Quietismus

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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Quietismus

Quietismus, eine Irrlehre über den Stand der Vollkommenheit. Er verwirft die via ordinaria, die kirchlichen Heiligungsmittel, und setzt an ihre Stelle eine falsche Mystik, die in dem mystischen Tod, der Annihilation, der absoluten Hingabe an Gott, der totalen Aufgabe des Ich gipfelt. Der Quietismus des Gebetes mißachtet das mündliche Gebet und alle äußerlichen religiösen Übungen und setzt sich durch diese falsche Innerlichkeit schon in Gegensatz zur Kirche. Selbst die Betrachtung lehnt er ab und läßt nur die Beschauung (contemplatio) gelten. Man darf um nichts beten als um Ergebung in Gottes Willen, also nicht ums tägliche Brot, nicht um Vergebung der Sünden, um Gottes Gnade und Seligkeit, nicht um eine glückselige Sterbestunde, um die Bekehrung der Sünder, um Erlösung der Armen Seelen aus dem Fegefeuer. Der Quietismus des Lebens verwirft darüber hinaus alle persönlichen sittlichen Bemühungen, also den Kampf gegen die Sünde, das Streben nach Vollkommenheit. Er überläßt Gott alles allein. Sünden, auch schwere Unzuchtsünden, können nach Molinos bei den Vollkommenen vorkommen, sind aber in solchen Fällen Wirkungen Satans, welche die Selbstverachtung und die gänzliche Hingabe an Gott nur steigern. – Mit Semi-Quietismus bezeichnet man die Theorie Fénelons über die vollkommene, reine, interesselose Gottesliebe (pur amour). Bei Fénelon fehlen alle antikirchlichen und antimoralischen Sätze. Doch hat er in seinem Streben, das christliche Gebet und Leben von aller Selbstsucht zu reinigen, unter dem Einfluß der Madame de Guyon rigoristische Sätze aufgestellt, die Innozenz XII. 1699 verworfen hat (Denzinger 1327/49). Nach Bossuet lassen sich seine Irrtümer auf 4 Punkte zurück führen: a) Schon auf Erden gibt es einen Dauerzustand der Gottesliebe, der jede Hoffnung auf eigenes Glück ausschließen muß; b) Gott verlangt von solchen, die er schwer prüft, die absolute Bereitschaft zur ewigen Hölle; c) im Zustand der vollkommenen Liebe ist die Seele indifferent gegen das Tugendstreben und die Vervollkommnung; d) in diesem Zustand vergißt der Betrachtende Christus und die Geheimnisse seines Lebens und Sterbens, um sich ganz in Gott zu versenken.

Geschichte. Das Wort Quietismus erscheint in der östlichen Kirche zuerst in griechischer Form zur Bezeichnung der Hesychasten. Quietistische Lehren verbreiteten die Brüder und Schwestern des freien Geistes, die lehrten, der Vollkommene brauche keine äußere Gottesverehrung, weder Sakramente noch Gebet; er könne fleischlichen Gelüsten frönen, ohne seine Seele zu beflecken; ähnlich die auf dem Konzil von Vienne (1311) verurteilten Begharden und Beginen (Denzinger 471/78). Quietismus im eigentlichen Sinn nennt man aber die oben gekennzeichnete nachreformatorische Irrlehre, die sich im 17. Jahrhundert namentlich in Spanien, Italien und Frankreich ausbreitete. In Spanien sind es die noch wenig erforschten Alumbrados, die Arbeit, Fasten, Sakramente und Heiligenverehrung verachteten, eine Gottesschau auf Erden anstrebten, die Unzuchtssünden für die Erleuchteten als schuldlos erklärten. Hier wirkte Jean Falconi († 1638), dessen Schriften auch ins Italienische und Französische übersetzt wurden… Molinos wurde erst während seines römischen Aufenthaltes (1664-1685) Quietist. Er fand in Italien den Boden vorbereitet durch quietistische Bewegungen in Neapel, Florenz, Mailand, Brescia usw. Hier las man neben Falconi das Werk des blinden Laien Franz Malaval aus Marseille… (1664); hier wirkte im Geist Molinos` der spätere Kardinal Matteo Petrucci bis zu seinem Widerruf vor dem Hl. Offizium 17.12.1687, namentlich durch seine Werke (1688 indiziert), … Molinos selbst wurde verurteilt durch die Bulle Coelestis Pater v. 20.11.1687 (Denzinger nr. 1221/88; Guibert nr. 753/68). In Frankreich arbeiteten im Sinn des Quietismus Madame de Guyon, ihr Seelenführer François Lacombe und Fénelon. Ihre quietistischen Werke wurden indiziert, z. B. Fénelons Maximes am 12.3.1699 (Denzinger 1337/49; Guibert 489/504). Viele quietistische Werke, vor allem die der Madame de Guyon und Fénelons, fanden begeisterte Aufnahme in den Kreisen des deutschen und englischen Pietismus. Wissenschaftliche Gegner des Quietismus waren u.a. in Italien: Sottardo Bell`huomo SJ (Il pregio e l`ordine dell`orationi ordinarie e mistiche, 1678), P. Segneri SJ, in Spanien José Lopez Ezquerra (Lucerna mistica, 1691), in Frankreich Bossuet. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VIII, 1936, Sp. 588

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