Montanismus

  1. Start
  2. Irrlehren
  3. Montanismus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Montanismus

Montanismus, schwärmerische Sekte, die sich zunächst als eine aszetisch-eschatologische Erweckungs-Bewegung innerhalb der Kirche offenbarte, aber auch eine gefährliche Häresie war. Obschon sie das Glaubens-Bekenntnis nicht änderte, wollte sie doch die christliche Offenbarung durch eine vollkommenere, von neuen Propheten verkündete ersetzen und diesen inspirierten Sehern die oberste kirchliche Leitung anvertrauen. Der Begründer ist der Phrygier Montanus, ein früherer Kybelepriester. Seit 172 gab er in ekstatischen Zuständen, die mit Schreien, Toben, Zuckungen verbunden waren, seine neuen Offenbarungen. Er hielt sich für das Organ des Joh. 14,16f verheißenen Parakleten. Montanus selbst gibt darüber folgende Erklärungen als angebliche Offenbarungen Gottes: „Siehe, der Mensch ist wie eine Leier, und ich fliege herzu wie ein Plektron; der Mensch schläft, und ich wache; siehe, der Herr ist es, der die Herzen der Menschen in Ekstase versetzt und der das Herz den Menschen gibt“ (Epiphanius, Haer. 48,4). Er versteigt sich zu maßlosen Selbstbezeichnung: „Ich bin gekommen, nicht ein Engel oder Gesandter, sondern Gott der Vater selbst“ (Haer. 48,11), oder: „Ich bin der Vater und der Sohn und der Paraklet“ (Didymus, De Trin. 3,41). Bald fühlten sich sich auch 2 Frauen, Prisca (Priscilla) und Maximilla, von dem falschen Geist ergriffen. Die Schwärmerei griff schnell um sich; die benachbarten Bischöfe versuchten an Maximilla und Prisca den kirchlichen Exorzismus vorzunehmen, wurden aber von den deren Anhänger daran gehindert. Erhalten sind 19 Orakel (Labriole, Crise 35/105), darunter einige das Volk tief aufwühlende über die baldige Erscheinung Christi und die Nähe des Weltendes. Maximilla, die 179, etwas später als Montanus und Prisca, starb, hatte verkündet: „Nach mir wird keine Prophetin mehr kommen, sondern das Weltende“ (Epiphanius, Haer. 48,2). Von den phrygischen Städten Pepuza und Tymium sollte das 1000jährige Reich Christi ausgehen, auf die Stadt Pepuza das himmlischen Jerusalem sich herablassen. Ein strengeres Leben sollte zur Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn dienen und mit Einführung einer höheren Sittlichkeit die Kirche erst zur Reife und Vollendung gebracht werden (Tertullian, De virg. Vel. c.1). Die zweite Ehe wurde verboten (Tert., De monogamia c. 3), das Fasten verschärft und das Stationsfasten gesetzlich geboten und zumeist bis 6 (statt bis 3 Uhr) ausgedehnt, für 2 Wochen, Samstag und Sonntag ausgenommen, Xerophagien angeordnet (Tert., De jejunio; hieronymus, Ep. 41,3; in Agg 1,11; In Mt. 9,15). Entgegen Mt. 10,23 galt die Flucht in der Verfolgung (nummaria fuga) und die Anwendung besonderer Vorsicht bei Abhaltung des Gottesdienstes verboten. Deshalb zählen die Montanisten viele Märtyrer. Auch die Bußdisziplin erfuhr eine Verschärfung; die schweren Sünder wurden für immer aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen (Tert., De pudicitia c. 21). Von den Jungfrauen wurde wie von den Frauen beim Gottesdienst das Tragen des Schleiers verlangt, was im Orient überhaupt üblich war, im Abendland aber zu einem Merkmal des Montanismus wurde (Tert., De orat. c. 21Ff; De virg. velandis c. 3). Auch in anderen Fragen (Putz, Malerei, Schauspiele, Kriegsdienst) urteilte der Montanismus bei seiner schroffen Weltflucht strenger als die katholischen Schriftsteller.

Schon früh hatte der Montanismus im Morgen- und Abendland zahlreiche Anhänger gefunden. Etwa um 200 gab es Montanisten in Rom, wo Prok(u)us und Äschines Führer waren. Hier kam es bald zu einer Spaltung: die Proklianer hielten am Personenunterschied von Vater und Sohn fest, während die Anhänger des Äschines den Monarchianismus annahmen. 202 schloß sich Tertullian ihnen an, der die Sekte in Afrika organisierte. Syrien, Ägypten und Gallien hatten um diese Zeit montanistischen Gemeinden, welche die Botschaft aus Pepuza und Tymium ebenso gläubig aufnahmen, als käme sie aus Nazareth oder Jerusalem…

Trotz der kirchlichen Verbote und stattlicher Gegenmaßregeln erhielt sich der Montanismus lange Zeit. Die Trullanische Synode 692 (c. 25) führte die Sekte noch unter den Häretikern auf, und eine Bestimmung Leos des Isauriers v. 722 zeigt, daß sie damals noch nicht ganz verschwunden war. –

