Du Plessis

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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Du Plessis-Mornay

Du Plessis-Mornay, Philipp, der „Hugenottenpapst“, geb. 5. November 1549 auf Schloß Buhy in der Normandie, gest. 11. November 1623 auf Schloß La Forêt-sur-Sèvres. Der Vater, welcher noch äußerlich katholisch war, jedoch den Empfang der Sterbesakramente verweigerte, hatte Philipp als zweiten Sohn für den geistlichen Stand bestimmt und ließ ihn hierzu seit 1557 im Kolleg Lisieux bei Paris erziehen; die Mutter war jedoch innerlich protestantisch, wußte ihre Kinder auch in diesem Geist zu erziehen und bekannte sich mit ihnen nach dem Tode des Vaters (1562) öffentlich zum Protestantismus. Ein einziger Sohn blieb katholisch. Philipp wurde ein eifriger Anhänger der neuen Partei. Ein Beinbruch hinderte ihn zwar 1567, am zweiten Bürgerkrieg Teil zu nehmen; jedoch verherrlichte er auf seinem Krankenlager den Krieg durch ein Gedicht, welches ihm die Gunst des Kardinals, späteren Hugenotten von Chatillon, erwarb.

Dieser lenkte seine Gedanken vom Krieg ab der Gelehrsamkeit zu, welche er durch wissenschaftliche Reisen und Besuch fremder Universitäten sich erwerben und vermehren sollte. Mitte August 1568, zur selben Zeit, wo der dritte Bürgerkrieg auszubrechen drohte, begann Philipp mit den Empfehlungen Chatillon`s seine Reise über Genf, wo er Beza kennen lernte, den Rhein hinab nach Heidelberg, welches seit dem Übertritt Friedrichs III. (1559) die Hauptburg des Calvinismus war. Hier verweilte Du Plessis den ganzen Winter, ging dann nach Italien. Reiste über Padua, Bologna und Venedig dem adriatischen Meer entlang nach Rom und kehrte von da über Florenz, Mailand und Trient nach Deutschland zurück. Jetzt wandte er sich nach Wien, bereiste Mähren und Böhmen, traf im Herbst 1571 in Frankfurt a. M. ein und verlebte den folgenden Winter in Köln. Im Frühjahr 1572 besuchte er die Niederlande und England, von wo er im Juni nach fast vierjähriger Abwesenheit in sein Vaterland zurück kehrte. Du Plessis hatte durch seine Reise nicht bloß sein Wissen vermehrt, sondern auch überall für den Calvinismus gearbeitet. Selbst in Italien bewies er sich öffentlich als Feind des katholischen Glaubens (vgl. Mémoires de Charlotte Arbaleste 29. 33). In Köln suchte er die Häupter des Protestantismus auf, predigte selbst das „lautere Evangelium“ und erregte durch sein Poltern gegen den Katholizismus viel Ärgernis. Besonders verkehrte er hier mit den vertriebenen Reformierten der Niederlande und faßte den ersten Gedanken einer Verbindung zwischen den niederländischen und den französischen Calvinisten zur Unterdrückung des Katholizismus. Seinen Plan legte er näher in zwei Flugschriften dar, welche auch Wilhelm von Oranien in die Hände fielen und Veranlassung wurden, daß dieser mit ihm in Verbindung trat.

