Heiliger Johannes Calybita Klausner

Christus mit dem Buch des Lebens in der Mitte, links der heilige Joseph mit der Lilie sowie den heiligen Mönchen; rechts sind die heiligen Jungfrauen, vorne knien auf der linken Seite Jünglinge und ein Mann, rechts Mädchen und eine Frau, Christus anbetend

Heiligenkalender

15. Januar

Der heilige Johannes Calybita Klausner

Johannes, der Klausner, auch der Bettler genannt, war der jüngste der drei Söhne, womit Gott die Ehe des kaiserlichen Generals Eutropius mit Theodora in Konstantinopel gesegnet hatte. Sein sanfter Charakter, sein sittsames Benehmen, sein Fleiß im Lernen und sein Eifer im Gebete machten ihn zum besonderen Liebling seiner frommen Eltern, die ihm zum Lohne ein Evangelienbuch in sehr kostbarer Einfassung schenkten.

Bei der allbekannten Wohltätigkeit des Eutropius gegen arme und Fremde geschah es, daß einst ein Mönch aus dem Orden der Akoimeten, welche, in mehrere Chöre abgeteilt, den Gottesdienst Tag und nacht fort setzten, mehrere Tage dessen Gast war. Der kleine Johannes fand an den Erzählungen dieses Mönches über die Lebensweise in seinem Kloster ein wunderbares Wohlgefallen und entbrannte in heiliger Begierde, sich Gott in klösterlicher Einsamkeit ganz zu weihen. Kaum hatte sich der Mönch verabschiedet, so schlich ihm der Knabe mit dem Evangelienbuch unter dem Kleid heimlich nach, ohne den Eltern etwas zu sagen, und bestürmte ihn mit Bitten und Tränen so sehr, daß ihn endlich mitnahm. Der Abt lobte zwar den heiligen Eifer des Jünglings, verweigerte ihm aber die Aufnahme, weil er noch zu jung und zu schwächlich sei, um die strenge Zucht und alle Vorschriften der heiligen Regel dauernd befolgen zu können. Allein Johannes setzte sein Bitten und Weinen mit solcher Innigkeit fort, daß der Abt, endlich von der Unschuld und Gottesliebe des Flehenden gerührt, ihm das Ordenskleid gab.

Unterdessen hatten die Eltern, bestürzt über das Verschwinden des Sohnes, alle Mittel aufgeboten, um sein Schicksal zu erfahren; aber die göttliche Vorsehung ließ es zu, daß sie nicht die geringste Spur fanden.

Während der ersten sechs Jahre arbeitete sich Johannes durch pünktliches Gehorchen, eifriges Gebet, strenges Fasten und tägliche Selbstverleugnung an der Hand der Gnade schnell empor auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit in allen klösterlichen Tugenden. Da kam eine furchtbare Prüfung über ihn: qualvoll ängstigte sein Herz die lebhafte Erinnerung an den Schmerz und Kummer, den er den lieben Eltern durch sein heimliches Davonlaufen verursacht habe: glühend flammte in ihm das Pflichtgefühl und die Sehnsucht auf, aus dem Kloster auszutreten und zu den Eltern zurück zu kehren, um sie zu trösten und um Verzeihung zu bitten: inbrünstig seufzte er auf den Knien zu Gott: O Herr, der Du in die herzen der Kinder eine so große Liebe zu den Eltern gelegt hast, und zugleich willst, daß wir uns über alle Gefühle der Natur erheben und Dich weit mehr als sie lieben: Du weißt, daß meine Seele von Kindheit an nur den einen Wunsch hegte, Dir zu dienen und zu gefallen, und daß ich nur deshalb meine Eltern und Alles verlassen habe: verlaß mich jetzt in dieser schmerzlichen Versuchungen nicht und gib mir Kraft, sie zu deiner Ehre zu besiegen!“

Johannes kämpfte mit der größten Anstrengung wider diese Versuchung, so daß seine Kräfte zu erliegen schienen und er tödlich erkrankte. Der Abt, sehr bekümmert um dieses teure Leben und völlig im Unklaren, was er tun solle, entschied endlich: „Wenn du die frühere Gesundheit wieder erhältst, so will ich darin den Wink Gottes erkennen und dir erlauben, zu deinen Eltern zurück zu kehren.“
Johannes genas vollständig und verließ weinend das Kloster, noch tausendmal zurück schauend, bis es seinen Blicken verschwand. Auf dem Heimwege schenkte er seine Kleider einem halbnackten Bettler und zog dessen Lumpen an. Der Abend dämmerte, als er bei dem prächtigen Hause seiner Eltern ankam. Mit pochendem Herzen und feuchten Augen schaute er hinauf zu den Fenstern, ob er den Vater oder die Mutter sehe; aber er ging nicht hinein, opferte Gott die Glut seines Verlangens und übernachtete betend in einem Winkel der Scheune. Am Morgen wollte der Hausknecht diesen „Bettler“ fortschicken, ließ sich jedoch durch dessen rührendes Flehen erweichen und gestattete ihm, in diesem Winkel noch länger zu bleiben.

