Antichristen in der heiligen Schrift

Die Antichristen in der heiligen Schrift

Wenn man die dreifache Bezeugung der Gottheit Jesu Christi durch die Übereinstimmung des alten und neuen Testamentes, durch den Zusammenhang der religiösen Erscheinungen in der Geschichte der Menschheit und durch die Bestätigung des inneren menschlichen Bewußtseins erkannt, die Stimme der heiligen Schriften, die Stimme der Geschichte und die Stimme der Herzen, die im Einklang zu Jesus Christus rufen: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, gehört hat, kann man dann in dem Misston, der diese Harmonie stört, die Stimme des Antichrists verkennen?

„Wie ihr gehört habt, wird der Widerchrist kommen, ja schon jetzt sind Viele Widerchristen geworden.“ (Joh. 2, 18)
Wo sind sie?
„Wer ist der Lügner, als der, welcher leugnet, daß Jesus der Christus sei. Das ist der Widerchrist, welcher den Vater und den Sohn leugnet. Jeder, der denSohn verleugnet, hat auch den Vater nicht; wer aber den Sohn bekennt, hat auch den Vater.
„Was ihr vom Anfange gehört habet, das bleibe in euch: wenn in euch bleibet, was ihr vom Anfange gehört habet, so werdet ihr auch in dem Sohne und dem Vater bleiben. Und das ist die Verheißung, die er uns gegeben, das ewige Leben.
„Dies habe ich auch von denen geschrieben, die euch verführen.“ (1. Joh. 2, 22-26)
Diejenigen verführen also die Menschen und sind Antichristen, welche leugnen, daß Jesus sei Christus, der von Anfang versprochene Erlöser, die Erwartung der Völker, der von den Propheten vorher verkündete Messias, der Heiland der Welt.
Diejenigen sind Antichristen, welche die Gottheit Jesu Christi, die göttliche Natur des eingeborenen Sohnes leugnen, der nicht geschaffen, sondern vom Vater gezeugt ist: Unigeniti a Patre (Joh. 1, 14).
„Es sind viele Verführer in die Welt ausgegangen, welche nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleische gekommen sei: ein solcher ist der Verführer und der Widerchrist.“ (2. Joh. 7)

Diejenigen sind also auch Antichristen, welche die menschliche Natur in Jesus Christus leugnen, welche nicht bekennen, daß Gott Mensch geworden und Jesus Christus wahrer Gott sei und wahrer Mensch.

„Geliebteste, glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen. – Daran wird der Geist Gottes erkannt; jeder Geist, der bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen sei, ist aus Gott. Und jeder Geist, der Jesum aufhebt, ist nicht aus Gott, und dieser ist der Widerchrist, von dem ihr gehört habet, daß er kommt, und er ist schon jetzt in der Welt.“ (1. Joh. 4, 1-3)

Man ist also ein Antichrist und ein Anhänger des Antichrists, wenn man Jesus teilt, die wahrhafte Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur in seiner Person bestreitet, in einem Wort die Fleischwerdung des Wortes leugnet: In principio erat Verbun, et Deus erat Verbum… Et Verbum caro factum est et habitavit in nobis. („Im Anfang war das Wort… und Gott war das Wort… Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt“ Joh. 1, 1-14)

In der Verneinung der Inkarnation verneinen die Antichristen gleichzeitig die Trinität: Jeder, der den Sohn verleugnet, hat auch den Vater nicht. Sie verwerfen das anbetungswürdige Geheimnis der ewigen Fruchtbarkeit Gottes, sie verachten die erhabenste und herrlichste Einsicht, die Gott in seine Natur uns gewährt, und weil diese Einsicht unserem Auge die unergründlichste Quelle auftut, verschließen sie die Augen vor dieser Helle. Die Kenntnis von der Trinität ist in der Tat die unerforschlichste und gleichzeitig die einleuchtendste Erkenntnis, die wir von der göttlichen Natur haben, wie Bossuet dies in seinem Kommentar über die betreffenden Stellen der heiligen Schrift und der Väter unwiderleglich dargetan hat (Disc. Sur. l`hist. Univers. II part. ch. 6).

Die Trinität und die Inkarnation sind also die zwei Hauptwahrheiten, welche von Jesus Christus vollkommen offenbart, vor allen anderen von den Antichristen geleugnet werden. Die Verneinung der Größe Gottes einerseits und der Gebrechlichkeit des Menschen und seiner Erlösung andererseits, bildet die doppelt Grundlage des Antichristianismus.