Nach Frankreich zurück gekehrt, ging Philipp in Coligny`s Dienst und schrieb in dessen Auftrag seine erste noch erhaltene Schrift Mémoires de l`Ètat (Middelbourg 1576, t. I), in welcher die Notwendigkeit einer Unterstützung der aufständischen Niederländer von Seite Frankreichs nachgewiesen wurde. Die Bartholomäusnacht, in welcher Coligny fiel und Du Plessis nur durch günstigen Zufall nach England entkam, setzte seinem weiteren Wirken in Frankreich für kurze Zeit ein Ziel; 1573 konnte er jedoch schon zurück kehren. Von jetzt ab beginnt sein öffentliches Wirken für den Calvinismus, dessen Stütze und Oberhaupt in Frankreich er später in der Art wurde, daß die Katholiken und besonders Heinrich IV. ihn spottweise „Hugenottenpapst“ nannten. Zunächst ergriff Philipp für die hugenottische Sache die Waffen und lag dem Kriegshandwerk ob, bis er in der Niederlage bei Dormans (10. Oktober 1575) in Guise`s Gefangenschaft geriet. Da er jedoch nicht erkannt wurde, kam er gegen geringes Lösegeld wieder frei und flüchtete sich nach Sedan zum herzog von Bouillon, welcher den Hugenotten in seinem Schloß ein Asyl bot. Hier lernte Du Plessis die junge Witwe Charlotte Arbaleste, eine fanatische Gegnerin des Katholizismus (Mémoires de Charl. Arb. 70, und Schäffer, Frau Du Plessis-Mornay, geb. Charlotte Arbaleste, ein christliches Frauenbild, Basel 1855), kennen und verheiratete sich mit ihr…

Die nächsten Jahre sahen Du Plessis ebenfalls wieder auf dem Kriegsschauplatz. Heinrich von Navarra, mit welchem er seit 1567 in engere Verbindung getreten war, sandte ihn zur Ordnung seiner persönlichen Angelegenheiten 1577 nach England. Hier benutzte Philipp die Muße dazu, literarisch gegen den Katholizismus zu kämpfen. Er arbeitete seinen Traité de l`église, … welcher mehrere Male aufgelegt und in viele Sprachen übersetzt ist (englisch 1579, deutsch Basel 589, italienisch 1591, lateinisch 1594 usw.). Im Sommer 1578 begab sich Philipp abermals in die Niederlande. Hier vollendete er sein größtes theologisches Werk: Traité de la vérité de la religion chrétienne (Anvers 1581), eine Apologie des Christentums gegen Atheisten, Epikuräer, Heiden und Juden, welche in den beiden nächsten Jahren die zweite und dritte Auflage erlebte…

Seit 1582 wirkte Du Plessis ausschließlich für den Calvinismus, um so mehr, da er nach Condé`s Tod (3. März 1588) auch formell an die Spitze der Hugenotten Frankreichs trat. Besonders groß war sein Ansehen und sein Einfluss bei Heinrich III. Dieser nannte ihn sein Schreibzeug, wichtiger für ihn als seine eigene Hand, ließ sich von ihm für Heinrich IV. ein Règlement de la façon de vivre ausarbeiten (Mémoires III, 189 ss.) und benutzte ihn als Rat in wichtigen Dingen. Auf Du Plessis` Betrieb legalisierte er alsbald die reformierte Predigt in allen Orten Frankreichs (Mémoires IV, 343). Heinrich trachtete danach, die Protestanten Frankreichs, Englands und Deutschlands zu einer Vereinigung zu bringen. Zur Ausführung dieses Planes und zur besseren Organisation der Hugenotten im eigenen Land ließ der König im Mai 1583 eine Nationalsynode nach Vitré ausschreiben, auf welcher er sich durch Du Plessis vertreten ließ. Jedoch trat die geplante Vereinigung nicht ins Leben, auch später waren alle Versuche Du Plessis` ohne Erfolg.