Dies war nun der Ort, wo Johannes den schwersten Kampf der Selbstverleugnung: der Liebe zu Gott gegen die Liebe zu den Eltern durchkämpfte und so oft siegreich bestand, als er den Vater oder die Mutter vorbei gehen sah und aus ihren Händen Almosen empfing. Er betete Tag und Nacht, verschenkte die empfangenen Almosen an andere Arme und lebte so abgetötet, daß er zum Skelett abmagerte. Eines Tages fühlte die Mutter einen solchen Ekel wider „diesen Bettler“, daß sie dem Hofmeister befahl, ihn weg zu schaffen. Der Diener, welcher die wunderbare Frömmigkeit des Armen oft mit Rührung angestaunt hatte, gehorchte, baute ihm aber mit Genehmigung des Eutropius in der Nähe eine kleine Hütte.

Nachdem Johannes drei volle Jahre seine Liebe zu Gott bewährt hatte, offenbarte ihm Jesus die Stunde seines baldigen Hinscheidens. Hoch erfreut bereitete er sich zum Tode, dankte dem Hofmeister herzlich für die empfangenen Wohltaten und bat ihn, die Frau des Hauses zu bewegen, daß sie ihn noch besuche, weil er ihr noch sehr Wichtiges zu sagen habe. Diese überwand nur mühsam ihren Ekel und kam zur Hütte. Der sterbende Bettler sprach: „Edle Frau, Gott wird Sie und Ihren Gemahl belohnen für die Liebe, die Sie an mir getan: gewähren Sie mir noch meine letzte Bitte und begraben Sie meinen Leib mit diesem zerrissenen Kleide in dieser Hütte. Zum Lohne für die treue Erfüllung dieser Bitte geben ich Ihnen mein Teuerstes – dieses Evangelienbuch, welches Ihnen und Ihrem Gemahl ein Schutzmittel wider alle Leiden und ein Unterpfand des ewigen Heiles sein wird.“

Die Frau nahm das Buch an und sagte verwundert: „Ei, das ist ja ganz ähnlich demjenigen, welches ich einst meinem jüngsten Sohne gegeben habe. Ach, wo mag wohl mein liebster Johannes sein!“ Ein Strom von Tränen stürzte aus ihren Augen, und sie eilte fort, um das Buch ihrem Manne zu zeigen. Dieser erkannte es sogleich und schrie: „Ja, dieses Buch haben wir unserm jüngsten Kinde gegeben: der arme Mann kann uns vielleicht Näheres über dasselbe sagen!“ Beide eilten zur Hütte und fragten mit Ungestüm: „Woher hast du dieses Buch? Wo ist unser Sohn? Sag uns die Wahrheit.“ Johannes beherrschte mit heroischer Kraft die heftige Aufwallung seines kindlichen Gemütes und sprach: „“Ich bin euer Sohn, den Ihr, beste Eltern, so schmerzlich beweint, und dieses Buch ist dasselbe, welches Ihr mir geschenkt, kurz bevor ich Euch verließ: ich habe es getan um Jesu willen, der mich so gnadenreich gestärkt hat, sein süßes Joch zu tragen.“ Stumm vor Freude und Schmerz schauten die Eltern den zerlumpten Bettler an und erkannten in ihm ihren verlorenen Sohn. Mit der ganzen Glut ihrer Vater- und Mutterliebe umarmten sie ihn, er aber sank an ihr Herz und starb.

Unbeschreiblich war ihre Trauer um den geliebten Toten, namentlich die Mutter jammerte trostlos, weil sie einmal gegen diesen vermeintlichen Bettler hartherzig gewesen. Im ihren Irrtum zu sühnen, reinigte sie die Leiche des Sohnes von den schmutzigen Lumpen und hüllte sie in sehr kostbare Gewande; aber in demselben Augenblick sank sie, gelähmt an allen Gliedern, zu Boden. Da erinnerte sie sich an das dem Sterbenden gegebene versprechen, ließ dem Leichnam die Bettlerkleidung wieder anziehen und erhielt auch sogleich ihre volle Gesundheit. Sie begruben nun ohne Feierlichkeit die Gebeine ihres Kindes in der Hütte und bauten über derselben eine prachtvolle Kirche. Hierauf verteilten sie ihr großes Vermögen unter die Armen und dienten Gott in heiliger Liebe bis zu ihrem Tode. –
aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 754 – S. 756

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