten fliehen sollte? War es ihm ein kleines Kreuz, da er diesen nämlichen beschwerlichen Weg aus Ägypten zurück und – als er hörte, daß Archelaus, der blutdürstige Sohn eines grausamen Vaters, in Judäa regierte – nach Nazareth in Galiläa nehmen, und in größter Armut und Dürftigkeit mit der Arbeit seiner Hände eine göttliche Familie ernähren mußte, die er aller möglichen Sorgfalt und Aufopferung würdig hielt? War es ihm ein leichtes Kreuz, als er sein geliebtestes, vom göttlichen Vater ihm so teuer und heilig anvertrautes Kind zu Jerusalem verlor und es vergeblich in der Stadt, auf dem Wege und unter den Verwandten mit so väterlichem Kummer suchte? War es ihm ein leichtes Kreuz, da er so oft aus dem Munde seines göttlichen Sohnes hörte, daß er zur Erlösung des menschlichen Geschlechtes als der wahre, lebendige Messias von den Juden verachtet, verfolgt, gefangen gegeißelt, gekreuzigt und getötet werden würde? Hätte sein väterliches Herz diesen grausamen, schimpflichen Kreuzestod seines göttlichen Sohnes ertragen können? Nein, es wäre dem Schmerz unterlegen. Deswegen rief der himmlische Vater diesen verdienstvollen Kreuzträger, den treuesten Nährvater seines Sohnes, noch vor dem Anfang des bittersten Leidens desselben zur Krone der Glorie…

Genug, daß ich im Vorbeigehen gezeigt habe, daß auch der heilige, unschuldige und gerechte Nährvater Jesu und Bräutigam Maria`s nur mit dem Kreuz auf den Schultern seinem Pflegesohn habe nachfolgen müssen. Was müssen die Büßer tun? Sie müssen mit der kreuztragenden Magdalena auf den Kalvarienberg gehen. Ich sehe mit Entzücken dem Schauspiel entgegen, wo alle Gattungen und Stände der Menschen nach dem Beispiel Magdalena`s mit dem Kreuz auf ihren Schultern den Kalvarienberg besteigen. Entschließet euch, ob ihr Zuschauer oder Kreuzträger sein wollt; denn Niemand kann in die Glorie Gottes eingehen, als nur derjenige, welcher sein Kreuz auf die Schultern nimmt, und Jesus auf den Kalvarienberg nachfolgt. Magdalena geht mit der Mutter Jesu voraus; lasset uns ihnen nachfolgen… –
aus: M.F. Jordan Simon, aus dem Eremitenorden des hl. Augustin, Die heilige Büßerin Magdalena In neun Reden, 1851, S. 123 – S. 128

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