Kirchliche Bekämpfer der Sekte waren Apollinaris v. Hierapolis, Miltiades, Serapion v. Antiochien, Apollonius v. Ephesus, Albercius Marcellus u.a. Rom verhielt sich anfangs ablehnend. Papst Zephyrin aber schickte ihnen Friedensbriefe, die er, durch Praxeas (Tert., Adv. Prax. c. 1) aufgeklärt, noch aufhalten konnte. Die kirchlichen Bestreiter nahmen den meisten Anstoß an der im Zustand der Bewusstlosigkeit und Wildheit erfolgten Prophetie und am Lehramt der Frauen. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 295 – SP. 296

Buch mit Kruzifix
Valerian
Buch mit Kruzifix
Katharer

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Tyrrell

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Tyrrell Tyrrell, George, einer der hervorragendsten Theoretiker des Modernismus, * 6.2.1861 zu Dublin, † 15.7.1909 zu Storrington. I. Leben und Werke. Von Geburt Anglikaner, konvertierte Tyrrell 1879, wurde 1891 Jesuit, 1891 Priester und 1894…
Buch mit Kruzifix

Riegger

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Riegger Riegger, Joseph Anton Stephan, Ritter von, österreichischer Kanonist staatskirchlicher Richtung, wurde am 13. Febr. 1742 zu Innsbruck als Sohn des dortigen Professors P. J. v. Riegger geboren. Nachdem er zu Wien bei den…
Buch mit Kruzifix

Lapsi

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Lapsi Lapsi, Christen, die vom christlichen Glaubens wieder abfielen, besonders jene, die sich in Zeiten der Christenverfolgungen schwach erwiesen und ihren Glauben entweder schon unter moralischem Zwang oder unter Einwirkung physischer Gewalt durch heidnische…
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Ausschließungsrecht Ausschließungsrecht, auch Exklusive (jus exclusivae oder exclusionis) oder Veto bei der Papstwahl, das von Seiten der katholischen Herrscher von Deutschland (nachher Österreich), Frankreich, Spanien (Neapel) beanspruchte Recht, beim Konklave vor der entscheidenden Stimmabgabe…
Buch mit Kruzifix

Exorzistat

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Exorzistat Exorzistat, kirchliche Weihestufe, von den jetzigen niederen Weihen (Ordo) die zweite. Die Vornahme des Ezorzismus war ursprünglich nicht an ein bestimmtes Amt gebunden, stand vielmehr bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts Klerikern und…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Messalianer

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Messalianer Messalianer, auch Massalianer (wahrscheinlich = Betende), schwärmerisch-mystische Sekte, innerhalb der Kirche seit 350 von Mesopotamien her in Syrien, Armenien, Kleinasien und Thrakien sich verbreitend und noch im Mittelalter in den Bogumilen wieder auflebend, nach ihren Führern Adelphianer und Langetianer, nach ihrer Art der Gottesverehrung Euchiten und Choreuten genannt.…
Buch mit Kruzifix

Antitrinitarier

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Antitrinitarier Antitrinitarier, die Leugner der Grundwahrheit des Christentums von drei ewigen Personen in Gott, besonders die dem 2. und 3. Jahrhundert angehörigen, an der Spitze das Judentum. Nicht unterscheidend zwischen Natur und Person und nur ein Hervorgehen nach außen (processiones ad extra) anerkennend, überhaupt des Sinnes für die christliche…
Buch mit Kruzifix

Novatian

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Novatian Novatianer (Novatiani oder Novatianenses), Sekte aus der Mitte des 3. Jahrhunderts, empfing Namen und Ursprung von Novatian (der von Eusebius und den späteren Lateinern überlieferte Namen „Novatus“ ist falsch). Trotz seiner klinischen Taufe (Eusebius, HE VI 43) gewann Novatian dank seiner philosophischen Durchbildung (Kenntnis besonders der Stoiker: Cyprian,…
Buch mit Kruzifix

Nikolaiten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Nikolaiten Nikolaiten heißen 1. im Neuen Testament Sektierer, welcher schon zu apostolischer Zeit Unheil in der Kirche anrichteten. Daß dieses Uneil sehr groß gewesen, kann aus Offenbarung 2, 6 geschlossen werden. Deutlicher wird die Art desselben Apok. 2, 15 dahin angegeben, daß die Nikolaiten in die Fußstapfen Balaams eintraten,…
Buch mit Kruzifix

Marcion

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Marcion Marcion, neben den Gnostikern der gefährlichste Irrlehrer des 2. Jahrhunderts, * in Sinope (Pontus), reicher Schiffsherr, von seinem Vater, der Bischof war, aus der Heimatkirche „wegen Verführung einer Jungfrau“ ausgeschlossen, kam um 140 nach Rom, wo er 144 exkommuniziert wurde, † um 160. Marcion konstruierte einen absoluten Gegensatz…
Buch mit Kruzifix

Geheimbünde

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Geheimbünde Geheimbünde sind Vereinigungen, die ihre Existenz selbst oder ihre Verfassung, Lehren, Gebräuche und Ziele geheim halten. Die Eingeweihten, meist erst nach einer Prüfung und oft unter kultischen Reinigungen aufgenommen, sind streng zum Schweigen verpflichtet. Bei den Naturvölkern dienen sie dem religiösen Kultus, vielfach auch der Erreichung wirtschaftlicher, sozialer…
Menü