Die Lage der Hugenotten wurde wesentlich geändert, als Heinrich zur Ligue übertrat. In dem daraus folgenden Krieg der drei Heinriche kämpfte Du Plessis gegen den König, namentlich in der Schlacht bei Coutras (20. Oktober 1587), wo die Hugenotten unter Heinrichs von Navarra Führung zwar einen Sieg erfochten, jedoch nicht den Krieg zu ihren Gunsten entschieden. Als nun die Ligue sich selbst gegen Heinrich erhob und er kein anderes Mittel zu seiner Rettung hatte, als sich mit den Hugenotten zu verbinden, wurde Du Plessis` Verhältnis zum König wieder ein innigeres. Am 3. April 1589 brachte er zwischen Heinrich III. und Heinrich von Navarra ein Bündnis zu Stande, wofür er zum Statthalter in Saumur ernannt wurde. In dieser Stellung wütete er derart gegen die Katholiken, daß viele aus dem Gouvernement flohen, und daß allgemein das Gerücht verbreitet war, er wolle die Kerker mit Katholiken füllen (Mémoires V, 532 ss.). Nach Heinrich III. Ermordung (2. August 1589) ergriff er abermals für die Hugenotten und Heinrich von Navarra die Waffen, hinderte die Vereinigung des Thronkandidaten Kardinals Bourbon mit dem Heer der Ligue und half den Sieg bei Ivry erfechten (14. März 1590). Damit schließt Du Plessis` öffentliches Wirken für den Calvinismus.

Heinrich IV. erkannte bald, daß seine Herrschaft nur am Katholizismus eine feste Stütze finde; er sagte sich deshalb von den Hugenotten los und kehrte am 25. Juli 1593 zur Kirche zurück. (Über die Stimmung der Hugenotten bei diesem „bedauernswerten“ Fall siehe Mémoires V, 496 ss., und Stählin, Der Übertritt Heinrichs IV. zur katholischen Kirche, Basel 1856, S. 618ff) Du Plessis wurde vom Hof als Rat des Königs entlassen, jedoch blieb er Statthalter zu Saumur. Alles, was in seinen Kräften lag, wirkte er nun privatim für die Hugenotten. Zu Saumur erbaute er aus eigenen Mitteln eine protestantische Kirche, dotierte eine Akademie daselbst für Heranbildung protestantischer Prediger (aufgehoben von Ludwig XIV. am 8. Januar 1685) und machte Entwürfe für die Organisation der Protestanten in Frankreich, welche 1594 auf der Versammlung zu Sainte-Foy angenommen wurden (Mémoires VI, 66 ss.; Stählin a.a.O. 668ff). Hiernach wurde ganz Frankreich in zehn Provinzen geteilt und ein Direktorium eingesetzt. Du Plessis nahm alsdann hervorragenden Anteil an den Verhandlungen, welche zum Edikt von Nantes führten, wenn er gleich bei der Redaktion desselben nicht tätig war.

Abermals griff er zur Feder, um dem Calvinismus Vorschub zu leisten, indem er das heilige Messopfer als eine spätere Erfindung, welche im Widerspruch mit der heiligen Schrift und der Lehre der alten Kirche stehe, darzustellen versuchte. Dieses Unternehmen brachte ihm aber eine empfindliche Niederlage; man darf sagen, daß es der ganzen hugenottischen Sache in Frankreich einen schweren Schlag versetzte und dem Katholizismus ein neues Ansehen in den Augen vieler Wankenden verlieh. Du Plessis hatte nämlich sein Buch mit solcher Nachlässigkeit, Unkenntnis und teilweise absichtlicher Fälschung gearbeitet, daß die Katholiken und vor allem der gelehrte Bischof von Evreux (siehe Du Perron) ihn offen der Fälschung beschuldigten.

Siehe den Beitrag: Der Hugenottenpapst Du Plessis und sein theologischer Zweikampf

Du Plessis wurde im Jahre 1621, als die Hugenotten abermals zu den Waffen griffen, seines Amtes entsetzt; er zog sich nach La Forêt zurück, wo er am 11. November 1623 starb. Außer den angeführten Büchern hat er noch eine Anzahl theologischer Traktate und Bücher geschrieben (…), ohne jedoch den Anspruch machen zu können, ein Gelehrter gewesen zu sein. Die Wissenschaft ist durch ihn nicht gefördert. Er war nur ein literarischer Klopffechter, der bei jeder Gelegenheit seinen Ingrimm und Haß gegen die katholische Kirche schriftlich zum Ausdruck brachte. Von den Protestanten ist er bis zum heutigen Tage über alle Gebühr erhoben. –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 4, 1886, Sp. 33 – Sp. 38

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