„Wer den Sohn verleugnet“, sagt der heilige Johannes, „hat auch den Vater nicht.“

Die Antichristen leugnen Gott nicht allein als Vater hinsichtlich der Zeugung von Ewigkeit, sie leugnen ihn auch als Vater der Menschen in der großen Offenbarung seiner Liebe. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn hingab, damit Alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 16)

Gott ist allerdings Vater der Menschen durch die Schöpfung und seine Alles umfassende Vorsehung; aber die schuldbeladene, geschwächte, ihrer Vorrechte beraubte, in ihrem jetzigen Zustande der Unwissenheit, der Begierlichkeit, dem Leiden und dem Tode unterworfene Menschheit steht offenbar unter dem Einfluß der strafenden Gerechtigkeit, fühlt die Rute der Zucht und daher entringt sich Allen zu allen Zeiten der Seufzer, der der Apostel ausdrückt in den Worten: „Wer wird mich befreien?“ (Röm. 7, 24) Diesen Seufzer stieß die Menschheit aus gleich nach ihrem Fall, und Gott, der sin seiner Erbarmung ihr denselben eingegeben – „Postulat enim pro nobis gemitibus inenarrabilibus“ (Röm. 8, 26) – beantwortete ihn alsbald mit der Verheißung der Erlösung: „Mein Vater!“ gerufen; ja, sie konnte es nun mit mehr Recht als im Stande der Unschuld, da Gott wie sonst nirgend in der Erlösung sich als Vater zeigte: „Sic Deus dilexit mundum.“

Diejenigen, welche vor oder nach der Menschwerdung die Wahrheit vom Fall, den darauf gefolgten Zustand der Verderbnis der menschlichen Natur, die Verheißung, die Erwartung und die Erfüllung der Erlösung verneint haben, verneinten den Vater, weil sie den Sohn verneinten.

Wir sagen: Diejenigen, welche verneinten; denn bei solchen, welche ohne eigene Schuld, sondern einzig durch die Schuld ihrer Vorfahren der ausdrücklichen Kunde von der großen Verheißung und von Erfüllung derselben in der Fülle der Zeit entbehrten, und welche außerdem den, von Gott allen Menschen geschenkten Gnaden nicht persönlich widerstanden, war der Glaube an den göttlichen Welterlöser eingeschlossen in dem Glauben an Gottes väterliche Barmherzigkeit gegen uns, und in jener Hoffnung, welche weder durch die Sünde, noch durch die Nacht der Unwissenheit, weder durch die Mühen des Lebens, noch durch die Schrecknisse des Todes entwurzelt oder verhindert werden konnte, zur Gottheit im Gebet empor zu streben.

Wenn indessen die Hoffnung im Menschengeschlecht nicht entwurzelt werden konnte durch die Züchtigung, von welcher der Mensch in sich selbst das beklagenswerte und glaubwürdige Zeugnis trägt, so kommt dies daher, weil Gott selbst ihm diese Hoffnung eingepflanzt hat, indem er ihn von Anfang seine Gerechtigkeit nicht fühlen ließ, ohne ihr zugleich auch seine Erbarmung beizumischen. Nur weil sie auf die ursprüngliche Verheißung gestützt war, konnte die Hoffnung von jenem Augenblick an, trotz Schmerz und Tod, dauern von Geschlecht zu Geschlecht.

Ohne den, dieser Hoffnung zur Grundlage dienenden Glauben, würde Dunkel herrschen im Leben der Menschheit, wie im Leben des Einzelnen; weil sie nun, wenn sie den Sohn leugnen, auch den Vater leugnen, weil sie Gott in ihm selbst und in seinem Werke, in dem großen Werke zur Rettung des Menschengeschlechtes, nicht erkennen wollten, deshalb haben die Antichristen aller Zeiten den Kern der Weltgeschichte und die traurige Rolle, welche ihr Stolz in derselben spielt, in selbst gemachter Verblendung nicht erkannt. –
aus: Victor Dechamps, aus der Gesellschaft des allerheiligsten Erlösers: Christus und die Antichristen nach dem Zeugnisse der Schrift, der Geschichte und des Gewissens, 1859, S. 336 – S. 342

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