Böhmische Brüder

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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Böhmische Brüder

Böhmische Brüder (Brüderunität, Jednota bratrská, unitas fratrum), christliche Gemeinschaft, durch Abspaltung von den husitischen Utraquisten begründet, auch Mährische Brüder genannt, da sie nach 1575 ihren Hauptsitz in Mähren hatten.

1) Geschichte. In Nacheiferung der Kirchen-Verfassung und Kirchen-Zucht der apostolischen Zeiten schlossen sich um 1457 zu Kunwald bei Senftenberg (Ost-Böhmen) fromme Utraquisten unter einem Neffen Rokycanas, dem Bruder Gregor, zusammen. Getreu den Lehren des Peter Chelčicý verwarfen sie öffentliche Zwangsgewalt, Kriegsdienst, Eid und legten das Hauptgewicht auf christlichen Zucht und Nächstenliebe. Schon 1467 trennten sie sich auch äußerlich von den Utraquisten durch Auslosung von 3 Priestern, die vom Waldenser-Bischof Stephan geweiht wurden. Nach Überwindung der strengeren Richtung Gregors (Amositen genannt nach einem ihrer Führer, Amos v. Wodnian), die von weltlichen öffentlichen Ämtern nichts wissen wollte, organisierte Lukas v. Prag die Böhmischen Brüder als Kirche. Die „Brüder-Gemeinschaft“ verbreitete sich sehr rasch, bildete ohne öffentliche Anerkennung um 1500 schon 400 Gemeinden mit 100000 Brüdern; Hauptsitz war Jungbunzlau. Sie wurden seitens der Utraquisten als Sekte verfolgt und mußten ihre Versammlungen im geheimen abhalten. Besonders unter Wladislaw II. nach 1508 und unter Ferdinand I. Nach 1547 wurden sie als Pikarden heftig verfolgt, so daß manche Gemeinden nach Polen und Preußen auswanderten. Zumeist aber wurden sie von ihren vielen Anhängern unter den adeligen Grundherren in Schutz genommen. Die versuchte Annäherung an Luther, schwierig ob ihres Festhaltens an den 7 Sakramenten, dem Priester-Zölibat und an strengerer Kirchenzucht, gelang erst 1542 nach Lukas Tod. Man huldigte protestantischer Bekenntnissen, so in Polen 1570 im Vergleich von Sandomir, in Böhmen 1575 der Confessio Bohemica (Bekenntnis-Schriften III Bd. 18), infolge dessen ihnen der Majestätsbrief Rudolfs II (1609) wie den Protestanten Religions-Freiheit gewährte, die Universität Prag auslieferte und ganz Böhmen preisgab. Aber nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) traf auch sie die Landesverweisung, unter ihnen den berühmten Brüder-Bischof Amos Comenius (1627). Die Brüdergemeinde der Herrnhuter stellt eine Erneuerung der Böhmischen Brüder dar. Nach dem politischen Umsturz 1918 nahmen die seit 1870 neu begründeten 9 Gemeinden wieder den Namen (Brüderunität“ an. Außerdem gibt es ein „Tschecho-Brüderische Unität“ (amerikanische Kongregationalisten).

2) Verfassung. Die oberste Gewalt lag bei der jährlichen Synode der Diener der Unität (Geistliche und Laien); die Leitung führte der „Enge Rat“ von 10 lebenslänglichen Mitgliedern. Seit 1500 wurde die Einteilung nach Bistümern getroffen, je 2 in Böhmen und Mähren. An der Spitze der Gemeinde stand der ehelose Priester, der mit Diakon und Akolythen (Priesteramts-Zöglingen) im Bruderhaus wohnte und von einem Gewerbe oder vom Ackerbau lebte. Die Böhmischen Brüder legten weniger Wert auf das teilweise wechselnde Bekenntnis als auf Gottesdienst (ältestes Gesangbuch 1501), Lebensführung und Organisation. Ihre religiösen Schriften, weniger wissenschaftlich als volkstümlich und erbaulich, bildeten den größten Teil der tschechischen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts. Ihre Schulen waren gerühmt. Jan Blahoslav, einer ihrer hervorragendsten Schriftsteller, gab mit seiner Übersetzung des Neue Testamentes (1564) den Anstoß zu einer vollständigen tschechischen Bibelübersetzung der Brüderunität. Ihre Katechismen und Gesangbücher fanden in Deutschland zu Beginn der Glaubens-Spaltung willkommene Aufnahme. Nach dem Zusammenschluß mit den protestantischen Kirchen (1609) wurde die Brüderunität von einem Administrator mit 11 Räten und 24 Defensoren geleitet (Dekret der Synode v. 1616).

3) Lehre. Das wahre Christentum der Hl. Schrift, die einzige Autorität ist, aber nicht der freien Forschung, sondern der Entscheidung der Gemeinde in Glaubenssachen überantwortet ist, suchen die ersten Böhmischen Brüder in der Nachfolge Christi in einem Leben der Armut und Erfüllung der Gebote der Bergpredigt zu verwirklichen. Das Ideal gilt nicht einzelnen Auserwählten, sondern jedem einzelnen der ganzen Gemeinde, deren Kirchenzucht die Sünde fern halten will. Alleiniger Mittler bei Gott ist Jesus Christus; Heiligenverehrung ist verwerflich. Die Wirksamkeit der Sakramente hängt ab von der Würdigkeit des Spenders; Sakramente, ohne wirklichen Glauben empfangen, sind nicht „dienlich“; daher wird die Taufe wiederholt. Die alten Ideale und Lehren der heroischen Zeit wurden nach heftigen innern Kämpfen 1491 auf der Synode von Rychnov aufgegeben, die Schriften von Chelčicý und Gregor verurteilt, ein Glaubens-Bekenntnis aber nicht aufgestellt, sondern eine gewisse Freiheit der Meinungen betreffs der Gnade und der guten Werke gestattet. Eine 1511 Erasmus vorgelegte Apologie verwarf die Transsubstantiation und wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie; Luther veröffentlichte sie 1533 mit eigener Vorrede. Bei der Verständigung mit Luther nahmen die Böhmischen Brüder 1542 die Rechtfertigung durch den Glauben allein sowie die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie an; in der Bußlehre waren sie weniger nachgiebig. Öffentliche Sünden mußten öffentlich bekannt und von der Gemeinde nachgelassen werden; geheime wurden dem Priester bekannt, aber nur nachgelassen nach öffentlichem allgemeinem Schuldbekenntnis vor der Gemeinde. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. II, 1931, S. 425 – S. 426

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